Advents-Special | Hells Bells

Die Adventszeit birgt manche Gefahren, das dürfte wohl für niemanden eine Neuigkeit sein. Vielleicht treffen sich die Konfliktherde im November zur Paarung, immerhin würde das erklären, weshalb sie sich im Dezember plötzlich vermehren wie räudige Karnickel. Oder, viel wahrscheinlicher, die Konfliktdichte verhält sich proportional zur Nähe, die man zur Familie hat. Kevins Beziehung zur Zeit der Teelichter, Zimttees, Mandarinen, Erdnüsse, Wollsocken und drakonischer Durchsetzung urkatholisch-irischer Traditionen war, wie man so schön sagt, kompliziert.

Als Sohn seines Vaters, welcher wiederum Sohn seines Vaters war, dessen Vater sich aus dem Pöbel erhoben und zum Pastor gemausert hatte, begegnete Kevin der unumstößlichen Erwartung, in die Familienfußstapfen zu treten und seinerseits Gemeindepastor zu werden. Diese Tatsache begleitete ihn bereits auf dem Schulweg, später trieb er ihn ins katholische Institut, ja gar an die neu errichtete Universität in der Stadt, an der er sich, als der brave Zögling, der er war, mit der theologischen Theorie abmühte. Die Anstrengungen zahlten sich aus: Der Sohn des Pastors folgte den vorgegossenen Plänen und machte Vater wie Großvater, besonders aber die Mutter mit seiner Anstellung im Dienst Gottes im übernächsten Dorf außerordentlich glücklich. Zumindest für drei Wochen, denn nach zweiundzwanzig Tagen ergab es sich, dass Kevins Geduld mit dem Klerus riss, er packte seine wenigen Habseligkeiten und verließ den vorgeschriebenen Pfad, um endlich sein eigenes Leben zu erobern. Er wollte keine Schäfchen hüten, er wollte Löwen bändigen, also wurde er Polizist.
Dass der einst vom Urgroßvater eingeschlagene Weg dem jüngsten in der Reihe nicht zusagen könnte, zeigte sich erstmals am sechsten Juni Neunzehnhundertsiebenundneunzig. Zu seinem vierzehnten Namenstag wünschte sich Kevin einen Discman und nach längerem Betteln seines Sohnes sowie gutem Zureden der Frau, bewilligte der Hauspatron die Anschaffung dieses neumodischen Zeugs. Ganze vierzig Dollar mussten ausgegeben werden, Geld, das in der alten Heimat eine Familie für mehr als einen Monat ernährt hätte. Der Vater sprach oft von der grünen Insel, gerne auch von Hungersnot, abenteuerlichen Reisen, Versklavung und unwürdiger Behandlung, obschon er selbst gut behütet im Vorstadtparadies aufgewachsen war. Nun, sei es wie es gewesen ist, die vierzig Dollar wanderten in die Tasche des O’Malley Jungen, dafür erhielt Kevin ein gebrauchtes Gerät, welches er fortan stets bei sich trug. Drei Tage darauf sollte der aspirierende Musikfreund zwei Lebenslektionen lernen. Nummer eins: Die wöchentliche Zimmerreinigung, auf die seine Mutter vehement bestand, diente nicht alleine der Säuberung seines übelriechenden Teenagerkabuffs, sondern ebenso der mütterlichen Neugier. Nummer zwei: Eine teuflisch gestaltete CD-Hülle mit dem Titel „Highway to Hell“ konnte in einem streng katholischen Haushalt durchaus als Fremdkörper bezeichnet werden.

Zurück zu den Feiertagen, die Kevin üblicherweise zwischen langfädigen Messen und, wie jetzt, der durchhängenden Couch seiner Großmutter verbrachte. Der pensionierte Prediger schnarchte auf seinem Ohrensessel und während sich die tiefstehende Wintersonne auf seiner Glatze spiegelte, hielt der Vater, auf der Couch Zeitung lesend, mit einem Toupet an der Illusion voller Haarpracht fest. Mit vierunddreißig wurden Kevins Haare auch knapper, spärlich könnte man behaupten und er bemühte sich das Unvermeidliche mit Wässerchen und Tinkturen etwas hinauszuzögern.
„Son“, flötete seine Mutter, als sie mit einer großen Rührschüssel unter dem Arm, eng gebundener Blümchenschürze und der Mutter ihres Mannes im Schlepptau in die Stube kam. „Ye won’t believe it”, sagte sie aufgeregt, konnte die Neuigkeit offensichtlich selbst kein bisschen glauben. „Priest Finnley plans on retiring next year, isn’t that interesting, honey?”
Nein, der Ruhestand eines ihm unbekannten Predigers fand Kevin alles andere als interessant, genauso wenig Interesse brachte er für den durchsichtigen Manipulationsversuch auf, trotzdem setze er sein ergebenstes Feiertagsgesicht auf und kooperierte.
„Ye don’t say, Mother, ye don’t say. Is he an older lad then?“ Freilich war es ihm das Alter des Priesters egal, zugegebenermaßen drängten in den letzten Jahren so einige Erlebnisse, an denen es ihm dank seiner Berufung nie mangelte, zu der Einsicht, es seien die alten, selten die jungen Pater, die dem Fortschritt ihrer Gemeinde ein Hindernis waren.
„Oh, boy. No!”, empörte sie sich den Schwingbesen ruhen lassend. Eine irische Rose war sie, wenngleich eine welke, doch auch dem Verdorren nahe, blieb augenscheinlich, welch Schönheit den Vater in ihren Bann gezogen hatte. „Priest Finnley is not a ‚lad’, ye naughty little gobshite“, fluchte sie in ihrer herrlich ungehaltenen Manier und versüßte Kevin die unerträglich aufgesetzte Freundlichkeit der Festtage. Finnley sei mitnichten irgendein ‚Kerl‘, stattdessen ein ehrenhafter Mann Gottes, „He’s an honourable man of god. Just as yer father and grandfather”, wie sein Vater und Großvater, so wie er einer gewesen war. „Just as you have been.“ Kevin war mit dem Schluchzen seiner Mutter bestens vertraut, es störte ihn mittlerweile kaum noch, was vermutlich gefühllos klang für jene, denen die mütterliche Praxis der emotionalen Erpressung nicht geläufig war. Er hingegen kannte sich mit solchen Spielchen bestens aus und behielt daher mühelos seine Fassung.
„Rose“, räusperte sich der vom Heulen aufgeweckte Glatzkopf. In seinen Händen lag der uralte Discman, der Kevin in der Jugend und nun dem Großvater im Ruhestand Gesellschaft leistete. Die antiquierte Technik machte neben ihrem zweiten Besitzer eine exakt gegenteilige Entwicklung durch, in ihr wurde ACDC von orchestralen Hymnen abgelöst, indes ließ Kevin die Hymnen zugunsten härterer Klänge in der Vergangenheit stehen. „Leave the boy alone, will ye?“
Tatsächlich hatte der Großvater einige Worte der Verteidigung zu vermelden, rückte sogar das Kissen auf seinem Schoss zurecht, damit er sich vorbeugen und Kevins Arm tätscheln konnte. „He’s not going to take over Priest Finnleys position, dear”, erläuterte er den simplen Umstand, dass die Stelle des Priesters nimmer von einem Atheisten besetzt würde, „the church isn‘t gonna place a bloody atheist in the priests chair, ye should know that by now.“
Vorhersehbarerweise schwoll das Weinen an, bevor es abebbte, die Mutter ihre dunkel umränderten Augen zusammenkniff und ihren schockierten Frust am Schwiegervater ausließ: „Hells bells and buckets of blood, ye’re insane! Did you hear that Martin? Yer father’s gone insane!“ Der alte Ire sei irre, beteuerte sie und zog ihren Gatten in den Streit, der daraufhin ächzte, die Zeitung ein Stück weiter nach oben hielt und schlussendlich dahinter brummte, seine Liebste solle ihn aus der Sache raushalten: „I love you Rose but leave me out of it.“
Wild mit dem Schwingbesen gestikulierend, verteufelte sie die drei, spritzte Rührteig durchs Wohnzimmer und stampfte in die Küche, wo Kevins taube Großmutter sie mit einem seligen Lächeln begrüsste.
Die Herren, zwei davon widmeten ihre Sonntage Gott, einer feierte die frühen Sonntagsstunden oftmals in Konzertsälen, schwiegen eine Weile, bis der Vater irgendwann grunzte, die Zeitung weglegte und zum Wandschrank marschierte. Sorgfältig stellte er drei Whiskeygläser auf das danebenstehende Sideboard und goss einen bernsteinfarbenen Tropfen hinein, den er den anderen beiden mit einem schlichten Toast offerierte: „Slánte.“
Kevin nickte, die Pastoren taten es ihm gleich und in dem Moment, als der Vater seinen Kopf in den Nacken legte, um den edlen Weihnachtswhiskey zu trinken, nutzte der Großvater die Gelegenheit, seinem Enkel ein gar einzigartiges Geschenk zu machen: Flink drückten die runzligen Finger eine der abgegriffenen Tasten des Discmans, die Klappe sprang auf und zum Vorschein kam eine schwarze CD mit dem berühmten ACDC-Logo und der Aufschrift „Back in Black“.
„Hells Bells“, flüsterte er breit grinsend und klopfte auf Kevins Unterarm. Dieser starrte zuerst entsetzt auf die CD, danach gleichermaßen fassungslos ins Gesicht des Mannes, der seinen Schäfchen Jahrzehnte vom Himmel und der Hölle berichtet hatte.
„Yer Gramps is right“, fügte der Vater zum Erstaunen beider, Kevin sowie Großvater, an, leerte seinen Drink, donnerte den dicken Glasboden auf den Couchtisch und meinte: „Sometimes we’re all a rolling thunder, a pouring rain. Even yer mother.“

Ja, die Adventszeit barg manche Gefahren, das war für Kevin bestimmt keine Neuigkeit. Aber Konfliktherde hin oder her, seine Beziehung zur Zeit der Teelichter, Zimttees, Mandarinen, Erdnüsse, Wollsocken und Traditionen war durch die Kameradschaft seines Vaters und Großvaters gerade eben ein klein wenig unkomplizierter geworden. Denn ganz gleichgültig wie viele unausgesprochene und ausgesprochene Konflikte in einer Familie brodeln, wichtig ist bloß, gemeinsame Nahtstellen zu finden. In dem Sinne: „For Those About to Rock – We Salute You!“

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: Hells Bells
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