Tu dies, tu das

RahelAutorin: Rahel
Setting: Berlin Schönefeld
Clues: Android, Pastrami, Lichterkette, Tageszeitung, Ringhefter

Die Frau am Check-In-Schalter war mindestens zehn Jahre jünger als sie und hatte ihren Pony mit mehreren feinen Haarklemmen nach hinten gesteckt. Sie lächelte ein mechanisches Lächeln, als sie Marianne den Pass, Gepäckschein und das Ticket zurückgab und ihr erklärte, wie sie am schnellsten zum Gate kommen würde. Marianne steckte die Papiere ein und bedankte sich, ehe sie den Riemen ihrer Handtasche über ihre Schulter warf und sich eilig auf den Weg machte. Sie wusste, dass Klaus nicht kommen würde, denn er glaubte, dass sie erst morgen früh abreisen würde, dennoch fühlte sie sich nicht wohl. Erst wenn sie den Sicherheitscheck hinter sich haben würde, konnte sie sicher sein, dass er nicht doch noch plötzlich auftauchen und sie umstimmen würde. Sie wollte es sich nicht eingestehen, erst recht nicht heute, doch alles Verneinen nutzte nichts. Ihr war klar, dass ein Anruf von Klaus ausreichen würde, damit sie direkt vom Gate ins nächste Taxi zurück in die Stadt springen würde.
Es war so früh am Morgen, dass man eigentlich noch von Nacht hätte sprechen können und nur wenige Reisende hielten sich in der weitläufigen Flughafenhalle auf. Marianne mochte die Stille eigentlich, doch jetzt kam sie ihr irgendwie gespenstisch vor, vermutlich weil sie noch nie zu dieser Uhrzeit an einem Flughafen gewesen war. Die gedämpfte Beleuchtung, das monotone Surren der Belüftungsanlage und das rücksichtsvoll verhaltene Murmeln der wenigen Anwesenden liessen ihre Nackenhaare zu Berge stehen. Selbst die lieblos zusammengestellte Dekoration im Eingangsbereich, die aus einigen Blumengestecken und einer alten Lichterkette bestand, konnte den tristen Eindruck nicht verbessern.
Sie sah schon die Metalldetektoren am Ende des Durchgangs, als ein älterer Herr sich vor sie stellte und wissen wollte: „Haben Sie heute schon gebetet?“ Marianne blinzelte irritiert. „Was?“
„Wenn Sie heute fliegen wollen, junges Fräulein“, holte der Alte aus, „dann sollten Sie für eine sichere Reise beten.“ Er grinste sie wohlmeinend an und präsentierte ihr damit seine schneeweisse Zahnprothese. Marianne hatte keinen Nerv für so etwas, aus Prinzip nicht und erst recht nicht heute, also schob sie die knochige Hand des Mannes beiseite, welche er gleichmütig auf ihren Unterarm gelegt hatte. „Anstelle davon, Selbstgespräche zu führen, habe ich mir eine Airline mit guten Flugschulungsstandards ausgesucht.“ Ihr Gegenüber sah sie erst verwundert und dann enttäuscht an, doch Marianne konnte es nicht lange leidtun, dass sie so harsch reagiert hatte. Der Mann wich zwei Schritte zurück, rümpfte die Nase und meinte spöttisch: „Dann stirb doch, du gottlose Schlampe!“ Sie legte den Kopf schief und überlegte kurz, ob sie darauf etwas entgegnen sollte, obwohl das ohnehin sinnlos gewesen wäre. Schlussendlich seufzte sie, nickte dem Unbekannten Möchtegernprediger zu und ging weiter.
Der Sicherheitscheck hatte wie erwartet nicht lange gedauert. Mariannes Outfit war gut durchdacht und sollte nicht nur für den langen Flug, sondern auch für die Kontrollen bequem sein. Sie trug schwarze Lederballerinas, die sie schnell aus- und wieder anziehen konnte, eine Stoffhose mit Gummibund und einen weiten Strickpullover, der gerade noch unter ihren Mantel passte. Wahrscheinlich wäre es eine gute Idee gewesen, wenn sie vor der Gepäckaufgabe ihren Kaschmirschal aus dem Koffer gefischt hätte, fiel ihr ein, denn in Flugzeugen war es doch immer so kalt. Wiederholt verglich sie die Gate-Nummer auf ihrem Ticket mit der auf dem Schild, das vor dem Wartesaal aufgehängt war, bis sie sich endlich auf einen der Plastikstühle fallen liess. Bis auf sie war nur ein Pärchen da, ihrem Alter und doch sehr alternativen Aussehen her zu schliessen, waren es Rucksacktouristen, welche die Welt sehen wollten, bevor sie im trüben Alltagsgrau untergingen. Die beiden hatten sie noch nicht gesehen und zuckten zusammen, als Marianne den schmalen Ringhefter fallen liess, in den sie ihr Ticket wieder einordnen wollte. „Oh, Hallo“, sagten sie beinahe unisono und kicherten deshalb sofort. Marianne erwiderte die Freundlichkeit und starrte danach betont interessiert auf ihr Handy. Sie hatte keine Lust auf Wartesaalgeplänkel und hoffte, dass die zwei Verliebten den Wink verstehen würden.
„Sie sind also auch ein Android“, stellte der langhaarige Mann amüsiert fest. Etwas aus dem Konzept gebracht, blickte Marianne auf, sah zuerst zu den beiden Touristen und dann auf den kleinen Bildschirm, auf dem tatsächlich ein grüner Android-Roboter zu sehen war. Sie hatte ihr Handy während der Zugfahrt zum Flughafen Berlin Schönefeld auf die Standardeinstellungen zurückgesetzt, alle Nachrichten und Nummern gelöscht und ihre SIM-Karte vor dem Eingang in den Müll geworfen. Selbstverständlich hatte sie das sofort bereut, doch hätte sie es nicht getan, wäre die Versuchung einfach zu gross gewesen.
„Wegen dem technischen Sklaventreiber, meine ich“, erläuterte der Typ, der ihr immer mehr wie ein Kind vorkam. Marianne steckte das Gerät in das Aussenfach ihrer Tasche und gab ein bestätigendes, aber eindeutig nicht gesprächsbereites Murmeln von sich. „Wissen Sie“, fuhr er unbeirrt fort, löste sich von seiner Freundin und schlenderte durch die Sitzreihen, „Sie sollten das Ding echt wegwerfen. Ist doch voll unnatürlich, sein Leben nach der neusten Technik zu richten.“ Er setzte gegenüber Marianne hin, stützte seine Ellenbogen auf die Knie und beugte sich so weit zu ihr vor, dass sie den Geruch von Pastrami in seinem Atem riechen konnte „Das ist total ungesund für Sie.“ Eine kurze Weile überlegte Marianne, ob sie die Besorgnis in seinem Blick ernstnehmen sollte, doch sie war viel zu müde und aufgewühlt, um die Selbstgerechtigkeit in seinem Tonfall zu ignorieren. „Anstelle davon über anderer Leute Gesundheit zu spekulieren, benutze ich lieber den Schlafphasenwecker auf meinem Handy, um die Nebenwirkungen eines langen Flugs zu verminderen.“ Seine Freundin konnte sich das Lachen nur knapp verkneifen und prustete stattdessen verklemmt, bis sie sich verschluckte. „Ey, ich wollte ja nur helfen“, gab der Junge beleidigt zur Antwort, ehe er endlich aufstand und wieder in den hinteren Teil des Wartesaals ging. So wie er fluchte, hatte er vermutlich seit seinem Abitur keine Widerworte mehr zu hören gekriegt, dachte sich Marianne und kratzte sich am Nacken.
Nach und nach trudelten andere Fluggäste in den Wartebereich. Einige sahen so aus, als wären sie gerade erst aus dem Bett gefallen, was wohl auch so war, andere hingegen schienen sich richtig auf den langen Flug zu freuen und hatten sich hübsch zurechtgemacht. Marianne mochte Flugreisen nicht sonderlich und glaubte, dass es wohl jedem halbwegs vernünftigen Menschen genauso ging. Die Rumrennerei und Wartezeit am Flughafen war mühselig, der Platz in der Maschine spärlich und die Luft genauso schrecklich wie die Geräuschkulisse. Trotzdem gab es etwas, das ihr am Fliegen immer gefallen hatte, nämlich die Tatsache, dass die unterschiedlichsten Leute in ein- und demselben Flugzeug beieinander sassen. Zwar gab es einige, die dachten, sich durch einen Vorhang von den anderen abgrenzen zu können, aber schlussendlich wurden sie alle gemeinsam von der Transportindustrie abgefertigt, genauso wie die Gepäckstücke.
„Guten Morgen“, sagte eine adrett gekleidete Frau, die sich auf den Platz neben Marianne setzte und danach etwas übertrieben ächzte: „Die Sicherheitsmassnahmen werden aber auch immer komplizierter.“ Marianne rückte auf dem Stuhl ein wenig zur Seite, um ihre Sitznachbarin besser ansehen zu können. Eigentlich fühlte sie sich von ihr gestört, aber sie machte einen netten Eindruck und Small Talk mit einer Fremden wurde für Marianne immer mehr zu einer willkommenen Abwechslung von dem nagenden Zweifel und den Gedanken an Klaus. „Naja, was will man machen?“, erwiderte sie schulterzuckend. Die hellen Augen der Dame blitzten kurz auf, was Marianne als positive Reaktion interpretierte. Vielleicht war sie ja auch froh darum, sich für eine Weile von ihren Sorgen ablenken zu können. „Da haben Sie wohl Recht. Und wenn man das hier ansieht…“, meinte sie und deutete dabei mit einem vielsagenden Blick auf die Tageszeitung von gestern. „Ist schon schlimm, was in der Welt so passiert, da kann man ja fast froh sein, wenn man seine Shampoos in kleine Fläschchen umfüllen muss.“ Sie lachte heiser und richtete ihre Brille. „Deswegen halte ich mich von den Nachrichten fern“, begann Marianne, nun davon überzeugt, dass ihr ein ungezwungenes Gespräch jetzt guttun würde. „Immer nur Tod, Terror und Tierbilder.“ Sie hatte damit gerechnet, dass die Fremde schmunzeln würde, doch sie sah sie nur entrüstet an und begann damit, sie zu belehren. „Aber Sie können doch nicht einfach das aktuelle Tagesgeschehen ausblenden. Es ist wichtig, dass man weiss, was in der Welt vor sich geht!“ Der Frau war es todernst, das konnte Marianne deutlich an ihren aufgeblähten Nasenflügeln erkennen, doch diese Mal nahm sie sich keine Zeit, sich zu überlegen, ob sie Verständnis für die Empörung eines Fremden aufbringen wollte und erklärte gleich: „Anstelle davon, mir einzureden ich wäre ein Gutmensch, weil ich mit den Nachrichtenbildern mitleide, versuche ich lieber einfach eine anständige Person zu sein.“
Die Frau hatte nicht mehr mit ihr gesprochen und eine Schnute gezogen, die jeden Teenager vor Neid hätte grün werden lassen. Marianne war das aber egal und als endlich die Durchsage zum Boarding kam, hielt sie zuversichtlich ihr Einfachticket an die Brust und hatte keinen Zweifel mehr daran, dass sie sich richtig entschieden hatte. Sie wollte keinen Tag länger hier bleiben und keine weitere Sekunde an Klaus verschwenden, der ihr seit Jahren nur noch Vorschriften machte, was sie zu tun und zu lassen hatte.

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