Fear and Love in Los Santos

RahelAutorin: Rahel
Setting: Los Santos (aus Grand Theft Auto)
Clues: Patzer, Mittelmässigkeit, Kotzbrocken, Phänomenologie, Membran
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Er hatte sie schon von weitem gesehen und eigentlich hatte er sie überfallen wollen, so wie er das immer tat, doch als er näher kam blieb er verdutzt stehen. Sie stand alleine bei den Docks, direkt unter dem La Puerta Freeway und tippte gelassen auf ihrem Smartphone herum, währendem der mässige Verkehr vor ihr auf der Nebenstrasse vorbeirauschte, so als würde sie nicht existieren. Misstrauisch stieg er aus seinem schwarzen Entity XF aus, ging dahinter in Deckung und kramte zur Sicherheit eine Handfeuerwaffe aus seinem unsichtbaren Rucksack, dessen scheinbar bodenloses Fassungsvermögen ihn immer wieder erstaunte. Offenbar war die Fremde in den digitalen Welten des Internets gefangen, denn sie hatte ihn noch immer nicht entdeckt und so hatte er etwas Zeit, sie zu bewundern. Sie trug praktische und dennoch elegante Kleidung und einige wellige Strähnen ihres rotblonden, halblangen Haars fielen ihr ins Gesicht, als sie gespannt auf den kleinen Bildschirm starrte. Sie war das Schönste, was er in dieser vermaledeiten Stadt jemals gesehen hatte.

Nach einer Weile tauschte sie ihr Telefon mit einer schweren Waffe aus, an der er einen Schalldämpfer und ein Zielfernrohr erkennen konnte. Sofort ging er in Deckung, doch anstelle davon, sofort auf sie zu feuern, wartete er gespannt ab, was sie wohl tun würde. Normalerweise würde sie entweder das Feuer eröffnen oder aber in irgendeinen Wagen einsteigen und wegfahren, doch anstelle dessen kam sie langsam auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen, ohne auch nur vorsichtshalber ihre Waffe auf ihn zu richten. Verwirrt und aufgeregt überlegte er einige Sekunden, was er tun sollte und kletterte dann schlussendlich hoffnungsvoll auf den Fahrersitz seines Sportwagens. Sie lächelte stoisch und entfernte sich von der Fahrertür, doch gerade als er dachte, die kurze Begegnung wäre zu Ende und er würde sich wieder mit der Mittelmässigkeit seines Lebens als Gauner abfinden müssen, stieg sie mit einer frechen Selbstverständlichkeit in sein Auto. Sein Herz setze einen Schlag aus, sie sass nun tatsächlich direkt neben ihm und blickte stumm auf die Strasse vor ihnen. Wie paralysiert war er nicht fähig sich zu bewegen und währendem er fieberhaft überlegte, wohin er fahren sollte, ja, ob er überhaupt losfahren sollte, streckte sie ihre zierliche Hand aus und tippte etwas in sein Navigationsgerät.

Sie waren ohne miteinander zu sprechen zu einem Spirituosenhändler gefahren und obwohl sie wahrscheinlich nicht wiederkommen würde, hatte er vor dem Ladeneingang auf sie gewartet. Nun rasten sie im Höchsttempo durch Little Seoul, während die Polizei hinter ihnen herjagte und die Sirenen heulten und plötzlich reichte sie ihm etwas Geld, wahrscheinlich die Hälfte ihrer Ausbeute vom Überfall. Wieder langte sie zum Navi und ohne weiter darüber nachzudenken, folgte er der violetten Linie auf der Landkarte, solange, bis sie Downtown und die Polizei hinter sich gelassen hatten und sich durch die schmalen, kurvigen Strassen der Rockford Hills schlängelten. Etwas enttäuscht stellte er fest, dass sie wohl zu einem Yogastudio wollte, doch seine Neugier trieb ihn dazu, dennoch auszusteigen und hinter ihr herzulaufen.

Mit einem gewaltigen Grinsen trabte er über die hübsch gestaltete Terrasse und wäre vor lauter Lachen beinahe in den Pool gefallen, nachdem sie Fabien, diesem Kotzbrocken von Yogalehrer, ins Gesicht geschossen hatte und ein erfreutes Jauchzen entwich ihm, als sie wieder in seinen Wagen stieg und dort auf ihn wartete. Nun selbst auf dem Beifahrersitz musste er sich überlegen, wohin die Reise gehen sollte, also tippte er nach kurzem Überlegen die Koordinaten von Sandy Shores ein, wo eine weitere lustige Aktivität auf sie warten würde. Er war erstaunt, wie gut sie mit seinem Flitzer zurechtkam und wie wenig Patzer ihr beim Fahren passierten, doch als sie mit Vollgas über die sandigen Dünen bretterte und schliesslich gegen eine kleine Felsformation fuhr, machte er sich eine mentale Notiz, sich das nächste Mal wieder selbst hinters Steuer zu setzen.

Sie hatte Hinterwäldler um Hinterwäldler mit einer Leichtigkeit umgenietet, die er noch selten hatte beobachten können und selbst als drei Hubschrauber es auf sie abgesehen gehabt hatten, hatte sie souverän und ruhig reagiert und die Vögel allesamt mit einem gezielten Schuss aus dem Raketenwerfer vom blassgrauen Himmel geholt. Das Ganze hatte ihm solchen Spass gemacht, dass er es am liebsten gleich wiederholt hätte, doch sie schien seinen Enthusiasmus nicht zu teilen und verschwand irgendwo in der Grand Senora Desert. Aufgebracht suchte er die nähere Umgebung nach ihr ab, jedoch konnte er  leider keine Spur von ihr erkennen, doch gerade als er niedergeschlagen aufgeben und nach Hause gehen wollte, bewegte sich etwas auf ihn zu. Eine hellblaue Cuban 800 landete gekonnt neben ihm auf dem hügeligen Sand und nachdem er sich sicher war, dass sie es war, die den Steuerknüppel in ihren schmalen Händen hielt, kletterte er, zu seiner Schande etwas umständlich, hinein.

Der Mount Josiah und die ruhigen Wasser des Zancudo River glühten im Abendrot, als sie die leichte Maschine etwas holprig auf dem grosszügigen Rollfeld der Militärbasis landete. Sie sprangen gleichzeitig von den Flügeln und während sie in Windeseile zu einem Hangar rannte, gab er ihr so gut er konnte Feuerschutz und verteidigte sie mit seinem Leben vor den unzähligen Soldaten, die wie Ameisen aus ihren Baracken strömten. Irgendwann, just in dem Moment als er dachte, er würde es nicht mehr schaffen, bog sie in einem gepanzerten Jeep um die Ecke, erledigte lapidar drei Männer, die wie wild auf ihn schossen und liess ihn einsteigen. In einer etwas abgelegenen Halle, hatte sie einen Militärhubschrauber gefunden, welcher sie beide in Sicherheit brachte, nachdem sie die Munitionskisten geplündert hatten. Wieder bewunderte er die imposante Landschaft aus der Vogelperspektive, das sanfte weisse Glitzern des Vollmondes auf dem Wasser und das zufriedene Lächeln auf ihren Lippen. Er war sicher kein Professor der Phänomenologie, doch nach alledem was er beobachtet hatte, erkannte er diese stumme Frau als einzigartig.

Es hatte drei Tage gedauert, drei Tage in denen er mit seiner neuen Gefährtin Los Santos erkundet und terrorisiert hatte und während denen er sich wie Clyde gefühlt hatte, dem an der Seite seiner Bonny kein Risiko zu gross, keine Tat zu brutal war, bis er endlich nach dem Headset griff, das seit Wochen unbenutzt neben ihm auf dem Pult lag. Er konnte das Knacken der Membran seines alten Lautsprechers hören, das seine Stimme blechern klingen liess, als er sagte: „Hi, ich wollte dir nur sagen, dass…“ Sie fuhr unberührt weiter, vorbei am Vinewood-Schild und am Galileo Observatorium, währendem er immer aufgeregter wurde und beinahe panisch nachdachte, was er denn eigentlich sagen wollte. „Ich“, fuhr er nach einer viel zu langen Pause, von der er hoffte, sie würde sie für einen Verbindungsfehler halten, fort, „wollte nur sagen, dass es wirklich Spass macht mit dir.“ Kaum hatte er die Worte stammelnd gesagt, griff er sich genervt an die Nasenwurzel und war sicher, dass er sich wie ein Vollidiot angehört haben musste. Sie blieb abrupt stehen, wendete ihren blütenweissen Buffalo auf der Stelle und raste sogleich im Gegenverkehr zurück zum Observatorium.

Die Stadt war atemberaubend schön, währendem die beiden Spieler nebeneinander auf der Aussichtsplattform standen und nun in schweigsamer Zweisamkeit auf den Sonnenaufgang warteten. Er hatte ihr keine Fragen gestellt, sondern nur ein wenig von sich erzählt, nachdem er ihr etliche Komplimente zu ihrem Spielkönnen gemacht hatte und sich unzählige Male dafür bedankt hatte, dass sie so unverhofft in seinen Wagen gestiegen war und die letzten realen Stunden mit ihm verbracht hatte. Irgendwann, kurz bevor die orange Scheibe die Sterne vertreiben würde, rauschte etwas in der Leitung und er begriff, dass sie gleich mit ihm sprechen würde. Nervös begann er an seinen Fingernägeln zu kauen und versuchte den leisen Zweifel darüber, ob sie wirklich diejenige war, die er sich erhofft hatte, zu verdrängen, währendem er aufgeregt auf ihre Stimme wartete. „Hi“, flüsterte sie schliesslich und als er die zaghafte Frauenstimme durch seine kaputten Lautsprecher scheppern hörte, war er sich sicher, er hatte seine Bonny gefunden. „Viva Los Santos“, summte sie erfreut, als die ersten Strahlen auf sie fielen.

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