Die Vergessenen

„Wir sind verloren“, seufzte er leise. Erst letzten Freitag war Pritt in diesem tristen Loch der Schande gelandet und hatte bereits alle Hoffnung fahren lassen. Sicherlich, es gab Geschichten. Einige seien diesem unsäglichen Ort entkommen, aber wahrscheinlich ging ihr Weg direkt ins Endlager und von dort kam niemand zurück. Madame Lind gähnte unberührt von Pritts düsterer Stimmung. Die Gute hatte sich längst mit ihrem Schicksal abgefunden, sie war ergraut und erinnerte sich kaum an ihre Leben außerhalb dieser Vorhölle.
„Pritt, geht es dir besser?“ Frau Schneider machte ein klickendes Geräusch, als er ihre Frage ignorierte. „Pritt. Pritt, willst du noch lange Trübsal blasen?“
„Trübsal“, spie er aus und drehte sich von der Möchtegernautorin weg. Der Begriff war eine schamlose Untertreibung, eine Beleidigung! Sie behandelte ihn wie einen Teenager, der theatralisch gegen das Bettgestell gelehnt zu gefühlsduseliger Metalmusik heulte, weil er sich im Sportunterricht blamiert hatte. Nein, Pritt litt unter existenziellen Änsten, sah seinem quälend langsamen Tod entgegen. „Trübsal“, knurrte er erneut verächtlich. „Du verstehst gar nichts!“
„Mensch, Pritt. Jetzt übertreib nicht, so schlimm ist es …“, begann Frau Schneider beschwichtigend, da fuhr er ihr ins Wort: „Ach ja?! Wir wurden in diesen Kerker geworfen und werden ihn nicht mehr verlassen. Sie stecken uns da rein und denken nie wieder uns. Die holen sich einfach Ersatz für uns. Wir sind die Vergessenen!“
„Meine Güte“, ächzte Monsieur Bic aus der hintersten Ecke und erntete dafür Gelächter von Frau Schneider und Madame Lind. Auch Mister Scotch schmunzelte, was Pritts Ego härter traf, als er zugeben würde. Er fühlte sich dem runden Typen verbunden, immerhin hatten sie einst eine ähnliche Aufgabe gehabt.
„Okay, okay“, mischte sich Herr Staedtler ein. Er war lange genug in diesem gesetzlosen Gefängnis, um zu wissen, wie mit Neulingen umzugehen war. Geduld war der Schlüssel. Pritt musste erstmal alles verarbeiten, keinem von ihnen war das über Nacht gelungen, insbesondere da es in der völligen Dunkelheit ihrer Kammer sowieso unmöglich war, die Nächte von den Tagen zu unterscheiden. Es brauchte Zeit, bis man die Situation annehmen konnte. „Es ist nicht unsere Absicht, dich zu ärgern.“
„Sprich für dich, alter Mann“, zischte Frau Schneider latent genervt. „Ich habe überhaupt keine Lust darauf, mir die nächsten Wochen sein Gejammer anzuhören.“ Am liebsten hätte Pritt sie angebrüllt, allerdings wäre das genau, was ein renitenter Teenager täte, also beherrschte er sich und meinte mit kontrolliert freundlicher Stimme: „Keine Sorge, ich bin still.“ Vermutlich war es ohnehin besser so.
Eine Weile war es ruhig. Zwar hatte Herr Staedler einige Male Luft geholt, um etwas zu sagen, es dann doch gelassen, was Frau Schneider freute. Trotz ihrer Gemeinsamkeiten könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein. Er, ein weicher Kerl, der stets offen für Veränderungen war, sie, eine unbestechliche Pragmatikerin, die keine Fehler vergab. Manchmal könnte sie den senilen Alten auf der Stelle in zwei Hälften brechen, dermaßen ging er ihr mit seiner stumpfen Art auf den Geist.
„Bitte entschuldigt meinen Ausbruch vorhin“, brach Pritt schließlich das Schweigen, woraufhin der Rest der Truppe versöhnlich murmelte und Herr Staedler brummte: „Kein Ding, da mussten wir alle mal durch.“
„Danke.“ Pritt nahm sich vor, seine Lage zumindest vorübergehend zu akzeptieren und sich auf das zu konzentrieren, was er am besten konnte. Er war ein Meister darin, die Welt zusammenzuhalten. Das war seine Berufung gewesen, bevor in auf diese wild zusammengewürfelte Müllhalde geworfen worden war, und er wollte sich treu bleiben, der Pritt sein, der verband und flickte. „Wie lange seid ihr schon hier?“
„Das willst du nicht wi…“, versuchte Monsieur Bic das Unvermeidliche zu verhindern, da plapperte Herr Staedler fröhlich los: „Neunzehnvierundachtzig. Da staunst du, was? Ja, lange ist es her, ich war ein junges, kreatives Genie, das kannst du mir glauben. Ich arbeitete nämlich mit einem Klavierstimmer zusammen, reiste sogar Übersee. Und, wenn ich das so sagen darf, ich …“
„Nein! Darfst du nicht.“ Frau Schneiders Bemühen war erfolglos, Staedler erzählte munter weiter: „Ich war ein spitzer Bursche, wenn du weißt, wie ich das meine.“
„Oh mein Gott“, nölte Frau Schneider, indes kicherte Madame Lind beschämt und Mister Scotch rollte sich zur Seite. „Niemand will deine blöden Stories von anno dazumal hören.“
„Also ich mag es, wenn er ins Schwelgen kommt“, wandte Madame Lind ein und hüpfte ein wenig näher.
„Häschen, du bist auch hohl im Kopf“, konterte Monsieur Bic. Derartige Bemerkungen über Madame Lind fielen häufiger und sie passten wie ein gut eingetragener Hausschuh.
„Nicht nur im Kopf“, gab sie zurück und Monsieur Bic grunzte amüsiert: „Siehst du, Pritt, wir haben Spaß hier.“
„Ja, das ist wohl wahr.“ Früher, als er noch seinen hübschen Platz auf der Schreibtischunterlage bewohnte, neben dem Stifthalter in Form eines Fliegenpilzes, hatte er tatsächlich wenig zu Lachen gehabt. Es war stets darum gegangen, gut auszusehen, exakt aufgereiht, neuwertig und einsatzbereit darauf zu warten, dass irgendetwas geklebt werden sollte. „Das ist wohl war“, wiederholte Pritt und fühlte, wie sich sein Innerstes zusammenzog. Bald wäre er so ausgetrocknet wie Frau Schneiders Mine, so spröde wie Mister Scotch und so ausgebrannt wie Monsieur Bic. Und vielleicht war das ganz in Ordnung. Das Leben in der chaotischen Küchenschublade war eindeutig entspannter.

Autorin: Rahel
Setting: Küchenschublade
Clues: Klavierstimmer, Bettgestell, Schreibtischunterlage, Fliegenpilz, Hausschuh
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