Advents-Special | Festtagspolitik

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Es war zu Beginn der Adventszeit, als Lilja auf einem der schwarzen Ledersessel im Hof-Café des Berner Traditionsrestaurants zum Äußeren Stand saß und, die schleichende Kälte ignorierend, einen Eistee trank. Sie trug einen eleganten, dunklen Pullover, der ihre blasse Haut schön kontrastierte, dazu eine eng anliegende, gut sitzende Jeans und praktische Schuhe, so wie sie es von ihrer isländischen Großmutter gelernt hatte, deren Motto war: „Die Kleider einer Elfe, die Schuhe eines Bergsteigers; das macht eine gute Frau aus.“ Lilja sah etwas verloren in die kleine Runde, die sich schon kurz nach ihrem Eintreffen um sie geschart hatte und spielte gedankenverloren mit dem filigranen Goldring, den sie an ihrer Linken trug. Sie hatte im letzten Monat ihren achtunddreißigsten Geburtstag am Tresen einer Hotelbar in Singapur gefeiert und es fiel ihr schwer, sich daran zu gewöhnen, genauso wie es ihr schwer fiel, sich hier im Beisein ihrer Familie zu entspannen. Denn gerade zur Weihnachtszeit, wenn alle darum bemüht waren, sich auf die familiären Werte zu besinnen und man versucht die Zeit nachzuholen, die man das ganze Jahr über nicht mit seinen Lieben verbracht hatte, fühlte sich Lilja einsam, deplatziert und gleichzeitig eingeengt.

„Hast du das von Thore schon gehört?“, fragte ihre Mutter, die sich bis vorhin noch rege mit Liljas jüngerem Bruder unterhalten hatte. „Ähm… Was denn?“ Liljas Gedanken drifteten schon bald ab und sie ignorierte die Neuigkeiten aus dem Leben eines Menschen, den sie außerhalb der Festtage so gut wie nie zu sehen bekam und ihr Blick wanderte durch den nüchtern eingerichteten Hof des ehemaligen Rathauses. Eine wirklich passende Kulisse für das erste Zusammentreffen in diesem Jahr, dachte sie sich und musste schmunzeln. Ihre Sippe mochte zwar keine eigene Verfassungsform haben, doch eigene Regeln gab es wohl in jeder Familie und Lilja wusste nur zu genau, dass man daran kaum rütteln konnte, erst recht nicht, wenn die Frauen der Familie dagegen waren. Es kam ihr vor als wäre es erst gestern gewesen, als Làrus seine jetzige Ehefrau zum ersten Mal mitgebracht hatte und diese sich den kleinen Fauxpas erlaubt hatte, ein Kleid mit Pünktchen anzuziehen. Die gute Ruth hätte an diesem Tag, an Ort und Stelle, den Welthunger beenden können, trotzdem wäre sie argwöhnisch beäugt und heimlich für das Pünktchenkleid verurteilt worden.

Lilja schob ihr leeres Glas zur Seite, erhob sich und entschuldigte sich mit leiser Stimme. Die Sohlen ihrer Winterstiefel , die vom Schnee noch nass waren, quietschten unangenehm auf den Steinfliesen des Hof-Cafés, verstummten aber, als sie auf die Holzdielen trat und die Treppe nach unten lief um die Toiletten aufzusuchen. Kaum hatte sie ihre Familie hinter sich gelassen, fühlte sie eine immense Erleichterung, ihr Gang wurde natürlicher und sie nestelte beinahe automatisch in ihren halblangen Haaren, um wenigstens etwas von dem Haarspray abschütteln zu können, den sie benötigte um ‚ordentlich auszusehen‘, wie ihre Mutter zu sagen pflegte. Als Lilja auf der kalten Klobrille saß, den beißend sauberen Geruch irgendeines Duftspenders einatmete und auf ihr gepunktetes Höschen blickte, musste sie plötzlich laut loslachen und erschrak damit eine ältere Dame, die in der Kabine neben ihr ‚ihre Nase puderte‘. Da war es also, das gepunktete Korpus Delikti, das ihr Schimpf und Schande einbringen würde, sollte ihre werte Mutter es je zu Gesicht bekommen. Getrieben von Schabernack und vorweihnachtlicher Bosheit, griff Lilja herzhaft in den Spickel ihrer Unterhose und rieb sich etwas von der klebrig-feuchten Substanz, welche unscheinbar darauf haftete, hinter die Ohren und auf die Unterseite ihrer zierlichen Handgelenke mit der Absicht, alle Anwesenden später zu fragen, ob sie ihr neues Parfum gut ausgewählt hätte. „Aqua, Sorbitol, Polyethylene, Hydrated Silicia, Hyporoxethylcellulose, Olaflur, Silicia Dimethyl Silylate, Aroma, Titanium Dioxide, Saccharin, Potassium Hydroxide.“ Lilja klopfte sich gedanklich auf die eigene Schulter, als sie die Zutatenliste ihrer Lieblingszahnpaste fehlerfrei rezitiert hatte, wischte ab und stellte sich seufzend ans Waschbecken, um so zu tun, als würde sie sich die Hände waschen.

Lilja blieb einige Sekunden an der Schwelle zwischen Flur und Hof-Café stehen und betrachtete die vertraute und doch unbehagliche Szenerie vor ihr und die feinen Härchen auf ihrem Rücken stellten sich auf, als sie an die kommenden Weihnachtsabende dachte, welche sie mit diesen Menschen, die ihr immer fremder geworden waren, verbringen würde – ein Glück, dass ihr jüngerer Bruder, mit dem sie nicht nur eine Kindheit, sondern auch die tiefe Ablehnung gegen ihre Mutter teilte, auch dabei war. Kaum hatte sie sich wieder auf ihren Ledersessel fallen gelassen, wurde sie erneut getadelt und währendem ihr gesagt wurde, wie an sich anständig hinzusetzen hatte, zählte sie in Gedanken die Zutatenliste ihres Deos auf, vergaß aber das Lanolin. Als sie bemerkte, dass sich die Geräuschkulisse am Tisch verändert hatte, blickte sie neugierig auf und sah wie ihr Onkel Levi ungehalten auf einer Serviette knetete und ihre Mutter mit aufgeblähten Nüstern anstarrte. „Na toll“, dachte sie sich „Die Streitereien beginnen heuer früh.“ und rollte demonstrativ mit den Augen, als sie den Blick ihres Bruders bemerkte, der bis gerade eben noch mit seiner Kaffeetasse gespielt hatte. Da es ihr selbst mit großer Anstrengung nicht gelang, das eigentliche Streitthema zu verstehen und sie heute nicht in der Stimmung war, in die vorweihnachtliche Familienpolitik einzusteigen, saß sie die letzten dreißig Minuten nur noch stumm, ihr neues ‚Parfum‘ vergessend und kerzengerade neben ihrer Mutter und betrachtete die Ereignisse so, als würde sie spätnachts, wenn sie nicht einschlafen konnte, einen Tierfilm sehen; eine Taktik, die immer gut funktioniert hatte und die sie von Làrus gelernt hatte. Als das erste Glas zu Bruch ging und die um Contenance und Eleganz bemühte Familienvorsitzende neben ihr mit ihrem obligatorischen Weihnachtsheulkrampf begann, entschloss sich Lilja dazu, nach ihrem Handy zu greifen, in der Hoffnung dieser Verstoß würde im Getümmel übersehen werden. Vorausschauend hatte sie die App, die sie zum Nachschlagen der Bahnverbindungen nutzte, bereits vor dem Eintreffen ihrer Verwandten geöffnet und kaum hatte sie die nächstbeste Abfahrtszeit gefunden, unterbrach sie die aufgewühlte Diskussion, welche sich erneut (oder immer noch?) um Levis Weigerung an den Weihnachtsfeierlichkeiten teilzunehmen drehte, und räusperte sich lautstark. „Ich…“, Lilja war es unangenehm zu wissen, dass ihr Bruder sich von ihr verraten fühlen würde, wenn sie vorzeitig verschwand, aber alleine die Idee, in kurzer Zeit das Geräusch des Zuges auf blanken Bahnschienen hören zu können, reichte als Anstoß zum Treubruch aus. „Ich sollte mich beeilen, mein Zug fährt schon bald.“

Lilja verließ das alte Rathaus, eingewickelt in einen langen Kaschmirschal und sie fragte sich, ob die Verfassung der Familie Thorirsson ebenfalls irgendwann überarbeitet werden würde, oder ob die Regeln und Grundlagen mit denen sie aufgewachsen war, die sie als Menschen geprägt hatten, für immer würden bestehen bleiben. Viel mehr noch fragte sie sich, wie sehr sie sich selbst durch die Augen ihrer Familie definierte und warum sie, mit achtunddreißig Jahren, noch nicht erwachsen genug war, ihre eigene Lilja-Thorirsson-Verfassung zu postulieren und zu verteidigen.

Autorin: Rahel
Setting: Rathaus
Clues: Bahnschiene, App, Hotelbar, Schnee, Pünktchen
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2 Gedanken zu „Advents-Special | Festtagspolitik“

  1. Hallo liebe Rahel
    Oh Gott! Ich bin ja froh, dass ich diese Story erst nach Weihnachten gelesen habe, ansonsten hätte ich immer an der Hygiene meiner Familie gezweifelt, wenn jemand auf der Toilette war.
    Aber dir ist die Darstellung der Familien-Weihnachtstradition erschreckend gut gelungen. Erschreckend ist es vor allem, weil uns allen die Situation so bekannt vorkommt, sogar wenn wir in einer völlig anderen Lage sind. Eine amüsante und irgendwie auch… ekelerregende Weihnachtsgeschichte mit der man nicht unbedingt rechnen würde.

    1. Hallo werter Clue Reader

      Ach jeh, ich wollte die Feiertage nun nicht unbedingt ekliger machen als sie dank all dem Kitsch ohnehin schon sind. Aber ich glaube wir alle kennen das auf die eine oder andere Art, wenn wir im Beisein der Familie wieder in kindliche Verhaltensweisen zurückfallen und uns… nun, unpässlich aufführen.
      Liebe Grüsse und die besten Wünsche
      Rahel

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