Das Geheimnis der Hundesitterin

SarahAutorin: Sarah
Titelvorgabe: Das Geheimnis der Hundesitterin
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Diese Kurzgeschichte erscheint im Rahmen der zweiten Clue Writing Challenge.

Zitternd hob Jen die Waffe und zielte durch den dunklen Gang zur Tür, durch die das Licht einer nahen Strassenlaterne ein gelbliches Muster auf den Boden zeichnete. Sie stand am Ende des kurzen Ganges, mit dem Rücken zur Wand und ihre Gedanken drehten sich im Kreis, während sie das schwere, kühle Ding auf den Eingang richtete. Es war eine solide und verzierte braune Tür, wie sie zahlreich in die alten Sandsteinhäuser eingebaut worden waren. Als sie von draussen die Schritte auf der Treppe zum Eingang hören konnte, duckte sie sich in eine sitzende Position hinunter und flüsterte flehend: „Bitte, komm nicht herein…“

Es war ein wunderschöner Frühlingsmorgen und einer jener Momente, in denen Jen ihr Leben einfach nur genoss, ohne das übliche Zaudern und Zögern. Mit beschwingten Schritten ging sie die Strasse lang, auf welcher der Alltag seinen gewohnten Gang nahm: Eine Mutter schob den neuesten Pop-Hit pfeifend einen Kinderwagen, ein Mann von UPS trug mit Leichtigkeit ein grosses Paket herum und ein Polizeiwagen rollte im Schritttempo an ihr vorbei, sodass sie sehen konnte, wie sich die Beamten lachend unterhielten. Sogar Harry, der Dalmatiner der Cunninghams, trottete friedlich neben ihr her, ohne auch nur einmal an der Leine zu ziehen und Jen kam es heute so vor, als könnte sie alles tun, all ihre Träume erreichen. Zu Beginn hatte sie sich noch komisch dabei gefühlt, als Hundesitterin für die Reichen zu arbeiten, doch jetzt, da sie den Job schon seit bald sechs Jahren machte, gefiel er ihr. Die Cunninghams bezahlten sie für den ganzen Arbeitstag und wenn sie verreist waren, durfte sie sogar im Haus übernachten – für Harry nur das Beste! Jen beugte sich zu ihrem vierbeinigen Begleiter hinunter und sagte vorfreudig: „So Kleiner, bald wird es Zeit fürs Mittagessen.“

In diesem Moment schmetterte Jens Handy die Melodie von „Walking on Sunshine“ und sie blieb stehen, um das Telefon aus ihrer Handtasche zu kramen. Ein Blick aufs Display verriet ihr nichts, ausser, dass sie die Nummer nicht kannte. „Sicher ein Telemarketing-Trottel“, grummelte sie, nahm den Anruf aber trotzdem an.

Jemand griff von draussen nach dem Türknauf und begann ihn langsam und leise zu drehen – es war nicht abgeschlossen, dafür hatte Jen gesorgt. Das Holz der alten Tür knarrte und die Waffe in ihrer Hand fühlte sich unangenehm hart an, wie ein Fremdkörper, den sie nur gegen ihren Willen hielt und mit dem sie nichts zu tun haben wollte. Ein Klacken erklang, als der Unbekannte aufmachte und Jen wusste, dass es kein Zurück mehr gab.

„Damien?“, rief Jen überrascht und ihr Magen zog sich zusammen. Sie hatte so sehr gehofft, nie wieder etwas von ihm zu hören, diese Zeit war lange vorbei, sie war längst ein anderer Mensch. Damien, die Gang, die Projects, das war nichts weiter als ein düsterer Schatten in ihrer Vergangenheit. Jen hatte lange gebraucht, um von diesem Ort wegzukommen und sie wollte verdammt sein, wenn sie sich wieder in sowas verwickeln liesse.
„Na, wie geht’s meiner Kleinen?“, erkundigte sich die wie immer um eine Oktave zu tief verstellte Stimme am anderen Ende. Damien hatte sich kein Bisschen geändert, auch wenn er in der Zwischenzeit in der Gang aufgestiegen war.
„Was willst du, Damien?“ Jen klang trotzig und zugleich ängstlich, sie wusste, wie wenig er tun musste, um ihr neues Leben, das sie sich so sorgsam aufgebaut hatte, zu ruinieren. Harry zog an der Leine und Jen musste sich beherrschen, nicht impulsiv zurückzureissen, so gereizt war sie. Nein, sie wollte sich nicht auf ein Geplänkel mit Harry einlassen. Damien schwieg kurz, vermutlich um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. „Du weisst doch, dass ich dein Geheimnis kenne, oder?“
„Das ist lange her“, antwortete Jen und bemerkte einen Augenblick zu spät, dass ihre Stimme ins Flehentliche gekippt war. „Lass mich bitte in Ruhe.“
Damien lachte. „Keine Angst, ich werde den reichen Schnöseln, deren Köter du bewachst nicht erzählen, was du früher getan hast.“ Er machte eine dramatische Pause. „Unter einer Bedingung, versteht sich.“

Jen konnte die Gesichtszüge des Eindringlings nicht erkennen, die Strassenlaterne war hinter ihm und so sah sie nur die Silhouette. Das Rauschen von dem auffrischenden Wind draussen in den Blättern war zu vernehmen und für einen Wimpernschlag zuckte Jen durch den Kopf, dass sie jetzt mit Harry auf der Strasse unterwegs sein könnte, den Luftzug im Gesicht… Ein Wimpernschlag war alles, was sie brauchte. Ihr Finger am Abzug verkrampfte sich und ein ohrenbetäubender Knall hallte durch das alte Standsteinhaus.

„Bitte, halt mich aus der Sache raus, ich will das nicht tun“, bat Jen brüchig, doch sie wusste aus Erfahrung, dass Damien noch nie eine Entscheidung widerrufen hatte. Die Strasse um sie herum war zu einem unbedeutenden Wirrwarr aus Farben und Klängen geworden. Alles was es noch gab waren sie, Damien und ihre Vergangenheit.
„Einmal eine Diebin, immer eine Diebin“, entgegnete Damien hart. „Du weisst genauso gut wie ich, dass das diese privilegierten Deppen genauso sehen würden. Niemand lässt eine mit deiner Berufserfahrung in die Nähe vom Familiensilber.“
Jen wusste, dass sie keine andere Wahl hatte. „Warum ich?“
„Gelegenheit“, entgegnete Damien schlicht, fügte aber beinahe mitfühlend hinzu: „Wenn du das tust, verspreche ich dir aber, dass du raus bist; ich werde dich nie wieder um etwas bitten.“
„Bitten kann man das auch nennen“, konterte Jen trocken, doch der Sarkasmus blieb ihr im Hals stecken und sie unterdrückte den Würgereiz. Sie würde heute Nacht jemanden töten.

„Ma’am?“, unterbrach sie die ruhige Stimme des Detectives und riss sie aus ihrer Erinnerung. „Wie geht es Ihnen?“
Jen starrte auf ihre zitternden Hände, die im flackernden Blaulicht in regelmässigen Abständen aufzublitzen schienen. Nach all den Jahren, in denen sie sich sicher gefühlt hatte, am anderen Ende der Stadt, praktisch in einer neuen, besseren Welt! Der Ermittler reichte ihr einen Becher mit Kaffee und setzte sich neben sie auf die Treppe. „Sie können nichts dafür, es war Notwehr.“
Jen nickte, was hätte sie ihm schon antworten sollen? Etwa, dass der jemand aus ihrer alten Gang einen ranghöheren Leutnant überzeugt hatte, in das Haus einzubrechen, damit sie ihn erschiessen konnte? Auf ihre Frage, wieso er seine verdammte Drecksarbeit nicht selbst erledigte, hatte Damien nur erklärt: „Das ist die Politik der Strasse. Wenn du deine eigenen Vorgesetzten killst, kannst du nicht gut nachrücken und musst ständig mit Rache rechnen. Wenn es jemand anderes tut, spielt es keine Rolle.“
Zu gerne hätte Jen dem Detective alles erzählt, doch das durfte sie nicht. Sie war keine kleine Diebin mehr, sie war eine Mörderin. Ein weiteres Geheimnis, das sie für sich behalten musste. Sie konnte den Wind fühlen, der ihre gekrausten Haare zerzauste, während sie dasass, in der einen Hand Harrys Leine und in der anderen den Pappbecher mit der faden Brühe. „Sie haben Recht“, murmelte sie. „Es gab nichts, was ich hätte tun können.“

Sarahs Vorgaben für die Story vom nächsten Freitag sind:
Setting: Motorhaube
Clues: Freundin, Sandkorn, Teleskop, Spabesuch, Struktur

4 Gedanken zu „Das Geheimnis der Hundesitterin

  1. Woha, super geschrieben! Äußerst bannend und kein offensichtliches Ende. Lustig: Dass ich erst jetzt dazu kam sie zu lesen, nachdem ich meine in eine Arbeitsfassung verpackt habe. Irgendwie habe ich auch internationalen Einfluss in meiner Geschichte ;)

    • Liebe Jennifer,
      Vielen Dank für das Lob, das freut mich natürlich ungemein! Ich bringe natürlich immer gerne Gangster um ;)
      Und internationaler Einfluss ist immer gut und freut uns, das macht die ganze Blogparade bunter und spannender :)
      Liebe Grüsse
      Sarah

    • Hallo liebe Ines,
      Vielen Dank für das Lob, es freut mich natürlich riesig, dass sie dir gefallen hat :)
      Wirst du auch bei der Blogparade mitmachen? Jedenfalls wärst du herzlich eingeladen :)

Kommentar verfassen