Oster-Special: Wie du und ich oder nicht – Teil 2

Oster Special 2015 - ThumbnailAutorin: Sarah

Warnung: Für diejenigen, denen Religionssatire nicht schmeckt, liegen im Wartezimmer Kekse bereit. Wir wünschen guten Appetit und freuen uns darauf, euch widersehen zu dürfen.

Dies ist der zweite Teil des Osterspecials 2015 – Den ersten Teil findet ihr hier.

Als Jay aufwachte, brummte sein Kopf dermassen, als würden sich Dornen in seinen Schädel bohren. Verwirrt sah er sich im verrauchten Zimmer mit den gemauerten, grauen Wänden um. Was war denn nun eigentlich mit ihm passiert? Der Raum war spartanisch eingerichtet, nur ein altes Bett, ein Nachttisch und der Fernseher auf einer Kommode, auf dem ein Hotel-Infokanal lief. Jay kniff die Augen zusammen und konnte auf dem Bildschirm sehen, dass er in dem schäbigen Hotel „The Cave“ aufgewacht war. Ein billiger und feuchter Altbau in der Innenstadt, in den sich nur sehr heruntergekommene Existenzen verirrten, oder aber Leute, welche die Zimmer stundenweise bezahlen wollten. Jays Hand- und Fussgelenke schmerzten und sein benebelter Verstand suchte krampfhaft nach einer Erklärung.
„Wurde ich gestern etwa genagelt?“, murmelte er irritiert. Rasch spannte er seine Bauchmuskulatur an, von der niemand so genau wusste, wann er die Zeit fand sie zu trainieren, und sah an sich herunter, dann hinauf. Er konnte weder Handschellen noch Seile sehen, mit denen er an den Bettpfosten gefesselt worden wäre. Eigentlich hatte er damit rechnen können, denn Jay war kein Freund von diesem Sado-Maso-Zeug, zumindest nicht auf diese durch und durch sinnbefreite Weise. Nein, wenn er sich schon quälen liess, dann nicht in der Privatsphäre eines Hotelzimmers, sondern bitte da, wo jeder es sehen konnte. Wie sonst sollte er denn Sympathie für sein Leiden ergattern?
Jay hustete einige Male, erhob sich dann und schnüffelte durch seine verstopfte Nase. Irgendetwas roch seltsam, dachte er und sog so viel von der abgestandenen Luft ein, wie möglich, schnupperte sogar unter seinen Armen. Erschrocken erzitterte der langhaarige Mann. Als er die Myrrhe roch war ihm, als hätte ihn eine unsichtbare Hand aus dem Himmel in seine Kindheit zurückgezerrt. Jay rieb sich über die Unterarme, die tatsächlich weicher waren, als er sie in Erinnerung hatte, währendem er sich für die Ursache seines mysteriösen Körperdufts umsah. Auf dem Nachttisch lag eine grosse Tube Body Lotion mit dem Namen „Balsami Corpus“, auf der in winziger Schrift geschrieben stand: „Extrakt aus Myrrhe, Weihrauch, Zedernharz und pflegenden Ölen“. Jay kratzte sich durchs Haar und fragte sich angewidert, mit welchem schmutzigen Hintergedanken das Hotel seinen Kunden Kosmetikprodukte in solchen Mengen anbot.
Jay schlenderte durch den Raum und öffnete mehrmals seinen Mund, um den störenden Ohrendruck loszuwerden, der ihn an das nervige Gefühl erinnerte, das jede Flugzeuglandung begleitete. Das Summen seines vibrierenden iPhones, das er sich nur deswegen hatte leisten können, weil er zusammen mit einem Kumpel Strassentricks vorführte, liess ihn zusammenfahren. Sicherlich, es war keine hochangesehene Arbeit und man mochte ihm sogar moralische Zweifelhaftigkeit vorwerfen, aber war es denn wirklich seine Schuld? Immerhin war sein Freund auf den Plan gekommen, die Dorfbevölkerung zu verarschen und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und Jay sah nicht ein, für die Idee eines anderen verurteilt zu werden, er machte schliesslich nur mit.
Ungeschickt kramte er das Handy aus seinem Beutel. Ein Blick aufs Display verriet ihm, dass Lena, die einzige Frau in seiner Wohngemeinschaft, anrief und er seufzte, bevor er den Anruf annahm. „Hey“, begann er mit kratziger Stimme und räusperte sich.
„Wo bist du?“, rief Lena aufgeregt. „Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht!“
„Ich bin gerade im Cave-Hotel aufgewacht“, murrte Jay und schüttelte dazu seine Haarpracht aus. „Holt ihr mich ab?“
„Du alter Hippie, mal wieder ein ganzes Wochenende einen draufgemacht?“, lachte Lena, doch er glaubte, eine Spur von Eifersucht in ihrer Stimme hören zu können. Nein, One-Night-Stands innerhalb einer Wohngemeinschaft waren wirklich keine schlaue Sache, wenn die Weiber nachher anhänglich wurden! „Klar, wir sind in einer Viertelstunde da.“
Jay beendete das Telefonat und streckte sich, wobei seine geschundenen Glieder knackten. Gemächlich suchte er seine Siebensachen zusammen und schob dann seine Füsse in die alten Birkenstocklatschen. Plötzlich drang etwas zu seinem Verstand durch. Hatte Lena vorhin gesagt, er wäre das ganze Wochenende weggewesen? Hastig griff er wieder nach seinem Handy, öffnete die Kalender-App und starrte ungläubig auf das Datum. Tatsächlich, es war Sonntag! Und da dämmerte ihm, was geschehen war, wenigstens konnte er sich an einzelne Bruchstücke erinnern. Ihm fiel ein, dass er am Morgen von den Italienern aus der rivalisierenden Studentenverbindung abgeholt worden war. Jay hatte zu Beginn noch gedacht, dass irgendein skurriler Ritus zur Sonnenfinsternis durchgeführt wurde, diese Irren machten häufig solchen heidnischen Quatsch. Das Ganze war dann aber rasch ausgeartet und hatte bald nichts mehr mit den unschuldigen Scherzen zu tun gehabt, die in fast allen Verbindungen zur Tagesordnung gehörten und meist auf Kosten Aussenstehender gingen.
Jay konnte das unverkennbare Tuckern des uralten Toyota Pius hören, der Lenas Freundin gehörte und rieb sich entnervt an der Nasenwurzel. Klasse, dachte er selbstmitleidig, wenn sie mit dem Schrotthaufen von Wagen hier war, bedeutete das, dass sie ihre Freundinnen dabei hatte und er sicher auf der Rückbank würde sitzen müssen.
Es dauerte nicht lange, bevor Lena eintrat, ihre Freundinnen im Schlapptau. Sie musterte Jay kurz und rief mit einem mitfühlenden Gesichtsausdruck aus: „Hey, du siehst ja aus wie ein Zombie! Was um Himmels Willen ist denn passiert?“
Abwesend betrachtete Jay den Vorbau seiner Mittbewohnerin, der in dem tief ausgeschnittenen roten Top ausgezeichnet zur Geltung kam. Seit die junge Israeli vor einigen Jahren hierhergezogen war, hatte sie die Sprache wirklich ausgesprochen gut gelernt, überlegte Jay. Doch das war kein Wunder, wer mit so vielen Einheimischen in die Kiste sprang würde sich dabei sicher nicht nur Geschlechtskrankheiten holen, sondern auch noch das eine oder andere aufschnappen. Schliesslich rang sich Jay zu einer Antwort durch: „Lange Geschichte.“
Jay wollte Lena nicht von den Geschehnissen des Wochenendes erzählen, denn die Tatsache, dass er von seinen eigenen Freunden einfach so verraten und hängengelassen worden war, war ihm viel zu peinlich. Noch viel schlimmer war der Gedanke daran, all das seinem Vater, dem grossen Industriemagnaten, beichten zu müssen. Jay hätte nichts lieber getan, als in der geräumigen, weissen Villa in den Meadows zu bleiben, doch der hartherzige Patriarch hatte ihn in die Stadt geschickt, um Leute für seine Firma zu rekrutieren. Was also würde er dazu sagen, dass Jay so kläglich versagt hatte?
Der Dreiunddreissigjährige wedelte die besorgen Blicke der drei Frauen mit einer beiläufigen Geste ab. Er hatte jetzt keinen Nerv dafür, bemitleidet zu werden. Doch halt! Mit einem Mal erschien ihm die Lösung für all seine Probleme so simpel, wenn er nicht mit Stärke punkten konnte, dann vielleicht gerade mit der Geschichte seines Leidenswegs. Jay grinste breit, während sich in seinem Hirn rasant ein göttlich-genialer Plan zu formen begann. Er würde ihnen alles erzählen und der ganzen Welt klar machen, wie sehr er gelitten hatte. Ja, Jay hatte dieses Mitgefühl verdient und sie sollten begreifen, dass sie für solche Taten zu büssen hatten. Doch wie würde er damit den besten Effekt erzielen?
Würde er es schaffen, dass sich diese Horde von dummen und naiven Schafen schuldig genug fühlte, um die Produkte der Firma seines Vaters zu kaufen? Eigentlich war Marketing nicht Jays Ding, doch er war sehr gut darin, Leute so zu manipulieren, dass sie genau das taten, was er wollte; solange sie leichtgläubig genug waren, verstand sich. Nun war sein grosser Augenblick gekommen, in dem er glänzen konnte.
Jay bemerkte Lenas skeptischen Gesichtsausdruck, faltete die Hände und lächelte sie so freundlich er konnte an. Jetzt durfte er keinen Fehler machen, ermahnte er sich selbst, er durfte auf gar keinen Fall zu weinerlich oder egoistisch auftreten, sondern demütig, aufrecht und verzeihend. Kaum hatte sich Lena umgedreht verwandelte sich das liebevolle Lächeln in ein dämonisches Schmunzeln. Ja, genauso würde er es machen. Sollten sie ruhig glauben, dass Jay nicht nur wegen, sondern auch für sie gelitten hatte, das würde ihnen hoffentlich die Augen öffnen! War es nicht genau das, was alle Menschen wollten, einen Sündenbock, der an ihrer Stelle geopfert wird?
Insgeheim freute er sich schon darauf, endgültig in die Meadows zurückzukehren, nur um sich nie wieder mit diesen Deppen abgeben zu müssen. Er würde vermutlich mehr als einen Joint brauchen, um das alles zu vergessen, vielleicht sogar etwas Engelstaub. Jays Handy klingelte erneut. Sein alter Kumpel Tommy rief an, was ihn etwas verwunderte, doch so konnte er gleich herausfinden, wie er auf seine Rückkehr reagierte und ob er ihm seine Verkaufsstrategie glauben würde.
„Hey Jay, Alter, hätte nicht gedacht, dass du rangehst!“, rief sein Kumpel schockiert und fuhr dann fort: „Du warst ja echt lange weg, was ist denn passiert?“
Jay begann seine Erzählung, wog die Worte sorgfältig ab und beobachtete dabei den Gesichtsausdruck der Hühner, die vor ihm standen und gebannt lauschten. Ja, er schaffte es noch immer, sie zu fesseln, trotz allem, was geschehen war – ein ungemein befriedigender Gedanke. Als seine Geschichte zum Ende kam, herrschte Schweigen, ein Schweigen, das die Tragweite seiner Erlebnisse erst richtig verständlich machte. Dann endlich unterbrach Tommy die Stille: „Heilige Scheisse, Mann. Ich glaube dir.“
Zufrieden folgte Jay den Frauen aus dem Hotel zu dem Wagen. Es würde ihm tatsächlich gelingen, seine Botschaft zu verbreiten, ohne dieses undankbare Gesindel noch mehr gegen ihn aufzubringen. Er war in dieser Geschichte der Gute und jeder, der das nicht einsah, sollte zur Hölle fahren! Natürlich war er im Grunde genommen einer von ihnen, genauso gierig, genauso selbstsüchtig. Doch das konnte Jay ignorieren, denn er war jetzt zu etwas Neuem geworden, etwas Besserem. Und so sollte sich die Nachwelt an ihn erinnern. Zweifellos hatten seine Peiniger seinen Leidensweg längst im Internet verbreitet und brüsteten sich damit, einen weiteren kleinen Mann geschlagen zu haben. Aber er wusste, wie er den neuesten viralen Hit auf YouTube zu seinen Gunsten nutzen konnte, ein Gedanke, den er mit voller Passion genoss.
Er war ein Märtyrer, die neue grosse Ikone des Familiengeschäfts, sein Abbild würde auf jedem Produkt zu sehen sein! Er hatte durch die Hand dieser Bande an Ungläubigen gelitten, ja, aber die Belohnung war gut: Jahrhunderte, in denen sie sich in Mitleid und unverhohlener Bewunderung an ihn erinnern würden und in ihrer geteilten Schuld und aus Furcht vor dem Familienunternehmen alles kaufen würden, das im Angebot war. Jay hatte seinen Job wirklich gut gemacht, befand er stolz und dachte mit einem glückseligen Lächeln daran, dass sein Vater zweifellos ein neues Testament aufsetzen würde, um der Leistung seines Sohnes gerecht zu werden.

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