Kochen mit Eis

RahelAutorin: Rahel
Setting: Lastwagen
Clues: Ebenholz, Eiseskälte, Erkerfenster, Rechenleistung, Nähkästchen
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Die Temperatur war seit dem Sonnenaufgang beachtlich angestiegen und Tanya vermisste die schneebedeckten Berge ihrer Heimat. Murray war vor gut zwei Stunden losgelaufen. Sie hatte ihn solange beobachtet, bis er am Horizont der Wüste verschwunden war und sie die einzige lebende Kreatur war, die sie in der tristen Einöde erkennen konnte, etwas, das ihr so unangenehm war, dass sie trotz der erbarmungslosen Hitze lieber im Lastwagen wartete, der etwas abseits der staubigen Strasse stehen geblieben war. Tanya legte den gläsernen Messbecher weg, welchen sie während der letzten halben Stunde in ihren Händen hin und her gedreht hatte und wischte sich seufzend mit einem dreckigen Lappen den Schweiss aus ihrem Gesicht, als ein lautes Klopfen durch die Stahlwände des Lastwagens donnerte. Panisch zuckte die junge Frau zusammen und stiess auf ihrem Weg, zu dem kleinen improvisierten Sitzplatz hinter der Fahrerkabine, einen grossen Metallzyliner um, bevor sie durch die kleine Glasöffnung, die an ein altes Erkerfenster erinnerte, in die grelle Sonne blinzelte. Als sich ihre hellgrünen Augen endlich an das weisse Licht gewöhnt hatten, konnte sie zwei Männer erkennen, die einen knappen halben Meter vor der Fahrertür nebeneinander standen und ungeduldig schienen. Einer der beiden trug eine alte Lupara am Gürtel seines Staubmantels und hatte eine glänzende Desert Eagle in der Hand, während er, offensichtlich aufgebracht, auf seinen Begleiter einredete. „Halt die Fresse, Johnny und mach, was ich dir gesagt habe.“ Der Angesprochene war deutlich jünger und hatte einen beängstigend gleichgültigen Gesichtsausdruck, als er erneut mit seiner HK G3 gegen die Tür schlug und mit lauter Stimme durch die Wüste schrie: „He, Koch! An deiner Stelle würde ich freiwillig öffnen.“
Tanya wich erschrocken vom Fenster weg und rannte geduckt durch den umgebauten Ladecontainer, um in der Seitenkonsole, auf welcher diverse Glaszylinder- und Röhren in Mulden gesichert lagen, nach ihrer Makarow zu greifen, welche sie ihrem Vater vor Jahren geklaut hatte. Sie atmete tief durch, wohlwissend, dass dies ihre letzten Sekunden sein könnten, und betätigte den Schalter um die Ladebordwand des Lastwagens zu senken.

„Sieh mal einer an, ein Schlampen-Koch“, stiess Johnny amüsiert aus, als er Tanya sah, die den kurzen Lauf ihrer Waffe zitternd auf ihn gerichtet hielt und kurz darauf wurde er von einem unsanften Hieb auf den Hinterkopf getroffen, als sein Freund ihn zur Seite schob und hastig einstieg. „Hört doch auf mit dem Mist, ihr verfluchten Idioten.“ Ungerührt von der angespannten Situation, bahnte er sich einen Weg an Tanya vorbei in das überstellte Innere des Trucks und setzte sich breitbeinig auf den kleinen Hocker hinter dem Fahrersitz. „Also, wo sollen wir anfangen?“, krächzte er und räusperte sich danach laut. „Mein Name ist Ronald, aber alle nennen mich Rusty und mein degenerierter Freund hier heisst Johnny.“ Tanya blickte nervös zwischen den beiden Männern hin und her und klammerte sich mit einer Hand an das wacklige Regal hinter ihr, während der Ältere, der mit Sicherheit über sechzig war und dessen Haar dennoch schwarz wie Ebenholz im Dunkel des Lastwagens zu verschwinden schien, seine Pistole ruhig auf den Schoss legte. „Ich will ehrlich mit dir sein, wir sind nicht wegen einer Teepartie hier, aber wenn du brav etwas aus dem Nähkästchen plauderst, dann muss das nicht hässlich für dich enden. Steck die Waffe weg, Johnny.“ Dieser tat, wie ihm befohlen wurde, sprang mit einem lässigen Schritt aus dem Schatten des Fahrzeugs in den Laderaum und blieb dicht neben Tanya stehen. „Na Mäuschen, du hast dich hinter den falschen Herd gestellt.“ Das breite Grinsen legte gelbe, verfaulte Zähne frei und Tanya wünschte sich, dass sie bei dem Laborunfall vor drei Jahren ihren Geruchssinn permanent verloren hätte. „Sei nicht immer so ein sexistisches Arschloch und setz dich auf deinen nichtsnutzigen Arsch!“ Rusty deutete beiläufig auf den Stuhl neben ihn und wandte sich dann wieder an Tanya. „Miss, bitte entschuldigen Sie die Manieren meines Partners. Sie wissen sicher wie das ist, es ist schwierig gute Leute zu finden und sein Gehirn hat, wie sagt man heute, nicht genügend Rechenleistung, aber“, er lachte mit einem kehligen Gurgeln auf, bevor er fortfuhr: „seine fehlenden Manieren kommen mir bei manchen Aufgaben gelegen, da müssen Sie nur ihren Freund fragen.“ Tanya riss die Augen auf und noch bevor sie etwas hätte sagen können, beantwortete Johny ihre Frage mit spöttischem Tonfall. „Die Geier freuen sich sicher über den schottischen Bastard.“

Die Sonne stand hoch und brannte brutal auf den metallenen Kasten, während die Zeit im Inneren stehen zu bleiben drohte; wie eine alte Spieluhr, deren Schlüssel abgebrochen war. „Miss, bitte verstehen Sie, wir bedauern das verfrühte Ableben ihres Freundes, aber es erschien uns zu riskant, ihn am Leben zu lassen; insbesondere angesichts der Tatsache, für wen er arbeitet.“ Tanya konzentrierte sich und schaffte es, ihren rasenden Puls soweit zu beruhigen, dass sie endlich in der Lage war, die Angreifer nicht nur schockerstarrt anzusehen. „Was wollt ihr von mir? Wer hat euch geschickt?“, sagte sie und lockerte den festen Griff um ihre Waffe. „Nun, das sind keine einfachen Fragen, Miss.“ Rusty entledigte sich umständlich seines Mantels und ein kühler Wind, der nach Old Spice und Zigaretten roch, zog durch den Lastwagen, als der Stoff auf der Ablage landete. „Sagen wir doch einfach, dass unser Auftraggeber nicht sehr erfreut ist über Ihre Verdienstquelle und sichergehen möchte, dass Ihr Produkt nicht mehr auftaucht.“ Tanya bemerkte den irritierten Ausdruck auf Johnnys Gesicht und ihre Nervosität stieg erneut an, als sie die Kabelbinder und das Jagdmesser entdeckte, welche neben dem Taurus hingen, den er in seinen Hosenbund gesteckt hatte; Johnny war offensichtlich gut vorbereitet, die Frage war nur, auf was. „Ich verschwinde aus der Stadt, aber bitte, lasst mich gehen!“, flehte sie mit zitternder Stimme und ärgerte sich sogleich darüber, dass sie so viel Schwäche gezeigt hatte. „Das ist ein liebenswürdiges Angebot, Miss.“ Rusty strich gelassen seine Haare glatt, erhob sich dann und trat neben die verängstigte Frau. „Wissen Sie“, begann er zu erklären, währendem er gemächlich seine Desert Eagle nachlud, „ich habe Sie angelogen.“ Er nickte seinem Begleiter kurz zu und schlug Tanya mit seinem Revolver hart auf die linke Schläfe.

Sie war sich nicht sicher, wie spät es war, als sie wieder zu sich kam, aber der drastisch gesunkenen Temperatur zu folgern, würde die Eiseskälte der Wüstennacht sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen. Als sie die Augen öffnete, sah sie wie sich die beiden Männer im vorderen Teil des Trucks unterhielten, währenddessen sie gefesselt und entblösst zwischen zerbrochenen Kochutensilien auf dem Boden lag. Sie musste beim Versuch sich zu befreien wohl Laute von sich gegeben haben, denn als sie das nächste Mal hochsah, hockte Rusty dicht vor ihr und lächelte sie geduldig an. „Bitte“, bettelte sie erneut, „Bitte, lasst mich gehen. Ich verspreche, dass ihr mich nie wiedersehen werdet.“ Nun wurden die Züge des Alten härter und er zog sie schmerzhaft an ihrer Kehle zu sich hoch. „Miss, ich will, dass Sie etwas genau verstehen.“ Er streckte ihr das Foto einer mageren jungen Frau mit langen, dunklen Haaren und einem Kleinkind auf dem Schoss entgegen; Tanya hatte sie noch nie zuvor gesehen. Rustys Blick verdunkelte sich und seine Augen wurden wässrig, als er weitersprach. „Meine Tochter. Nachdem sie abhängig geworden war, prostituierte sie sich um sich Ihr Produkt leisten zu können. Als sie schwanger wurde, schwor sie mir clean zu werden, doch das Glück hielt nicht lange.“ Tanya würgte heftig, als ihr das Tuch in den Mund geschoben wurde, ihre Augen weiteten sich panisch und die Fesseln schnitten tief in ihre Handgelenke, doch egal wie sehr sie sich wehrte, sie entkam nicht. „Ihre Vollstrecker haben sie gefunden, sie vergewaltigt und das Kind…“ Rusty stand auf und trat Tanya mit seinen schweren Stiefeln in die Seite. „Ich werde Sie nicht töten lassen, so wie Sie es mit meiner wunderschönen Enkelin getan haben. Aber Sie werden lernen wie es ist, ein Leid zu erfahren, dass sie ihr Leben lang begleiten wird.“
Tanya blieb regungslos im Wüstensand liegen, als Johnny mit ihr fertig war und wartete darauf, dass sie in der Eiseskälte einschlafen würde, in der Hoffnung, dass das Eis auch ihr den Tod bringen würde.

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