Madame Mimi Moffats Märchen

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der siebten Clue Writing Challenge.

2011

„Es liegt mir fern, unhöflich zu sein“, beginne ich ohne den Treuhänder anzusehen. Vor einigen Tagen hatte er mich in sein Büro geladen, wo heute Morgen alle Formalitäten besprochen und notwendigen Unterschriften gesetzt wurden. „Doch ich wäre lieber alleine. Die Nachricht verdauen, Sie verstehen?“
„Gewiss“, gibt der ältere Herr nickend zurück und verweilt einige Sekunden scheinbar ratlos inmitten des muffigen Wohnzimmers, ehe er mir auf die Schulter klopft und das Häuschen verlässt.
Ungeduldig beobachte ich, wie er in seinen Wagen steigt, aus der Einfahrt biegt und hinter den Bäumen verschwindet.
„Oh, verzeihen Sie mir“, schluchze ich und stütze mich an der Lehne eines gelben Ohrensessels ab. Eine kleine Ewigkeit ist es her, seit ich das letzte Mal zwischen dem wild zusammengewürfelten Plunder gestanden war. Es hätte gestern gewesen sein können, verändert hatte sich nichts. Was für ein Klischee, denke ich mir, was für ein trauriges Klischee.

1998

Außer Atem stolpere ich die Stufen zur Haustür hoch und drücke mit der Handfläche auf den Klingelknopf. Ich bin direkt im Anschluss an die Zeugnisvergabe losgerannt, statt mich von meinen Lehrern und Mitschülern zu verabschieden. Die Krawatte hängt schief an mir herunter, der geliehene Anzug schlägt Falten über meinem schmächtigen Körper. Es war gekommen, das Ende meiner Kindheit, die Schule ist vorüber. Während der Zeremonie habe ich mich fehl am Platz gefühlt, eigentlich schon meine gesamte Schulzeit über, und mich beschleicht die Ahnung, mir würde es auch in Zukunft so ergehen.
Erneut läute ich, eine scheppernde Melodie dringt aus dem Inneren, kurz darauf ruft sie: „Komm rein.“ Ein Grinsen löst die Sorgenrunzeln auf meinem Gesicht ab, sobald ich ihre Raucherstimme höre.
Ich habe Madame Mimi Moffat vorletzten Frühling kennengelernt, als ich auf der Suche nach einem Nebenjob und sie nach einem Gärtner war. Zugegeben, erst war mir unser Arrangement unangenehm, schließlich war sie im ganzen Ort als die verrückte Alte bekannt. Kein Dreizehnjähriger wäre glücklich damit gewesen, seine Nachmittage auf ihrem Anwesen am Waldrand zu verbringen. Meine Meinung hatte sich in den letzten zweieinhalb Jahren allerdings rasch geändert, denn Madame Mimi Moffats Biographie ist voll mit haarsträubenden Ereignissen, Abenteuern und Geheimnissen, die sie zu gerne teilt. Selbstverständlich glaubt ihr niemand, jeder tat ihre Geschichten als Märchen einer senilen Spinnerin ab. Trotzdem, vielmehr gerade deswegen, ist sie zu meiner liebsten Person auf diesem mir trist erscheinenden Planeten geworden.
Kaum bin ich eingetreten, kommt sie herangehastet und umarmt mich fest. Sie riecht nach Zigaretten, pudrigem Parfüm und Kräutertee. „Schätzchen“, flötet sie, umfasst meine Schultern mit ihren Fingern und schiebt mich etwas beiseite, um mich von oben bis unten zu betrachten. „Stattlich schaust du aus. Wie ist es gegangen?“ Wenn sie nicht gerade eines ihrer unzähligen Kleider in Quietschgelb anhat, dann ein Seidennachthemd, darüber einen Bademantel, aus dessen voluminösen Kragen ein kleiner Schädel mit zwei Dutts hervorragt. Ihr skurriles Auftreten unterstreicht das Image der schrulligen Witwe. Sie erzählte mir, sie habe nach dem Krieg einen Franzosen geheiratet und ihn vier Tage darauf für einen russischen Spion verlassen, der ihr Russisch beibrachte und sie zum Auftragsmörder ausbildete. Ob das nun stimmt oder nicht, zumindest passt die Geschichte zu ihrem Namen.
„Okay, denke ich. Ich habe mein Diplom“, lautet meine unmotivierte Antwort.
„Wunderbar!“ Sie klatscht zweimal und hüpft, sodass ihre schlauchartigen Brüste beinahe aus dem Negligee fallen. Hurtig knöpft sie den Bändel ihrer Robe zu, zupft an meiner Krawatte und strahlt mich an. „Das ist wunderbar, Schätzchen. Deine Mama ist sicher stolz auf dich.“
„Sie konnte nicht kommen“, murmle und senke den Kopf. „Sie musste im Krankenhaus einspringen.“ Natürlich liebe ich meine Mutter und weiß ihren aufopfernden Einsatz, uns ein anständiges Dasein in der Mittelschicht zu ermöglichen, zu schätzen. Aber wir wurden nie so richtig warm miteinander. Ich käme halt eher nach meinem Vater, hatte sie mir erklärt, daran läge es. Es ist keine schöne Sache, mit einem Mann verglichen zu werden, der Frau und Baby im Wöchnerinnenbett hatte sitzen lassen. Madame Mimi Moffat ließ oft vermuten, eine ähnlich komplizierte Beziehung mit ihrem Vater gehabt zu haben, weshalb sie es ablehnte, über ihre Jugend in Amerika, geschweige denn ihren Mädchennamen zu sprechen.
„Das tut ihr bestimmt sehr Leid, Schätzchen. Sie gibt ihr Bestes und arbeitet hart, damit es den kranken Knirpsen gutgeht.“ Madame Mimi Moffat hat stets tröstende Worte für mich übrig, wie man sich eine Großmutter vorstellt. Wobei sie weder Enkel noch Kinder hat. Mutterschaft wäre ihr zu gefährlich gewesen, meinte sie vor einer Weile und plauderte wenig später über die Liebe ihres Lebens, das Jagdflugzeug P-51 Mustang. Der Tiefdecker habe sich geflogen wie ein junger Adler und sei in ihrer Zeit bei den Wespen, den Women Airforce Service Pilots, zu ihrem treuesten Begleiter geworden.
„Ja, das stimmt. So wichtig war das auch gar nicht.“ Ich seufze unwillkürlich und schäme mich ein wenig dafür.
„Quatsch“, plärrt die magere Madame schrill und schüttelt ihre Frisur. „Komm, feiern wir!“ Damit bugsiert sie mich ins Wohnzimmer, wo ich mich auf einen Ohrensessel fallenlasse. Gelb ist ihre Lieblingsfarbe, was in jeder Ecke ihres Hauses zur Schau gestellt wird. Sie nannte die Couleur ihrer Einrichtung einmal ‚abschreckend fröhlich‘ und irgendwie beschrieb sie sich damit selbst. Neben dem Teekrug steht ein Weinkühler, darin verkeilt eine zu dicke Champagnerflasche. Vergeblich zerrt die Zweiundachtzigjährige am Hals des Dom Pérignon, bevor sie ihn mir mitsamt dem Eiskübel reicht, sich gegenüber setzt und eine Zigarette aus der Schachtel klaubt.
„Also“, holt sie aus und fixiert mich interessiert. Dickes Makeup bröckelt an den Rändern ihrer Furchen, wie üblich trägt sie zu viel Rouge und noch mehr Lippenstift. „Ich brauche dann wohl einen neuen Gärtner.“ Wie eine Künstlerin mutet sie an, was ihrer Meinung nach eine freundliche Art ist, sie als irre zu betiteln und wahrscheinlich hat sie recht.
„Ach was“, kontere ich, da schießt der Champagnerkorken endlich heraus, prallt an der Decke ab und landet vor ihren Pantoffeln. „Ich komme alle paar Wochen heim und kümmere mich um Ihre Hecken, ich schwöre.“

2011

„Es hätte gestern gewesen sein können“, wiederhole ich klagen meinen Gedanken. Mein Gestern war jetzt dreizehn Jahre her. Ich war in den Ferien nicht zurückgekehrt, sondern meiner Heimat bis heute ferngeblieben, selbst die Beerdigung meiner Mutter hatte ich verpasst. Es war keine Absicht, es hatte sich einfach so ergeben, wie das halt ist, wenn man erwachsen wird und die Versprechungen seiner Kindheit vergisst. „Oh, verzeihen Sie mir“, weine ich um meine alte Freundin, als ich am Garderobenhaken beim Eingang ihre Robe sehe. Zaghaft gehe ich die paar Schritte, strecke meine Hand aus und ziehe den Morgenmantel an mich. Er riecht nach Zigaretten, pudrigem Parfüm und Kräutertee. Und er raschelt. Verdutzt halte ich inne, ehe ich erst die rechte, dann die linke Tasche untersuche. Ein Zettel kommt zum Vorschein.

„Schätzchen,
du hast meine Geschichten immer so gemocht, daher will ich dir mein Zuhause und die Wahrheit schenken. Unter der Kommode im Schlafzimmer ist eine lose Bodendiele. Darunter findest du den Schlüssel zur großen Truhe auf dem Dachboden. Hab viel Spaß damit.
Deine Madame Mimi Moffat“

Mit einem Ruck verschiebe ich die Kommode, schellend schlägt der Wecker auf dem Teppich auf. Als ich den Schlüssel umfasse, phantasiere ich, was ich in der hölzernen Box wohl entdecken werde. Hinweise auf ihre Herkunft? Eine Fliegeruniform mit ihrem Namen aufs Revers gestickt? Eine französische Heiratsurkunde? Russische Geheimdokumente? Nie zuvor war ich dermaßen schnell eine Treppe hinaufgerannt.

Autorin: Rahel
Clues: Frisur, Grinsen, Zigarette, Robe, Gelb
Diese Kurzgeschichte wurde nach einem vorgegebenen Charakterdesign verfasst:
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