Realität

SarahAutorin: Sarah
Setting: Ritterburg
Clues: Himbeerkuchen, Strassenbesen, Spaltprodukte, Portal, Popballade
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Diese Geschichte spielt in einem erweiterten Universum von Sarah. Links zu weiteren Episoden findet ihr hier.

Das grosse Portal, durch das ich in die Ritterburg eintrat, war mit unzähligen Fresken verziert und türmte sich imposant über mir auf. Ich liess meinen Blick schweifen und bemerkte, wie alles Leben erstarrte, als ich in den Innenhof gelangte: Die stolzen Ritter, die mit ihren Lanzen als Wachen postiert waren, standen stramm. Die Magd, die einen grossen Waschzuber trug, verneigte sich ehrfürchtig. Die Edelmänner, die eben von den Stallungen zum Schloss geschlendert waren, hielten inne und zogen ihre Hüte. „Einen wunderschönen Abend, edle Dame“, flötete einer von ihnen – ich erwiderte den Gruss etwas perplex. Gerne hätte ich behauptet, dass mir der Atem deswegen stockte, aber wenn ich ehrlich sein sollte, lag es eher an meiner Korsage. Ich konnte mir beim besten Willen keinen Reim darauf machen, wo genau meine Organe bei einer derart eng geschnürten Taille eigentlich Platz fanden. Dafür war das lange, königsblaue Kleid unten so weit, dass ich insgeheim die Befürchtung hegte, den Staub vom Hof zu wischen und damit dem Knecht, der mit dem Strassenbesen hantierte, die Arbeit abzunehmen. Doch das hatte so schon seine Richtigkeit, denn ich war die Herrscherin über diese Burg und diesen Landstrich. Eine Prinzessin zu sein hat viele Vorzüge, ich werde also mit den wenigen Unannehmlichkeiten leben können. Es gab auch nichts dagegen einzuwenden, dass ich zu alledem auch noch jung und hübsch war.
Wie in einem Traum wusste ich zwar, was es mit allem in dieser Welt auf sich hatte und trotzdem kam es mir fremd vor, ganz so, als würde ich es das erste Mal sehen. Ich mochte dieses Gefühl.
Heute wollte ich mich nicht damit beschäftigen, meinen Stab zu versammeln, ich verdiente meinen freien Tag. Zumindest war das der Plan gewesen, aber mein Kriegsminister, begleitet von zwei feinen Damen, deren Namen ich nicht kannte, unterbrach meinen Müssiggang. „Wollen Eure Hoheit uns bei einem Stück Himbeerkuchen zum Nachmittagstee Gesellschaft leisten?“
Ein solches Angebot liess sich kaum ausschlagen. Dankend nahm ich an und folgte den Dreien in den kleinen Salon. Im letzten Augenblick schaffte ich es gerade noch, ein für eine Dame meines Standes unangebrachtes Seufzen zu unterdrücken. Ich erkannte zu spät, dass beinahe mein ganzer Stab in dem Raum beim Tee versammelt war, genauso gut hätte ich im Thronsaal sitzen und Audienzen geben können. Nun denn, Prinzessin Lucilda, du wirst heute wohl oder übel einen Krieg planen müssen, dachte ich sardonisch.
„Wir brauchen dich, oh Gebieterin“, erklang plötzlich eine nervtötende Stimme in meinen Gedanken. „Eile herbei!“
„Hau ab!“, gab ich so nachdrücklich zurück, wie es mir möglich war. Unverzüglich widmete ich mich wieder meiner eigentlichen Aufgabe: Mit meinen Untergebenen Tee zu trinken.
„Wir sind uns sicher, dass die Barbaren vom Süden angreifen werden“, erläuterte der Kriegsminister eben. Hatte ich es doch gewusst, es ging wie immer um Politik. Ich nickte geflissentlich und legte den silbernen Löffel weg, mit dem ich in meiner Tasse gerührt hatte.
„Natürlich, aber wenn wir unseren Spionen glauben wollen, haben wir noch etwas Zeit, oder?“
„Ich würde nichtsdestotrotz dazu raten, zuerst zuzuschlagen, Eure Hoheit“, wandte er ein. „Noch ist das gegnerische Heer nicht vollständig, was uns einen Vorsprung verschafft. Die Entscheidung liegt natürlich bei Ihnen.“
Ich bedankte mich und spielte gedankenverloren mit dem silbernen Löffel. Als ich das Für und Wider abwog, besah ich abwesend meinen Hofstaat – ein Haufen viel zu aufwändig gekleideter Leute, die prätentiös hier sassen und darüber diskutierten, wen unser Heer niedermachen sollte. Wieder machte mir die Korsage das Atmen schwer und ich konnte mir ein Seufzen diesmal nicht verkneifen. Wie unpraktisch, so eingeschnürt zu sein! Ich setzte dazu an, meine Entscheidung darzulegen, als mich wieder diese impertinente Stimme mit dem schelmischen Unterton unterbrach: „Prinzessen, Eure Untertanen wünschen Euch zu sprechen.“
„Nicht jetzt, verdammt!“ Nein, niemand hat gerne Stimmen im Kopf, erst recht nicht, wenn man für ein ganzes Reich verantwortlich war, das würde rasch zu verheerenden Fehlern führen. Ich durfte mich jetzt nicht ablenken lassen, oder meine Untertanen würden dafür mit dem Leben bezahlen. „Ich denke, wir sollten zuerst zuschlagen.“
Der Kriegsminister wirkte zufrieden, beinahe glücklich. „Eine weise Entscheidung, Gebieterin. Unser Heer wird heute Abend zum Aufbruch bereit sein.“
„Gut, ich überlasse die Details Ihnen, weil Sie mehr Ahnung davon haben.“ Voller Vorfreude griff ich nach dem Himbeerkuchen, sicher, dass ich jetzt endlich einen Moment der Ruhe verdient hatte, als die Stimme zurückkehrte, lauter als je zuvor in meinem Kopf hallte: „Lucy, verdammte Scheisse, ich brauche dich hier!“
Die Welt um mich herum erzitterte, begann zu beben. Ich ergriff einem Reflex folgend die Tischkante. Mein langes Kleid flatterte im aufkommenden Sog, alles begann zu wanken und kippte schliesslich weg. Ich gönnte mir einen letzten bedauernden Blick auf meine porzellanweissen, perfekt manikürten Hände. Dann, abrupt, zerfiel das Bild in Fragmente, alle Klänge, Gerüche und Sinneswahrnehmungen waren wie weggewischt. Mein Magen drehte sich fast um, aber ich war an das Gefühl gewohnt, es störe mich nur noch geringfügig.
Noch bevor ich die Augen aufschlug, quälte der Bass einer kaum auszuhaltenden Popballade meine Ohren – mein momentaner Nachbar war wirklich nicht angenehm. Dazu kam, dass die alten Lüftungen jedes noch so kleine Geräusch transportierten. Ich nahm mir noch eine Sekunde oder zwei, um mich auf die andere Welt vorzubereiten, dann öffnete ich die Augen. Alte Decke, metallene Tür, flackernde Lichterkette, zerkratzter Paravent, ich war wieder da! Als ich meine Hand zur Stirn führte, um die Elektrode vom Gedankeninterface zu entfernen, konnte ich alle Kratzer, Narben und die ersten Spuren des Alters erkennen. Auf Wiedersehen, edle Prinzessin Lucilda und willkommen zurück, alter Haudegen Lucy. Virtuelle Realitäten hatten zweifellos ihre guten Seiten.
Ich fuhr zusammen und hätte beinahe zugeschlagen, als das dunkelhäutige Gesicht meines Captains weniger als einen Meter über meinem auftauchte und sie mich frech angrinste. „Hey Narbengesicht, hör auf hier auf dem Perserteppich rumzuliegen, es gibt Arbeit. Ach ja, wie war’s?“
„Fuck, Nat, erschreck mich nicht, du weisst, dass ich eine verdammte Kampfausbildung habe!“ Ich zwang mich, ein paarmal tief durchzuatmen, die Frau hatte einen an der Klatsche, aber sie war meine beste Freundin und Vorgesetzte. Nein, ich durfte sie nicht umbringen, ganz ruhig bleiben, Lucy. Mich auf ihre Frage besinnend, erklärte ich: „Historisch inakkurat und weniger entspannend, als ich gehofft habe. Ich sollte aufhören, mir nur die billigsten Simulationen herunterzuladen.“
„Alter Geizkragen“, lachte sie, dass ihre Locken tanzten. Lässig bot sie mir eine Hand an, an der sie mich schwungvoll hochzog. „Ausserdem ist es mit dir historisch sowieso nicht korrekt, im mittelalterlichen Europa gab es wohl kaum Prinzessinnen mit chinesischer Abstammung.“ Sie unterbrach sich und fuhr im besten Tonfall einer Motivationsrede fort: „Wie auch immer, es gibt viel zu tun! Der automatische Auswurfschacht für die Spaltprodukte funktioniert nicht mehr. Wir sollten endlich mal wieder die nuklearen Abfälle in die nächste Sonne werfen, also schnapp dir einen Schraubenschlüssel.“
Meine Antwort war trocken, aber was konnte sie sonst erwarten? „Nat, dein Sternenschiff ist ein Schrotthaufen, du bist das lebende Klischee einer Weltraumschmugglerin und der Anhalter, den wir mitschleppen, hat einen grauenhaften Musikgeschmack. Wenn wir schon bei Kritik sind: Leg dir wie jeder vernünftige Mensch einen Fusionsgenerator zu, dann müssen wir uns nicht mehr mit Spaltprodukten herumschlagen!“
„Ach komm schon“, meinte sie. „Für eine, die ihr Geld früher mit wer weiss was für Verbrechen verdient hat, das Gesicht voller Kampfnarben hat und in ihrer Freizeit Prinzessin spielt, hast du eine verdammt grosse Klappe.“ Als wir auf den Gang traten wurde die Musik noch besser hörbar. Ich betrachtete die unter dem metallenen Gitterboden verlegten Leitungen, die vor sich hin rosteten. Dieses Schiff würde früher oder später unser aller Grab werden, daran zweifelte ich nicht im Geringsten. Wer nannte schon einen alten Weltraumfrachter, der beinahe auseinanderbricht, Promise? Diese Schrottlaube nannte ich mein Zuhause und eigentlich fand ich es gar nicht so übel, zumindest wenn ich ab und an die Gelegenheit hatte, in meine Fantasiewelten abzutauchen.
Die Stimme meines Captains schaffte es problemlos, das Katzengejammer aus der nahen Kabine zu übertönen. „Komm schon, der Sound ist gar nicht so übel. Hm-Hm-Hm.“ Meine Güte, sie begann tatsächlich zu dieser akustischen Missgeburt zu summen, gar mit ihrem verdammten Kopf im Takt zu zucken. Mich aus der Luftschleuse zu werfen, wäre momentan ein echter Gnadenakt!

* * *

Für Setting und Clues zu dieser Story bedanken wir uns bei Mathias Leopold. Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung freuen. Bis zur nächsten Story müsst ihr euch einige Tage gedulden, doch ihr könnt schon jetzt rätseln, was Sarah nächsten Freitag mit der folgenden Bildvorgabe schreiben wird:
ClueWriting1

2 Gedanken zu „Realität

    • Hallo lieber Mathias,

      Vielen Dank für die Lorbeeren! Ich möchte mich auch herzlich für die Clues bedanken, hat wirklich Spass gemacht, sie zu schreiben :)
      Und die Wendung hat sich mit der Kombination von Ritterburg und Spaltprodukten so gut angeboten ;)

      Liebe Grüsse von den Clue Writern,
      Sarah

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