Special zu Rahels hundertster Story: Schlafen, Essen, Sterben

RahelAutorin: Rahel
Setting: Hundertstes Zimmer
Clues: Hunderter, Hundertstelsekunde, Jahrhundert, Hundertmeterlauf, Hundertschaft
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Seufzend, nein, ächzend warf er seinen ungeschickt gepackten Rucksack aufs Bett und liess sich gleich danach neben ihm auf die Matratze fallen. Die Anreise hatte wirklich zu lange gedauert, dachte sie sich, währendem sie versuchte ihren von Zugstizen und Übernächtigung malträtierten Körper dazu zu bewegen, aufzustehen und sich auszuziehen. Solche Dinge sind manchmal ein wenig seltsam, da freut man sich stundenlang auf eine warme Dusche und kann an nichts anderes denken, als endlich aus den dreckigen Klamotten zu kommen und kaum hat man die Chance dazu, kann man sich kaum dazu motivieren, sich auch nur einen Meter vom Lehnsessel zu entfernen.
„Ich bin total am Ende, gottseidank haben wir per Zufall dieses Hotel gefunden“, hörte sie Daniel mit erstickter Stimme murmeln, vermutlich hatte er seinen Kopf in dem riesigen Berg von Kissen vergraben und hatte genauso grosse Schwierigkeiten sich aufzuraffen. Einige Sekunden verstrichen, ehe sie gequält ein grunzendes Geräusch von sich gab, welches er richtigerweise als Zustimmung deutete. „Kann nicht aufstehen!“, sagte er abgehackt und deutete ihr mit einer faulen Handbewegung, auch ins Bett zu kommen, was sie auch getan hätte, wäre sie nur nicht so unheimlich müde gewesen. Es dauerte nicht lange, bis beide einschliefen, er irgendwo zwischen einer absurden Menge an Decken und sie auf dem grossen Sessel neben dem Schreibtisch.

„Ah!“, krächzte sie, nachdem sie aufgewacht war und versucht hatte sich zu strecken. Sich über die unappetitlich verkrusteten Augen reibend fragte sie sich, wie lange sie wohl in dieser unmöglichen Position geschlafen hatte; so verkrampft wie ihre Schultern und ihr Rücken waren, musste es mindestens ein Jahrhundert gewesen sein. Sie lauschte den typischen Morgengeräuschen, währendem sie umständlich versuchte ihren eigenen Nacken zu massieren und jedes Gelenk mindestens einmal knacken zu lassen. Gerade als ein kräftiges Würgen das Ende des Zähneputzens angekündigt hatte, klopfte es an der Tür und erst wusste sie nicht, ob sie sich vor der unerwünschten Störung nicht einfach unter dem Schreibtisch verstecken sollte. Widerwillig entschied sie sich gegen ihre Flucht unter die Glasplatte (ein ohnehin nur suboptimales Versteck) und wankte auf nackten Füssen durch den kurzen Flur.
„Ja?“, hauchte sie dem dümmlich grinsenden Herrn ihren verschlafenen Atem ins Gesicht, welcher die Geruchsbelästigung gleichmütig überspielte, sie überschwänglich begrüsste und sich sogleich mit einem vollbeladenen Essenswagen an ihr vorbeidrückte.
„Wir vom Team hoffen, dass Ihre erste Nacht angenehm verlaufen ist und möchten Sie mit unserem Champagnerfrühstück herzlich willkommen heissen“, flötete er heiter und begann diverse Lebensmittel im Hotelzimmer zu verteilen. Sprachlos blinzelte sie einige Male und sah zu, wie Lachsbrötchen, Gebäck, Kaffee und Kaviar auf den Glastisch und das Beistelltischchen wanderten. Doch als der Typ im Anzug dann etwas von seinem Karren zerrte, das wie ein Betttisch aussah, so ein Ding auf dem Mütter am zweiten Maisonntag ihr Frühstück assen, fühlte sie sich gedrungen zu handeln.
„Ähm“, räusperte sie sich, noch immer heiser von ihrer Nacht im klimatisierten Zug und auf dem überaus teuren, wenn auch völlig unbequemen Sessel, „Wir haben das nicht bestellt, wir sind gerade erst aufgewacht.“
„Oh, natürlich Miss“, sagte der Butler (sie hatte sich entschlossen, ihn Butler zu nennen, immerhin trug er nicht nur die stereotype Uniform, sondern sogar diese weissen Handschuhe, die sie noch von Rave-Partys aus den Neunzigern kannte), „Zimmerfrühstück gehört, wie alle andere Annehmlichkeiten des Hauses, zum Standard für unsere hochgeschätzten Gäste und ist selbstverständlich kostenlos.“
„Aha“, hörte sie sich ungläubig sagen und kratzte sich den verschwitzten Haaransatz. „Dann bedanken wir uns natürlich.“ Sie war sich nicht ganz sicher, ob diese Reaktion richtig gewesen war, oder ob sie dem Butler anstelle eines Danks nicht doch besser einen Hunderter zugesteckt hätte, zumindest hatte sie das so in diversen Filmen gesehen. Aber da sie weder Lust dazu hatte, sich auf der Suche nach ihrer Brieftasche durch ihren stinkenden Rucksack zu wühlen und erst recht nicht vorhatte, sich wegen etwas Kaviar und Handschuhen von ihrem letzten Geldschein zu trennen, fügte sie ihren Worten lediglich einen Knicks hinzu (welchen sie im Übrigen sofort bereut hat, nachdem ihr klar geworden war, wie unbeholfen ihr Verhalten gewirkt haben musste).
„Keine Ursache, wir kümmern uns gerne um wichtige Gäste wie Sie“, meinte er abwinkend, nachdem er das letzte Tablett hingestellt hatte und den Wagen in Richtung Flur schob. „Kann ich noch etwas für Sie tun? Meine Kollegen und ich erfüllen Ihnen gerne jeden Wunsch.“
„Ähm“, holte sie wieder verwirrt aus, schüttelte dann aber eilig den Kopf, bevor der Buttler noch eine Hundertschaft an Bediensteten herbeirufen würde. „Nein, nein, das ist schon mehr als genug, vielen Dank“, betonte sie nochmals mit Nachdruck und begann langsam nervös zu werden, so dass langsam ernsthaft in Erwägung zog, ihren Freund aus der Dusche zu reissen, damit er ihr würde helfen können.
„Wie Sie wünschen“, lächelte der Buttler, ehe er zu ihrem Entsetzen ihren Knicks von vorhin erwiderte und sich unheimlich lautlos aus dem Staub machte.

„Was ist denn hier los?“ Daniel stand pitschnass und mit ratlos baumelnden Armen inmitten der Köstlichkeiten und fixierte sie mit einem Blick, der entweder komplette Verwirrung, oder aber frisch geweckten Appetit hätte signalisieren können.
„Ich habe absolut keine Ahnung“, gab sie zwischen zwei grossen Bissen wahrheitsgetreu von sich und reichte ihrem perplexen Freund ein Lachsbrötchen. „Als du unter der Dusche warst, ist ein Buttler gekommen und hat das alles gebracht. Alles aufs Haus.“
„Okay?“, kam nach einer Weile des gegenseitigen Anstarrens die verwunderte Antwort, worauf gleich die Frage folgte, die sich wohl jedem aufdrängen würde: „Und wieso?“
„Woher soll ich das wissen?“ Ein weiterer Bissen von irgendeinem süssen Strudelgebäck verschwand in ihrem Mund, bevor sie kauend und dennoch bestimmt anfügte: „Ich weiss nur, dass so was hier nach drei Wochen Zugreisen, im Zelt schlafen und Dosenfutter essen eine echt erfreuliche Abwechslung ist.“ Daniel rieb sich ob der grossen Vielfalt über die Augen, rubbelte einige Male mit dem Handtuch über seine nassen Haare und schnupperte dann zögerlich an dem angebotenen Brötchen, so als würde er befürchten, man hätte ihm irgendetwas Giftiges draufgestreut.
„Ich dachte, du magst unser Zelt“, protestierte er mit einem leicht beleidigten Ausdruck, der sich aber schon nach einer Hundertstelsekunde aufgelöst hatte, nachdem er es gewagt hatte, in sein unverhofftes Frühstück zu beissen. „Fuck, das ist gut!“

Obwohl alles genauso war, man es sich wünschte, wie es halt eben hätte sein sollen, das Brot aussen knusprig und innen weich war, der Kaviar salzig und würgereflexprovozierend, der Champagner zu hochprozentig für die Uhrzeit und die Marmelade nicht bloss auf dem Toast, sondern auch auf den Fingern klebend, die beiden Rucksacktouristen konnten sich nicht so richtig auf das neuerliche Abenteuer im Luxushotel einlassen. Irgendetwas, da waren sie sich einig, stimmte einfach nicht. Also beschlossen sie, direkt nach dem Essen und nachdem sie das warme Wasser der Dusche genossen hatte, ihre grossen Rucksäcke zu schultern und möglichst unauffällig zu verschwinden.
„Meinst du“, sagte sie und steckte gähnend die restlichen Äpfel in ihre Umhängetasche, „die haben uns mit jemanden verwechselt?“ Daniel schien kurz zu überlegen, schüttelte dann aber den Kopf und erklärte: „Ich habe denen gestern beim Check-In ja meinen Pass gezeigt, wüsste also nicht weshalb die uns verwechseln sollten.“ Das stimmte natürlich, aber es wäre ja auch möglich gewesen, brachte sie an, dass nach der Anmeldung etwas schief gelaufen war und für den Fall wollte sie so schnell wie möglich von hier wegkommen, nicht, dass noch einer auf die Idee kommt, sie müssten die ganze Spezialbehandlung bezahlen.
Als sie die Tür geschlossen hatte und zu den Aufzügen gehen wollte, hielt ihr Freund sie an ihrem Hemdkragen zurück und deutete auf das unscheinbare Schild über dem Türspion des Raums, in dem sie bis eben geschlemmt hatten. „Sieh mal, hast du gewusst, dass das das hundertste Zimmer ist?“
Wie ein Sprinter, der sich kurz vor dem Startpfiff eines Hundertmeterlaufs daran erinnert hatte, dass es auf der Couch doch eigentlich viel gemütlicher wäre, drehte sie sich hastig um, beäugte das, was Daniel stutzig gemacht zu haben schien und erwiderte dann spöttisch: „Hast du dich blindgefressen? Da steht Hunderteins.“
Mit einem Grinsen, das nichts Gutes verhiess, mit dem er jede seiner Ansprachen begann, schwang er seinen grossen Rucksack an die richtige Stelle und meinte: „Das könnte man glauben, aber weisst du, weil viele Leute immer noch abergläubisch sind, gibt es in einigen Hotels kein Zimmer Dreizehn, insbesondere in alten Betrieben wie diesem ist das bis heute der Fall.“ Sie brauchte einige Zeit, solange wie man eben braucht um mit den Augen zu rollen, theatralisch zu seufzen und sich dann auf den Hacken umzudrehen, ehe sie antworten konnte: „Ist ja wahnsinnig interessant, aber komm jetzt, ich will nicht hier sein, wenn die sehen, dass wir das Badezimmer geflutet haben.“
„Okay, okay“, murrte er, lief ihr hinterher und grüsste freundlich den ihm entgegenkommenden Pagen, der den nächsten Gang Schlaftabletten servierte, um den Jagdtouristen am nächsten Tag etwas Wildes bieten zu können.

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