Fußmattengeplauder

Werner Wanze war ein besonderes Käfertier. Im Gegensatz zu seinen Artgenossen, die frischfröhlich und unorganisiert in die Welt hineinkrabbelten, hatte er eine echte Tagesroutine. Jeden Morgen punkt zehn Uhr traf er sich mit Sandra Schabe auf der Fußmatte beim Hintereingang des Wohnhauses zu einer Zigarettenpause. Werner Wanze war ein emsiger Beamtenkäfer, der seine Aufgabe, die Wanzenpopulation zu zählen, todernst nahm. Dass er seinen Job eigentlich satthatte, merkte man kaum. Sandra Schabe hingegen wurde wegen ihres […] Weiterlesen

Hector bekommt immer seine Antwort

Die Tür ging auf und damit verstummte das hektische Stimmengewirr. Hector atmete auf, genoss die Sekunde der Ruhe, ehe die Gesellschaft aus Berichterstattern, Filmteams und Schaulustigen in lautes Gebrüll ausbrach. Die Lobby des Parlamentsgebäudes versank im Chaos, alle stürmten zu Senatorin Redondo, welche sich, soweit es ihr möglich war, hinter ihren Bodyguards versteckte. Der offene Brief ihres Schwiegersohns hatte sie über Nacht zur Zielscheibe für die Presse gemacht. […] Weiterlesen

Patreon-Bonus | Der sprichwörtliche Judas

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Die Hipster-Falle

„Whassup, Bitches?“ Vom lauten Singsang erschrocken, fuhr Leonie hoch und wandte sich derart schnell um, dass sie beinahe das Gleichgeweicht verlor. Entnervt stöhnte sie auf: „Felix, hast du sie noch alle? Es ist neun Uhr abends, es ist totenstill. Hör auf, mich anzuschreien!“
Grinsend trat ihr guter Freund ein und platzierte mit einer ausladenden Geste zwei To-Go-Becher des Independent-Kaffeelädchens nebenan auf dem Tisch. „Ich bin schockiert, hast du dich nicht über den unpassenden Plural aufgeregt.“
„Manchmal, nur manchmal, bin auch ich müde“, beschwerte sich die sonst stets quirlige Leonie und hob ihren Becher auf. „Aber Kaffee hilft. Frische […] Weiterlesen

Marja

Die Keksschachtel ist seit einigen Tagen offen, dementsprechend trocken und krümelig ist das Mandelgebäck. Flavia gönnt sich jeweils zwei pro Mittagspause, eine Weile hat sie es mit einem probiert, aber so viel Verzicht mundet ihr nicht, es reicht, erstmal das Abendessen ausfallen zu lassen.
„Hi“, sagt sie zu Sanja und Margret, die wie üblich früher in die Pause gegangen sind, um auf der Rampe beim Lieferanteneingang eine zu rauchen. Sie gucken von ihren Smartphones hoch, wo sie vermutlich gerade die neusten Instagrambilder der jeweils anderen studierten, starren Flavia […] Weiterlesen

Zuckerguss und Einstichstellen

Es ist mein erster Arbeitstag im neuen Job. Wie es sich für einen Neuling gehört, tänzle ich aufgeregt durch die Menschenmasse, atme tief ein und hoffe, nicht mein nettes Jackett zu verschwitzen. Gemietete Kleidung sollte man in einem einigermaßen passablen Zustand zurückgeben, denke ich mir und weiche einigen herausgeputzten Herren aus. Klar, es ist eine Hochzeit, aber ich komme mir sogar in der schicken Kleidung fehl am Platz vor und das aus gutem Grund. Noch gestern hatte ich versucht, den Boss davon abzubringen, mir diesen Auftrag zuzuschanzen. Leider erfolglos. […] Weiterlesen

Madame Mimi Moffats Märchen

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der siebten Clue Writing Challenge.

2011

„Es liegt mir fern, unhöflich zu sein“, beginne ich ohne den Treuhänder anzusehen. Vor einigen Tagen hatte er mich in sein Büro geladen, wo heute Morgen alle Formalitäten besprochen und notwendigen Unterschriften gesetzt wurden. „Doch ich wäre lieber alleine. Die Nachricht verdauen, Sie verstehen?“
„Gewiss“, gibt der ältere Herr nickend zurück und verweilt einige Sekunden scheinbar ratlos inmitten des muffigen Wohnzimmers, ehe er mir auf die […] Weiterlesen

Patreon-Bonus | Eine Fracht wie keine andere

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Der Mörder von Morville

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der siebten Clue Writing Challenge.

Madame Mimi Moffat war eine typische alte Dame, nun ja, zumindest sah sie selbst das so. Allerdings fiel sie in dem kleinen Dörfchen Morville dank einiger Eigenarten auf. Sie wurde gemeinhin als die „schrullige Französin“ bezeichnet, die in einer zerfallenden Villa auf dem bewaldeten Osthügel lebte. Eigentlich war sie bloß zu einem Achtel Französin, nichtsdestotrotz bestand sie darauf, mit „Madame“ angesprochen zu werden, man sollte ihr schließlich den gebührlichen Respekt zollen. […] Weiterlesen

Special zur sechshundertersten Story | Sechshundert Leben

Und auf einmal kehrt Ruhe ein. Die Hektik fällt unter dem Druck einer schweren Gewissheit in sich zusammen, wir treten zurück und ich mache offiziell, was uns allen klar ist: „Zeitpunkt des Todes: Zwei Uhr dreiundfünfzig.“ Meine rechte Hand, Schwester Thea, nickt mir aufmunternd zu. Ich erwidere die Geste, sie ist Routine geworden. „Bereiten Sie ihn vor. Ich spreche mit der Familie.“
Mein Besteck landet in der Nierenschale, der Schurz im dafür vorgesehenen Abfalleimer beim Durchgang zum Waschraum. Das Waschen ist zum Ritual geworden, einem, das ich liebgewonnen habe. Durchatmen, meine Reflektion im Spiegel anstarren, ohne mich wirklich wahrzunehmen. Dieser Moment, unmittelbar nachdem ein Menschenleben unter meinen Fingern sein Ende gefunden hat, ist mir heilig. Doch er dauert keine drei Minuten, […] Weiterlesen