Der Kloster-Job

Erfüllt von Wonne blickte Manfred zur Schwarzen Madonna hoch und seufzte zufrieden. Ein weiterer langer und strenger Tag ging dem Ende zu, während sich der Himmel über dem Kloster von Einsiedeln dunkel färbte. Der in eine Mönchskutte gekleidete Mann in mittleren Jahren verließ die Kapelle und schritt ruhig und zufrieden in die Richtung seiner bescheidenen Schlafgemächer, in denen der einzige Gegenstand aus seinem früheren Leben eine Kuckucksuhr war, die er von seinem Großvater geerbt hatte. Mit einem schwachen Lächeln erinnerte er sich daran, wie viel Überzeugungsarbeit es damals gebraucht hatte, den Abt dazu zu bewegen, ihm die monströse Uhr im Zimmer zu gewähren. Ja, Manfred mochte das Mönchsleben – besonders, weil der strikte Lebensstil für Ausgeglichenheit und inneren Frieden sorgte. […] Weiterlesen

Nebelwald

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Sein Körper wurde von den bebenden Atemstössen seines preisgekrönten Jagdpferdes rhythmisch auf und ab gewippt, als er das schweißnasse, dampfende Fell des muskulösen Tieres flattierte. Benedict knotete die Zügel fahrig am Ring des Aufstiegriemens fest, griff in die Brusttasche seines Designerhemds und zündete sich danach genüsslich einen Glimmstängel an. Die Sonne war bereits vor Stunden hinter den Baumwipfeln verschwunden und das Mondlicht, das durch trübe Nebelschwaden sickerte, verlieh dem Wald eine märchenhafte Stimmung, die beinahe über die unangenehme Kälte hinwegtäuschen mochte. […] Weiterlesen

Mörderspiele

Unruhig wälzte Dulé sich auf dem billigen Liegestuhl hin und her, die Sonne brannte unangenehm auf seinen Füssen, die vom Schirm nicht mehr verdeckt wurden, und der Mojito, den er vor einigen Minuten an der Bar des nahegelegenen Strandbistros gekauft hatte, drohte überzuschwappen. Der Strand vor voller Menschen, lauten Kindern und noch lauteren alkoholisierten Eltern, die durchs Meer rannten und planschten und früher oder später würde wieder jemand hinfallen, wobei Dulé einen Lachanfall würde unterdrücken müssen. Er fand diesen Ort unerträglich, doch sein bester Freund, mit dem er schon seit mehreren Jahren zusammenarbeitete und der ihn angeblich immer wieder aus seiner Misanthropie befreien wollte, hatte ihn zu diesem Strandurlaub eingeladen und leider diktierten ihm nun die soziokulturellen Konventionen, an einem […] Weiterlesen

Innenleben

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Heute war wieder einer dieser regnerischen Tage, die selbst einen gut beleuchteten Raum in eine unheilvolle Atmosphäre tauchten und das leise Pochen der Regentropfen auf dem Flachdach der Gefängniskantine füllte meinen Geist mit Schwermut, so dass es mir bitter erschien, aufmerksam bleiben zu müssen. Ich ließ meinen trägen Blick durch die unzähligen Bankreihen schweifen und ließ zu, dass meine Gedanken abdrifteten, während ich mich gegen die kalte Wand, direkt neben der schweren Durchgangstür zum Westflügel, lehnte.
Dieses Gefängnis war in den letzten Jahren zu meinem Zuhause, meinem Biotop […] Weiterlesen