Winter im Tonstudio

Autorin: Sarah
Titelvorgabe: Symphonie im Bunker

Diese Geschichte spielt in einem erweiterten Universum von Sarah. Links zu weiteren Episoden findet ihr hier.

Fortsetzung und Schluss zu: Symphonie im Bunker

Der kalte Nachtwind fegte Nani vereinzelte Schneeflocken ins Gesicht und ihre Ohren schmerzten, dabei brannten ihre Lungen vom Aufstieg. „Sag mal“, begann sie und lehnte sich gegen eine Wand, „denkst du, wir schaffen es?“
„Hinauf? Keine Ahnung“, murmelte der Junge, alles andere als zuversichtlich. Er hatte seine abgewetzte Jeansjacke eng um seinen ausgemergelten Oberkörper geschlungen. Nani hatte seinem Schritt die Erschöpfung angesehen, zumindest beim Erklimmen der letzten fünf Stockwerke, weswegen sie die Pause vorgeschlagen hatte. Nun konnte sie sich das Amüsement nicht mehr verkneifen: „Nein, ich meine eher, ob der Sender funktioniert.“
„Hm.“ Han wollte sich offenbar auf keine genauere Prognose zu seinem gewagten Plan einlassen und Nani entschied sich dagegen, ihn zu löchern. Sie betrachtete die Umrisse der Ruinenstadt unter ihnen; einzig deren schneebedeckte Flecken wurden von den zwischen den Wolken auftauchenden drei Monden erhellt. Ab und an drang ein schauriges, entferntes Röcheln zu ihnen, das sie beide ignorierten. Stattdessen meinte Han schlotternd: „Ich glaube, unsere Strategie geht auf. Die Jiāngshī sind ruhiger, die Jäger verkriechen sich, weil sie in der Nacht Angst haben, also …“
Ein Knurren ertönte hinter ihnen und Nani zog mit einer fliessenden Bewegung den Blaster, mit dem ihr bestenfalls noch zehn Schuss blieben, aus dem Holster. Sie sprang auf, konnte in dem dunklen Büro aber nirgendwo eine Bedrohung ausmachen. „Fuck, wo ist das Ding?“
Als hätte der Zombie auf diese eine Frage gewartet, humpelte er vorwärts und stürzte sich auf Han. Bevor Nani Gelegenheit zum Schiessen hatte, duckte sich der wendige Junge weg, was dazu führte, dass der Untote über ihn stolperte und einen Kopfsprung durchs Fenster machte. „Bái chī“, brüllte Han dem Zombie aus dem vierzigsten Stock hinterher und Nani verkniff sich ein Lachen. Dann gewann ihre vernünftige Seite wieder die Oberhand. „Pst, hast du sie noch alle?! Du weckst die ganze Stadt auf und lockst deine Dingsbumsens im Haus an!“
„Dingsbumsens?“ Er starrte sie einige Sekunden an, bis sich seine Mine heiterer wurde. „Meinst du Jiāngshī?“
„Mir egal, wie du sie nennst. Was ich nicht essen kann und was uns essen will, ist ein Feind“, meinte sie versöhnlich. „Okay, weiter, wir haben nur noch siebzehn Stockwerke vor uns.“
„Nur? Ich hasse mein Leben“, seufzte Han und erhob sich. „Scheiss Apokalypse.“

Während sie die letzten Meter durch den Gang über den leicht geneigten Teppichboden schritt, fragte sich Nani, was sie eigentlich von Han halten sollte. In den letzten Wochen hatte sie ihn genauer beobachtet. Einerseits war der Junge widerborstig wie nahezu alle Menschen, die sie in Ausnahmesituationen getroffen hatte, andererseits wirkte er eingeschüchtert; diese Zweiseitigkeit gab ihr Rätsel auf und liess sie mit sich hadern. Vielleicht lag es an seinem Alter, vielleicht an der Chance auf eine Fluchtmöglichkeit, vielleicht auch …
„Hey, träumst du?“, zischte Han grinsend. „Wir sind bald da.“
Nani gab ein zustimmendes Brummen von sich und hob ihre Taschenlampe, deren tanzender Lichtkegel ein Türschild erfasste. „Tonstudio“, übersetzte Han ihr die Schriftzeichen auf dem von mehreren Brüchen gesplitterten Milchglas. „Wir sind da.“
„Endlich“, keuchte Nani. sie hoffte inständig, ihr Unterfangen klappte, zumal sie alternativlos waren. Han war erst kürzlich auf die Idee gekommen, im Studio der lokalen Holo-News die passende Sendetechnik zu suchen. Kommen würde ohne ihr Zutun zweifellos niemand, denn Menschen sahen aus dem Orbit auf jedem Lebensformenscan aus wie Zombies und das Militär hatte die Welt unter Quarantäne gestellt. „Okay, auf drei.“

Als erstes leuchtete Nani jeden Winkel des Raumes mit ihrer Taschenlampe aus und fand ausser unzähligen Geräten nichts. „Ja, das ist ein Tonstudio, soviel ist klar. Bist du sicher, dass wir das nötige Equipment auftreiben können?“
„Einzig die Uneinheitlichkeit der Anlagen könnte heikel werden, viel Tech wird kaputt sein und wir müssen mit dem arbeiten, was wir kriegen. Dafür können wir das ganze Gebäude als Antenne nutzen, also sollten wir durchkommen.“ Damit deutete er auf die grossen, vertikalen Eisenträger, die durch den Zerfall freigelegt worden waren.
„Passt.“ Nani stellte ihren Rucksack auf einen verstaubten Tisch. „Ich versuche mal, die Kontrollen für das Notstromaggregat zu finden.“

Die beiden arbeiteten seit einer Viertelstunde still in ihren jeweiligen Ecken des Raumes, Nani registrierte, wie Han zwischendurch Kabel aus einem Gerät riss, mit anderen Drähten verband und dabei unterdrückt fluchte. Da fiel ihr wieder eine Frage ein, auf die sie bislang keine Antwort bekommen hatte: „Hey Junge, wieso bist du so gut mit Technik?“
„Hm“, machte Han schulterzuckend. „Ich stamme aus der Unterschicht.“ Nani wunderte sich, ob er nicht darüber sprechen wollte, oder ob einfach in seine Arbeit vertieft war und deshalb zögerlich klang. „Dad war Fälscher, Mom Hackerin. Gaunerfamilie; da lernt man einiges. „Erst, als ich auf die Musikschule kam, bin ich ein normaler Bürger geworden.“
„Sei froh, dein Geschick könnte uns von hier wegbringen.“ Nani stiess ein triumphierendes Geräusch aus. „Ha, ich hab’s geschafft, das Ding läuft!“ Summend erwachte die Notstromversorgung zum Leben, einige Notleuchten an der Decke flammten auf, was Nani sogleich mit einem halblauten „Scheisse“ quittierte. Auf Hans fragenden Blick erklärte sie eilig: „Wir sind ein verdammter Leuchtturm in einer dunklen Stadt, jeder weiss jetzt, wo wir sind! Wo ist der verdammte Lichtschalter?“
„Notbeleuchtung hat auf dieser Welt keinen Aus-Schalter, ist per Gesetzt vorgeschrieben“, klärte sie Han auf. „So lange wir Strom zum Senden brauchen, sieht uns die ganze Stadt. Immerhin reagieren die Jiāngshī nicht auf elektrische Beleuchtung. Die Jäger hingegen …“
„Ich hasse die Apokalypse“, ächzte Nani. „Egal, wie gewitzt die Jäger sind, das Haus ist voll von deinen Dingsbumsens und die wissen nicht, welches Treppenhaus wir benutzt haben, also hätten die Ewigkeiten, um hochzukommen. Kümmern wir uns lieber raschmöglichst um das Com.“
„Hör auf, sie ‚Dingsbumsens‘ zu nennen“, grummelte der Junge, fügte dann freundlicher hinzu: „Ich bin so weit. Drück uns die Daumen für ein Signal.“

Nani war kurz davor, aufzugeben. Bereits ein Dutzend Mal hatten sie erfolglos versucht zur Aussenwelt durchzukommen. „Komm schon“, beschwor sie die Technik, langsam wurde ihr unwohl. Jemand käme, das war klar, jedoch hegte sie den Verdacht, anstelle von allfälligen Rettern, wären es Jäger oder diese Wiedergänger, denen Han einen unaussprechlichen Namen gab. „Irgendwas?“
Der Junge schüttelte den Kopf. „Nein, ich komme nicht durch, wir können lediglich den Notfallpeilsender aktivieren und hoffen.“
Nani fuhr sich durch die Haare und wollte eben etwas entgegnen, als sie Stimmen aus dem Treppenhaus durch zu ihr durchdrangen. „Shit, sie kommen“, warnte sie ihn leise und bedeutete ihm, sich zu ducken. Jemand war vor der Tür zu ihrem Stockwerk angelangt und keifte etwas, das Nani chinesisch vorkam. Hilfesuchend wandte sie sich zu Han um, der sich neben einem Tisch versteckte und flüsterte: „Sie sagen, wir sollen uns ergeben oder sie jagen Wellen von Jiāngshī zu uns hoch, bis sich das Problem von selbst erledigt.“
„Sag ihnen …“ Sie hielt inne, überlegte angestrengt, dann lächelte sie finster. „Sag ihnen, wenn sie nicht abhauen, sprengen wir sie ins Nimmerland.“
„Haben wir überhaupt …“
„Sag es einfach, Junge! Vertrau mir“, fiel sie ihm ins Wort und nahm das Energiemagazin aus ihrem Blaster. „Ich habe hier und da auch ein paar Tricks gelernt.“
Han tat wie ihm geheissen, aber sein Kontra wurde mit einem spöttischen Lachen kommentiert. „Sie kommen“, wisperte er.
„Ach, scheiss drauf.“ Nani verband fatalistisch die beiden Kontakte des Energiemagazins mit einem Stück Draht und warf es durch den einen Spaltbreit geöffneten Zugang ins Treppenhaus, bevor sie zu Han in Deckung kroch. Die Explosion war lauter, als sie gedacht hatte, hallte gespenstisch durch das Gebäude und gab der Notbeleuchtung endgültig den Rest, die Druckwelle liess verschiedene kleine Gegenstände aus den geborstenen Fenstern segeln.

Nani sprang sofort auf und griff sich das nächste Ding, einen schweren Kristall, wahrscheinlich ein Briefbeschwerer oder sentimentales Kinkerlitzchen eines Radiomoderators. Sie war bereit allem, was durch die Tür kam, den Schädel zu zertrümmern, fand es allerdings schwer, ihre Augen wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen, weshalb sie sich hauptsächlich auf ihr Gehör verlassen musste. Aus dem Treppenhaus war nichts zu vernehmen, hinter ihr erklang nur der schwere Atem ihres Begleiters. „Scheisse, du hast sie alle umgebracht!“
„Was hast du denn erwartet?“, konterte Nani gleichgültig. „Hätte ich ihnen Kekse backen sol…“ Sie verstummte. „Hörst du das?!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, rannte sie zum Fenster und schrie frohlockend, da sie die Lichter über ihnen am Himmel erkannte; jemand hatte ihren Notruf tatsächlich empfangen und war gekommen! Der eisige Wind, welcher ihr vorhin in den Lungen gebrannt hatte, kam ihr dank dem Adrenalin bestenfalls noch wie eine leichte Brise vor, die ihr Haar zerzauste. Han trat neben sie und sie wusste, er würde sie von nun an immer als Killerin in Erinnerung behalten; nur war ihr das egal, Hauptsache, sie hatte ihm das Leben gerettet.

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Für Setting und Clues zu dieser Story bedanken wir uns bei Klaus Neubauer. Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung oder eure Unterstützung auf Patreon freuen. Möchtet ihr, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit gerne Clues vorschlagen. Bis zur nächsten Story müsst ihr euch einige Tage gedulden, doch ihr könnt schon jetzt rätseln, was Rahel nächste Woche mit den folgenden Vorgaben schreiben wird:
Setting: Bühne
Clues: Lichtausfall, Stromschlag, Diva, Schokolade, Gürtel

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