Feindliche Übernahme

SarahAutorin: Sarah
Setting: Kaminzimmer
Clues: Schlamm, Spielleiter, Lindenbaum, Scharfschütze, Bescheidenheit
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

René lehnte sich zufrieden in die Polster des mächtigen Ohrensessels zurück und spielte mit dem Martiniglas in seiner Hand. Das Kaminzimmer des Gstaader Fünfsternhotels war leer und er genoss die lange ersehnte Ruhe nach dem Meeting, das ihn eher an einen Marathon, als an eine Geschäftssitzung erinnert hatte. In einer halben Stunde würde er zum Pool gehen und ein paar Bahnen schwimmen, so wie er es hier im Hotel jeden Abend tat. Für einen Besuch der Wellness-Anlagen blieb ihm danach keine Zeit, doch um ehrlich zu sein konnte er ohnehin nicht viel damit anfangen; die Gesichtsmasken erinnerten ihn an Schlamm, in der Sauna roch es nach Hustenbonbons und die Sprudelliegen kitzelten unangenehm am Hintern. Sein Blick wanderte von dem im Kamin knisternden Feuer aus dem Fenster, wo ein schneebedeckter Lindenbaum in der von unzähligen Lichterketten erhellten Dunkelheit stand. Ja, sein Interesse für Biologie lohnte sich immer wieder, er konnte mittlerweile Bäume zuordnen, sogar wenn sie keine Blätter trugen. Mit einem müden Seufzer streckte er sich und freute sich bereits auf sein frisch gemachtes Bett, genau die richtige Belohnung nach einem derart strengen Tag.

Das Knarren der hölzernen Tür riss ihn unsanft aus seiner Gedankenwelt und er blickte auf. Ein elegant gekleideter Mann in seinen frühen Vierzigern, der eine Zeitung und einen Tablet-PC unter dem Arm trug, trat in das Kaminzimmer und sah sich um, bevor er mit einem höflichen Lächeln an René gewandt fragte: „Ist die Couch schon besetzt?“
„Nein, setzen Sie sich nur“, entgegnete er und fügte dann hinzu: „Ich gehe sowieso gleich ins Schwimmbad.“
Der Fremde setzte sich hin, legte Zeitung und Tablet neben sich auf die Couch und musterte René kurz, bevor er fragte: „Sind sie nicht René Herzog, der CEO vom Pharmakonzern Laval?“
„Ja“, antwortete er erstaunt, er hatte nicht damit gerechnet, dass ihn der Fremde erkennen würde.
„Freut mich, Martin Baumann“, stellte sich sein Gegenüber vor und bot ihm eine Hand dar. „Ich bin der Spielleiter vom Menuhin-Festival.“
René hatte inständig gehofft, dass ihn Baumann in Ruhe lassen würde, hatte er sich doch auf einen beschaulichen Abend gefreut und nicht die geringste Lust darauf, Konversation mit jemandem zu machen, der ihn nicht weniger interessieren könnte. Doch Baumann war alles andere als verständig und rücksichtsvoll und begann über alle nur erdenklichen Belanglosigkeiten zu sprechen. René gab ihn ziemlich einsilbige Antworten, gerade genug, um nicht unhöflich zu sein aber auch nicht so viel, dass sein Gesprächspartner das Gefühl haben konnte, ihm mache die Unterhaltung Spass. Er war der CEO einer der grössten Firmen im Land, überlegte René ohne Bescheidenheit, und würde sich morgen in einem weiteren Geschäftsmarathon dursetzen müssen, um eine Fusion zu verhindern, die zwar einigen Aktionären die Taschen füllen, aber die Firma sicher ruinieren würde. Doch gegen die feindliche Übernahme des Kaminzimmers durch diesen impertinenten Baumann konnte er sich nicht zur Wehr setzen.
„…und darum ist Gstaad im Winter tatsächlich am schönsten“, beendete Baumann eben seine langen Ausführungen und René nickte höflich, froh um die entstandene Pause, die ihm ein Zeitfenster zur Flucht bieten würde. „Es hat mich sehr gefreut, mich mit ihnen zu unterhalten, doch ich sollte langsam aufbrechen, damit ich morgen ausgeschlafen bin.“
„Einen Moment noch“, warf Baumann hastig ein und René versuchte angestrengt, sich seine Ungeduld und Gereiztheit nicht anmerken zu lassen. „Was denn?“, fragte er  dennoch etwas unwirsch.
„Sie müssen wissen, dass ich Sie nicht zufällig hier getroffen habe“, begann Baumann. René blickte überrascht auf, doch als er den Ausdruck in dem Gesicht seines Gegenübers erkannte, wich sein Erstaunen einem unangenehmen Gefühl der Unruhe. Er hätte nicht beschrieben können, was er in der weiterhin höflichen Miene des Andern sah, doch er empfand es als bedrohlich. „Wieso, was meinen Sie?“, fragte René etwas unsicher.
„Ganz einfach“, begann der Fremde lächelnd, „Ich musste Sie lange genug beschäftigen, damit mein Team in Ihr Zimmer gelangen und Ihre Unterlagen durchsehen konnte. Wir konnten ja nicht sicher sein, dass Sie vor ihrem allabendlichen Schwimmen nicht kurz hochgehen würden. Aber vor allem wollte ich mich mal entspannt mit Ihnen unterhalten, man muss seine Gegner ja kennen.“
„Das reicht, ich rufe die Polizei“, erklärte René entscheiden und wütend, während er sich erhob.
„Das würde ich an ihrer Stelle nicht tun“, entgegnete der Fremde ruhig. „Wenn ich nicht in einer halben Stunde einen Anruf mache, wird ein Scharfschütze ein schönes, rundes Loch in den Kopf Ihres Sohnes machen und das wollen wir doch nicht, oder?“
René erstarrte mitten in der Bewegung und hatte den Eindruck, dass sein Magen sich verkrampfte. Sein Mund war trocken und ein Teil von ihm hoffte inständig, dass alles nur ein Albtraum war und er jeden Moment aufwachen konnte – doch es war nur allzu real. Bevor er etwas fragen konnte, reichte ihm der Fremde sein Tablet und sagte freundlich: „Aber sehen Sie selbst.“
René griff nach dem Gerät und warf einen Blick auf den Video-Stream, der auf dem Display zu sehen war. Er konnte das Haus seiner Familie erkennen, die Vorhänge hinter dem Fenster des Kinderzimmers waren aufgezogen. Sein kleiner Sohn sass auf dem grauen Hochflorteppich und schien ein Puzzle zusammenzusetzen. Der Kloss im Hals und die erdrückende Angst, die sein Herz rasen liess machte René das Sprechen schwer und er konnte sehen, dass seine Hände zitterten. Der Fremde lächelte ihn gelassen an und erklärte auf seinen fragenden und verzweifelten Blick hin: „Nur keine falsch Bescheidenheit, sie sind ein wichtiger Mann, Herr Herzog. Und morgen werden sie den Verwaltungsrat davon überzeugen, Laval zu verkaufen.“
„Wer sind Sie?“, brachte René hervor.
„Ich habe Freunde, die gut daran verdienen werden, wenn ihre Firma den Besitzer wechselt“, entgegnete der Fremde ungerührt. „Und sie müssen wissen: mein Scharfschütze wird das Fenster ihres Sohnes auch morgen noch im Visier haben.“ Damit erhob er sich und verliess den Raum. René blieb allein im Kaminzimmer zurück und starrte ungläubig in das knisternde Feuer, das den Geruch von Harz verbreitete.

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