Momentan unwichtig

RahelAutorin: Rahel
Setting: Zwischen Tür und Angel
Clues: Senf, Katzenhaarallergie, Tiefkühlkost, Bauarbeiter, Misanthropie

Dezember 2202

Michio schlug seine Hacken zusammen und blieb kerzengerade und mit angehobenem Kinn unter dem Türrahmen stehen. Sein Vorgesetzter, oder besser gesagt, der Vorgesetzte aller hier anwesenden Militärs und Wissenschaftler, fuchtelte mit der Hand, ohne von seinem antiken Aktenstapel aufzusehen. Vermutlich wollte er Michio mitteilen, dieser dürfe bequem stehen.
„Spezialist Hideo“, holte der General der Armee aus und pausierte, um seine Lesebrille abzulegen, „wie fühlen Sie sich heute?“ Michio, der noch immer in der Achtungsstellung verweilte, nickte zur Antwort nachdrücklich.
„Gut, dann können wir ohne Umschweife beginnen.“ Der General klang zufrieden, obwohl allen Anwesenden klar war, dass ihn die bevorstehende Operation alles andere als freudig stimmen musste. Die Weisung, dass die Apparatur erst getestet werden musste, kam von ganz oben und machte selbstverständlich Sinn, in ihrer momentanen Lage kam allerdings jede Verzögerung dem potentiellen Untergang gleich
„Hatten Sie genügend Zeit, sich mit der Fall-Akte Anna auseinanderzusetzen?“ Wieder nickte Michio ohne zu zögern.
„Sehr gut, dann können wir diese unsägliche Angelegenheit sofort hinter uns bringen?“ Er hatte es wie eine Frage formuliert, obwohl niemand sich hätte vorstellen können, dass der General eine Verneinung akzeptiert hätte. Zu ihrem Erstaunen, fügte er nonchalant an: „Gehen wir die Daten auf dem Weg ins Labor ein letztes Mal durch.“

Es war ein komisches Gefühl, direkt neben dem ranghöchsten General zu schreiten und Michio wusste nicht so recht, wie er auf dessen väterlich klingende Ratschläge reagieren sollte. Bis vor zwei Wochen war er bloss einer von vielen Wissenschaftlern auf dem Gelände gewesen und es war in seinen Augen reiner Zufall, dass ausgerechnet er für die Operation ausgewählt worden war. Wahrscheinlich, so seine einzige Erklärung, hatten sie einfach jemanden gebraucht, der einerseits klug genug war, die Funktionsweise der Zeitmaschine zu verstehen, andererseits jedoch nicht unentbehrlich für die weiteren Arbeiten daran war.
„Sir, darf ich Sie etwas fragen, Sir?“ Der General sah ihn an und sein Lachen hallte durch den unterirdischen Korridor.
„Junge, nennen Sie mich Mike und fragen Sie mich was auch immer sie wollen“, meinte er und klopfte ihm im Gehen auf die Schulter.
„Sir, danke, Mike…“ Michio blickte kurz auf den gefliesten Boden, ehe er kleinlaut hinzufügte: „Sir.“ Alte Gewohnheiten liessen sich eben nicht in Sekunden ablegen. Mike lachte erneut und aus den Reihen an Militärpersönlichkeiten und Wissenschaftlern, die hinter ihnen hermarschierten, vernahm Michio einheitliches Kichern.
„Nun schiessen Sie schon los“, befahl Mike und legte seine Handfläche auf den Türscanner.
„Von welcher Quelle haben wir die Akte Anna erhalten?“

Juni 2078

„Ruth, das musst du dir anhören. So etwas Verrücktes habe ich noch nie gesehen!“ Die Angesprochene, froh um etwas Ablenkung von ihrer Arbeit, drehte sich mit dem Bürostuhl zu ihrer Kollegin, die sich mit einem dicken Stapel Papiere an die Glastür lehnte.
„Als letzte Handlung in meinem Leben“, begann die Sekretärin vorzulesen, „vermache ich bei voller Kontrolle über meine geistigen Fähigkeiten, mein Leben und alles was darin geschehen ist, dieser staatlichen Forschungsanstalt des U.S. Militärs.“
„Na und?“, fragte Ruth schulterzuckend, „Wir bekommen häufiger Körperspenden.“ Ihr Gegenüber schüttelte augenblicklich den Kopf und sah sie eindringlich an.
„Das ist keine Körperspende, Ruth, die Frau hat uns ihr Leben vermacht, für den Fall, dass wir in Zukunft Experimente mit Zeitreisen durchführen wollen. Schau, sie hat ihr ganzes Leben dokumentiert und bescheinigt… Moment.“ Während sie eifrig durch die Papiere blätterte, zog Ruth an ihrem linken Ohrläppchen, ein Zeichen dafür, dass sie komplett verwirrt war.
„Ah, hier ist es“, sie holte Luft, ehe sie weiterlas: „Ich kann nach jahrelangen Recherchen und Aufzeichnungen zweifelsohne bestätigen, dass mein Leben keinerlei Einfluss auf die Umwelt genommen hat und selbst ein irreversibles Auslöschen meiner Existenz in keiner Weise Veränderungen in der Geschichte zur Folge hätte.“
Ruth hatte ihren Stift beiseitegelegt und hörte mit zusammengezogenen Augenbrauen zu, konnte die Begeisterung ihrer Kollegin für dieses skurrile Vermächtnis nicht teilen.
Nachdem sie auf Drängen ihrer Mitarbeiterin den Begleitbrief überflogen hatte, meinte Ruth bloss: „Wenn du meinen Senf dazu hören willst, schmeiss das Ding weg. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir das jemals brauchen können, wenn überhaupt, gehört es in die Hände eines Kitsch-Autoren, der das Leben einer einsamen, unbedeutenden Frau für ein paar Dollar ausschlachten will.“

April 2194

Die Sitzung war nun seit knapp vier Tagen in Gange und so langsam verhärtete sich der Verdacht, dass man sich niemals würde einigen können. Dann kam Clarice, die Assistentin eines der rangniedrigeren Komitee-Mitglieder, in den Raum gestürmt. Erschrocken von all den Blicken, die sie fixierten, verharrte sie eine Weile in der Tür, fand dann aber ihre Stimme und informierte die Anwesenden über ihre Entdeckung.
„Sie sagen also, dass wir diese Anna aus der Vergangenheit löschen können, ohne Konsequenzen zu befürchten?“, erkundigte sich der Stabsekretär ungläubig.
„Ihren Aufzeichnungen zufolge, ja.“ Clarice räusperte sich und schob eine alte, digitale Liste auf den Holoschirm. „Sie sehen, ihre Dokumentationen sind äusserst umfangreich und umfassen alles; von einem detaillierten Lebenslauf inklusive den sozialen Interaktionen, die sie im Alltag geführt hat, bis hin zu Nebensächlichkeiten, wie ihrer Katzenhaarallergie oder ihrer Vorliebe für Tiefkühlkost.“
Einige im Sitzungszimmer konnten sich trotz der prekären Lage ein Kichern nicht verkneifen. Selbst Mike, der sich für seine Übernahme des höchsten Militärranges andere Umstände gewünscht hatte, schmunzelte verhalten.
„Meine Damen und Herren“, sagte er schliesslich und winkte dann Clarice zu, sie solle weitersprechen. „Lassen wir sie ausreden.“ Eigentlich hatte er hinzufügen wollen, dass sie zu diesem Zeitpunkt ohnehin jede noch so lächerliche Idee in Betracht ziehen mussten, liess es allerdings bleiben. Die junge Frau hüstelte verlegen und wollte gerade ausholen, wurde dann jedoch von einem älteren Herrn unterbrochen, dessen schwielige Hände eher zu einem Bauarbeiter als zu einem Senatoren gepasst hätten.
„Mit Verlaub“, meinte er rau und richtete sich auf seinem Stuhl auf, „seit wann glauben wir dem Wort einer schrulligen Alten, die ihr Leben vermutlich in Einsamkeit und Misanthropie gefristet hat?“ Sein Tonfall troff vor Spott und Clarice fühlte sich nicht zu Unrecht unwohl, denn der Senator war bekannt für seine misogyne Einstellung.
„Nun“, Clarice gab ihr Bestes, sich ihre Verunsicherung nicht anmerken zu lassen. „Ich kann natürlich nicht für die Richtigkeit dieser Aussagen bürgen, aber wenn ich das richtig verstehe, stehen wir zwischen Tür und Angel und mit Verlaub…“, pausierte sie geschickt, „eine einsame Misanthropin ist so ziemlich genau das, wonach wir suchen.“

* * *

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3 Gedanken zu „Momentan unwichtig

    • Hallo werte Frau von und zu Wunderwald,
      vielen lieben Dank für das fleissige Rebloggen unserer Kurzgeschichten :)

      Du hast mich doch glatt ein wenig paranoid gemacht, denn ich habe mich sofort auf die Suche nach den fehlenden Clues gemacht… So leicht ist eine Clue Writerin zu verunsichern ;)

      Mit lieben Grüssen und den besten Wünschen
      Deine Clue Writer
      Rahel

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