Vergiss das nie

RahelAutorin: Rahel
Setting: Wohnküche
Clues: Osmose, Propeller, Kirgistan, Autobus, Schuhgrösse
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

„Ich fasse es einfach nicht“, begann Darren mit dem fassungslosen Gesichtsausdruck eines Jungen, der gerade herausgefunden hatte, dass seine Freundin mit jemand anderen auf den Abschlussball gehen würde. „All die Jahre waren wir reich und ich habe nicht mal eine verfluchte Playstation bekommen?“ Caleb und ich sahen unseren Bruder nur etwas verwirrt an und zuckten simultan zusammen, als April ihm heftig gegens Schienbein kickte.
Dawn sass am unteren Tischende und erinnerte mich mit ihren glasig verheulten, grünen Augen an ein irisches Wiegenlied. Als sie meinen Blick bemerkte, blieb ihr ein Schluchzer im Hals stecken und sie drückte ihren abgenutzten Stoffhasen noch ein wenig näher an ihre Brust. Dawn, meine liebe, süsse Dawn, war sechzehn Jahre jünger als ich und seit letzter Woche eine Waise. Eine Weile schwiegen wir alle und starrten angespannt auf das blank polierte Holz der Tischplatte, die Mom vor einigen Jahren extra aus Kirgistan hatte importieren lassen. Schliesslich stand April auf und zog etliche Klammern aus ihrer rotblonden Mähne, bis sie wieder wie sie selbst aussah. „Ich mache uns mal Tee“, flüsterte sie und machte sich sogleich daran, Dads Lieblingsteekessel mit Wasser zu füllen.
Darren beobachtete wie hypnotisiert die weissen Hände seiner Schwester, die mit trauriger Grazie das Teeei ins Wasser tauchten, schüttelte dann plötzlich den Kopf und murrte, nun sicher vor ihren Tritten: „Ich mein ja nur, sie hätten uns ja wenigstens Treter in der richtigen Schuhgrösse kaufen können.“ Natürlich waren seine Worte unsensibel, besonders heute, doch er hatte mit seinem unangebrachten Trotz nicht Unrecht, so ungerne ich das auch zugab.
Niemand von uns, die jetzt in Schwarz gehüllt in der Wohnküche sassen, so als wäre heute ein ganz normaler Sonntag, hatte davon gewusst. Unsere Eltern hatten immer gut für uns gesorgt, doch als Grossfamilie kannten wir keinen Überfluss und selbst ich als Ältester hatte seit meinem fünften Geburtstag alles mit meinen Geschwistern geteilt. Ganz egal um was es ging, Spielzeuge, Zimmer oder Abendessen, nie hatte man etwas für sich alleine und erst als ich ausgezogen war, war mir bewusst geworden, wie sehr ich dieses Beisammensein liebte.
„Ach hör auf zu jammern“, sagte Caleb irgendwann gespielt gelangweilt, schielte jedoch erwartungsvoll in meine Richtung und schien darauf zu warten, dass ich ihn loben würde. Es dauerte einige Augenblicke, bis ich verstand, weshalb er das tat. Ich war nicht mehr sein Bruder, der ihm Papierschnipsel auf die Nase klebte, nein, seit heute früh war ich niemandes Bruder mehr. Verunsichert nickte ich Caleb zu und verfiel in eine stumme Panik, denn ich war durch den plötzlichen Unfalltod meiner Eltern nicht nur unerwartet reich, sondern auch zum Vater von vier Kindern geworden.
April stellte das Teeservice mit dem beruhigend gewohnten Scheppern auf den Tisch und fing damit an uns nacheinander einzuschenken. „Die anderen…“, wisperte sie etwas heiser, währendem der goldene Tee in meine Tasse floss. „Wissen wir was mit ihnen passiert ist?“ Ich hatte keine Ahnung, hatte weder die Polizei noch die Leute im Spital nach dem Wohlergehen der Insassen des von der Strasse abgekommenen Autobusses gefragt. Dawn gab wirklich ihr Bestes, um ihr Heulen zu unterdrücken. Doch so sehr es mich schmerzte, die Fünfjährige weinen zu sehen, so war ich doch froh, dass sie die schwere Stille durchbrach und mir damit Normalität vorgaukelte.
„Ist doch scheissegal“, wetterte Darren widerspenstig und schob seine randvolle Tasse so weit weg von sich, wie seine Kinderarme es ihm erlaubten. „Als ob es einen Unterschied machen würde.“ Er schämte sich für seine Tränen und wischte sie hastig weg und als ich das Lodern in seinen Augen sah, wusste ich, dass er es sein würde, der es ausspricht. „Mom und Dad sind tot und nichts kann das ändern!“ Keiner von uns sagte etwas. April schien komplett erstarrt zu sein, doch niemand bemerkte, dass der Tee überlief.
„Hey!“ Ich weiss nicht, wie lange wir einfach nur dasassen, jeder in seiner eigenen Gedankenwelt verloren, ich wusste nur, dass wir alle an unsere Eltern gedacht hatten, bis Darren uns wieder aus unserer Trance aufwachen liess. „Wisst ihr noch, was Dad gesagt hat, als Mom mit einer Tasse in der Hand in ihn gerannt ist?“ Ein geheimnisvolles Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, währendem er den Stuhl zurückschob und sich mit etwas Abstand vor den Tisch stellte. Der Tee war vom polierten Holz geflossen und hatte dunkle Tropfen auf seiner Jeans hinterlassen, da dämmerte es mir und ich begann zu lachen. „Jeans und Tee…“, begann ich lauter als es notwendig gewesen wäre und bemerkte mit Freude, dass nun auch die anderen aufblickten und zu lächeln begannen.
„…Ergeben kein Wasser“, führte Darren den Satz fort, bevor wir ihn alle gemeinsam im Chor beendeten: „So funktioniert Osmose nicht!“
Es war, als würde das helle Gelächter den unerklärbaren Dunst aus der Wohnküche vertreiben und von diesem Moment an verwandelte sich der Begräbnistag für einige Stunden in etwas, das wunderbarer nicht hätte sein können. Es war ein normaler Sonntag und während es draussen anfing zu regnen, teilten die Geschwister ihre Geschichten. Wir kicherten und glucksten laut, als April erzählte, wie Dad ihren ersten Freund mit Geschwätz von Kondomen und Sexstellungen vertrieben hatte, denn wir alle wussten, wie sehr unser Vater es genoss, andere Leute in eine peinliche Lage zu bringen. Darren beklagte sich nur spielerisch über den Tag, als Mom Calebs Bett in seinem Zimmer aufgebaut hatte, denn das gemeinsame Kinderzimmer war am selben Tag zur Abenteuerhöhle geworden. Dawn erzählte vom letzten Ausflug mit Dad und wie dieser wegen einem kaputten Propeller kläglich gescheitert war. „Danach“, sagte sie mit ihrer dünnen Fistelstimme zwischen zwei Lachsalven, „sind wir zum Jahrmarkt gegangen. Das war toll.“
Nach einer Weile zog ich mich zurück, überliess meine jüngeren Geschwister ihrer heiteren Nostalgie und wusch behutsam das Teeservice meiner Mutter, bevor ich es ordentlich im Schrank verstaute. Ich wollte weinen, wollte lachen, wollte schlafen und wachen. An diesem Sonntag schien es mir, als wäre all unsere Glückseligkeit in einem Trauernebel verschwunden, nur um danach wieder aufzutauchen, nicht bloss in unserer Erinnerung, sondern im hier und jetzt, an ein- und demselben Sonntag in der Wohnküche unserer Eltern. Und genauso wie Dawns Ausflug wurde der Begräbnistag zu etwas anderem, zu etwas, das Raum für Lachen zuliess. Es war, wie Dad immer gesagt hatte: „Selbst an den dunkelsten Tagen bleibt die Hoffnung, die Möglichkeit auf Glück. Vergiss das nie.“

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