Verlustsache

„Suchen Sie etwas?“ Die blonde, spindeldürre Hotelangestellte an der Rezeption hob die Augenbrauen, was ihr einen fragenden, nahezu verschüchterten Ausdruck verlieh. Jason gab ein zustimmendes Geräusch von sich, ehe er erläuterte: „Ja, eine Diskette. Das Etikett ist grün und darauf steht ‚Projekt Adlerhorst‘. Hat möglichweise jemand einen solchen Datenträger bei Ihnen abgegeben?“
Jason glaubte, gleich Blut zu schwitzen – dem jungen Mann war klar, sein Chef war keiner von der vergebenden Sorte. Wenn er den Datenträger zu spät ablieferte, konnte er genauso gut seine Kündigung selbst einreichen.
„Diskette?“, murmelte die Rezeptionistin und begann in einer Kiste unter der Theke zu wühlen. „Ja, hier haben wir etwas, ist jedenfalls irgend so ein neumodisches Computerdingsbums, vermutlich suchen Sie das?“ In der Tat legte sie seine Floppy-Disk auf die Theke, was Jason nahezu in Freudengeheul ausbrechen ließ.
„Vielen Dank! Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr Sie mir gerade den Hintern gerettet haben! Mein Boss hätte mir das Leben zur Hölle gemacht. Wie kann ich Ihnen nur danken?“

Der übellaunige Bariton seines Bosses holt Jason aus seinen Erinnerungen unsanft in die Realität zurück. „Sie wissen, was das bedeutet? Erfassen Sie eigentlich die Dimensionen eines möglichen Scheiterns?“
„Natürlich, Sir“, entgegnet er nahezu mechanisch, wohl wissend, dieses Mal darf er nichts verlieren – so wie damals, als …

Die Propeller des Militärflugzeugs knatterten und erschwerten zusammen mit dem Rauschen des Windes das Hören. Durch die geöffnete Rampe war das unter ihnen liegende Terrain in der nächtlichen Dunkelheit zu erahnen. Jason hielt sich an einer Stange fest, als er sich zu dem Soldaten umwandte: „Also, wir treffen uns in zwei Tagen an der Grenze um zweihundert Uhr. Die Koordinaten wird Ihnen die Operationszentrale rechtzeitig übermitteln.“
„Ja, Sir.“ Jason bereitete sich mental auf den Sprung vor, es würde höchstens noch eine Minute dauern. Die bewundernden Blicke, wie jenen, der ihm nun der Soldat schenkte, war er sich gewohnt – schließlich sprang er gleich über Feindesland ab, dafür hatte er trainiert.
„Sir?“ Der Uniformierte klang zögerlich, fuhr aber entschlossen fort: „Sie sollten Ihren Fallschirm anziehen, wir erreichen gleich den Absprungort.“
„Meinen …?“ Erschrocken tastete der Spion seinen Oberkörper ab, nur um zu begreifen, er hatte wieder etwas vergessen  – kaum das erste Mal, dass beinahe eine Mission wegen seiner Vergesslichkeit schiefgelaufen war, wohl eher das zwanzigste. Bisher war es ihm stets gelungen, seine Nachlässigkeit zu verheimlichen, das hätte sich drastisch geändert, wenn er ohne Fallschirm aus dem Flugzeug spränge.

„Und darum müssen Sie das erledigen, Smith“, schließt der Boss seine Erläuterungen ab. Na, Hauptsache niemand durchschaut ihn, seine ihm ständig widerfahrenden Missgeschicke wie jenes mit dem Fallschirm könnten peinlich werden. Er hätte es ganz und gar nicht gern gesehen, wenn seine Arbeitskollegen in Langley über ihn spotteten, immerhin ist er Jason Smith, internationaler Superspion! Und was soll schon groß passieren, er hat bis anhin ohne Unterbruch Glück mit solchen Dingen.

Jason duckte sich hinter die Kisten, auf die Maschinengewehrfeuer einprasselte. Kaffeebohnen rieselten aus den Einschusslöchern auf den Boden und der Duft von Röstaromen breitete sich in der düsteren Halle aus. Er wollte nicht sterben, in einem Monat feierte er seinen nächsten runden Geburtstag. Eilig griff er nach der Waffe an seinem Gürtel, nur um ins Leere zu fassen – er hatte den Revolver verloren! Wenn jetzt nicht etwas völlig Unerwartetes geschah, wäre sein Schicksal besiegelt. Doch Jason hatte im Laufe der Jahre gelernt, genau darauf zu vertrauen. Das Einzige, was in seiner Deckung griffbereit lag, war eine Holzlatte, die er sogleich zur Hand nahm. Keinen Augenblick zu spät, wie die weiteren Ereignisse bewiesen, denn als eine Handgranate geflogen kam, benutzte Jason das Stück Holz wie einen Baseballschläger und katapultierte das Ding zurück. Die Explosion zerriss seine Angreifer in Stücke und rettete ihn vor dem Verderben.

Nach unzähligen Erlebnissen dieser Natur kann Jason guten Gewissens glauben, dass auch diesmal alles ein Happy End haben wird – Übung macht den Meister, wie er zu sagen pflegt. Sein Boss ist offenbar zufrieden und spart sich weitere Ermahnungen, dafür schließt er mit: „Sie sind unser bester Agent, Jason – Sie werden das schaffen.“
„Natürlich, Sir.“ Falsche Bescheidenheit ist aus seiner Sicht ein Karrierekiller. Bis auf seine elegant kaschierte Vergesslichkeit ist Jason zweifelsohne einer der Top-Leute der Agency. „Ich werde weder Sie noch mein Land enttäuschen.“ Das hat Jason noch nie getan, ganz egal, wie knapp eine Sache wurde.

Gleich ertrank er, dessen war sich Jason sicher. Der nasse Lappen auf seinem Gesicht fühlte sich schwer, erdrückend an, das darüber geschüttete Wasser drohte sich einen Weg in seine Lungen zu bahnen. Mit letzter Kraft unterdrückte er die Panik, den Impuls, zu kapitulieren.
„Wie lauten die Startcodes für die Interkontinentalraketen?“, blaffte ihn sein Folterknecht an. Jason gab sich alle Mühe, bei dieser einen Gelegenheit tatsächlich eine zentrale Information zu vergessen. Noch einen halben Tag musste er durchhalten, dann würden Drohnen die Wachposten dem Erdboden gleichmachen, bevor die Soldaten das Camp stürmten und ihn mit einem Black Hawk abholten. So lange durfte er nicht an die Startcodes denken, nicht …
Mit einem Mal breitete sich ein breites Grinsen aus seinem Gesicht aus. Zwischen seinem Gelächter konnten seine Peiniger die Worte kaum vernehmen: „Ich habe sie vergessen!“

„Smith?“ Der Boss klingt ungewohnt ernst. „Sie sind unsere einzige Hoffnung!“
Jetzt ist Bescheidenheit angebracht und Jason schaut zu Boden. „Ich verstehe.“
„Gut, dann sind Sie bereit“, sagt der Boss in einem Tonfall, der nie und nimmer Widerrede zulässt. „Ein Helikopter wartet bereits auf uns, die Zeit läuft davon.“ Als sie in das Treppenhaus gelangen und mit flatternden Krawatten zum Dach hasten, fügt er atemlos hinzu: „Wissen Sie, eigentlich hätten wir ja Experten für solche Missionen, nur … Wir konnten keinen auftreiben, weil wir gerade erst von den Bombe erfahren haben.“
„Und da bin ich die beste Wahl?“, fragt Smith skeptisch nach.
Der Boss bedeutet Smith, in den Helikopter zu steigen und ruft, ehe eh die Tür zuschlägt: „Ja, Sie sind wenigstens zuverlässig!“

Mit äußerster Anstrengung kann sich Jason auf der unebenen Oberfläche halten, ohne abzurutschen. Es gibt tausend Gründe, wieso er diesen Auftrag trotz seiner Qualifikationen unglaublich stressvoll findet, allen voran aber die Tatsache, dass er dazu auf einer großen Atombombe sitzen muss. „Man kann nicht genug betonen, wie unangenehm es ist, auf einer Bombe zu reiten“, brummt er, den Schraubenzieher aus der Tasche seines Overalls pulend und eine rostige Abdeckung entfernend. „Wo ist denn bitteschön der Implosionszünder?“
Es kommt nicht darauf an, wie hervorragend er ist, dafür hätten sie einen Experten schicken sollen, das war ihm nie zuvor bewusster gewesen als in diesem Moment. Die digitalen Ziffern zählen die letzte Minute abwärts, die Terroristen haben ganze Arbeit geleistet.
„Smith“, dröhnt die befehlshaberische Stimme aus seinem Headset, während er das Tastenpad betrachtet. „Weniger Selbstgespräche, mehr Konzentration! In sechzig Sekunden wird die Westküste ausgelöscht!“
„Keine Bange, ich muss nur noch die PIN eingeben, dann ist alles bestens.“ Jason langt in seine Tasche um das abgegriffene Post-It mit den vier Ziffern herauszukramen, die er nie auswendig gelernt hat – wieso auch? Es ist ja wohl kaum so, als könnte man ein Post-It verlieren!
„Ups.“

Autorin: Sarah
Titelvorgabe: Verlustsache
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