Die vierte Wand

Heute war Lars‘ letzter Tag. Nicht nur sein letzter Tag im Großraumbüro, sondern sein wirklich endgültig letzter Tag. Wieso und weshalb Lars wusste, dass er den nächsten Morgen nicht mehr erleben würde, sei nicht verraten. Vielleicht lag in seinem Kofferraum eine Mordwaffe, oder zuhause wartete eine Handvoll Schlaftabletten auf ihn. Womöglich war es auch nur eine böse Vorahnung und Lars ein durch und durch abergläubischer Mensch. Wichtig ist nur zu verstehen, dass Lars absolut, ohne Zweifel wusste, dass es so war.
„Guten Morgen“, gähnte er seiner Kollegin zu, deren Mund und Nase hinter ihrer großen Tasse verborgen blieb.
„Hey Lars.“ Ihre Aufmerksamkeit galt dem Kaffee, aber immerhin erwärmte sie sich zu einem halbherzigen Gruß. Er nickte und ging dann weiter zu seinem altbekannten Arbeitsplatz. Lars mochte sein überschaubares Reich, selbst wenn es nur aus drei schulterhohen Rigips-Wänden, einem zerkratzten Schreibtisch und dem quietschenden Bürostuhl bestand. Er war noch nie ein sonderlich anspruchsvoller Zeitgenosse gewesen und fand Zufriedenheit in den kleinen Freuden des Alltags. So wie beispielsweise seinem neuen Laptop, den ihm seine Vorgesetzte erst letzte Woche mit den Worten „Hier, der Hausdienst hat einige zu viel bestellt“ überreicht hatte.
„Lars“, unterbrach eine rauchige Stimme seinen Gedankengang, der für diese Geschichte absolut unwichtig war.
„Ja, was denn?“ Lars lehnte sich etwas zurück und blickte auf. Tanya lächelte ihn schief an, so wie sie das eben tat, wenn er ihr einen Gefallen tun sollte. „Wie kann ich dir helfen?“
„Ach Lars“, holte sie aus und streckte ihre frisch manikürten Hände in die Luft. „Du kennst mich zu gut.“
Der Angesprochene zuckte gleichmütig mit den Schultern und wartete geduldig darauf, dass Tanya ihm von ihrem neusten Problem mit dem Drucker, dem Wasserspender oder einem Kunden erzählen würde. Nachdem er vor über zwanzig Jahren in dieser Firma angefangen hatte, war er rasch zum Mädchen für alles geworden und ihm gefiel das. So war die Arbeit weniger langweilig und er fand es unterhaltsam, ständig mit irgendwelchen Leuten aus allen erdenklichen Etagen zu tun zu haben.
„Der Kopierer“, stöhnte Tanya und fügte kichernd an: „Schon wieder der verfluchte Kopierer!“
„Alles klar.“ Lars erhob sich und klopfte imaginären Dreck vom sauberen Jackett. In der obersten Schublade tastete er nach seinem laminierten Ausweis, auf dem ein uraltes Foto klebte. Damals hatte er noch eine dicke Hornbrille in Ockergelb getragen. Trudy, seine Exfrau, hatte dieses auffällige Nasenfahrrad mit Leidenschaft gehasst und es ihm in mühseliger Nörgelei in nur wenigen Jahren der Ehe ausgeredet. Manchmal überlegte Lars, ob es zwischen ihnen beiden hätte klappen können, hätte Trudy bloß die Schönheit in hässlichen Dingen erkennen können. Eigentlich, das wusste Lars, spielte es gar keine Rolle, er vermisste Trudy nicht einmal.
„Ich kümmere mich sofort darum“, meinte er und marschierte schnurstracks auf den Aufzug zu. In der Kabine begegnete er Hannes. Der Aktien-Händler war einer der wenigen seiner Art, der selbst für jemanden wie Lars stets ein paar freundliche, wenn auch belanglose Worte übrighatte. Sicher hatte Lars einige Male die Gelegenheit gehabt, sich für einen besser bezahlten Posten zu bewerben, sie aber jedes Mal verpasst. Über jede Sprosse, die er die Karriereleiter nach oben gestiegen war, war er mehr oder weniger zufällig gestolpert.
Im Fünfzehnten angekommen, trat Lars aus der Aufzugskabine und schloss für eine Weile die Augen, um die immer selbe Geräuschkulisse der immer selben Großraumbüros einzusaugen. Er hörte geschäftiges Gemurmel, das dumpfe Klackern von Heftern und Absätzen, Papierrascheln, einige klingelnde Bürotelefone und das immerwährende Stakkato von Tastaturen. Ein tiefer Atemzug und schon machte sich Lars auf den Weg durch das Bürowürfellabyrinth. Hier fühlte er sich sicher, in den geraden Gängen aus Neunziggradwinkeln, abgetretenen Teppichen und dem Muff des uralten Verwaltungswesens.
„Lars, du alter Schlawiner!“ Es ließ sich nicht von seiner Mission abhalten und stapfte weiter in Richtung des bockigen Apparats.
„Tom, wie geht’s?“ Tom war der frühzeitig ergraute Botenjunge der Firma und noch nicht mal Dreißig. Obwohl, wenn man es recht bedachte, Dreißig doch ein stattliches Alter für jemanden war, der den ganzen Tag über ein Wägelchen mit interner Post vor sich hinschob.
„Alles wunderbar. Aber sag mal“, holte Tom aus und hatte Mühe mit Lars schrittzuhalten. Er war ein außerordentlich kleiner Mann, konnte es aber nicht leiden, wenn er darauf angesprochen wurde. „Ist Tanya schon da?“ Lars verstand, worauf die Frage abzielte und schüttelte deshalb den Kopf. Wenn es etwas gab, für das Lars eine Schwäche hatte, dann waren es Bürogeschichten, der übliche Klatsch und Tratsch. Deshalb wusste er nun eben auch, dass die gute Tanya ihrer Kollegin anvertraut hatte, sie hielte den kleinen Tom für einen aufdringlichen Perversling.
„Nein, tut mir leid“, erwiderte Lars, kurz bevor er den Kopierer erreichte. Für einen kurzen Augenblick wunderte er sich, was ab morgen mit dem Gerät geschehen würde. Wenn er nicht mehr da war, um sich darum zu kümmern, würde es sicher in einer knappen Woche mit einem neueren Modell ausgetauscht werden. Einem, das nicht so viel Zuneigung brauchte, sondern genügsam eine Seite nach der anderen kopierte.
„Oh. Na dann. Danke Lars.“ Betrübt trottete Tom von dannen und Lars konnte sich endlich in Ruhe um seine Arbeit, die genaugenommen gar nicht seine war, kümmern.
Der Morgen war ganz unterhaltsam gewesen. Stets gab es etwas zu tun und hier und da kam jemand auf einen Plausch im Flur vorbei. Nun saß Lars in der Mittagspause an seinem Stammtisch in der Kantine und wartete darauf, dass er zurück in seine drei Wände durfte. Er hatte das Menu geholt, Pangasiusfilet an Kapernsauce mit gekochten Kartoffeln, es jedoch kaum angerührt. Lustlos stocherte er in seinem Nachtisch, der ihn etwas zu sehr an Durchfall erinnerte. Für solche Fälle hatte Lars sich einen Vorrat, bestehend aus Nüssen, Energieriegeln und Schokolade, angelegt.
„Hey, da bist du ja“, flötete Laura und setzte sich ihm gegenüber auf einen roten Plastikstuhl. „Na, wie war es gestern?“ Lars mochte nicht darüber sprechen, obwohl die Geschehnisse des letzten Abends das Geheimnis um den nächsten Tag lüften würden. Aber so ist es manchmal mit Geschichten. Die guten handeln von Menschen in außergewöhnlichen Situationen, doch nicht immer wollen sie darüber berichten.
„Ach, Laura. Lassen wir das, okay?“ Laura sah in geknickt an, war mindestens genauso enttäuscht über Lars‘ Verschlossenheit wie wir.
„Och, komm schon Lars. So schlimm kann es doch nicht gewesen sein.“ Sie stand unter Strom, soviel war klar. Das war sozusagen Lauras Markenzeichen, sie war stets energetisch, hilfsbereit und ja, wohl etwas gar neugierig. „Willst du’s mir nicht sagen?“
„Morgen vielleicht“, versprach Lars. Laura hüpfte auf, klopfte ihm auf die Schulter und verschwand im Menschenmeer der Kantine. Sie wusste nicht, was Lars wusste, was wir wissen, dass die Geschichte absolut, ohne Zweifel morgen nicht mehr erzählt werden kann.

Autorin: Rahel
Setting: Großraumbüro
Clues: Kaffee, Schokolade, Händler, Strom, Mordwaffe
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