Eine Geschichte zum Abschluss

„Alex plustert sich für seine kleine Gruppe aus Möchtegern-Machos und zukünftigen gescheiterten Bürofachangestellten auf. Ich sehe ihm dabei zu, wie er es genießt, sich in der Bewunderung der Tussen-Clique badet und ich komme nicht umhin, mich zu wundern: Weiß er es? Ist ihm bewusst, dass er von heute Abend an nie wieder glänzen, er schon beim ersten Klassentreffen statt Beifall lediglich Mitleid ernten wird? Die letzten Jahre werden seine besten bleiben, die kurze Ära, in der er der Größte war, bevor er in die Untermittelmäßigkeit absäuft. In der Nähe schnaubt irgendwer entrüstet, neben mir kichert Anita, ihr grunzendes Glucksen ist unverkennbar. Ich stelle mir vor, wie es bald durch die Flure der medizinischen Fakultät hallen wird, wenn einer ihrer Kommilitonen einen dummen Witz erzählt. Sie verschluckt sich am Schalk, wischt sich hustend eine Lachträne aus dem Augenwinkel. Da tauchen auf einmal etliche Leute auf dem Bahnhofsplatz auf, die dem Ticken der alten Bahnhofsuhr über dem Eingang folgen. So rasch sie sich vor dem Durchgang tummelten, so hurtig verschwinden sie im riesigen Gebäude, das den Mittelpunkt unseres kleinen Städtchens darstellt. Für einige Sekunden bleibt es ruhig, Anita reibt sich wortlos die Nase und sogar Alex schafft es, sein prahlerisches Geschwätz für eine Weile einzustellen, während eine für uns irrelevante Durchsage über die Lautsprecher scheppert. Auf diesen Ausflug freue ich mich seit Wochen, nein, Monaten, denn er besiegelt unser aller Dasein als Gymnasiasten in dieser Klasse. Endlich. Seufzend strecke ich meine Beine, gähne und schaue den Sommerferien entgegen, die ich mit Anita zockend auf der Sofaecke zu verbringen gedenke. Sie liest meine Gedanken, lächelt zufrieden und lehnt sich gegen meine Schulter, als hinter uns jemand spöttisch zischt: ‚Ist ja klar, was für Nerds.‘“
„Du wirst mir fehlen.“
„Wispert Anita wehmütig, ehe sie meinen Oberarm umklammert, wie ein Siebenschläfer, der über einer Pfütze in den Bäumen hängt. ‚Du mir auch.‘ Erneut lacht sie auf, ach, wie ich ihre Kommilitonen beneide, wäre ich klüger und viel weniger faul, hätte ich mich mit ihr für das Medizinstudium in England angemeldet, nur um bei ihr sein zu können. Frustriert ächzend beobachte ich Alex und seine Meute, die sich wie üblich im gemeinsamen Wichtigtuen üben und meine Trauer über die vorübergehende Trennung von Anita weicht ein kleines Stück zur Seite. Mein Studienplatz ist fernab dieser prähistorisch anmutenden Kreaturen, weit weg von Alex und seinen unterbelichteten Untertanen, den Langweilern und ganz besonders von dieser Pissnelke Mareike, die außer Lästern keine Hobbys hat. Anita boxt mich sanft in die Rippen, unterdrückt ganz eindeutig ein belustigtes Prusten.“
„Sag mal, du weißt schon, dass wir dich hören?“
„Wettert eine aus Mareikes Gefolgschaft, entweder Sylvia oder Anna, die beiden sind sich zum Verwechseln ähnlich. Man könnte behaupten, charakterlich wie äußerlich austauschbar.“
„Spinnst du?!“
„Nörgelt eine der Sylannas, marschiert zu mir und baut sich mit in die Hüfte gestemmten Hände vor mir auf. Vermutlich glaubt sie, mir damit Angst einzuflößen, was ich mit einem Grinsen zur Kenntnis nehme. Indes rückt Anita ein Stückchen von mir weg und knufft mich in die Seite.“
„Bist du jetzt völlig durchgeknallt, du Freak? Was soll die Scheiße?!“
„Möchte die Sylanna erfahren und ist wohl tatsächlich der Meinung, ich würde mich von ihrer überheblich dreinblickenden Fratze beeindrucken lasse…“
„Halt deine verfickte Fresse, du dreckige Schabe!“
„Blafft sie mir mit vor Wut geblähten Nüstern entgegen, nun kommt auch die andere Sylanna herbeigestampft und gafft mich fassungslos an.“
„Ähm, Schatz.“
„Meint Anita leise, sieht mich besorgt an und legt sich Zeige- und Mittelfinger auf den Mund.“
„Schatz, ich denke, es reicht.“
„In ihrer Mimik ist keinerlei Amüsement zu entdecken, vielmehr Schock und Verwirrung. Dabei hat ihr unser kleines Spielchen, unsere Kurzgeschichte zum Schulabschluss, bis eben noch einen Heidenspaß gemacht.“
„Ernsthaft, es reicht, es ist nicht mehr lustig!“
„Erklärt Anita und steht auf. Eine Straßenbahn tuckert vorbei, darin sitzen sich zwei ältere Herren gegenüber, die sich angeregt unterhalten.“
„Der hat sie echt nicht mehr alle!“
„Plärrt die zweite Sylanna, dreht sich ab und schwingt ihren dicken Hintern, den sie MacDonalds und nicht Sport zu verdanken hat, in Richtung von Alex’ Idiotengang. Plötzlich hält sie inne, ihre Doppelgängerin atmet scharf ein und brüllt Mareikes Namen, dann wirbelt die erste herum und schreitet zügig auf mich zu.“
„Was hast du Arschloch gerade gesagt? Du bist tot!“
„Nein, warte!“
„Kreischt Anita sichtlich verstört, was mich beunruhigt, also erhebe ich mich und … ‚Au!“‘, entfährt es mir, als die fette Sylanna mit geballter Faust zuschlägt und ich zu Boden gehe.“
„Nein, oh mein Gott! Er blutet!“
„Anita rennt aufgebracht zu mir und hält schützend die Arme über mich.“
„Ich denke … Ich denke er macht es nicht mit Absicht. Oh Gott.“
„Stammelt meine Liebste, die anderen aus der Klasse versammeln sich um uns, bilden einen Kreis, starren uns neugierig an und die ersten zücken ihr Handy. Etwas spannendes scheint geschehen zu sein, ich reibe meine schmerzende Wange und recke meinen Kopf in die Höhe, um zu sehen, was vor sich geht.“
„Was geht ab?“
„Fragt einer von Alex’ Kumpels, dessen Gesicht ich wahrscheinlich in weniger als zwei Wochen vergessen haben werde.“
„Ruft einen Krankenwagen!“
„Was ist mit ihm?“
„Mir fällt es schwer, in dem Tumult den Überblick zu bewahren, nach und nach entgleitet mir die Kontrolle über meine Kurzgeschichte, die Stimmen vermischen sich zu einem Brei aus Geschrei und Geflüster.“
„Schatz, es ist okay. Hilfe kommt.“

Autorin: Rahel
Setting: Bahnhofsplatz
Clues: Siebenschläfer, Pissnelke, Kurzgeschichte, Sofaecke, Schabe
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