Fan-Bonus | In Flagranti

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Sie saß am Kopfende eines waldgrünen Futons. Die Füße des schweineteuren Möbelstücks waren aus Walnussholz gedrechselt, schwungvoll und verziert erinnerten sie an eine bald vergessene Epoche des letzten Jahrhunderts. Leah war bereit, das war sie eigentlich immer. Gespielt gelangweilt betrachtete sie die nachmittägliche Besuchermasse,[passster password=“rE498-4721dsf“] die wie Sirup durch die Gänge des Möbelhaus flossen, ihr Oberkörper lehnte entspannt gegen ein ockerfarbenes Samtkissen, in dessen Mitte ein bezogener Zierknopf genäht worden war, direkt neben ihren Knien war ein Beistelltischchen platziert, ein in antiker Optik lackiertes Metallgestell mit einer Glasplatte. Seit dem Vorfall vor einigen Monaten pfiff ihr rechtes Nasenloch, daher zog Leah es vor, durch den Mund zu atmen. Sie öffnete ihre Lippen bloß einen Spaltbreit, dem schönen Anschein zuliebe versuchte sie nicht wie eine röchelnde Bulldogge zu wirken, selbst wenn sie sich wie eine fühlte. Ihr Beruf, nein, ihre Berufung barg Risiken, dazu gehörte nun leider auch, dass ein erzürnter Ehemann mit einem Schraubenschlüssel auf sie losging. Hin und wieder kreischte ein Baby, Teenager suchten verloren nach Kleinigkeiten, die ihr erstes Heim aus Zusammengewürfeltem Krimskrams irgendwie zu ihrem eigenen machen wollten und ein Ehepaar stritt sich über eine Lampe, die aussah, als wäre sie ein Schaustück der Postmoderne. Keiner der Vorbeiziehenden beachtete Leah, so war es meistens und so war es gewollt. Leute wie sie lebten vom Ungesehenbleiben, dem Versteck in der Menge. Träge beugte sie sich vor und legte ihren Zeigefinger auf den Modekatalog auf dem Couchtisch und zog ihn heran. Auf dem Cover streckte sich eine vollbusige Dame, verrenkte die Glieder, um das wild gemusterte Kleid zu präsentieren, das einen belanglosen Trend statt Stil verkörperte. Ein ähnlicher Gedanke war Leah beim ersten Treffen mit ihrer aktuellen Auftraggeberin auch gekommen. Eine modern gekleidete Dame, fast einen Meter achtzig groß mit langen, sorgfältig trainierten Beinen und einem Kurzhaarschnitt, an dem man hätte Messer wetzen können. Frau Hildebrand stand den Fünfzig näher als den Vierzig, vermutlich war ihr langbeiniger Schritt über den Zenit ausschlaggebend für ihren Besuch in Leahs Agentur gewesen. Mit einem leisen Seufzen warf sie den Katalog zurück auf das Glas und wirbelte damit einige Staubkörnchen in die stickige Luft. Beiläufig kratzte sie sich an der Nase, bemühte sich tunlichst, die Narbe nicht zu berühren. Für Sekundenbruchteile überlegte sie, was Herr Hildebrand ihr antäte, wenn sie aufflöge, verdrängte die Angst allerdings so rasch sie aufgetaucht war. Sie konnte sich derartige Sorgen unmöglich leisten, dafür lief das Geschäft zu schlecht und eine Kundin wie Frau Hildebrand war ein Volltreffer. Im Grunde waren sie sich alle ähnlich. Bis auf wenige Abweichungen wäre es eine Leichtigkeit für Leah, ihre Klientel mit ein und denselben Farben, einem zackigen Pinselstrich zu malen. Sie war ebenfalls eine von ihnen gewesen, eine der Verschmähten, der Ersetzten, denen man mit der Liebe auch den Stolz weggenommen hatte. Gleichwohl hatte sie nicht für jede Mitgefühl übrig, die über den Aufzug in ihr Büro fand. Einigen war die Freude über die bevorstehende Scheidung, vor allem den fehlenden Ehevertrag und die damit einhergehenden Millionensummen, deutlich anzusehen. Egal, schließlich waren ihre Dienste und somit auch ihr Verständnis käuflich.
Leah schielte auf die überdimensionierte Wanduhr, die im fensterlosen Möbelhaus den einzigen Bezugspunkt zur Außenwelt darstellte, da schwebte er regelrecht um die Ecke, bog mit einem seligen Lächeln in die Wohnzimmerabteilung ein und wirbelte herum. „Das da“, flötete er, packte seine Geliebte am Handgelenk und führte sie zu einem etwas kitschigen Ledersofa. „Ist es nicht toll?“
„Naja“, entgegnete sein Liebchen und als er sich auf die Polster fallen ließ, die Sicht auf sie freigab, staunte Leah. Verwirrt kramte sie ihr Handy aus der Tasche und öffnete die Auftragsdetails, um die Bilder zu kontrollieren. Er war es, ihr einwandfreies Gedächtnis für Gesichter hatte sie nicht getäuscht, vielmehr ihre Menschenkenntnis. „Wenn du es magst, dann ist es das richtige“, meinte die kleine dickliche Frau an Herr Hildebrands Seite und grinste ihn breit an. „Es soll ja auch dein Zuhause werden.“
„Echt?“ Leah nahm die kindliche Überraschung in seiner Stimme wahr, erschrak sich daran, wie liebenswert er wirkte, hatte sie doch mit einem weiteren, austauschbaren Dreckskerl gerechnet. „Danke, Schatz!“
„Kein Problem. Aber den Küchentisch suche ich aus.“ Üblicherweise waren die Ersatzfrauen junge, hübsche Dinger, die sich der Fremdgänger wie schicke Uhren an den Arm hing, Hildebrands Neue hingegen war alles andere als adrett, eher altbacken, plump und dennoch leuchtete sie. Leah brauchte eine Weile, bis sie begriff, woher das Strahlen kam. Es waren Hildebrands verliebte Blicke, die seine Freundin in einem beinahe magischen Licht erscheinen ließen.
„Solange ich die Couch haben kann, gehört dir der Rest. Von der Matratze bis zum Katzenklo, Deal?“
„Deal.“ Sie kicherten, Leah gelang es, die beiden unentdeckt abzulichten, den untreuen Gatten in flagranti zu erwischen, aus seinem glücklichen Moment einen noch glücklicheren für die bald ehemalige Frau Hildebrand zu machen.
„Ich freue mich so“, rief er und warf seiner Liebsten ein Kissen zu, das sie mit einer ungelenken Bewegung abwehrte, bevor sie zu ihm hüpfte und ihn küsste.
„Ich mich auch.“
Leah hatte schon lange keine Liebe mehr gesehen, in ihrer Branche ging es um Betrug, Verrat und Rache. Trotzdem erkannte sie es sofort, dieses reine Gefühl, die aufrichtige Zuneigung zwischen zwei Menschen, die sich einfach nur gernhatten. Nach einem letzten Foto steckte sie ihr Smartphone in die Manteltasche, erhob sich und berührte die Narbe an ihrer Nase. Sie wischte die Erinnerungsträne weg, ehe Leah sich in den Besucherstrom einfädelte und sich von der Masse zum Ausgang schwemmen ließ.

Autorin: Rahel
Setting: Möbelhaus
Clues: Schraubenschlüssel, Katzenklo, Modekatalog, Postmoderne, Nasenloch
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