Special zum neunjährigen Jubiläum | Das letzte Gefecht

Vor neun Jahren haben wir beide, Rahel und Sarah, je zum Spaß eine Story nach vorgegebenen Stichworten geschrieben, eine Idee, aus der Clue Writing entstanden ist. Zu diesem Jubiläum haben wir uns entschieden, je unsere allererste Clue Writing Story neu zu verfassen, indem wir nur die Clues, einige stilistische Elemente und den groben Ablauf der Story übernahmen, um zu sehen, ob das Resultat sich stark verändert hat. Wir sagen euch danke für neun Jahre Treue und freuen uns darauf, viele weitere Geschichten mit euch zu teilen.

Keuchend überwand Sven die letzten Meter, stolperte beinahe auf den Kieseln, bis er endlich über die Schwelle in die Berghütte stolperte und die schwere Tür hinter sich zuschlug. Erschöpft lehnte er sich mit dem Rücken gegen den einzigen Eingang, mit der zitternden Rechten schob er den hölzernen Riegel vor. Sein Gewehr hatte er neben sich an die Wand gestellt, vorerst würde er es nicht brauchen – noch nicht. Für eine gefühlte Ewigkeit lauschte er, konnte nichts außer dem Zirpen der Grillen auf der Wiese draußen und dem entfernten Rauschen des Windes in den Tannen vernehmen. Erst, als er sich etwas beruhigt hatte, begann Sven in seinen Hosentaschen nach einem Taschentuch zu wühlen, fand jedoch stattdessen ein paar rot verschmierte Einweghandschuhe, die er mit einem angewiderten Geräusch in eine Ecke warf, auf eine weitere Erinnerung an das Massaker an der Bergflanke hätte er gut verzichten können. Mit langsam zurückkehrender Entschlossenheit sah er sich in dem kleinen, nach altem Käse stinkenden Raum nach Verteidigungsmöglichkeiten um. Der auf einem abgewetzten Orientteppich stehende rustikale Esstisch fiel ihm auf, er wäre groß genug, um zumindest einen Teil des einzigen Fensters zu verdecken. Er musste all seine Kraft aufbringen, um das massive Möbelstück zu verrücken und so zu kippen, dass die Tischplatte vor dem Fenster zu stehen kam. Nun fielen bloß noch einige Strahlen der Nachmittagssonne durch die schmutzige Einfachverglasung. Sven glaubte nicht mehr an ein Entkommen, trotzdem war er bitter entschlossen, so viele von den Drecksäcken mitzunehmen, wie möglich.

Mit einem ausgelaugten Stöhnen ließ sich Sven auf den Teppich sinken. Sein rechtes Knie schmerzte bereits den ganzen Tag und er konnte nur noch humpeln, seine Dysplasie machte ihm zu schaffen. Umso mehr war er von seiner eigenen Leistung beeindruckt, hierher entkommen zu sein. Zweifelsohne wäre sein Knie nicht mehr lange ein Problem für seine Fähigkeit, heroisch zu kämpfen, ihn erwartete wohl ein schnelles Ende und das Märtyrertum. Ja, über Svens Heldentaten würde man sich noch lange Kriegsgeschichten erzählen. Er unterdrückte bei dem Gedanken ein trockenes Lachen, das eher wie ein demotiviertes Schnauben klang und biss die Zähne zusammen. Der Schmerz zwang ihn, vorerst sitzenzubleiben, also prüfte er seine Munition. Wie er bereits befürchtet hatte, war es zu wenig, um sich gegen eine Übermacht zu verteidigen, seine Flucht fand hier ihr Ende.

Seine ganze Kompanie hatten die Gegner bereits massakriert, erinnerte sich Sven. Die armen Trottel hatten sich zu weit verteilt und zwischen den Fichten einen nach dem anderen abknallen lassen wie fliehende Hasen. So hätten sie niemals die Flanke des Berges halten können, es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie das Zeitliche segneten und für ihre Fehler bezahlten. Nur Sven war dem unerbittlichen Feind entkommen, ohne einen Treffer einzustecken. Für die Kerle war es jetzt sicher ein Spaß, ihn zu jagen, den Sieg hatten sie bereits auf sicher, aber er schwor sich, es ihnen nicht leicht zu machen. Er war fest entschlossen, so viele von denen wie möglich mit ins Jenseits zu nehmen, damit ihnen ja das Lachen im Hals steckenblieb. Was wären seine letzten Worte, sinnierte er, was sollte er ihnen entgegenschreien, wenn es so weit war? Sie sollten ihn als Helden in Erinnerung behalten und wissen, wieso er bis zum Letzten gekämpft hatte. Ja, er war bereit, kalt entschlossen und willens, es ihnen heimzuzahlen.

Das Grillenzirpen verstummte plötzlich, sein Warten hatte ein Ende. Sven lauschte angestrengt, während er leise das Gewehr zur Hand nahm und konnte ein Rascheln im Gras vernehmen, gefolgt von knirschendem Kies unter ihren Kampfstiefeln. Er hegte keine Zweifel, sie waren da und wussten, wo er sich verschanzte. Zehn Gegner waren sicherlich noch übrig, nun wisperten sie einander Befehle zu und begannen, sich um die Hütte zu verteilen, systematisch alle Zugänge zu sichern. Ein letztes Mal musterte Sven seine treue Waffe, eher er seine Schmerzen so gut es ging ausblendete und sich erhob. Langsam pirschte er auf die Eingangstür zu, bedacht, das Knarren der Bodenbalken zu verhindern, damit seine Position nicht vorzeitig verraten würde. Sicher standen mindestens drei Feinde vor der Tür, um ihm den Fluchtweg abzuschneiden. Er gedachte, ihnen einen Gefallen zu tun und tatsächlich in der Tür aufzutauchen, also begann er verbissen damit, den Riegel zurückzuschieben. Gleich wäre alles vorbei. Mit einem Ruck riss er den Zugang auf, feuerte blind mehrere Salven in die Richtung, in der er die meisten Gegner vermutete und brüllte: „Das ist für Team Blau, ihr vermaledeiten Dreckschweine!“
Als das Feuer erwidert wurde, ihn die ersten Paintball-Geschosse trafen und seinen Kampfanzug in ein Jackson-Pollock-Gemälde verwandelten, bemerkte Sven mit verhohlener Genugtuung, dass er zwei von ihnen erwischt hatte. Er konnte stolz auf sein letztes Gefecht sein, Team Rot hatte für ihre Missetaten bezahlt.

Autorin: Sarah
Setting: Berghütte
Clues: Einweghandschuhe, Orientteppich, Dysplasie, Märtyrertum, Jackson Pollock (Maler)
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