Fan-Bonus | Das gelobte Land

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Diese Geschichte spielt im erweiterten Universum der „Promise“-Reihe.

Bereits als kleiner Junge hatte Seán vom gelobten Land geträumt. Dieser Ort, der alles verhiess, Wohlstand, Sicherheit, ein geregeltes Leben, war stets ein unerreichbarer Traum gewesen, der ihn durch die harschen [passster password=“rE498-4721dsf“]Winternächte auf Blackrock begleitet hatte. Im Alter von einundzwanzig Jahren, kurz bevor er Rheya geheiratet hatte, schworen sich die beiden Liebenden, nicht den Rest ihrer Existenz in dieser verarmten, tundraartigen Einöde zu verbringen, sondern auf eine Zentralwelt auszuwandern. Allein um die Passage auf einem Frachter leisten zu können, hatten sie zwei Jahre hart gearbeitet.
Jetzt war Seán endlich hier angelangt, auf der Zentralwelt schlechthin; der Planet Erde, Wiege der Menschheit, ein Ort voller unschätzbarer Reichtümer. Es hätte kaum etwas gegeben, was der junge Mann nicht dafür getan hatte, hierhin zu kommen, nahezu während seiner gesamten Lebenszeit war dies sein Masterplan gewesen, ihr gemeinsamer Masterplan. Erschöpft rappelte Seán sich auf, konnte den stechenden Schmerz in seiner Seite fühlen und stürzte wieder in den gefrorenen Schnee. Er stieß ein gepeinigtes Aufstöhnen aus, als er sich auf dem unebenen Grund auf den Rücken rollte, um wenigstens Gesicht sowie Hände vor der eisigen Kälte zu bewahren, vor der seine Jeansjacke keinen adäquaten Schutz bot. Über den schneebedeckten und in kaltes Mondlicht getauchten Bergketten in dieser unbewohnten Gegend erstreckte sich der unendlich scheinende Nachthimmel, an dem unzählige Sterne flirrten. Die Schneise aus Rauch, welche von dem abstürzenden Schiff in den frostig-windstillen Himmel gezeichnet worden war, wirkte nahezu malerisch.

„Sir? Sind Sie bereit, zu bestellen?“ Der Kellner deutete dezent auf den zugeklappten, auf dem weißen Tischtuch liegenden Menüplan.
„Oh“, murmelte Seán verwirrt aus seiner Erinnerung auftauchend und sah auf der Restaurantterrasse um. „Natürlich, entschuldigen Sie, ich war in Gedanken. Ich hätte gerne das Tagesgericht und Mineralwasser, bitte.“
Nach dem Austausch einiger Höflichkeiten stakste der Mann im Pinguin-Outfit von dannen. Seán kam sich in dem edlen Restaurant auch nach all den Jahren noch etwas deplatziert vor; Menschliche Kellner statt Roboter, gedruckte Menükarten statt eines holographischen Interfaces, dieser ganze schnieke Kram weckte ein subtiles Unbehagen in ihm. Der Wind wehte ihm eine Locke seines schulterlangen Haares ins Gesicht, die er wegschüttelte. Für einen Moment genoss der ehemalige Migrant die atemberaubende Aussicht von der Plaza: Gut einen halben Kilometer unter ihnen, gleich am Geländer, das seinen Tisch säumte, rauschte das Meer gegen die Ufermauern, zur anderen Seite erhoben sich die majestätischen, mit unzähligen Pflanzen bewachsenen Hochhäuser Schanghais, Glas und Stahl glitzerten in der Mittagssonne, umschwirrt von abertausenden Hovercrafts, ein wahrer Bienenstock der Menschheit.
„Hör auf zu träumen, Irish“, lachte sein zierliches Gegenüber, eine asiatische Frau mit gefärbt roten Haaren im Geschäftskleid. Biyu war erst seit einigen Monaten sein Protegé, hatte jedoch längst relativ freche Attitüden entwickelt; jetzt zog sie eine Schnute. „Ich habe Hunger. Plus, wir müssen noch den Bauplan für den Star-Tower besprechen, die Hornochsen vom Büro für Städteplanung klangen ziemlich angepisst über das virtuelle Schattenprofil.“
„Sprache“, ermahnte Seán sie ruhig. „Erinnere dich, wo wir hier sind.“
Sie winkte mit der Nonchalance einer ab, die sich in ihrer vertrauten Welt bewegte, ohne sich einen Deut darum zu scheren. „Komm schon, Irsih, du bist längst ein Stararchitekt hier, nicht mehr der kleine Immigrant, der du einst warst. Hau auf den Putz und hör auf, ständig über die Schulter zu schielen, als würden dich jeden Moment ein paar Bundesagenten deportieren.“
Mit einem Seufzen stimmte er ihr halbherzig zu, das gelobte Land war etwas, wofür man richtige Dankbarkeit empfand, wenn man von einer Randwelt stammte. Ganz im Gegensatz dazu war Biyu das kulturelle Äquivalent zu einer verwöhnten Göre, aber genau das wusste er an ihr zu schätzen, genauso wie ihre direkte, manchmal an einen Affront grenzenden, Art.
„Sag mal“, wollte die angehende Architektin wissen, während sie gelangweilt mit ihren Essstäbchen spielte, „wie lernt man eigentlich auf einer abgelegenen Kolonie, Wolkenkratzer zu bauen? Fernschule mit virtueller Realität via ComNet?“
„Mehr oder weniger, wenn ich mir meinen Lehrplan auch mehrheitlich selbst zusammengestellt habe. Ohne Ausbildung, mit der ich Geld verdienen kann, wäre eine Auswanderung durch die halbe Galaxis ziemlich riskant und ungewiss gewesen. Außerdem war da noch Rheya; wir haben uns beide so gut als möglich vorbereitet, sodass wenigstens jemand von uns mit etwas Glück eine Stelle in der alten Welt findet.“
Biyu deutete lässig auf seinen Ehering. „Deine Exfrau?“
„Nicht ganz …“ Seán schluckte, die Erinnerung daran war scharf wie eh und je, würde niemals verblassen.

Die auf dem weitläufigen Hochplateau  verstreuten Trümmer des Sternenschiffes hatten aufgehört, zu brennen und der Mond erreichte eben die Spitze eines Berges, bald musste der Morgen grauen. Seán fragte sich, wo die Rettungsmannschaften bleiben. Als der junge Auswanderer zum ersten Mal die Erde aus dem kleinen Fenster ihrer Passagierkabine gesehen hatte, Seite an Seite mit Rheya, war seine Freude perfekt gewesen. Endlich waren sie da, im gelobten Land. Die Vorfreude hatte Panik Platz gemacht, als der alte Frachter zu beben begonnen hatte und schließlich in der Atmosphäre auseinandergebrochen war.
Seán versuchte sich so gut es ging warmzuhalten, wenn er sich auch schlecht bewegen konnte. Er musste einige Brüche davongetragen haben, ein Stück Metall steckte in seinem Bauch. Das Bild von dem verkohlten Arm, der nur wenige Meter entfernt von ihm zu Boden gefallen war, jagte ihm Schauer den Rücken hinunter, weshalb er sich auf die andere Seite gedreht hatte. Er wusste nicht mehr, wie oft er Rheyas Namen gerufen, nein, geröchelt hatte, niemand hatte ihm geantwortet. Als er begann, die Kälte als Wärme zu empfinden und ihm die Augen zuzufallen drohten, konnte er das gleißende Licht eines Suchscheinwerfers am Horizont erkennen.

„Hey, Irish, lebst du noch? Biyu schnippte mit ihren Fingern vor seinem Gesicht herum. „Das Essen ist da. Wir sind aus unserer Agonie erlöst.“
„Verwitwet. Meine Frau ist auf der Reise zur Erde ums Leben gekommen“, erklärte er auf ihre frühere Frage, was darin resultierte, dass die stäbchenschwingende Biyu innehielt und beschämt auf ihren Teller starrte. „Oh.“ Sachte, ganz so, als könnte sie damit seine Gefühle verletzen, legte sie ihr Besteck beiseite, einen tiefen Atemzug nehmend. „Mein Beileid.“
„Kein Problem“, log Seán. Seine Wunden waren verheilt, nur, der Preis war zu hoch gewesen. „Eine typische Geschichte von der Reise ins gelobte Land, eben.“ Er nahm sich zusammen und griff nach seiner Gabel. „Wie auch immer, essen wir, sonst wird noch alles kalt.“
Wǒ juéde zài zhelǐ shēnghuó hěn xìngfú“, murmelte Biyu stattdessen nachdenklich. Auf seinen fragenden Blick erklärte sie: „Das hat mein Vater oft gesagt, meine Eltern waren auch Immigranten. Er hat gemeint, es sei sein Ausdruck dafür, wie dankbar er für dieses zweite Leben sei. Zwischen uns lagen Welten, ja, Kulturen, für mich ist die Erde mein Zuhause. Ich denke, ich werde das nie so ganz verstehen.“ Sie griff nach ihren Stäbchen. „Also weder Chinesisch noch wie es ist, hierhin zu reisen.“
Seán grinste über ihre letzte Bemerkung, ehe er sich eine Gabel voller Reis in den Mund schob. Vermutlich hatte sie Recht, am Ende waren alle Menschen isoliert, brachten ihre eigenen Erfahrungen mit, ihre eigenen …
„Wenn du dich einsam fühlst, können wir natürlich auch ausgehen oder zusammen schlafen“, ergänzte Biyu zwischen zwei Bissen von ihrem Tofu. „Also, wenn das alles für dich weit genug zurückliegt, meine ich.“
Seán lief rot an, verschluckte sich an seinem Reis und brach in einen Hustenanfall aus. Ja, die Sitten und Gebräuche dieser Kultur würde er nie verstehen.

Autorin: Sarah
Setting: Planet Erde
Clues: Menüplan, Masterplan, Bauplan, Lehrplan, Stadtplan
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