Konundrum

Malcom seufzte müde, als der letzte Patient des Tages aus dem Sprechzimmer humpelte und die Tür hinter ihm mit einem leisen Zischen zuglitt. Viola hob mit einem Summen den Kopf und starrte ihn mit ihren blau leuchtenden Augen fragend an. „Hätte das Pathos ausdrücken sollen, Doktor Gray?“
Er konnte ein dummes Grinsen nicht unterdrücken, als er entgegnete: „Nein, Müdigkeit.“ Viola war schon seit beinahe einem Jahrzehnt sein medizinischer Assistenzroboter, doch sie hatte in all der Zeit keinen Sinn für die Subtilitäten seines Verhaltens entwickelt. Er hatte den Versuch längst aufgegeben, ihr etwas Zwischenmenschliches beizubringen, genauso wie er ihr schon seit einem Jahr nicht mehr das „Du“ angeboten hatte. Und so antwortete Viola auch dieses Mal mit einem gleichgültig anmutenden Nicken: „Alles klar.“
„Ich habe mir die Sache anders vorgestellt, als ich mich für den Job auf einem Expeditionsschiff beworben habe. Da reist man zu den Sternen und hofft, dass irgendetwas Spannendes passiert, aber nein, bestenfalls ist jemand erkältet oder bricht sich das Bein.“
„Aber das ist doch das, was Sie als Arzt tun müssen, Menschen reparieren“, wandte Viola ein und musterte ihn fragend. Malcom musste über ihre Ausdrucksweise ein wenig lächeln, wahrscheinlich hatte damals, als sie programmiert worden war, ein Softwareentwickler ein paar Details in der Sprachdatenbank und dem Logikmodul übersehen. „Klar“, entgegnete er und fuhr mit Sarkasmus in der Stimme fort, „aber wir hätten ja auf der Zombie-Welt ein paar Infizierte aufladen können, dann hätte ich etwas Interessantes zu untersuchen gehabt.“
„Das verstößt gegen den Kodex ICD-625 und die Quarantänegesetze der Vereinten Systeme“, sagte Viola und fügte in einem ermahnenden Tonfall hinzu: „Das sollten Sie als Arzt eigentlich wissen.“
„Natürlich weiß ich das, das nennt man Humor“, antwortete er trocken und fragte sich insgeheim, wann sie für Viola ein Update herausgeben würden, dass es ihr ermöglichte, seine Witze zu verstehen.
„Na dann. Ich bin übrigens gleich fertig hier.“ Viola räumte die Utensilien in die Desinfektionsmaschine und sah sich ein letztes Mal prüfend um, ob auch alles sauber und aufgeräumt war. Malcom erhob und streckte sich, schon voller Vorfreude auf den Feierabend und den wohlverdienten Drink in der Lounge. Er warf einen abwesenden Blick aus dem kleinen Fenster auf die vorbeiziehenden Sterne, die einzige Abwechslung in der endlosen Schwärze, die sie bereits seit einem Monat durchquerten und Malcom hatte einen dieser Momente, in denen ihm voll und ganz bewusst wurde, wie klein er in diesem gigantischen Universum war.
„Doktor?“ Violas Stimme klang zögerlich, beinahe schüchtern und er wandte sich erstaunt um. „Ja, Viola?“
Sie schien für einen Augenblick zu überlegen. „Kann ich Sie etwas Nicht-Medizinisches fragen?“
„Natürlich“, entgegnete er sofort, nun neugierig geworden. Es war eine Seltenheit, dass Viola sich für Dinge außerhalb ihres Berufes interessierte.
„Denken Sie, es ist ein Zufall, dass die Konstrukteure meine Serie Viola genannt haben?“
Malcom setzte sich wieder und begann zu grübeln, kam jedoch zu keinem Schluss. „Keine Ahnung. Wieso meinst du?“
„Eine Viola ist ein Instrument. Man spielt es, doch es hat keine eigene Neugier, es handelt nicht selbst.“
„Aber du triffst doch tagtäglich medizinische Entscheidungen, die Leben retten können“, sagte Malcom, erstaunt, dass Viola sich solche Gedanken machte. „Du handelst doch die ganze Zeit.“
„Das stimmt schon.“ Sie machte eine kurze Pause. „Aber als Sie vorhin die Sache mit den Zombies gesagt haben, fand ich das irgendwie herzlos, wir sollten doch nichts anderes tun, als Menschen helfen zu wollen. Und da fragte ich mich, ob ich langweilig bin.“
Malcom starrte sie für einen Moment sprachlos an. In all der Zeit, seit Viola bei ihm war, hatte sie noch nie etwas kritisiert, nur medizinisches Fachwissen gelernt. Er brauchte fast eine halbe Minute, um seine Gedanken zu ordnen, bevor er sprach. „Ich weiß nicht, ob du deshalb langweilig bist. Aber ich bin überzeugt, dass ein neugieriger Mensch zu sein und jemandem helfen zu wollen zwei verschiedene Dinge sind. Ich kann mich langweilen und gleichzeitig jedes Wehwehchen kurieren. Du dagegen bist absolut rational programmiert, dir geht es nur um die praktische Anwendung, du wirst jeden Fehler entdecken. Darum hat auch jeder Arzt einen Assistenzroboter.“
Viola wirkte nicht ganz zufrieden mit der Antwort. „Das verstehe ich schon. Aber manchmal möchte ich wissen, wie es ist, Humor zu haben und auf mehr Dinge als nur das neuste Update an Fachwissen neugierig zu sein. Es gibt so viel mehr, das man lernen könnte.“
„Aber das kannst du doch“, wandte Malcom ein. „Du hast sicher noch unglaublich viel freien Speicher und …“
„Nein, das wäre unklug“, unterbrach ihn Viola. „Wenn ich andere Informationen mit mir herumtrage und über jeden Ihrer unlustigen Witze lache, wäre ich vielleicht abgelenkt und könnte einen Fehler machen. Dieses Risiko kann ich nicht eingehen, wie Sie bereits erklärt haben, muss einer von uns perfekt sein.“
Malcom überlegte, kam jedoch zu keinem guten Schluss. Wer konnte schon so blöd sein und Androiden mit Gefühlen programmieren, die ganz rational handeln mussten? Vielleicht hatte Viola Recht und es gab keine Lösung für sie, doch er entschloss sich, ihr wenn er irgendwie konnte zu helfen. Er gab sich Mühe, etwas mehr Zuversicht in seine Stimme zu legen, als er hatte, während er aufmunternd meinte: „Weißt du was? Ich werde die nächsten Tage dein Benutzerhandbuch durchgehen und sehen, ob ich etwas herausfinden kann. Manchmal gibt es einen logischen Trick, mit dem man ein solches Konundrum lösen kann.“
„Danke, Doktor, das ist sehr nett von Ihnen.“ Viola schob den Patientenstuhl unter den Schreibtisch und wandte sich zum Gehen, hielt aber in der Bewegung inne. „Eine Frage noch: Ist ein Konundrum in etwa das, was in meinem Wörterbuch als ‚Scherzfrage‘ beschrieben wird?“
„Kommt hin, aber in deinem Fall ist es nicht wirklich lustig, vielleicht hätte ich besser von einem Dilemma gesprochen“, murmelte Malcom, erstaunt, dass sie das Wort „Konundrum“ nicht gekannt hatte.
„Vielen Dank für alles. Gute Nacht, Doktor.“ Damit verschwand Viola auf dem hellerleuchteten Gang und die Tür glitt hinter ihr zu. Malcom lehnte sich auf seinem Sessel zurück und starrte wieder auf die Sterne. Er konnte sich ein Leben ohne Neugier nicht vorstellen und auch, wenn sie manchmal unbefriedigt blieb und das enttäuschend war, so war es doch auch menschlich. Genau das war es – menschlich. Diese Seite an Viola hatte er bisher noch nicht gekannt und er kam nicht umhin, sich zu wundern, wie lange es dauern mochte, bis sie damit beginnen würde, Fragen nach nicht fachlichen Dingen zu stellen. Dass sie damit gerade eben begonnen hatte, hatte er noch nicht begriffen.

Autorin: Sarah
Themenvorgabe: Viola
Diese Kurzgeschichte erschien erstmals 2015 in der Anthologie „Der Medicus und seine Viola“ vom Vidal-Verlag. Da das Buch mittlerweile vergriffen ist, haben wir uns entschieden, sie euch nun hier zugänglich zu machen.
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