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„Hey, wie geht’s? Ist es okay, wenn ich Leonie einlade, morgen mit uns ins Kino zu kommen?“, hatte ihr Elias gerade eben geschrieben. Zum Glück las sie die Zeilen auf dem Popup und hatte WhatsApp noch nicht geöffnet, dann wüsste ihr bester Freund nämlich, dass sie seine Frage gesehen hatte und würde eine rasche Antwort erwarten. Ihr blieben vielleicht zwei Stunden,[passster password=“rE498-4721dsf“] um sich zu überlegen, auf welche Weise sie die Sache angehen sollte.
Die Dreizehnjährige streckte sich auf ihrem Bett aus und scrollte eine Weile durch ihren Instagram-Feed. Ein bildhübsches Mädchen nach dem anderen schaute sie durch die Kameralinse an, ihre Mutter meinte, die Bilder seien bearbeitet und niemand sähe in Wahrheit so aus. „Niemand außer die verfickte Leonie“, murmelte Hannah frustriert vor sich hin, bevor sie an sich selbst runterguckte. Selbst im Liegen versperrte ihr die Wölbung unter dem Shirt die Sicht auf ihre Füße, der Ranzen hing ihr schon bald über den Schamhügel runter, ähnlich wie bei Frau Lippert, mit der sie letztes Jahr auf Klassenfahrt waren. Die viele Pasta machte sie fett, etwas anderes konnte sie nicht kochen. Leonies Bauch war natürlich flach, straff und schön breite Hüften hatte sie, ihre Eltern achteten auf gute Kost, Gemüse und anderes gesundes Zeug.
Seufzend drehte sie sich zur Seite, zog die Knie hoch und starrte auf das Chaos, das sich unter ihrem Schreibtisch angesammelt hatte. Leonies Zimmer war jederzeit aufgeräumt und sauber, das gesamte Haus roch entweder nach selbstgemachtem Kuchen oder diesen Raumduftsteckern, die Hannahs Mama zu teuer fand. Bei ihr zu Hause gab es keine Lufterfrischer, bloß der Gestank vom Katzenklo blieb in jeder Ecke der Dreizimmerwohnung hängen.
Langsam setzte sie sich auf, schnappte sich ein Kissen und drückte es fest an sich. Es war einfach unfair, überlegte sie, presste ein halbherziges Schluchzen raus und versuchte möglichst wenig zu blinzeln, um ein Tränchen zu erzwingen. Manchmal ging es ihr besser, wenn sie gegen außen hin traurig wirkte, die Aufmerksamkeit, die sie dadurch bekam, tat ihr gut und gab ihr das Gefühl von Macht. Sicher, das Verhalten war manipulativ, das wusste sie auch, trotzdem zog sie es vor, sich einzureden, tatsächlich so deprimiert zu sein, wie sie den anderen weismachte. Wahrscheinlich war sie es wirklich, mit dem Gedanken krank zu sein, wollte sie sich allerdings erst recht nicht auseinandersetzen.
Hanna drehte sich und sah verstohlen zum Einbauschrank, den sie vor lauter Plunder am Boden kaum aufbekam. An den kleinen Koffer mit den Metallverschlüssen zu denken beruhigte sie. Neulich hatte sie ihn aus dem Apartment ihres Vaters gestohlen und befürchtet, er fände das heraus, doch offensichtlich hatte ihr Alter für seine Militärwaffe ebenso wenig Interesse übrig, wie für seine Tochter. Leonies Papa hätte die verschwundene Knarre bestimmt sofort bemerkt und garantiert fiele ihm auf, wenn seine Kleine in Schwierigkeiten wäre. Ja, Leonie hatte alles, was Hannah sich wünschte und nun nahm sie ihr auch Elias weg. Sogar ihren Posten als Flaggenträger in der Schulkapelle hatte sie ihr streitig gemacht. „Scheiße“, knurrte sie, ließ sich nach hinten fallen und blieb schlaff im Bett liegen. Das Leben war verflucht nochmal ungerecht.
Minuten später schien das Ticken ihres Weckers stetig lauter zu werden. Mit Stille hatte sie schon immer Mühe gehabt, also richtete sie sich ächzend auf, kramte die Fernbedienung unter dem Kleiderstapel neben dem Nachttisch hervor und schaltete den Fernseher ein. Überall lief Schwachsinn, leider bekam sie ihn ihrem Zimmer nur ein paar Kabelsender, für ein zweites Media Center mangelte es Hannahs Mutter an Geld, auch in dieser Hinsicht hatte Leonie keine Sorgen.
Mit einem leisen Piepsen meldete sich ihr Handy, es war der Ton, den sie für SMS-Nachrichten von Elias eingestellt hatte. Augenblicklich schoss sie hoch, tastete nach dem Gerät, das irgendwo zwischen die Kissen gefallen sein musste. Das Herz schlug ihr bis zum Halszäpfchen, ihr Magen krampfte sich zu einem warmen Ball zusammen, eine Nervosität, an die sie sich wohl nie gewöhnen könnte. Ihre Mama schwärmte hin und wieder von ihrer Jugend, behauptete, die erste Liebe sei eine ganz besondere Sache und lag damit genauso falsch wie mit den Instagram-Models. Klar, einige Models waren retuschiert und einige erste Lieben wunderbar, meistens war die scheiß Realität aber schlicht, dass Hannah die einzige war, die hässlich und ungeliebt zurückblieb.
„Hannah, ist alles in Ordnung, hast du meine WhatsApp bekommen?“, leuchteten Elias Worte auf dem Bildschirm. Selbstverständlich war es das nicht! „Fick dich!“, kreischte sie, wuchtete sich vom Bett und begann damit die herumliegenden Bücher, Teller und Plastikflaschen vor dem Schrank durchs Zimmer zu schleudern. Hannah wurde von einer nie dagewesenen Rage überfallen, sie brüllte und heulte, schrie grollende Flüche, während sie ihre Handtaschensammlung aus den Regalen riss, um an den Koffer ranzukommen. Sie würde es tun, ja, endlich wollte sie es allen so richtig zeigen. „Bereuen werden sie es!“ Sie klickte den Verschluss auf, fuhr mit den Fingerspitzen über die Waffe, nahm sie sachte aus ihrer Styroporhalterung und marschierte zielstrebig zurück zum Bett. „Ja, sie werden es bereuen, mich so mies behandelt zu haben, wenn ich mir den Schädel wegballere!“, lachte sie hysterisch auf, da wurde sie vom erneuten SMS-Piepsen abgelenkt.
„Sorry, ich wollte dich nicht ärgern. Dachte mir halt, Leonie könnte die Aufmunterung brauchen, nachdem ihr Vater sich das Leben genommen hat. Kann ich dich anrufen?“

Autorin: Rahel
Setting: Im Bett
Clues: Fernbedienung, Katzenklo, Media Center, Pasta, Flaggenträger
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