Oster-Special | Das ist nur ein Märchen

Fritz, von seiner Oma Fritzchen und von seinem Opa Fritzefried genannt, trat auf die Veranda. Genüsslich streckte er die Zehen auf den Holzdielen. Mit dem Frühling war endlich die Wärme zurück, die er im Winter so sehr vermisst hatte. Im nahen Wald rauschte der Wind durch die Fichten, Grillen zirpten und die Sonne kroch langsam gegen den Horizont. Papa fläzte sich auf den Liegestuhl, um sich in Frieden seinen Feierabendtee zu gönnen. Bier hatte er nach dem Zwischenfall beim Fest zu Onkel Friedrichs Umzug ins neue Haus aufgegeben. Papas Ruhe hielt allerdings nicht an, denn Fritz hüpfte über die Bretter zu ihm und sagte: „Ich muss mir dir reden.“
„Hm?“, brummte Vater Ferdinand gegen den Sonnenuntergang blinzelnd. „Schieß los.“
„Ich habe nachgedacht“, begann der Junge eifrig. „Der Osterhase kommt aus dem Wald, richtig?“
„Richtig“, meinte der andere abwesend und nahm einen Schluck Tee.
„Wenn ich also im Wald eine Falle baue, kann ich den Osterhasen einfangen?“ Aufgeregt tänzelte Fritz von einem Fuß auf den anderen. Den Plan hatte er sich im vorigen Jahr überlegt, als der Hase ihm mehr hartgekochte Eier als Schokolade gebracht hatte.
„Wieso willst du den Osterhasen einfangen?“ Der Papa kratzte sich am Bart und schnüffelte am Teedampf, bis ihm einfiel: „Moment, den Osterhasen gibt es gar nicht, das ist nur ein Märchen. Das weißt du schon lange.“
„Klar“, nuschelte Fritz, ein klein wenig verärgert über den Einwand. „Genau deshalb muss ich ihn erwischen, dann kann ich allen beweisen, dass es ihn gibt!“
Der Vater schlürfte an seinem Getränk, kratzte sich nochmal am Bart und ächzte verdrossen, bevor er seinem Sohn riet: „Lass es bleiben, Fritzchen, spar dir die Enttäuschung.“
Fritz zauderte, hatte gehofft, in seinem Papa einen Verbündeten zu finden, immerhin war der Jäger und hatte Ahnung davon, wie man sich einen Hasen schnappte. „Na gut“, seufzte der Kleine, zauderte kurz und fragte: „Darf ich trotzdem in den Wald spielen gehen?“ Nervös kaute er auf seiner Unterlippe.
„Natürlich“, freute sich Ferdinand darauf, sich mit seinem Tee ausruhen zu können. „Sei einfach vor dem Abendessen zurück. Es gibt Omeletts mit Würstchen.“
Der Junge nickte beherzt und rannte die Verandatreppe hinunter und ums Hauseck herum in den Gartenschober, wo er sich eine Schaufel schnappte.

Graben war anstrengend, wie Fritz keuchend feststellte. Die ersten drei Löcher hatte er unfertig aufgeben müssen, der Waldboden war voller Wurzeln. Er putze sich Stirn und Nase am verschwitzen T-Shirt ab und begutachtete sein drittes, knapp zwanzig Zentimeter tiefes Loch. Wie stark wohl Bauarbeiter sein mussten, wunderte er sich, die gruben bestimmt den lieben langen Tag Löcher. Obschon er längst müde vom Stechen und Buddeln war, ließ seine Entschlossenheit, den Osterhasen in die Finger zu kriegen, kein bisschen nach. Den Hasen gab es, da war er sich sicher. Wer sonst könnte all die Osternestchen mit leckerer Schokolade und blöden Eiern bringen?
Gerade als Fritz wieder nach seiner Schippe griff, kletterte ein Igel aus einem Laubhaufen und guckte ihn interessiert an. „Was machst du da?“, erkundigte sich der Igel. „Du machst ja dem Maulwurf Konkurrenz mit deiner Graberei.“
„Was? Nein, ich baue eine Falle“, erklärte er, unbeeindruckt vom sprechenden Tier. „Für den Osterhasen.“
„Den Osterhasen?“ Der Igel runzelte die Stacheln. „Den gibt es nicht, Junge. Das ist ein Märchen, ein Hase könnte sowas nie schaffen.“
Fritz schnaubte und rollte mit den Augen. „Es gibt ihn. Ich beweise es dir.“ Flink drehte er dem Igel den Rücken zu und stach mit Schmackes in die Erde. „Und allen anderen!“
„Nun denn, viel Glück, junger Mann“, wünschte der Igel und tippelte von dannen.

Eine ganze Weile war vergangen, Fritz kam es wie Stunden vor. Erschöpft streckte er sich, sah von seinem Loch hoch und entdeckte einen struppigen Fuchs, der ihn mit schräg geneigtem Kopf beobachtete. „Was stellst du an?“, fragte der Fuchs und kicherte: „Für einen Förster bist du zu klein, mein Kind.“
„Ich baue eine Falle. Für den Osterhasen“, wiederholte er den Grund seines Unterfangens und ahnte gleich, was der Fuchs dazu zu sagen hatte.
„Als Fuchs kenne ich mich mit Hasen aus und glaube mir, einen Osterhasen gibt es nicht.“ Sein buschiger Schwanz mit der schneeweißen Spitze wedelte gemütlich hin und her. „Wenn du Hasenbraten willst, musst du dich mit einem normalen Meister Lampe begnügen.“
Fritz quietschte schockiert: „Ich will den Osterhasen doch nicht essen!“ Er steckte die Schaufel in die Erde und baute sich vor dem Fuchs auf. „Ich möchte beweisen, dass es ihn gibt.“
„Das ändert nichts, was es nicht gibt, lässt sich nicht fangen. Das ist ein Märchen, wie sollte ein einzelner Hase so eine Aufgabe bewältigen?“, flötete der Fuchs und zuckte mit der Rute. „Falls dir ein anderer Hase in die Falle tappt, nehme ich in dir gerne ab.“
„Werde ich“, log Fritz der Höflichkeit halber. Nie im Leben würde es ihm einfallen einen Hasen, ob Osterhase oder normales Karnickel, dem Fuchs zum Fraß vorzuwerfen.
„Danke dir. Viel Glück, junger Herr.“
„Bis dann.“ Er winkte dem schelmischen Waldbewohner zu und grub weiter.

Als sein Loch tief genug und er zufrieden mit seinem Werk war, sammelte Fritz Äste und Moos, um es abzudecken. So ein Hase war clever und hopste garantiert nicht in eine offene Falle, nein, gute Tarnung war das A und O seines Plans. „Huhu“, klang es ober ihm. Erschrocken schaute der Junge hoch in die Baumkronen, kniff die Augen zusammen und erspähte schließlich eine graue Eule, die ihn skeptisch musterte. „Was machst du da, mein Freund?“, wollte das Käuzchen wissen. „Wenn du Mäuse fangen willst, versuch es mit Speck, nicht mit Zweigen.“
„Nein, nein“, wandte Fritz ein und stellte sich auf das übliche Spiel ein. „Ich baue eine Falle. Für den Osterhasen.“
Der unförmige Vogel schüttelte sich. „Hu? Den Osterhasen?“
„Ja, ich will beweisen, dass es ihn gibt“, sagte er, bückte sich und hob einen dünnen Ast auf.
„In diesem Wald wohnt kein Hase, die Karnickel tummeln sich auf dem Feld.“ Die Eule plusterte sich auf. „Osterhasen suchst du sowieso vergebens, das ist ein Märchen, zu sowas ist ein Hase allein nie im Stande.“
„Flieg weg“, schmollte Fritz, allmählich genervt von den frechen Waldtieren, die ihn beirren wollten.
„Sag mir, wie soll ein Hase all die Nester an einem Tag verteilen? Soll er mit den Löffeln schlagen, um zu fliegen, hu?“, lachte das Federtier mit einem Hauch Spott in der Stimme.
„Ha!“, machte Fritz und grinste im Gegenzug triumphierend. „Der Osterhase hoppelt so schnell, wie keine Eule fliegen kann.“
„Tja, wenn du meinst.“ Der Kautz wackelte mit den Schwanzfedern, hob ab und drehte eine Runde. Zum Abschied rief sie: „Viel Glück, kleiner Mann.“
„Danke“, murmelte Fritz und widmete sich seiner Falle.

Minuten später hatte er das letzte Moosstückchen auf die Zweige gelegt und besah sich stolz sein Werk. Ja, mit dieser Grube würde er den Osterhasen fangen und es allen zeigen, die an ihm zweifelten. Nun brauchte er Geduld, musste warten, bis ihm das magische Karnickel in die Falle ging. Entkräftet von der schweren Arbeit kam es ihm eigentlich ganz gelegen, sich in einem dichten Buch hinzusetzen. Fritz nahm sich vor, die Geschehnisse gut im Auge zu behalten, aber die Müdigkeit überrumpelte ihn und so döste er inmitten des Gestrüpps ein.

Als ihn ein Rascheln weckte, brauchte Fritz einige Sekunden, bis ihm einfiel, wo er war und was er hier tat. Sogleich sprang er hellwach hoch, linste vorsichtig zwischen den Ästen hindurch auf seine Falle. Das Knistern im Laub ließ ihn hoffen. Aufgeregt beugte er sich vor, starrte gespannt und da kam tatsächlich der Igel vorbeigelaufen und zwar mit einem … Ja, konnte es denn wahr sein? Fritz öffnete erstaunt den Mund und japste: „Oooh!“ Auf dem stacheligen Rücken des Igels war ein Rucksäckchen aufgebunden. „Ein …“, stammelte er, rieb sich übers Gesicht und sah nochmal genauer hin. „Ein Osterigel? Der ist doch viel zu langsam.“ Wie sollte er das bloß seinem Vater, allen anderen erklären, die nicht mal an einen Hasen glaubten, der tolle Schokolade und eklige Eier verschenkte? Fritz blieb keine Zeit, sich mit dem Gedanken eines Osterigels anzufreunden, schon wurde er vom Fuchs überrascht, der ebenfalls einen prall gefüllten Osterrucksack trug. Und dann, ja dann erschienen sie alle nach und nach, die Waldtiere mit ihren Ostergaben. Ein Reh, dahinter sechs Waldmäuse, zwei Amseln hielten Schokoeier im Schnabel, der Dachs zog einen Karren und sogar die Eule heilt ein Täschchen voll bunter Stinkeier. Und mit einem Mal begriff Fritz, was der Igel, der Fuchs und die Eule ihm sagen wollten. Für einen Osterhasen allein wäre es unmöglich die Kinder dieser Welt mit Schokolade und leider auch Eiern zu beschenken. Dieses Osterwunder war nur gemeinsam zu packen!

Autorinnen: Rahel und Sarah
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