Special zum neunjährigen Jubiläum | Flucht aus Paris

Vor neun Jahren haben wir beide, Rahel und Sarah, je zum Spaß eine Story nach vorgegebenen Stichworten geschrieben, eine Idee, aus der Clue Writing entstanden ist. Zu diesem Jubiläum haben wir uns entschieden, je unsere allererste Clue Writing Story neu zu verfassen, indem wir nur die Clues, einige stilistische Elemente und den groben Ablauf der Story übernahmen, um zu sehen, ob das Resultat sich stark verändert hat. Wir sagen euch danke für neun Jahre Treue und freuen uns darauf, viele weitere Geschichten mit euch zu teilen.

Sein strohblondes Haar klebte strähnig an seiner Stirn und sein graublaues Hemd war vor Tagen gebügelt worden. Hätte er einen Augenblick innegehalten, wäre ihm womöglich aufgefallen, wie angreifbar er sich inmitten dieser trostlosen Halle fühlte, dieser Vorhölle aus Hektik, Ungeduld und Abschiedsschmerz. Aber dazu fehlte ihm die Zeit. Also marschierte er mit ausladend stechenden Schritten vorbei an den Säulen, deren Stuckverzierungen abbröckelten, vorbei an den kleinen Kioskläden, die ähnlich einsamer Inseln in der Bahnhofshalle trieben, und direkt zu einem der Schalter beim Durchgang zu den Gleisen. Vor ihm stand ein älterer Herr, dessen Nacken sich in einer dicken Wulst über den Schultern wölbte und der gemütlich einen Glimmstängel rauchte. Scheinbar tiefenentspannt wartete der Mann darauf, dass die Reisende im roten Sommerkleid vor ihm ihr Ticket entgegennahm.

„Pardonnai mois, Monsieur. Je suis très …“ Ach, wie er Französisch hasste! Schlimmer als diese vermaledeit komplizierte Sprache mit ihren Regeln und der absurden Vielzahl an Ausnahmen waren eigentlich bloß die ungeschickten Annäherungsversuche seiner Exgemahlin gewesen. Hin und wieder war das ungelenke Weib ihm in die Dusche gefolgt, um ihn zum Sex zu überreden, der jedes Mal frustrierend endete und sie beide dazu brachte, sich immer mehr Hobbies zuzulegen, um sich von der Enttäuschung über das kränkelnde Liebesleben abzulenken. Ja, während die Liebe zwischen ihnen über die Jahre Stück für Stück verblasst war, erblühte ihre Begeisterung fürs Nähen, Gärtnern und das Tennisspielen, insbesondere für ihren Doppelpartner. Eines Freitags war er aufgewacht war und hatte sie zwischen antiker Webrahmen, Nähmaschinen und Kisten zur Rede gestellt hatte, schließlich hatte er seine Koffer gepackt, ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben und die Tür hinter sich endgültig geschlossen.

Genervt fasste er sich an die Nasenwurzel, hoffte, damit das verflixte fehlende Wort aus seinem Gehirn drücken zu können. Es half nichts, die Vokabel, die er suchte, war schon längst in den Irrungen und Windungen seines Gehirns verlorengegangen, wahrscheinlich hatte er es direkt nach dem Französischunterricht mit einem Glas Wodka weggespült.
„Erm … Je dois alle à la guichet, vite!“  Er bemühte sich sein schönstes Lächeln hervorzulocken, was in Anbetracht der Tatsache, dass er seit über dreiunddreißig Stunden nicht geschlafen hatte, kläglich missglückte. Erst irritiert, danach belustigt über die Unbeholfenheit seines Appells, grinste ihn der gute Herr an und wies ihn mit einer freundlichen Geste an, vor ihn zu treten. Hätte kurz innegehalten, wären ihm sicherlich die feinen Linien aufgefallen, die dem korpulenten Passanten einen großväterlichen, fast edlen Charakter verliehen. Doch er eilte einfach an ihm vorbei und so entfiel ihm auch dieses Gesicht, wie viele vor ihm, der französische Ausdruck und all die anderen Dinge, die in der gewohnten Normalität, im Zentrum der Bell-Kurve, der Gewöhnlichkeit versinken und irgendwann nicht länger wahrgenommen werden.

„Merci beaucoup.“ Er leckte über seine schmalen, rissigen Lippen und schnappte sich das Ticket, das ihm der Junge am Schalter aushändigte. Endlich konnte er in einen der verdreckten Züge steigen, den Gare de Lion und überhaupt die mit Taubenkot verschmierte Stadt der Liebe hinter sich lassen. In einer nicht allzu fernen Zukunft, fernab von Paris, würde er beim Treffpunkt in der Victoria Street Station die warme Umarmung seiner Tochter genießen. Vermutlich wollte sie mit ihm durch den nahe gelegenen Park schlendern, einen wässrigen, englischen Kaffee hinunterstürzen, ehe er ihr neues Apartment besichtigen dürfte. Er keuchte erleichtert, als er den Bahnsteig erreicht hatte und konnte den Duft des liebevoll zubereiteten Frühstücks regelrecht riechen, das seine Tochter in ihrem schweineteuren Toaster bei jedem seiner Besuche für ihn zubereitete. Die Engländer waren zwar absolut ahnungslos, was Kaffee anging, beim Toast konnte ihnen allerdings niemand das Wasser reichen. Selig schmunzelte er, kostete seine Vorfreude über das bevorstehende Wiedersehen aus.

Ein Herzschlag verging, knapp eine Sekunde. Angestrengt blinzelte er gegen den beißenden Staub an, in eine beinahe blickdichte Wolke gehüllt, zwang er sich hartnäckig, die Augen offenzuhalten. Neben ihm lag eine junge Mademoiselle, sie hatte sich offensichtlich zurecht gemacht und trug ein Spitzenkleid und eine zerbrechlich wirkende Silberkette am Handgelenk. Daneben ragte weißer Knochen hinaus. Der Aufprall klang in seinen Ohren nach, trabte mit brutaler Härte durch seinen Schädel. Ihm fielen die wahnwitzigen Experimente mit der Kartoffelkanone seines Cousins ein, den Unfall, der ihn Monate seiner Kindheit gekostet hatte. Das Fräulein sah ihn entsetzt an, bewegte ihren rotverschmierten Mund und wollte ihm etwas sagen. Vergeblich, außer dem dumpfen Dröhnen existierten keine Laute mehr.

Vorsichtig probierte er sich aufzurichten, wollte sein zerknittertes Hemd in die Hosen stecken, sich Staub und Schuttsplitter aus dem Haar schütteln. Seine Tochter schimpfte bestimmt mit ihm, wenn er ihr so unordentlich entgegenkäme. Vielleicht würde sie ihm vorwerfen, sich falsch entschieden zu haben, dass er bei seiner Frau hätte bleiben müssen. Halb so tragisch, den englischen Toast bekäme er trotzdem und den grauenhaften Kaffee ebenfalls. Seine Tochter, da war er sich sicher, liebte ihn noch genauso wie damals, als er sie vor den Altar geführt hatte.

Die Erinnerung an ihr helles Lachen, die zarten Citrusnoten ihres Parfüms und ihre feingliedrigen Hände, die über die Tasten seines Pianos huschten und Mozart verhunzten, verblieb in seinen Gedanken. Er bemerkte das Geschehen um sich herum kaum, hörte weder die Schreie noch das Schluchzen. Dann verschwand er langsam und ruhig, genauso wie das französische Wort.

Autorin: Rahel
Setting: Öffentliches Gebäude
Clues: Webrahmen, Bell-Kurve, Taubenkot, Kartoffelkanone, Toaster
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