Fan-Bonus | Bericht aus dem Pentagon

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„Katie!“ Marcus erscheint hinter ihr. Der zerschlissene Kittel und seine keuchende Atmung verraten ihr, dass er vom Labortrakt herbeigeeilt ist. Sie hat im Vorfeld zu diesem Auftrag lange recherchiert, auch über ihn und [passster password=“rE498-4721dsf“]angefangen bei seiner Kindheit in einem abgeschiedenen Dorf der Mormonen, ist die Lebensgeschichte des Lieutenant General eine außergewöhnliche. „Katie, wir müssen reden.“ Die vergangenen Geschehnisse hatten sie näher zusammengebracht, weder Nachnamen geschweige denn Titel waren ihnen geblieben. In dieser Kaserne sind sie zu Brüdern und Schwestern geworden. Umso schmerzlicher sind die Verluste.
„Ich komme gl…“
„Jetzt!“, unterbricht er sie. Seine dunkle Haut wirkt aschfahl, so grau wie sein Haar. Drei weitere Männer treten hinzu und sie erkennt es in ihren Gesichtern. „Oh Gott.“ Sie flüstert, vielleicht hat sie es gar nicht gesagt, es bloß gedacht. Wer weiß?

Das Trommeln der Maschinerie ist verstummt, gänzlich versiegt. Nachdem es die letzten Tage dominierte, in jedem Augenblick präsent war, lastet die akustische Leere bleiern auf den wenigen Verbleibenden. Sie alle wissen, welch abscheuliche Botschaft die Stille in sich trägt, sie dröhnt in ihren Gedanken. Es ist vorbei.
„Drei Minuten“, kündet einer der Soldaten an. Er ist jung, wahrscheinlich kaum älter als ihr Vater es war, als er seine schwangere Frau verließ, um für dieses Land in den Krieg zu ziehen. Damals hatte das noch etwas bedeutet, man durfte hoffen, die Opfer die sie brachten, wären mehr denn sinnlos verlorene Leben. Wobei die Frage nach Sinn und Zweck ihres Einsatzes seit dem späten Nachmittag eine vergebliche Mühe war.
„Bist du bereit, Katie?“ Marcus‘ Brauen werfen Schatten über dessen Züge. Er ist müde, das Adrenalin ist aus seinen Adern gewichen, hat allumfassender Resignation und Trauer Platz gemacht. „Katie?“
„Einen Moment, ich will nochmal die Notizen durchgehen.“ Vier Kameras und acht Mikrophone gibt es im improvisierten Studio, sie haben sie aus den Presseräumen mitgebracht, das restliche Equipment musste zurückgelassen werden, weshalb sie mit Teilen der Notbeleuchtung sowie einigen Taschenlampen ausgeleuchtet wurde.
„Wir haben keinen Moment“, erwidert Marcus und drückt sie fest an sich. Der Lieutenant General ist ein Beispiel der Mustergültigkeit, ein hartgesottener Mann, dessen Umarmung einem schlechten Omen gleichkam. „Du schaffst das“, meint er, klopft ihr auf die Schulter und schreitet anschließend aus dem Bild. „Wir gehen live in zehn, neun, acht, sieben, sechs …“ Schließlich beendet er den Countdown mit den Fingern.

„Guten Abend, werte Bürger und Bürgerinnen,
Ich spreche aus den Kasernen des Pentagons zu Ihnen.“ Schluckend kämpft sie die Übelkeit, welche sie plötzlich überfällt, hinunter. „Bedauerlicherweise muss ich die aktuellen Pressemitteilungen bestätigen und Ihnen mitteilen: Die Madame President hat sich um achtzehn Uhr Pacific Standard Zeit das …“ Sie stockt. „… das Leben genommen. Kurz nachdem unsere Bemühungen zur Abwehr des Asteroiden eingestellt wurden.“
Katie ist nicht zum ersten Mal in einer Ausnahmesituation, als Kriegsreporterin hatte sie so manche Misere erlebt, überlebt, doch dieses nie dagewesene Ausmaß an Trostlosigkeit macht selbst ihr zu schaffen. Unsicher schaut sie zu Marcus, der mit geschlossenen Lidern und geschlagener Haltung nickt.
„Ich bedauere zutiefst, Ihnen auszurichten, dass alle Möglichkeiten zum Ausschalten der Bedrohung ausgereizt wurden und gescheitert sind.“
Als Jugendliche hatte sie über ihre Liebe zur Literatur zum Journalismus gefunden und bis heute blieb sie ein Krimifan. Das Schöne an Kriminalromanen ist, wie sich sogar aus dem verzwicktesten Rätsel eine Antwort herauskristallisiert, ganz anders als in der Realität, deren Schrecken zu oft kein befriedigendes Ende finden. Das sollte sich bald auf die scheußlichste Weise ändern.
„Wir stehen weiterhin im engen Kontakt zu anderen Nationen. Die Abwehrsysteme Deutschlands, Frankreichs, Indiens sowie jene des vereinigten Königreichs und der Volksrepublik Chinas sind wirkungslos am Flugkörper abgeprallt. Andere Atommächte hatten große Schwierigkeiten, ihre Sprengsätze bis zum Ziel zu befördern, so schlugen Israels und Pakistans Pläne fehl, ihre Langstreckenraketen erfolgreich aus dem Orbit zu manövrieren. Aus Russland erreichte uns die Nachricht, man arbeite unter Hochdruck an einer neuen Flugabwehrkanone, der das Unmachbare gelingen solle.“ Wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, ist von weitem ein Aufschlag zu vernehmen, wenige Sekunden später erschüttert der Boden. Katies Herz klopft wild und die Übelkeit kommt zurück. „Angesichts der gegenwärtigen Lage ist der glückliche Ausgang dieses Vorhabens zu bezweifeln.“
Siebenundzwanzig Stunden ist es nun her, sinniert sie sich räuspernd. Darauf läuft es also hinaus, das ist nun die Krönung ihrer Kariere. Flüchtig fällt ihr ein, dass sie morgen hätte Hundefutter und Toilettenpapier einkaufen müssen, ihre Mutter auf einen Kaffee vorbeikäme und die Konferenzschaltung mit Clark und Jameson anstand. Zudem ginge die Welt unter.
„Neuesten Berechnungen zufolge rechnen wir in den späten Abendstunden, um einundzwanzig Uhr zweiundvierzig, mit …“ Ein Schluchzen entwischt ihr, einfach so hüpft es aus ihrer Kehle und sprengt damit alle Dämme. Katies Ringen mit den Tränen hört auf, sie lässt es zu, zeigt der Nation ihre Verzweiflung. Niemand würde je wieder Hundefutter kaufen oder Kekse für den Besuch der Mutter backen. „Ver…zeihung“, stammelt sie, richtet sich gerade auf und fährt mit gefasst wirkendem Tonfall fort: „Wir rechnen um einundzwanzig Uhr zweiundvierzig Pacific Standard Zeit mit dem Einschlag des Asteroiden Kor-566x, genannt Korros vor Kanadas Pazifikküste.“ Rasch, bevor ihre Stimme abbricht, fügt sie an: „Korros wird nicht in der Atmosphäre verglühen und im Hinblick auf seine schiere Masse ist von der vollständigen Zerstörung der Erde auszugehen.“ Die Details erläutert sie nicht, weder die totale Annihilation der Regionen im Impactbereich, noch die Feuerwelle sondergleichen, welche jeden bisherigen Napalm-Angriff wie ein Streichholzflämmchen aussehen ließe, auch den ewigen Winter, in dem die letzten Menschen verstrahlt und hungrig zugrunde gehen werden, erwähnt sie nicht. Die Bevölkerung ist informiert, redet sie sich ein, entschuldigt sich selbst davon, die düstere Zukunft beim Namen zu nennen.
„Ich kann Sie nur bitten, werte Bürger und Bürgerinnen, in diesen schweren Zeiten Ruhe zu bewahren. Bleiben Sie wenn möglich in Ihren Häusern und Wohnungen und meiden Sie Menschenansammlungen.“ Erneut bricht ein Heulen aus ihr, es verklingt in der immensen Kasernenhalle. Einige der Soldaten haben ihre Häupter gesenkt, andere starren zur Decke. Sie weinen stumm, zittern unter der finalen Last, die sie zu tragen haben.
„Verbringen Sie Ihre letzten Stunden im Kreis Ihrer Lieben. Küssen Sie Ihren Partner, wiegen Sie Ihre Kinder, streicheln Sie Ihre Haustiere und umarmen Sie Ihre Eltern.“ Da tritt Marcus zwei Schritte zur Seite, zückt seine Dienstwaffe und legt sie sich mit einer flinken Bewegung unters Kinn. Der Schuss ertönt, er geht in die Knie und kommt vor den blutigen Resten seines Schädels zu liegen.
Katies reglose Position erweicht sich nach einer kurzen Weile, dann spricht sie weiter: „Beten Sie, wenn Sie gläubig sind, auf dass man unserer Seelen gnädig sein wird.“ Ein zweiter Schuss fällt, ein dritter und ein vierter. „Ich bin Katie MacReary für das Pentagon. Es war mir eine Ehre, werte Bürger und Bürgerinnen, Sie begleiten zu dürfen. Für unsere letzten Minuten wünsche ich Ihnen Glück und ein kleines Stück Freude im Angesicht des Untergangs.“
Das Mikrophon fester umklammernd, zählt sie innerlich auf drei und schließt ihre letzte Reportage: „Mit dieser Ausstrahlung beenden wir unsere Übertragungen.“

Autorin: Rahel
Setting: Kaserne
Clues: Mormonen, Krimifan, Hundefutter, Napalm, Mustergültigkeit
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