Englischer Rasen

Phils Veranda grenzte direkt an den Vorgarten seines Nachbarn. Als die Siedlung gebaut worden war, hatte niemand daran gedacht, wie es wäre, über das Grundstück eines grantigen Rentners gehen zu müssen, um zur Einfahrt zu gelangen. Dreißig Jahre später stand Horatio jeden verfluchten Morgen am Küchenfenster und brüllte Phil an, der über seinen englischen Rasen rannte. Dieser war kein Freund der getrimmten Grashalme, er freute sich über das Unkraut, welches aus den Ritzen im Steinfundament seines Häuschens wucherte und den einsamen Kaktus, den er von seiner Mutter geerbt hatte. Ja, Phil mochte struppig-stachelige Dinge, daher fand er Gefallen an Horatio.
„Verschwinde von meinem Rasen, du dreckige Pissnelke!“, donnerte der Alte mit seiner Kaffeetasse fuchtelnd.
„Dir auch einen schönen Tag, Horatio.“ Hurtig drückte Phil den Knopf an seinem Autoschlüssel, riss die Fahrertür auf und hechtete in den Wagen. Freundlichkeit regte den anderen bloß noch mehr auf, doch Phil war überzeugt davon, den Griesgram irgendwann für sich erwärmen zu können.
„Beschissene Arschgeige!“ Ob es die Einsamkeit war, die Horatios Gemüt verdarb oder genau andersrum? Man erzählte sich im Quartier, Horatio hätte eine Tochter. Zu Besuch kam sie nie und das mochte seine Gründe haben.
„Bis heute Abend“, trällerte er aus dem Autofenster und fuhr zur Arbeit.

„Du brauchst einen Schluck“, sagte Phil, seinen Kaktus begutachtend. „Wenn ich nach Hause komme.“ Damit schnappte er sich seine Sommerjacke und trat auf die Veranda. Pünktlich wie immer wartete Horatio auf ihn.
„Blödes Arschloch“, brüllte er, kaum hatte Phil einen Fuß auf die Grünfläche gesetzt.
„Guten Morgen, Horatio.“ Der Mähroboter war mal wieder am einzigen Ort im Vorgarten hängengeblieben, der nicht vom perfekt gestutzten Rasen bedeckt war. Etwas rechts vom Eingang schaute die Luke eines Luftschutzbunkers hervor, selbstverständlich fein säuberlich geputzt. „Das Wetter soll sonnig werden.“ Manchmal warf man ihm vor, er sei naiv, zu wohlwollend, allerdings störte sich Phil nicht daran. Menschen musste man halt so nehmen, wie sie waren, das galt auch für Gift und Galle speiende alte Nachbarn.
„Halt die Fresse und verschwinde von meinem Rasen“, befolgte Horatio sein tägliches Skript und wedelte mit seiner Tasse, als wäre sie ein Morgenstern. „Pissnelke!“
„Alles Gute.“ Phil winkte dem anderen zu, setzte den Blinker und bog in die Straße ab.

Sein Morgen hatte wenig vielversprechend angefangen. Zuerst zickte die Kaffeemaschine, dann fand er keine Batterien für die kabellose Computermaus und nun stellte Phil entsetzt fest, dass er auf der Toilette zu viel Zeit mit Twitter vertrödelt hatte. „Shit, ich bin knapp dran! Bis heute Abend“, verabschiedete er sich von seinem Kaktusfreund und hüpfte über die Stufen in Horatios Vorgarten. Auf halbem Weg zum Auto hielt er inne, um ins Küchenfenster zu schmulen. Der Miesepeter war nicht in Sicht. Das war zwar ungewöhnlich, aber vermutlich hatte er seinen Kaffee bereits ausgetrunken und widmete sich den Dingen, denen sich Horatio eben so widmete. Was der Rentner tat, wenn er ihn nicht gerade als Pissnelke beschimpfte oder seinen geliebten Rasen pflegte, war Phil unklar. Er stellte sich vor, Horatio säße jeweils bis spät in die Nacht am Wohnzimmertisch und bastle Modelflieger.

„Guten Morgen, Horatio“, flötete Phil laut, kaum hatte er abgeschlossen. „Wie schmeckt der Kaffee heute?“ Es kam keine Antwort. Verwirrt machte er einige Schritte auf Horatios Fenster zu und stellte sich auf die Zehenspitzen, um hineinzusehen. „Horatio, ich gammle auf deinem Rasen rum“, versuchte er den Murrkopf aus der Reserve zu locken. „Mit den harten Anzugsschuhen.“ Es blieb weiterhin still. Sich am Bart kratzend musterte Phil das Gras und murmelte: „Er ist gewachsen.“ Missmutig nahm Phil die Kirchenglocke zur Kenntnis und trottete schließlich in Richtung Einfahrt davon.

Schon bevor er losging, hatte er Horatios Vorgarten vom Schlafzimmer- sowie Küchenfenster aus beäugt. Er sollte verdammt sein, wenn das Gras nicht über drei Zentimeter emporragte und wenn es etwas gab, worauf Phil sich in dieser ordnungslosen Welt verlassen konnte, dann, dass Horatios Rasen nie über zweieinhalb Zentimeter wuchs. Sich die Nase hochziehend schlenderte er hinaus, bückte sich und inspizierte die Hälmchen.
„Horatio?“ In seiner Stimme schwang Besorgnis mit. „Bist du in Urlaub gefahren?“, brummte er und schüttelte sogleich den Kopf. „Unwahrscheinlich.“ Phil rieb sich übers Gesicht, fasste sich ein Herz, marschierte zum Hauseingang und klopfte erst zögerlich, anschließend kräftig an. „Horatio. Horatio, bist du da?“ Ein Blick auf seine Armbanduhr ließ ihn unruhig werden. Er sollte eigentlich längst auf der Autobahn sein, stattdessen war er im Begriff, bei seinem stets übellaunigen Nachbarn einzubrechen. „Horatio? Horatio, ich komm jetzt rein, wenn du mich veralbern willst, kannst du … Hallo, Horatio?“ Es klopfte zurück. Jedoch kam das Hämmern nicht von der Tür, sondern von rechts daneben. „Der Bunker?“

Phil saß auf der untersten Verandastufe und beobachtete das Treiben in Horatios Vorgarten. Die Polizei hatte erstaunlich schnell auf seinen Hilferuf reagiert. Zwei Beamte waren mit einem Bolzenschneider gekommen, danach brach für eine Weile das absolute Chaos aus. Mittlerweile legte es sich wieder, sogar die Reporter hinter den Sichtschutzwänden packten langsam ihre Sachen zusammen. Auf der so liebevoll umsorgten Grünfläche klafften etliche Grasnarben, um die Luke zum Luftschutzkeller war der Boden blankgetreten. Er hatte sie nur kurz gesehen. In eine silberne Notdecke gehüllt wurde sie von zwei Polizisten in einen abgedunkelten Wagen gebracht. Der angeschwollene Bauch verriet Phil, es würde sie wohl mehr als eine posttraumatische Belastungsstörung an Horatio erinnern. Tief seufzend zupfte er einige Halme aus und zwirbelte sie zwischen den Fingern.
„Sie sind der Nachbar, der uns gerufen hat?“, wurde er aus seiner Schockstarre gestoßen.
„Äh, ja. Phillip Römerich.“
„Wir hätten einige Fragen an Sie, wenn es Ihnen recht ist, könnten wir …“
„Natürlich, kommen Sie rein.“ Phil erhob sich, da entdeckte er ihn. „Ist er das?“
„Ja.“ Der Polizist machte keine Anstalten, sich zu der Bahre umzudrehen, auf der ein mächtiger Leib in einem schwarzen Sack wegtransportiert wurde.
„So eine Pissnelke!“ Angewidert warf er die Grashalme weg.

Autorin: Rahel
Setting: Vorgarten
Clues: Kaktus, Pissnelke, Computermaus, Morgenstern, Belastungsstörung
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