Regenwinter

Sandra lehnte sich auf dem Sessel zurück und fixierte das flackernde Kaminfeuer, dessen Prasseln vom Trommeln der Regentropfen gegen die Fenster des Ferienhauses begleitet wurde. Kurt, ihr bester Freund seit der Schulzeit, lag auf der Couch und knurrte eben: „Da geht man in die Berge, um zuzugucken, wie es in den Schnee regnet.“
„M-hm“, nuschelte Sandra, halb müde und halb überfressen, und wandte sich vom Feuer ab. „Immerhin haben wir das Chalet für eine Woche gemietet, mit ein wenig Glück kommen wir doch noch zum Skifahren.“
„Hast du die Wetterprognose für die nächsten Wochen gesehen? Regen ohne Ende mit drei, vier Schneeflocken dazwischen. Keine Chance.“
„Wir sollten wohl eine andere Beschäftigung finden“, murmelte sie demotiviert, fügte dann optimistischer hinzu: „Wir haben uns bislang immer irgendwie amüsieren können.“
„Stimmt.“ Kurt erhob sich und schlenderte zur offenen Küche, wo er den Wasserkocher ergriff. „Willst du auch einen Tee?“
„Kräutertee, gern.“ Nach kurzem Überlegen ergänzte sie: „Weißt du noch, wie wir vor ein paar Jahren diesen Regenwinter hatten und einen Bankraub bis ins kleinste Detail durchplanten?“
Lachend setzte Kurt das Wasser auf. „Ah ja, genau, da waren wir aber andauernd bekifft. Für sowas sind wir inzwischen zu alt, oder?“
„Fürs Kiffen oder den Bankraub?“ Sandra stand glucksend auf, streckte sich und ließ sich sogleich wieder auf den Lesesessel fallen. „Egal, vermutlich sind wir für beides zu alt. Und Drogen nehme ich keine mehr.“
„Himmel, wir werden alt.“ Melodramatisch verwarf Kurt die Hände.
„Sagt der, der herumsteht und einen Wasserkocher anstarrt, bis der Tee fertig ist“, frotzelte Sandra.
„Komm schon, ich habe mich vorhin am Fondue überessen, meine Energie für heute ist hin. Und einen weiteren Bankraub ziehe ich nicht durch, ich wäre beim letzten beinahe draufgegangen.“
Für einen Moment stutzte Sandra und verkrampfte sich, bis sie begriff. „Fast hättest du mich erwischt“, kicherte sie. „Das klang überzeugter, als es sollte. Lass das besser, sonst schicke ich dir die Polizei auf den Hals.“
„Bist du sicher, dass ich einen Witz gemacht habe?“, konterte Kurt mit unüberhörbarem Schalk in der Stimme.
„Ja, du Vollpfosten. Das war unser Plan, hättest du das ohne mich durchgezogen und mir nicht die Hälfte abgegeben, brächte ich dich um.“
„Oh“, hüstelte Kurt, wobei er den Tee eingoss. „Das wurde ja ganz schnell düster. Alte Psychopathin!“
„Hey, ich bin fair. Wer loyal ist, wird belohnt, wer mein Vertrauen bricht, bezahlt mit dem Leben.“
„Ich bin sehr loyal, ich bringe dir gerade deinen Kräutertee. Was ist die Belohnung?“
„Nimm dir ein paar Kekse aus der Küche, das ist ein angemessener Sold.“
„Die habe ich gekauft und hierhingeschleppt, das zählt nicht.“ Damit plumpste er auf die Couch und begann, gemächlich in seiner Tasse zu rühren.

Das Geräusch des Regens auf dem Dach hielt Sandra wach, zwar mochte sie das stetige Tropfen, fand es sogar beruhigend, nur war sie sich zum Einschlafen völlige Stille gewöhnt. Zudem war das Sodbrennen von der viel zu großen Portion flüssigem Käse wenig hilfreich. Nachdem sie schon zwei Stunden versucht hatte einzuschlafen, gab Sandra auf. Genervt ächzend kämpfte sie sich aus dem übermäßig weichen Bett, streifte die Pantoffeln über und schlurfte zur Balkontür für ein bisschen frische Bergluft. Sandra trat hinaus und setzte sich auf einen Stuhl, zog ihr Handy hervorzog und entsperrte es. Die Uhr auf dem Display leuchtete ihr scheinbar hämisch entgegen, wahrscheinlich schlummerten alle, denn weder Facebook, Twitter noch Instagram hatten neue Benachrichtigungen zu bieten. „So viel zu Ablenkung von der Schlaflosigkeit“, seufzte sie und wollte das Gerät gerade weglegen, als ihr etwas einfiel. Mit einem dummen Grinsen begann sie, Bankraube in der Region zu googeln und brummte dazu: „Okay, Kurt, mal schauen, was du angestellt hast.“ Natürlich meinte sie es nicht ernst, war lediglich froh um jede Art von Zerstreuung.
Als sie den vierten Zeitungsartikel überflog, stockte sie. Vor drei Jahren hatte in ihrer Wohngegend tatsächlich ein Bankraub stattgefunden, der ihrem Plan entsprach. Fasziniert suchte Sandra weitere Artikel, las alte Berichte mit wachsendem Interesse und kam schließlich, nach fast einer halben Stunde, zum unausweichlichen Schluss: Das konnte unmöglich ein Zufall sein! Von der Vorgehensweise bis hin zur Flucht, jede Einzelheit stimmte mit ihren gemeinsamen Spinnereien überein. Sie hegte nicht den geringsten Zweifel. Zischend stieß sie aus: „Kurt, du verdammter Spinner! Ich bringe dich um!“
Entschlossen steckte sie das Handy in die Tasche ihres Morgenmantels und ging zurück in ihr Schlafzimmer. Sie wusste nun, was zu tun war. Auch in diesem Regenwinter würde sie mit ihrem besten Freund zum Spaß Pläne schmieden, diesmal wären es allerdings Mordpläne. Sie brauchte seinen Input, zwei Menschen dachten besser, verhinderten mehr Fehler, als sie alleine. Und dann, wenn die Zeit gekommen war, vielleicht ein, zwei Jahre später, könnte sie den Plan in die Tat umsetzen. Sie fand die Vorstellung, wie der Verräter mit seinem eigenen Plan ermordet wird, nahezu poetisch. Es sei denn, Kurt bekäme vorher Schuldgefühle und gäbe ihr die Hälfte der Beute – diese Loyalität könnte ihm das Leben retten, so fair war sie.

Autorin: Sarah
Titelvorgabe: Regenwinter
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