Special zum achtjährigen Jubiläum | Sturheit am Abgrund

„Komme“, rief Rilee und drückte gedankenverloren auf den auf dem Türbalken montierten Lichtschalter, eine Handlung. Faszinierend, wie hartnäckig sich solche Automatismen hielten, dachte sie sich, schließlich floss seit acht Jahren kein Strom mehr durch die alten Kupferdrähte, weder hier, noch irgendwo sonst. „Was ist?“
„Nehmen wir die mit?“, fragte Sabra, auf eine Browning X-Bolt deutend. Sie hatten das Scharfschützengewehr letzten Herbst auf einer Erkundungstour im Tal entdeckt, er war in der Nähe der Apotheke auf einem Balkon gelegen. Derartig seltene Fundstücke erzählten eine tragische Geschichte, grundlos ließe niemand eine einwandfrei funktionierende Waffe mit reichlich Munition zurück. Keine der beiden war sonderlich geübt im Umgang mit dem Gewehr, dennoch hatten sie es geschultert und mit nach Hause geschleppt.
„Was meinst du? Könnte praktisch sein“, schlug Sabra vor und linste in die Metallkiste, die neben ihren Klamotten auf der geblümten Bettdecke lag. „Wir haben zirka achtzig Schuss.“
„Triffst du damit?“ Rilee zupfte an ihrem schief geflochtenen Zopf, seufzte und entfernte das Haargummi, um die Frisur zu richten. „Oder produzierst du bloß Lärm?“
„Naja, laut ist sie schon, sie ist riesig.“ Erstes Dämmerlicht fiel durch die Fenster, bald würde sich die Sonne über den Gipfeln zeigen. „Das Training zahlt sich langsam aus. Einigermaßen.“ Stolz wog sie die Browning in der Hand, betrachtete sie eine Weile und fügte dann hinzu: „Vermutlich bin ich damit nicht geschickt genug, um das Gewicht zu rechtfertigen.“ Enttäuscht packte sie ihr Lieblingsspielzeug in den Schrank und schnappte sich stattdessen ihre treue Remington. „Die ist sinnvoller.“
„Denke auch. Mit dem Ding machst du alles platt“, holte Rilee grinsend aus. „Sogar unser Brennholzlager.“
„Wie lange willst du mich damit aufziehen?“, beschwerte sich die Kurzhaarige, prustete theatralisch und konnte sich das Kichern allerdings nicht verkneifen.
„Solange, bis du den Schuppen wiederaufgebaut hast.“
„Also ewig“, gluckste Sabra und stopfte einen Pullover in ihren Rucksack. „Um fair zu bleiben, die Lawine hat dem Schober den Rest gegeben, nicht ich.“
„M-hm, nachdem du ihn mit Schrot vollgepumpt hast“, schmunzelte die andere und half ihrer Kumpanin beim Wäschefalten. „Wann können wir ungefähr los?“ Vor drei Wochen war Rilee in Sabras Hütte umgezogen, ihr Häuschen, das einen knappen Kilometer weiter oben auf der Alp lag, war einem Felssturz zum Opfer gefallen. Der Berg hatte sich bereits öfters in eine gefährliche Schlammrutsche verwandelt und mit den jährlich steigenden Temperaturen war zu erahnen, welch tödliche Überraschung der höhergelegene Gletschersee bereithielt. Der Wegzug von der Alp ins Tal war nun nicht länger eine bequeme Träumerei, sondern überlebensnotwendig.
„Schätzungsweise in einer Stunde, eineinhalb, wenn wir uns eine Kaffeepause gönnen“, erklärte Sabra sich im Schlafzimmer umsehend. „Mann, ich werde die schäbige Hütte vermissen.“
„Ja“, murmelte sie wehmütig, bis auf einige wenige Habseligkeiten und ihren liebsten Freund, den alten Jagdterrier Derrick, hatte Rilee alles verloren. „Dann in eineinhalb Stunden, für Kaffee haben wir immer Zeit.“ Sie hielt inne und atmete schwermütig durch. „Sofern wir mehr davon finden. Ich befürchte, wir haben die Gegend leergeplündert.“
„Blödsinn“, winkte Sabra heiter ab. „Wir treiben schon welchen auf und wenn nicht, sterben wir halt.“

„So eine verkackte Mistscheiße!“, fluchte Rilee und kämpfte mit dem Brustgurt, ehe es ihr gelang, ihr Gepäck mitsamt dem Hund auf die Wiese zu stellen. Unter ihnen breitete sich das Tal aus, dessen Hänge mit sich langsam gelb verfärbenden Bäumen besetzt waren.
„Ich befürchte, Fäkalien helfen uns nicht weiter.“ Sabras Kommentar entlockte der anderen ein teils amüsiertes, teils verärgertes Schnauben.
„Hätten wir genug davon, könnten wir die ganze Senke mit Scheiße füll… Ach, vergiss es.“ Brummend stützte sie ihre Hände auf die Hüften und schaute sich um. Die Passage, die von einer Weide zur nächsten führte, war nichts weiter als ein enger, dreißig Zentimeter breiter Pfad, parallel zur Felswand. Ausgerechnet hier hatte sich Schiefer gelöst und den Wanderweg verschüttet, sodass die drei Reisenden vor einem steilen Geröllhang standen.
„Hast du eine Idee?“ Sabra ließ sich im Gras nieder und streichelte den senilen Terrier, der sich hechelnd auf ihren Schoß legte. „Mit einem Seil oder so?“
„Dafür müsste eine von uns rüberkommen, um das Ding zu montieren.“ Sie waren schon oft in Situationen geraten, die auf den ersten Blick unüberwindbar schienen und hatten sich bislang jedes Mal irgendwie daraus befreit. Gerne scherzten sie, dass sie wohl die einzigen fettärschigen Überlebenden auf der Erde waren, zumal körperliche Fitness gerade zu Beginn eine Notwendigkeit gewesen war. Über Fettarschwitze lachten sie noch heute, wobei Jahre des Verzichts, in denen die wenigen Ressourcen, die der Wald und ihr magerer Garten hergaben, reichen mussten, ihre Ranzen drastisch hatten schrumpfen lassen.
Skeptisch und mit einer Spur unverhohlener Sorge musterte Sabra den Geröllhang. „Das schaffe ich niemals in einer Tour. Spätestens auf der Hälfte bleib ich dir liegen, bin keine Bergziege.“ Sie blies die Backen auf und stöhnte: „Bergziegen sollten wir sein.“
„Jup, das wird schwierig.“ Ungeduldig tippte Rilee mit den Fingen auf ihren Oberschenkeln herum. „Du kennst mich, ich kraxle dir über alles, aber bei losem Untergrund ohne Sicherung, kriege ich Panik.“
„Mist.“
„In der Tat. Mist.“
„Okay“, ächzte Sabra sich die Haare von der Stirn wischend. „Lässt sich nichts machen, umkehren ist keine Option, meine Hütte wird den Winter nicht überleben, nicht mit all den Lawinen. Wir müssen auf die andere Seite, bevorzugt ohne dabei draufzugehen, vielleicht könnten wir …“
„Da!“, unterbrach Rilee die andere und gestikulierte auf die Felswand. „Siehst du das?“
Es dauerte einige Sekunden, bis Sabra den schmalen Vorsprung etwa fünf Meter über dem Geröllhang entdeckte. Ein karges Büschchen wucherte aus einer Spalte und kurz hinter dem Plateau war die Felswand abgerissen.
„Kommst du von dort aus ganz rüber?“, wollte Sabra wissen.
„Keine Chance, gleich dahinter ist der Fels glatt abgebrochen, da bräuchte ich ein Seil.“ Rilee beugte sich vor uns begutachtete das Gestein. „Wenn ich da hochkomme, kann ich dich von oben absichern, was meinst du?“
„Ähm, und du bleibst dort oben?“ Gegen die Sonne anblinzelnd sah sie, wie ihre Kameradin Wasser in Derriks Schale füllte.
„Im schlimmsten Fall, ja. Im Prinzip wäre es simpel, wenn ich dort oben eine Klemme setze, können wir uns anseilen. Du kannst auf dem Weg rüber verschnaufen und wenn wir rutschen, stürzen wir nicht in die Tiefe.“
Ungläubig kratzte sich Sabra am Kopf und verzog die Lippen. „Du bist zuversichtlich, da hochzukommen, ohne ungebremst ins Tal zu rattern?“ Für jeden halbwegs geübten Kletterer wäre die Strecke ein Kinderspiel, der Fels war stabil, hing nicht über und bot ausreichend Greifmöglichkeiten. Dummerweise war Rilee keine erfahrene Alpinistin, sondern gerademal knapp in der Lage, nach fünf Klimmzügen nicht an Überanstrengung zu sterben.
„Joa, vermutlich. Ansonsten kann man wenigstens behaupten, dass ich acht Jahre Apokalypse überlebt habe. Das sind acht Jahre mehr, als ich mir zugetraut hätte“, gab sie schulterzuckend zurück.
„Was ist mit dem Gepäck? Willst du das an einem zusätzlichen Seil aufhängen, wie letztes Mal?“, folgerte Sabra ohne Rilees Reaktion abzuwarten. „Damals war die Lage bedeutend einfacher. Hier musst du einen Drittel des Wegs ungesichert hinter dich bringen, dir ist klar, was …“
„Eine andere Option haben wir nicht“, fiel ihr die Kleinere wenig begeistert ins Wort. „Es gibt keinen Umweg, wir müssen da rüber.“ Sie ging einige Schritte im Kreis, sah die Geröllhalde hinab und rieb sich übers Gesicht. „Versprich mir, dich um Derrick zu kümmern, wenn ich bei der Sache ins Gras beiße.“
Nach kurzem Schweigen, während dem Sabra verzeifelt eine weniger riskante Alternative suchte, nickte sie ernst. „Sicher.“

Der Schweiß brannte in ihren Augen, als Rilee den Vorsprung mit den Fingern ihrer linken Hand zu fassen bekam. Vorsichtig tippte sie mit der Spitze ihres Wanderschuhs in eine kleine Einbuchtung und testete, ob das Gestein sie hielt, bevor sie sich mit einem Ruck abstieß und mit der Rechten zulangte. Angestrengt keuchend stemmte sie sich auf und versuchte ihr Bein über die Kante zu schwingen, was ihr beim dritten Anlauf endlich gelang.
„Alles okay?“, brach Sabra die konzentrierte Stille. Sie klang so besorgt wie erleichtert, ihre Freundin zumindest vorläufig in Sicherheit zu wissen.
„Ja“, meldete sie sich zwischen schwerem Schnaufen. „Scheiße.“
„Schon wieder Fäkalien?“, heiterte Sabra die Stimmung auf. „Das ist unhygienisch.“
„Hör auf mit deinen Kackwitzen.“
Sabra unterdrückte ein Schluchzen, der Stress nagte an ihr. „Okay, okay. Eigentlich scherze ich darüber, dass du … lassen wir das.“ Sie Schmunzelte und rubbelte dem alten Hund über den Bauch, der das mit einem freudigen Schwänzeln zur Kenntnis nahm. „Na, Kleiner“, flüsterte sie dem Terrier fröhlich zu. „Wer wird gleich über einen lebensgefährlichen Abhang transportiert, wer?“
Rilee war derweil dabei, die Klemme im Spalt zu schieben und prüfte, von ihrer Kollegin gespannt beobachtet, ob sie wirklich hielt. Als nächstes zog sie zwei Seile, die sie um die Hüfte gebunden hatte, ein und warf sie Sabra zu, die das erste elegant und das zweite nur mit Mühe auffing. „Na, das fängt ja gut an.“
„Noch sind wir nicht gestorben“, konterte Rilee, ehe die andere ihre Rucksäcke an einem der Stricke festband und eine lange Leine hervorkramte, mit der sie das Gepäck an sich befestigte. „So können wir die Rucksäcke stehenlassen und dann zu uns herüberziehen, richtig, oder?“ Zum Schluss hakte sie das zweite Seil, das Rilee ihr zugeworfen hatte, an ihrem Klettergurt ein und zurrte Derrick an seinem Geschirr an ihrem Rücken fest. Der Jagdterrier hing wie ein Fallschirmspringer an ihr, völlig unbeeindruckt schien er eher gelangweilt, denn verängstigt. „Himmel, was fütterst du dem Kerl? Der wiegt ja eine Tonne.“
„In letzter Zeit vor allem Bohnen. Ich wünsche dir viel Spaß mit seinen Fürzen“, lachte Rilee ihre Anspannung überspielend.
Ihre Gefährtin wagte den ersten Schritt hinaus und sogleich polterten Schieferbrocken in die Tiefe. Schräg an den Hang gelehnt, tastete Sabra sich auf allen Vieren voran, stets darum bemüht, mindestens drei Kontaktpunkte mit dem abschüssigen, lockeren Boden zu behalten. Es dauerte länger, als den beiden Frauen lieb war, doch nach einer gefühlten Ewigkeit, zwei Pausen, etlichen hinuntergerollten Steinen und zwei bestialisch stinkenden Fürzen des teilnahmslos dösenden Hundes, kam Sabra schlussendlich wohlbehalten auf der anderen Seite an und plumpste jubelnd ins Gras. „Ha!“
Leicht zittrig löste sie den Karabiner ihres Sicherungsseils und rief Rilee zu: „Kannst es durchziehen.“
„Geht es Derrick gut?“, erkundigte sie sich und schnallte sich fest.
„Prima, er schläft. Mir geht es übrigens auch prima, danke der Nachfrage“, feixte Sabra den Terrier absetzend.
„Na dann, zwei von drei. Wenn ich abkratze, wäre das wohl jetzt echt peinlich.“ Sie atmete einige Male durch, gab ihrem Halteseil einen Ruck, um zu bestätigen, dass die Klemme sowie der Knoten daran noch saßen und drehte sich der Steilwand zu. „Das kann nur schiefgehen“, murmelte sie und hüpfte über den Vorsprung. „Shit, shit, shit, ich hasse mein Leben.“
Sabra hatte sich neben Derrick hingesetzt und wartete, bis Rilee auf der Höhe des Gepäckseils angelangt war und es sich um die Taille gebunden hatte. „Bist du bereit?“
„So bereit, wie ich sein kann.“
Sabra wickelte die Leine mehrfach um ihren Arm und legte sich gegen das Gewicht ihrer Freundin und der Rucksäcke.
„Langsam“, forderte Rilee. „Bei dem Tempo fresse ich Schotter.“ Da rutschten ihre Taschen über den Rand der Wiese und purzelten einige Meter nach unten, bis sie an Rilee baumelten.
„Fuck“, zeterte Sabra. „Ich dachte, die Leine sei lang genug.“
„Schon okay, du bist fett genug, um mich und die Rucksäcke herüberzuzerren“, juxte Rilee gegen die Panik kämpfend, als unter ihren Füssen weitere Schiefersteine wegbrachen.

„Erstaunlich, was wir so alles überleben“, sinnierte Rilee. Vor einigen Minuten hatten sie nach einem langen Fußmarsch das oberste Quartier im Dorf erreicht. Der Tag näherte sich seinem Ende und sie durften sich darauf freuen, in einem der ehemals luxuriösen Häuser ein richtiges Bett zu finden.
„Viel wichtiger, unser Gepäck hat überlebt. Darin ist der Kaffee.“
„Oh mein Gott, ja“, stieß Rilee aus und rannte auf eine Auffahrt zu. „Wir machen jetzt sofort eine Kaffeepause!“
„Unbedingt. Stoßen wir darauf an, diese verkackte Mistschlucht überquert zu haben“, meinte Sabra und schlug mit ihrer Remington das Küchenfenster einer Villa ein.
„Machen wir. Hm, dafür, dass wir Amateure sind, haben wir das gar nicht schlecht gemeistert.“ Sie öffnete die Schnallen ihres Rucksacks und klopfte Derrick auf die Brust. „Brav, gleich kannst du schlafen.“
„Na ja, Sturheit gewinnt immer“, stimmte Sabra zu, griff durch das Fenster, schloss die danebenliegende Tür auf und wandte sich dem Jagdterrier zu: „Na, wer hat sture Begleiter, wer?“

Autorinnen: Rahel und Sarah
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