Fan-Bonus | In einer perfekten Welt

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Marvin zieht seine Hose hoch, während der Arzt seine Plastikhandschuhe mit einem schlabbernden Geräusch abreisst und in den Tret-Abfalleimer wirft. Ich habe den Kerl noch nie ausstehen können! Okay, muss ich mir gegenüber zugeben, als ich ihn das erste Mal sah, war er mir wie die[passster password=“rE498-4721dsf“] meisten Menschen einfach nur egal, weder im Guten noch im Schlechten. Nicht leiden konnte ich ihn erst, als er das erste Mal eine von seinen Weisheiten von sich gegeben hat. Ich werfe einen sehnsüchtigen auf eine Flasche Sedativa im Regal hinter dem Arzt, den wohl andere Leute dringender brauchen als ich (Nun ja, um fair zu sein, bräuchte ich sie keineswegs für mich, sondern in Marvins Magen, nur kann man leider nicht alles haben).
Ich reisse mich von meinem inneren Gezeter los und wende mich dem Arzt zu: „Doktor, wie sieht‘s aus?“
Der Arzt erklärt meinem impertinenten Begleiter: „Wenn Sie mögen, können Sie etwas Physiotherapie versuchen, aber Sie sollten bald wieder in Ordnung sein. Wie ist das denn überhaupt passiert?“
Marvin zuckt mit den Schultern. „Böh. Bin gestolpert.“ Ich verkneife mir das Lachen, denn es gibt einen bedeutend amüsanteren Grund, wieso der künftige Ehemann meiner Tochter in dieser Arztpraxis in Uruguay gelandet ist.

Montevideo war eine schöne Stadt, das musste ich ihr lassen, trotzdem hätte ich den Familienurlaub gerne anderswo verbracht, wo es momentan bedeutend weniger warm war. Ich war es längst nicht mehr, die in dieser Familie das Sagen hatte, denn nun waren sowohl Bertram, mein Sohn, als auch Katie, meine Tochter, erwachsen und meine bessere Hälfte beobachtete die Radieschen seit einiger Zeit von unten (Shit happens, wie er zu sagen pflegte). So oder so, das Leben als Witwe war kaum so glorreich, wie es das Fernsehen glauben machte, denn von Mitleid konnte man nun mal schlecht ernähren und es ging einem gehörig auf den Keks. Dazu kam, dass meine Kinder der Ansicht waren, es sei schlecht für meine geistige Gesundheit, im Haus eingesperrt zu sein (Das, obwohl ich über einen Schlüssel verfügte, womit alles auf Freiwilligkeit beruhte). Da sie verdammt gut in emotionaler Erpressung waren, fand ich mich nun auf dieser Urlaubsreise mit Katie sowie Marvin, ihrem Angetrauten. Dieser Kerl brachte bestenfalls den Intelligenzquotient von einem vergammelten Kohlkopf in die Familie ein, wenn überhaupt. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was Katie in ihm sah, wenn sie auch nicht die hellste Glühbirne im Leuchter sein mochte.
Wir waren friedlich auf der Strasse unterwegs, als das Gespräch das erste Mal auf die Mondlandung kam. Ich hatte das Gequassel der beiden nur kurz ausgeblendet und schon behauptete der Typ, die Menschen seien niemals zum Trabanten gereist, da die Strecke viel zu weit sei, das wisse doch jeder. Viel früher hatte ich noch mit ihm zu argumentieren versucht, damals, als es um die Illuminaten, Area 51 oder eines der unzähligen anderen Themen gegangen war, die Marvin gerne aufgriff, um klüger zu klingen, als er je sein könnte. Er war wie eine Wundertüte voller Unsinn, man wusste nie, welche geistige Fehlgeburt gleich herausploppte. Für zwei Jahre (die sich eher wie zwei Dekaden anfühlten), hatte ich ihn meiner Tochter zuliebe toleriert, nur hatte Katie ihren Mami-Bonus verscherzt, da sie mir vorgebetet hatte, wie schlecht sie sich fühle, weil ich nicht auf ihre Urlaubsreise mitkommen wollte. Wie auch immer: Ich habe, da niemand aufpasste, diesem Tölpel ein Bein gestellt, in der Hoffnung, er würde einmal pseudo-elegant auf die Fresse fliegen, ihn zum Mond schiessen war ja verboten; den Poller, der ihn dabei am Bein und in den Kronjuwelen traf, übersah ich in meiner Kalkulation der Flugbahn (Das soll keineswegs Bereuen sein, nein, das machte die ganze Sache bestenfalls amüsanter).

Ich brauche das letzte Fitzelchen meiner Beherrschung, einen Gröl-Anfall abzuwenden, als Marvin, seine Intimregion haltend, auf den Doktor zu humpelt und ihm die Hand schüttelt. Katie wirft mir einen strafenden Blick zu, vermutlich begreift sie, wie lustig ich die ganze Sache finde. In einer perfekten Welt wäre ich eine äusserst emotionale Mutter, die nun ihre Tochter tröstend hält, weil ihr Freund im Urlaub einen YouTube-Failvideo-würdigen Sturz hingelegt hat. Die arme Katie macht sich andauernd wegen allem Sorgen, egal wie grenzdebil es sein mag, ich an ihrer Stelle wäre einfach froh, alle Teile ihres Marins (bis auf die Denkleistung, versteht sich) in ganzem Zustand zu wissen.
Doch das hier ist nun mal keine perfekte Welt. In einer perfekten Welt wäre ich weniger alleine. In einer perfekten Welt wäre Katie wengier naiv und Marvin würde vielleicht genauso gut aussehen, aber in erster Linie über einen funktionierenden Denkapparat verfügen. In einer perfekten Welt wäre ich ein netter Mensch …
„Mom?“, flüstert Katie, als wir auf den Ausgang zugehen. „Ich hoffe, die Tollpatschigkeit meines Verlobten hat dir nicht den ersten Urlaub seit langem ruiniert. Alles ist okay, oder?“
Diesmal kann ich wahrheitsgetreu antworten, als ich glucksend entgegne: „Machst du Witze? Ich finde die ganze Sache ziemlich unterhaltsam. So viel Spass hatte ich nicht mehr, seit dein Vater gestorben ist!“
Meine liebe Frau Tochter verdreht die Augen. „So langsam verstehe ich, wieso du sonst kaum je das Haus verlässt. Du bist einfach unmöglich! Dad war der einzige Mensch auf dem Globus, der dich je verstanden und halbwegs im Zaum gehalten hat.“
Wie Recht sie hat, denke ich mir und krame die starken Gauloises aus meiner Handtasche. Nur, das ist eine Erwähnung wert, ein bisschen Slapstick hier und da macht alles erträglich, plus, erinnert mich daran, dass das Leben weitergeht.

Autorin: Sarah
Setting: Arztpraxis in Uruguay
Clues: Kohlkopf, Physiotherapie, Mondlandung, Tret-Abfalleimer, Wundertüte
Für Setting und Clues zu dieser Story bedanken wir uns bei June Is. Wir hoffen, euch hat diese exklusive Geschichte gefallen und möchten uns megalotastisch für eure Unterstützung bedanken. Wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit gerne Clues vorschlagen. Bis zur nächsten Patreon-Story müsst ihr euch einen Monat gedulden, aber in der Zwischenzeit unterhalten wir euch mit den regulären Hör- und Kurzgeschichten und freuen uns darauf, euch auf den Social Media begrüßen zu dürfen. Grandio-Danke für eure Literaturfreude![/passster]

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