Hinter dem Wurmloch gibt es Eiscreme

Es war gegen drei Uhr fünfzehn Standardraumzeit, als der Rand seines Würfels pulsierend blinkte und ein warmer Ton Wade von seiner Fernsehshow aufsehen ließ. Das grüne Leuchten verriet ihm, dass der Anruf von der Brücke kam. „Mist“, jammerte er und diktierte dem Entertainmentsystem zu pausieren, ehe er das Gespräch entgegennahm: „Ich habe Wochenende.“
„Wade, ich brauche dich auf der Brücke.“ Captain Faolans Gesicht erschien auf dem Holoschirm und wie üblich klang er gelangweilt. Egal worum es ging, der Typ wirkte wie einer, der hauptberuflich Senioren das Telefonbuch vorlas. Selbst wenn ein Triebwerk in Flammen stünde, ihn brachte nichts aus der Ruhe.
„Aha“, brummte der Pilot und lehnte sich gegen die Wand aus Kissen, die er neben seinem Bett aufgebaut hatte. „Und wieso?“
„Rosa hängt über der Schüssel“, berichtete der Captain regungslos, da sprang Wade aufgebracht hoch, stolperte über seinen Couchtisch und brüllte den Kommunikationswürfel an: „Sie hat sich aufgehängt? Scheiße, was ist denn passiert, ich habe sie am Abend noch gesehen, da schien es ihr gutzugehen.“
„Bitte?“ Der Captain blinzelte verwirrt und ächzte. „Sie kotzt, Wade. Sie hängt über der Toilettenschüssel und kotzt, du galaktischer Heukrompler.“
„Oh.“ Der Schrecken verflog so schnell, wie er gekommen war, er sackte zusammen und blieb im Schneidersitz vor der Projektion seines Captains hocken. „Wegen dem Fötus?“
„Schwer zu sagen“, antwortete Faolan. „Das, oder sie hat zu viel Krakchips gefuttert.“
„Stimmt, die frisst sie in rauen Mengen. Vermutlich wegen dem Fötus.“ Die Beine ausstreckend machte er es sich auf dem Boden gemütlich und gähnte ungeniert in die Kamera. Der Job auf dem kleinen Frachtschiff war genau der richtige für Wade. Die Arbeit auf der ‚D. L. Forcett‘ war zwar eintönig, dafür war die Atmosphäre entspannt und die Crew bestand hauptsächlich aus Leuten, die die Nase voll hatten, sich irgendwo in einer riesigen Firma die Karriereleiter hoch zu kämpfen.
„M-hm“, stimmte der Vorgesetzte ihm zu und merkte an: „Er heißt Phil.“
„Wer?“
„Der Fötus.“ Captain Faolan linste zur Seite, wahrscheinlich um die Navileiste zu kontrollieren, zuckte kaum merklich zusammen und berichtigte: „Phil. Rosas Sohn heißt Phil.“
„Ph-iiiii-l. Hm.“ Nachdenklich starrte der Pilot an die Decke seiner Kajüte und kratzte sich die Braue. „Mir gefällt Fötus besser. Fö-TUS. Hat mehr Umpf, du verstehst.“ Erneut riss er den Mund auf und verzog ihn zu einem unverschämt lauten Gähnen.
„Sie kann das Kind doch nicht Fö…“ Faolan unterbrach sich, blieb eine Weile stumm und beobachtete Wades Halszäpfchen, bevor er den Kopf schüttelte: „Schluss mit dem Geplänkel, komm auf die Brücke!“
„Sorry, Boss.“ Seufzend strich er sich über den Bart. „Kannst du nicht Indira rufen, ich bin gerade … Nun, high.“
„Klar, ist mir aufgefallen“, erwiderte Faolan augenrollend. „Indira liegt auf der Krankenstation, schon vergessen?“
„Ach ja, die Gallensteine.“ Auf perfide Weise hatten sie sich alle gefreut, als Indira erkrankte, endlich war das Lazarett, das bislang lediglich als Abstellraum gedient hatte, zu etwas nütze. Aber eine Überfahrt dauerte in der Regel sechs Wochen, eine lange Zeit für jemanden, der an einen Schmerzmitteltropf angeschlossen in einem fensterlosen Zimmer vor sich hinvegetierte. Ebenfalls für die restlichen drei der Viermanncrew, die Indira vertreten mussten. Wade stützte sich auf und gestikulierte theatralisch. „Ich hasse mein Leben!“
„Ich meines auch. Komm“, forderte Captain Faolan tonlos.
„Bin unterwegs.“

Wade saß mit einer Wolldecke über den Schultern auf dem Offizierssessel und prüfte desinteressiert die aktuelle Triebwerkleistung. Hin und wieder stieß er sich am Pult ab, rollte durch die Brücke zu Faolans Platz und hüpfte dann wie ein hyperaktiver Jockey auf dem Stuhl, um zu seinem Arbeitsplatz zurückzukehren. Bald war es vier Uhr morgens, zu früh fürs Frühstück, zu spät für einen Mitternachtssack, überlegte er. „Ich hätte Lust auf Eiscreme. Willst du auch?“
„Es gibt kein Eiscreme“, erklärte der Captain ohne vom Navigationsschirm aufzuschauen.
„Natürlich gibt es die. Wir haben erst kürzlich welche gegessen.“ Nougateis war sein Favorit, wobei er kürzlich auf den Geschmack von Poruporu mit Karamell gekommen war, eine gewagte, dennoch äußerst leckere Mischung.
„Was?“ Er wandte sich Wade entweder entnervt oder überglücklich zu, seine Stimmung zu lesen war meistens unmöglich. „Eiscreme. Die gibt es wirklich.“ Stolz auf seine korrekte Feststellung, grinste er seinen Chef an und tätschelte sich den Bauch, um seinem Wunsch nach Süßigkeiten Nachdruck zu verleihen.
„Ich meinte, es gibt jetzt keine Eiscreme“, fauchte der andere, was Wade zum Verdacht brachte, sein Captain könnte tatsächlich angesäuert sein. „Konzentrier dich gefälligst. Ich habe keinen Bock, wegen dir im Wurmloch steckenzubleiben“, lamentierte er im immer selben Sprechrhythmus eines einschlafenden Pfarrers.
„Okay, okay.“ Einige Minuten gelang es ihm, still die Instrumente im Blick zu behalten, bis sein Magen knurrte. „Wenn wir den Synthesizer anwerfen, können wir durchaus jetzt Eiscreme haben.“
„Wade!“ Sich die Schläfen massierend verlangte er zu erfahren: „Bist du sicher, dass du das Manöver high schaffst?“
Wade lachte auf, klopfte dabei mehrfach auf die Konsole, verstellte einen Regler und korrigierte diesen sofort. „Kinderspiel, das ist wie seitwärts einparken, nur völlig anders. Das mache ich im Schlaf.“
„Würde ich bevorzugen“, murmelte Faolan, woraufhin Wade sich vorbeugte und ihn fragend ansah. „Konzentrier dich einfach.“
„Ja Mann, reg dich ab. Ich bemühe mich ja.“ Er tippte einige Befehle ein und schon drehte sich die ‚Doug‘, wie sie die ‚D. L. Forcett‘ scherzhaft nannten, elegant herum. „Weißt du“, begann er, während er die Winkeleinstellungen eingab, „was mir dabei helfen würde, mich zu konzentrieren?“
„Wenn du nochmal ‚Eiscreme‘ sagst, stecke ich dich in den Ionentank“, blaffte der Captain mit erhobenem Zeigefinger.
„Wie du willst, Boss.“ Gelassen baumelte er mit den Füßen und pfiff ein Lied, das er sich eben ausgedacht hatte. „Wäre echt blöd, wenn ich den Winkel falsch berechne und wir ins Taumeln kommen. Die Gravitationshydraulik könnte das nicht kompensieren und wir …“
„Hinter dem Wurmloch gibt es Eiscreme!“, schrie Captain Faolan plötzlich und schlug mit den Handflächen auf die Armlehnen seines Sessels, da öffnete sich die Schiebetür, Rosa trat ein und verkündete fröhlich: „Super, für Eiscreme bin ich auch zu haben.“

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: Hinter dem Wurmloch gibt es Eiscreme
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