Unnatürliche Auslese

SarahAutorin: Sarah
Setting: Krankenhaus
Clues: Gitarrenhals, Palmwedel, Bärtierchen, Strohhut, Bestellung
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Ann sass auf dem alten Spitalbett und fragte sich, wie lange es dauern mochte, bis der Arzt wiederkam. Das Krankenhaus war beinahe verlassen, sie gehörte zu den letzten, die noch nicht evakuiert worden waren; vermutlich wurde sie nicht mit Priorität behandelt, weil sie keine Kinder hatte. Sie blickte sich in dem kargen Raum um, an dessen Wänden bereits die grünliche Farbe abzublättern begann und vor dessen Fenstern ein einziger kahler Baum in der nuklear verseuchten Einöde stand, die einst die Hauptstadt gewesen war. Sie streckte sich und konnte fühlen, wie ein scharfer Schmerz durch ihre Hüften fuhr – das Schrapnell war zwar entfernt worden, doch die Schmerzen würden sie noch lange begleiten. Es war nicht an der Zeit, sich mit einem Strohhut auf dem Kopf und einem Drink in der Hand an den Strand zu legen, sinnierte sie. Sie musste heiser lachen; allein der Gedanke war in dieser Situation mehr als nur ein wenig absurd.

Die Tür zu dem Zimmer öffnete sich knarrend und der ältere und abgekämpft wirkende Arzt trat hinein, ein Stück Brot in der Hand. „Lieferung der Bestellung von Commander Foster“, erklärte er grinsend.
Sie setzte sich auf und blickte ihn ungläubig an. „Echtes Brot? Wo haben Sie das bloss auftreiben können?“
Während er sich neben sie auf die Bettkante setzte, streckte er sich. „Ich habe bloss noch drei Patienten und konnte darum welches backen. Irgendwer hat einen Sack Mehl in der Küche liegen lassen.“
Man konnte ihr die Freude ansehen, während sie gierig von dem Brot abbiss und schliesslich mit vollem Mund dankte. Der Arzt nickte freundlich und meinte: „In Zeiten wie diesen ist ein frisches Brot paradiesisch.“ Er machte eine kurze Pause und schien nachzudenken. „Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe gestern einen grünen Palmwedel gefunden; er lag abgerissen vor dem Krankenhaus auf dem Boden. Vielleicht ist das ein gutes Omen.“
Ann lachte, schüttelte dann aber entschieden den Kopf. „Ich glaube nicht an Botschaften des Universums. Aber mitten im Winter ist es auf jeden Fall etwas Seltenes.“
Er dachte kurz nach, bevor er fragte: „Können Sie schon wieder gehen?“
Sie nickte. „Einigermassen. Es schmerzt und ich bin sehr langsam, aber so lange ich einen Stock habe, komme ich voran. Wie lange haben wir noch?“
„Vielleicht einen Tag“, erwiderte er. „Dann geht das letzte Evakuierungsschiff.“ Nach einer Pause fügte er grinsend hinzu: „Sie sind wie ein Bärtierchen.“
Leicht verwirrt fragte sie: „Wie meinen Sie das?“
„Bisher haben Sie alles überlebt, die nukleare Explosion, die Schlacht um die Hauptstadt, die Invasion – und Sie waren mitten drin. Genau wie Bärtierchen, die sind auch beinahe unzerstörbar.“
Ann lachte heiser, sie hatte sich rasch an den leicht absurden Humor des Mediziners gewohnt, wobei sie sich immer noch fragte, ob er schon immer so gewesen war, oder ob dies seine Art war, mit dem Geschehenen umzugehen. „Das war einfach nur Glück. Ohne Ihre Hilfe und die Medikamente wäre ich verblutet, oder an der Strahlenkrankheit gestorben.“
Sie schwiegen einige Zeit. Es war nichts zu hören, ausser ihren Atemzügen; keine Vögel zwitscherten, keine Geräte summten und keine Schritte oder Lautsprecherdurchsagen waren auf dem Flur zu vernehmen. Diese Welt war tot, vernichtend geschlagen, von ihr würde nichts weiter als eine Notiz in den Geschichtsbüchern bleiben. Schliesslich unterbrach der Arzt die Stille und meinte leise: „Ich habe vorhin einen Anruf vom Kommando der Streitkräfte erhalten. Offenbar funktionieren manche Satelliten noch.“
Ann horchte auf, sie hatte seit der Schlacht vor einigen Tagen nichts mehr vom Militär gehört. „Was wollten die denn?“
„Sie wollten wissen, ob Sie noch leben. Offenbar sind Sie die ranghöchste Überlebende dieser Welt.“
Unglauben wurde in ihren Gesichtszügen bemerkbar: „Ich bin Commander, soll das heissen, alle Generäle und Admiräle sind tot?“
„Es scheint ganz so, ja“, entgegnete er leise. „Falls Sie jemanden verloren haben, tut es mir leid.“
Sie nahm sich zusammen und erklärte entschieden: „Wir haben alle jemanden verloren, die meisten von uns haben alle verloren, die sie hatten.“
„Die Zeiten, in denen wir leben“, erklärte er rhetorisch, bevor er wieder sachlich wurde. „Jedenfalls hat mir das Militär mitgeteilt, dass sie zur Generalin befördert worden sind und nun das Kommando über unsere Streitkräfte haben.“
Ann hielt im Kauen inne und der ungläubige Ausdruck auf ihrem Gesicht schien nun wie in Stein gemeisselt zu sein. „Ich?“
„Im Krieg wird man schnell befördert“, entgegnete der Arzt schulterzuckend. „Ich habe mir gedacht, dass Sie das schockieren könnte, darum habe ich es nicht sofort erzählt. Jedenfalls werden die uns abholen und gleich zum Flaggschiff bringen, damit sie das Kommando übernehmen können.“

Das Hovercraft schwebte über das Trümmerfeld, das einst die Hauptstadt dieser Welt gewesen war, und Ann blickte nachdenklich auf die Überreste hinunter, während sie krampfhaft ihren Stock umklammert hielt, um sich von den stechenden Schmerzen abzulenken. Von einem Tag zum anderen war sie von der gut trainierten Offizierin, die auf dem Schlachtfeld kämpfte, zur verkrüppelten Generalin geworden, schoss es ihr durch den Kopf. Da sie tief flogen, um möglichst lange unter dem gegnerischen Radar zu bleiben, konnte sie einzelne Trümmer und Gegenstände auf dem Boden der zerbombten Strassenzüge erkennen – neben einem abgerissenen Gitarrenhals lagen ein halber Sessel und eine geknickte Ständerlampe. Die Blütezeit dieser Welt war ein- für allemal beendet, wahrscheinlich war sie für viele Generationen unbewohnbar. Ann schüttelte nachdenklich den Kopf; Im Krieg wurde man tatsächlich schnell befördert, wenn es auch nicht viel bedeuten mochte, die Anführerin der Armee eines beinahe ausgestorbenen Volkes zu sein.

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