Eiskalt abserviert

Autorin: Sarah
Setting: Eiswagen
Clues: Schwerlastdübel, Naturschutzgebiet, Länderfinanzausgleich, Gin Tonic, Blaufusstölpel

Gerhard Gütersloh war das, was man sich nach einigen Jahrzehnten mit „Tatort“, „Der Alte“ und „Ein Fall für zwei“ als desillusionierten, deutschen Kommissar vorstellte, bloss noch stereotyper. Während seine jüngeren Kameraden über Dinge wie Wahlen, das EU-Parlament und den Länderfinanzausgleich diskutierten, interessierte sich Gerhard lediglich für seine Fälle, machte gelegentlich sarkastische Sprüche und genehmigte sich zu regelmässig einen Gin Tonic in seiner Lieblingsspelunke. Er mochte Überwachungen nicht sonderlich, denn in seinem Vehikel war es eng und im Sommer kam er sich wie ein Küken unter der Brutlampe vor.
„… und das ist der Grund, wieso der Blaufusstölpel der beste Vogel von allen ist“, beendete Schröder seinen begeisterten Monolog, der eine geschlagene Viertelstunde gedauert hatte. Gerhard hatte sich längst ausgeklinkt, mit Vögeln konnte er nämlich so gar nichts anfangen, naja, ausser mit Brathähnchen oder Trutenbrust. Da sah der füllige Kommissar seine Zeit gekommen, gab ein bestätigendes Grunzen von sich und wechselte das Thema: „Apropos Vögel: Was machen unsere schrägen Vögel?“
Der junge Schröder blinzelte ihn kurz verständnislos an, was Gerhard mit einem Nicken zu den Flatscreens quittierte. Nun kapierte der Hobby-Ornithologe und kniff seine Augen zusammen, ganz so, als könne er damit das verpixelte Video-Feed in bester CSI-Manier scharf machen. „Don Carpelli isst friedlich seine Pizza.“
Gerhard seufzte, entnervt sowie neidisch. Wäre er doch Mafiaboss geworden, dann dürfte er ebenfalls den ganzen Tag Pizza essen und dafür auch noch bezahlt werden. „Also ich nennen den Kerl ‚Cannelloni‘.“
Schröders nervös-höfliches Lachen ob dem lauen Witz, bestärkte Gerhard darin, dass seine Autorität ausreichte, um seinen Mangel an Humor wettzumachen.

„Sag mal“, unterbrach Schröder die Stille, welche zwischen den beiden Polizisten gelastet hatte, „warum haben wir überhaupt einen ausgemusterten Eiswagen für unsere Überwachungsaktionen bekommen?“
„Keine Ahnung“, brummte Gerhard demotiviert. „Weil wir so unser Mütchen kühlen können. Oder weil die blöde Bürgermeisterin wieder mal das Budget gekürzt hat.“
„Die Wolff? Die hab‘ ich gewählt.“
Jetzt musste der Kommissar tatsächlich lachen, wobei er nahezu einen der Bildschirme von ihrem Tischchen hinunterfegte. „Machste Witze? Die is‘ schlecht für uns, man merkt, dass du noch grün hinter den Ohren bist.“
Mit der wundervollen Einfachheit deutschsprachiger Menschen erkundigte sich Schröder: „Hä?“
„Das ist die, die dir die Rente kürzt, bis du am Hungertuch nagst. Falsche Partei.“
„Okay.“ Von neuem herrschte Schweigen zwischen den beiden Männern und Gerhard wunderte sich, ob für Schröder vielleicht noch Hoffnung bestand, immerhin wurde er mit jedem Tag schweigsamer. Mit Glück würde aus ihm ein zweiter Kommissar Gütersloh, sollte das Original in Kürze bei einer Verfolgungsjagd einen Herzinfarkt erleiden (was bei der Menge Krapfen, die er futterte, nur eine Frage von wenigen Monaten war).

„Hey, da tut sich was!“ Gerhard fuhr zusammen und blickte erstaunt auf das Display, vor dem er eingenickt war. Schröder hatte ihn dösen lassen, wahrlich ein guter Sidekick. Er widmete seine Aufmerksamkeit dem Don, der eben aus dem Restaurant schlurfte, flankiert von zweien seiner Speichellecker. Gerhard wischte sich mit dem Handrücken den Schweiss von der Stirn und verfluchte insgeheim sein Leben. Seit einem halben Jahr sass er bei Tropenhitze in diesem Eiswagen und liess die Tortur über sich ergehen, dem einzigen fetteren Kerl beim Essen zuzuschauen. Der Don enttäuschte auch heute nicht, sondern setzte sich auf dem Patio auf einem Stuhl und bestellte seinen Eisbecker zum Nachtisch. „Haben die bei Ikea eigentlich Schwerlastdübel?“, wollte Schröder wissen und deutete auf den viel zu kleinen Stuhl des viel zu grossen Mafioso.
„Hm.“ So langsam ging dieser Cannelloni ihm auf den Zeiger, der machte nichts ausser zu essen, unzählige Ermittlungen hatten kein einziges abgehörtes Gespräch ergeben, das sich um etwas anderes als die Speisekarte drehte. „Wenn der so weitermacht, kriegt der ‘n Schlaganfall, bevor wir ihn wegsperren können. Manchmal würde ich einfach gern mit dem Eiswagen auf den Trottel fahren und damit den Fall abschliessen, Punkt.“
„Ha, das wird lustig“, kicherte Schröder mit dem bekloppten Schalk eines dummen Jungen in sich hinein. Gerhard schreckte hoch und wollte alarmiert wissen: „Was hast du gemacht, Mann?“
„Wart’s ab … gleich!“
Am liebsten hätte Gerhard ihn am Schlafittchen gepackt und gehörig durchgeschüttelt, dieser Vogel-Spanner hatte nicht etwa … Doch, er hatte, begriff Gerhard, als ihm der andere einen Dübel unter die Nase streckte. „Das hat er davon, nie von seinen Verbrechen zu labern!“
Dem Kommissar sah hilflos dabei zu, wie der Don seinen Stuhl rückte und dann mit der Grazie eines Charlie-Chaplin-Stunts auf den Boden des Patios krachte. Schröder grölte derart laut los, dass sich Gerhard ernsthaft überlegte, sich die Dienstwaffe an die Schläfe zu setzen, um seinem Leiden ein Ende zu bereiten, was aber leider gegen das Polizeireglement gewesen wäre. Er blaffte den Trottel an: „Geh zurück in dein dämliches Naturschutzgebiet und knall dir ein paar von deinen Tölpeln ab, die passen offenbar zu dir, du Vollidiot!“
„Komm schon, ist lustig“, keuchte Schröder. „Sieh dir diese Mafiolis an, jetzt wedeln sie mit ihren Knarren rum, weil sich Sabotage vermuten. Hoffentlich verraten sie was und wir haben die Gelegenheit, sie endlich einzubuchten.“
„Hast du sie noch alle? Wir haben dich beim Dübel stibitzen auf Band, ist dir klar, was ein Anwalt daraus macht?“
Die beiden Polizisten erstarrten, als es energisch an die hinteren Türen des Eiswagens klopfte. Sie sahen einander erschrocken an, fürchteten, ihre Tarnung sei aufgeflogen. Schröder zog seine Pistole und legte auf die Tür an, als Gerhard sie aufriss. Ein achtjähriger Junge glotzte entsetzt in den Lauf der Dienstwaffe und lief dann panisch schreiend von dannen. „Wieso müssen wir einen verdammten Eiswagen haben?“, ereiferte sich Schröder. „Beim Klempner klopft nie einer!“
„Sag mal … bewegen wir uns?“
„Hä?“
Gerhard gestikulierte auf die Hecke hinter ihnen, die immer kleiner wurde. „Du weisst schon … Auto … Räder. Hast du die Handbremse …?“
„Scheisse!“ Schröder versuchte durch den Wagen nach vorn zu kraxeln, verkeilte sich dabei ungelenk zwischen einer ausgemusterten Kühltruhe und der Wand, als der Eiswagen den Bordstein traf, umkippte und den ganzen Patio des italienischen Restaurants inklusive einem übergewichtigen Mafiaboss und dessen Führungsriege plattmachte. In dem Moment, bevor der Kommissar seinen Kopf stiess und das Bewusstsein verlor, bereute er die Frühpensionierung, die nun zweifelsohne auf ihn zukam, konnte sich aber zugleich eine gewisse Freude, das Mafia-Problem der Stadt gelöst zu haben, nicht verkneifen.

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Für Setting und Clues zu dieser Story bedanken wir uns bei Frederik Elting. Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung oder eure Unterstützung auf Patreon freuen. Möchtet ihr, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit gerne Clues vorschlagen. Bis zur nächsten Story müsst ihr euch einige Tage gedulden, doch ihr könnt schon jetzt rätseln, was Rahel nächste Woche mit den folgenden Vorgaben schreiben wird:
Setting: Büro des Chefredaktors
Clues: Nanotubes, Korpulenz, Metaebene, Durst, Knopfzelle

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