Fiedler auf dem heissen Blechdach

SarahAutorin: Sarah
Setting: Ameisenhügel
Clues: Unterhaltung, Mikrochip, Fiedel, Tonne, Krusty der Clown

„Und so, mein lieber Freund, sitzen wir nun hier auf einer Bank am Ameisenhügel und essen unsere Eiersandwiches“, meinte Ralf mit einem Pathos in der Stimme, welcher der banalen Aussage ein unglaubliches Gewicht verlieh. Manchmal glaubte sein Kumpel, dass Ralf in etwa so witzig wie Krusty der Clown bei dem Simpsons war – nicht besonders. Kurt schnaubte einmal, bestenfalls leicht amüsiert, bevor er einen Fluch unterdrückte, als ihm eine Scheibe Ei aus dem von der Majo aufgeweichten Vollkorn-Toast rutschte und auf seinen schlammbespritzten Wanderschuh klatschte. Entnervt kickte er das Ei auf den Ameisenhügel, in der Überzeugung, die geschäftigen Biester würden es ihm danken. Ralf schien es nicht bemerkt zu haben oder sich den für seine Verhältnisse längst überfälligen, halbwitzigen Kommentar sparen zu wollen, denn er schwieg und kaute, während eine Schmeissfliege um seinen Kopf summte, deren Geräuschpegel einer ganzen Fliegerstaffel glich. Nachdem er den letzten Bissen heruntergeschluckt hatte, beobachtete Kurt, wie sich die grossen Massen der Waldameisen freudig über das Ei hermachten, scheinbar unbeeindruckt von der weiten Aussicht über das Tal, der tiefen Schlucht hinter ihnen und der Blumenpracht der Bergwelt. Ralf seufzte zufrieden und lehnte sich zurück. „Ist das Leben nicht schön?“
„Na klar“, brummte Kurt und bedachte die Schmeissfliege, die es darauf anlegte, die ansonsten perfekte Idylle zu stören, mit einem bösen Blick. „Fetter Brummer!“
Ralf lachte herzhaft. „Komm schon, hör auf, das arme Tierchen zu nerven, das will nur seine Eier in deinen Ohren ablegen, die dann zu Maden werden und in dein Gehirn…“
„Hast du sie noch alle, das ist eklig!“, rief Kurt angewidert aus und boxte seinen Kumpel in den Arm. „Mit Gehirnkäfern treibt man keine Spässe.“
Ralf gab sich die beste Mühe wie ein stereotyper Professor zu klingen, während er mit erhobenem Zeigefinger antwortete: „Maden sind keine Käfer.“
„Diese Unterhaltung führt nirgends hin“, brummte Kurt und kramte eine Tüte mit kleinen Pillen aus der Brusttasche seines Hemds. „Zeit für etwas Lustiges.“
„Es ist doch erst Mittag und wir müssen noch die Rucksäcke mit dem Zelt den Rest des Bergs hochschleppen. Ausserdem haben wir das Zeug noch nie genommen und wissen nicht, wie stark es bei uns wirkt“, wandte Ralf ein, doch er stand auf verlorenem Posten und das wusste er auch. Wenigstens würde er so herausfinden, wie es wäre, in berauschtem Zustand zu wandern.

„Sag mal“, nuschelte Kurt und beobachtete gespannt die Wolken, „denkst du manchmal darüber nach, wie klein wir eigentlich in diesem Universum sind?“
Ralf brummte melodramatisch und setzte zu einer sarkastischen Antwort an. „Nicht das schon wieder, der Herr Philosoph ist zurück. Es ist doch ganz einfach: Du wirst geboren, frisst, pflanzt dich fort, frisst noch mehr, wirst das Gefressene am anderen Ende wieder los und dann stirbst du, alles andere spielt keine Rolle.“
„Doch, sicher“, wandte Kurt ein und deutete mit dem Finger zum Himmel. „Schau dir diese Wolke an. Du siehst darin nur ein Wattebausch, ich sehe den Kondensationszyklus, ich sehe den Wassertropfen schon vor mir, der morgen die Tonne füllen wird, in der ich dann meine Giesskanne fülle. Danach geht das Wasser in den Boden, in die Wurzeln der…“
„Na und? Ich mag Wattebäusche“, unterbrach Ralf ihn schmollend. „Ausserdem bin ich wenigstens witzig.“
Kurt prustete. „Du bist nur auf Drogen witzig, das ist nicht dasselbe. Aber immerhin ist das guter Stoff.“
„Manchmal möchte ich dir einen Mikrochip ins Gehirn pflanzen, der jedes Mal, wenn du ein Stimmungskiller bist, explodiert. Du laberst und dann…“, er machte eine dramatische Pause, bevor er mit möglichst tiefer Stimme gestenreich schrie: „Kabumm!“
Kurt zuckte zusammen, bevor er trocken meinte: „Mikrochips explodieren nicht, dafür braucht man Sprengstoffe.“
„Das ist halt Science Fiction, ich bin wenigsten ein Visionär“, grummelte Ralf eingeschnappt. „Führ dich nicht gleich auf wie der Fiedler auf dem heissen Blechdach.“
Nun war es um Kurt geschehen und er grölte los, lauter als es der betrunkenste Stammtischgast im Biergarten je gekonnt hätte. Er steigerte sich in eine Kakophonie aus Gelächter, die einem ganzen Orchester würdig gewesen wäre, bevor ihm die Luft auszugehen drohte und er sich japsend zwang, aufzuhören. Ralf war die Verwirrung ins Gesicht geschrieben und er fragte: „Was ist denn los?“
Kurt, der sich tatsächlich wieder etwas beruhigt hatte, meinte: „Die Katze ist auf dem heissen Blechdach, der Fiedler nur auf dem Dach und was das mit meinem Verhalten zu tun hat, ist keinem klar.“ Ralf konnte tatsächlich sehr witzig sein, doch nur, wenn er es nicht versuchte und sich eigentlich darum bemühte, ernst zu sein.
„Naja, Fiedler tanzen doch immer so hektisch rum und wenn das Blechdach heiss wird, tanzen sie sicher noch schneller.“
„Was?“ Kurt hatte keine Ahnung, von was Ralf sprach. „Hast du dir irgendein beklopptes Filmchen von tanzenden Musikanten auf YouTube reingezogen?“
„Keine Ahnung, aber ich stelle mir Fiedler immer so vor. Du hast doch auch eine Fiedel zuhause rumstehen und bist immer so ein Zappelphilipp, wie ein Eichhörnchen auf Ritalin, da passt das.“
Eines musste Kurt seinem Kumpel lassen, unter Drogeneinfluss hatte er einen um das Vielfache gesteigerten Unterhaltungswert. „Gib es doch zu, du hast einfach nur den Faden verloren.“
„Nein“, wetterte Ralf überzeugt los. „Ich verliere nie den Faden! Hätte ich eine Superkraft, wäre es das Faden-nicht-verlieren. Ich wäre der ‚Rote-Faden-Man‘!“
„Okay, jetzt wirst du lächerlich.“ So umständlich wie eine Kuh mit ungeschnürten Wanderschuhen erhob sich Kurt und wollte gerade vorschlagen weiterzugehen, als ihm etwas auffiel und sich auf seinem Gesicht ein fieses Grinsen ausbreitete. „Ralf…?“, fragte er schon beinahe singend.
Der Angesprochene hob faul und mit einem genervten Ausdruck den Kopf und fragte: „Was ist denn jetzt?“
„Du liegst auf dem Ameisenhügel“, entgegnete Kurt noch immer sehr ruhig und sein Grinsen wurde nur noch breiter. „Das sind übrigens verdammt grosse Ameisen, die da auf dir herumspazieren.“
„Scheisse“, quietsche Ralf, sprang auf und schüttelte sich wie ein nasser Hund, der sein Herrchen vollspritzen wollte, nur viel aufgeregter. „Nimm sie runter von mir Mann, nimm sie weg!“
Kurt glaubte normalerweise ein guter Kumpel zu sein, doch dieses Mal war er nicht im Geringsten hilfreich. Lachend blieb er an der Stelle und deutete auf Ralf, ganz so, als wollte er dessen an Slapstick erinnerndes unkoordiniertes Herumgehüpfe in bester Schulhofmanier verspotten. „Das, mein Freund, ist, wie sich eine Katze auf einem heissen Blechdach fühlt.“
Ralf rannte im Kreis herum, warf sich zu Boden um sich zu wälzen, sprang wieder auf und japste dazu in übertriebener Angst: „Hilfe, es werden immer mehr! Sie beissen mich überall, sie infizieren mich!“
Erst jetzt verstand Kurt, dass Ralfs Panik nicht nur eine etwas übertriebene Schreckensreaktion war, denn sein Freund war ausser sich und konnte sich nicht mehr einkriegen. Rasch machte Kurt einen Schritt auf ihn zu, seine Stimmung hatte sich im Nullkommanichts von erheitert zu besorgt gewandt. Als er nahe genug war, konnte er sehen, dass die Arme seines weiterhin wild herumrennenden Gefährten mit Ameisenbissen übersäht waren, genauso wie die nur von Shorts bedeckten Beine. Überall krabbelten die kleinen, emsigen Tierchen über ihn und begannen damit, kleine Stücke von seiner Haut abzubeissen, herauszureissen und aufzuessen und es waren so viele Ameisen, dass Kurt gar nicht mehr wusste, was er gegen sie tun sollte. Er nahm die Wasserflasche, schraubte sie auf und kippte den Inhalt über Ralf, was zwar einige der Biester abwusch, doch unterm Strich nichts half. Seine grauenvollen Rufe wurden zu immer gequälteren Schmerzensschreien und Kurt wusste nicht, was er tun sollte und beobachtete vor Schrecken erstarrte, wie Ralf zusammenbrach und mit verzogenem Gesicht wimmerte, während bereits einzelne Muskelstränge zu sehen waren, so schnell arbeiteten sich die zerfleischenden Horden vor.
Kurt wusste, dass es zu spät war, es gab nur noch etwas, das er für Ralf tun konnte. Rasch nahm er den Rucksack von der Sitzbank und kramte die Schusswaffe hervor, die er immer auf seine Wanderungen mitnahm, um sich wenn nötig gegen Wildtiere zu wehren. Er legte auf seinen Freund an, um ihn aus seinem Leid zu erlösen und konnte erkennen, dass Ralf keine Augen und Lippen mehr hatte: Sein ganzes Gesicht war über und über mit den kleinen schwarzen Tierchen bedeckt, doch noch zuckte er, wehrte sich gegen ihre Attacken. Kurt biss die Zähne zusammen und versuchte nicht zu weinen, während er abdrücke und ein einziger scharfer Knall zu hören war. Erstarrt hielt er die Pistole umklammert und konnte sehen, dass Ralf sich nicht mehr regte.
Kurt konnte nicht mehr in die zerfetze und entstelle Fratze sehen und so rannte er los, so rasch er konnte und ohne sich auch nur ein weiteres Mal umzusehen. Alles andere spielte keine Rolle mehr, nur weg von diesem schrecklichen Ort! Noch immer konnte Kurt die nur noch mit Ameisen gefüllten Augenhöhlen sehen, die Viecher, die sich wie in einem billigen Horrorfilm verhalten hatten…
Die Erkenntnis kam unvermittelt, als Kurt die weissen Pillen einfielen, die sie genommen hatten und von denen sie nicht einmal genau gewusst hatten, was es eigentlich gewesen war. Es war alles nur ein Horrortrip, er musste nur aufhören zu rennen und alles wäre wieder in Ordnung, überlegte Kurt erleichtert. Dann fiel sein Blick auf die Waffe in seiner Hand und er erinnerte sich daran, was er getan hatte – das musste einfach real sein, er hatte noch immer den Geruch von Pulverdampf in der Nase. „Ist das real?“, schrie er in den Wald hinaus, doch niemand antwortete ihm.
Er stolperte, bekam auf dem mit trockenen Tannennadeln bedeckten Boden keinen Halt und verlor das Gleichgewicht. Wie in Zeitlupe sah Kurt, dass er in den Abgrund zur Schlucht stürzte, die auf der einen Seite des Wegs klaffte und für einen letzten Augenblick hoffte er, dass das alles nur ein böser Traum sein musste, dass er bald aufwachen würde.

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