Frühlingswaldfantasie

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält Szenen, die auf einige Leser beunruhigend wirken könnten. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.
Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der sechsten Clue Writing Challenge.

Anir dachte an den Weg zum Wald, ein schmaler Pfad aus Kies und hunderttausend Tritten, gesäumt von Sträuchern. Jetzt im Frühling schmücken winzige Knospen die Ästchen und Sprösslinge durchbrechen die vom geschmolzenen Schnee verkrustete Erde. Er spaltete sich auf, der Körper verweilte da, wo er nicht sein wollte, indes rennt sein Geist weit davon, vorbei an Geäst, Röhrichten und …
Es läutete einmal, dann informierte ihn eine Bandansage: „Polizeinotruf Wyl. Bitte legen Sie nicht auf, Sie werden schnellstmö…“
„Polizeinotruf Wyl, Heinrich am Apparat“, unterbrach der Telefonist betont besonnen die Roboterstimme. „Was ist Ihr Notfall?“ Eine Brise rauscht an sein Ohr, erzählt Geschichten vom weit entfernten Meer, den hohen Wellen und tiefen Gräben.
„Guten Abend. Hier ist Anir Tiaw.“ Er hatte den Frühling schon immer gemocht, trotz des Heuschnupfens. „Ich bin in Wyl an der Brugerastrasse zwölf im zweiten Stock in der Wohnung meines Vaters.“ Doch dieses Jahr erwartete er ihn mit besonderer Vorfreude, irgendetwas ist anders, besser. Im Herbst hat er sie zum ersten Mal gesehen, wie sie allein im Wald versunken ins Blätterdach blickte. Halbdurchsichtig leuchteten das Laub und ihre Haare. Gebranntes Sienna in der Abendsonne. „Ich befürchte, er hat sich umgebracht.“ Anir beugte sich vor, betrachtete die schwieligen Hände seines Vaters und traute sich kaum einzuatmen.
Beim Eingang zum Wald singen die Amseln lauter, sie unterhalten sich über dies und das, vielleicht ihre Zukunft als Vogeleltern. Einige Meter entfernt steht die Eiche, deren aus der Erde ragenden Wurzeln in den Bau der Füchsin führen. Bestimmt schläft sie, erholt sich vor ihren abendlichen Ausflügen.
Ein hässliches Piepsen war zu vernehmen, da informierte Herr Heinrich: „Das Notfallteam wird in wenigen Minuten bei Ihnen sein.“
Sie taucht ohne Ausnahme pünktlich zur selben Zeit auf. Der Wald ist ihr Wohnzimmer, ihr Ort der Ruhe nach der Hektik, zumindest bis sie den wahren Grund für ihren Stammplatz verrät. Meistens trägt sie ein riesiges Notizbuch bei sich, seltener einen Skizzenblock oder ein Buch, über die rechte Schulter gehängt stets eine Hundeleine aus altem, sorgfältig gepflegtem Leder. Es ist Anirs Neugier geschuldet, dass ihre Begegnungen vom Zufall zur Freundschaft wuchsen, sie hatte ihn zuerst kaum wahrgenommen.
„Können Sie mir sagen, was geschehen ist?“, forderte ihn Herr Heinrich behutsam auf und Anir leistete Folge, berichtete in welcher Position er seinen Vater gerade eben aufgefunden hatte: „Ich bin vor zirka fünf Minuten heimgekommen und glaubte, Papa ist aus dem Haus, da habe ich ihn in der Küche am Boden entdeckt.“
Verrückt sei sie, wahrscheinlich nicht ganz bei Trost, erklärt sie, schmunzelt dabei traurig und wickelt ihren Pferdeschwanz um einen gelben Bleistift, ehe sie die rotbraune Mähne damit zum Dutt steckt. Mactire war ihr bester Freund gewesen, ein goldgelber Retriever mit bernsteinfarbener Nase, der jeden Tag auf sie gewartet hatte, um mit ihr durch diesen Wald zu spazieren. Wie es für einen Hund üblich ist, blieb sein Wesen bis zum letzten Atemzug unberührt von der korrumpierenden Lebenswahrheit der Menschen. „Er hat sich ins Gesicht geschossen“, meinte er tonlos und erinnerte sich an den lauen Ostwind, ihre leisen Tränen. Mactire war vor vier Jahren gestorben, seither besucht sie ihren längst erloschenen Freund hier zwischen ewig wachsenden Bäumen, zyklisch wiederkehrenden Blüten und alles ertragendem Moos. Nun ist sie es, die wartet, wartet auf ihren toten Hund. „Sein linkes Auge, der Oberkiefer … Es ist nicht mehr viel da.“
„Okay“, ertönte der Telefonoperator und schluckte, bevor er sich erkundigte: „Gibt es Anzeichen, dass er noch lebt? Atmet er, macht er Geräusch…“
„Nein.“ Der Frühlingsduft verschwand abrupt aus Anirs Gedanken. „Er ist kalt.“ Mit einem brutalen Schlag überfiel ihn die Realität, diejenige, in der sein Vater mit aufgeplatztem Schädel halb unter dem Küchentisch zum seelenlosen Klumpen versteifte.
Es scheint, als sei ihre Trauer nie gegangen, aber sie ist es nicht, die lange nach Mactires Tod durch den Wald klingt. Ob er je zugesehen habe, wie ein Vogel lande, die Beine nach vorne ziehe und für einen Moment schwerelos verweile, wollte sie kürzlich wissen. Solche Fragen stellt sie oft, hält ihn dazu an, achtsam voranzugehen. Die Welt ist wunderbar, sagt sie gern, viel zu schön für Trauer, Wut und Hass. Vor Anir verwandelt sie sich von der Irren zum Ruhepol, zum Lichtstrahl, dessen Schatten in geometrischen Muster fällt, der Natur Form verleiht und jeder Aufruhr standhält. Nach einer Weile kommt es ihm so vor, als sei ihr Warten auf Mactire ein klein wenig zum Warten auf ihn geworden.
„Herr Tiaw, richtig?“ Die Roboterstimme wäre Anir lieber gewesen, Heinrichs geschulte Anteilnahme war ihm unangenehm, erschwerte ihm die Flucht in seine Frühlingswaldfantasie. „Herr Tiaw?“, wiederholte der Telefonist und Besorgnis tröpfelte aus seinen Worten. „Herr Tiaw, sind sie noch da?“
„Ja.“ Er schnaufte tief durch, bildete sich ein, Schießpulver und verbranntes Fleisch zu riechen. „Ja. Ich bin am Apparat.“
„Herr Tiaw, das Team wird in knapp drei Minuten eintreffen. Ist es für Sie in Ordnung, wenn wir uns bis dahin unterhalten?“
„M-hm“, hörte er sich brummen, während er stumpf wie ein Brotmesser in die Reste seines Vaters fixierte, nach und nach der Situation entfleuchte. Vor dem Fenster kreiste ein Rabe. Dann, plötzlich verharrten die dunklen Schwingen regungslos, das Tier schwebte Zentimeter über der Dachrinne, streckte die Beine und die Zeit erstarrte.
„Wo befinden Sie sich gerade, Herr Tiaw?“ Im Wald, im Wald, im Wald. Im Wald bei ihr! Auf eine unerklärbare Weise ist er zu Mactire geworden, springt ihr hoffnungsvoll entgegen.

Autorin: Rahel
Bildvorgabe:

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