Inside Clue Writing | Die Reise einer Wettbewerbseinsendung | Zweiter Teil

Hallo liebe Damen, Herren und Literaten

Der erste Teil unserer „Inside Clue Writing“-Trilogie zum Literaturwettbewerb „Schmerzlos“ ist schon ein Weilchen her und heute setzen wir unseren Blick hinter die Kulissen fort und erzählen, welche Aufgaben auf einen Literaturwettbewerbs-Veranstalter zukommen. Im zweiten Teil sprechen wir über das Lektorat der Texte, bevor wir im kommenden dritten Teil über die Textaufbereitung, den Buchsatz sowie die Administration eingehen werden.

Wir möchten allerdings off-topic beginnen und unsere Patreon-Fans der ersten Stunde für ihr Engagement für Clue Writing hervorheben. Besucht Dr. Jürgen Albers, Jennifer Hilgert und Hannes Niederhausen doch auf ihren Seiten und Social Media Kanälen, schenkt ihnen ein Like und richtet ihnen von euch wie uns ein „Grandio-Danke“ für ihren Einsatz für Clue Writing und Projekte wie „Schmerzlos“ aus. Liebe drei Muske…, pardon, Megalotiere, ihr seid einfach grandiotastisch!

Jetzt aber nichts wie ab zu der eigentlichen Reise hinter unsere Kulissen. Einmal mehr öffnen wir unsere Büros, Dateien und Köpfe, damit ihr euch darin umsehen könnt. Bitte legt Kaffeetassen, Screenshots und Hirnmasse am Ende der Tour dahin zurück, wo ihr sie gefunden habt – wir brauchen sie noch.

Nach dem Ende der Bewertungen kam die eigentlich heisse Phase: Wir, Rahel und Sarah, haben uns in einer Marathon-Redaktionssitzung zusammengesetzt und die Auswertung der Daten vorgenommen. Dabei sind wir so fair und radikal-mathematisch wie möglich vorgegangen. Anders als der Buchtitel vermuten lässt, hat das durchaus auch mal wehgetan, weil wir eine Menge guter Beiträge von engagierten und talentierten Schreiberlingen aufgrund der schieren Menge an Einsendungen nicht aufnehmen konnten.
Unser Auswahlprozess gliederte sich in vier „Revisionen“, wobei „R1“ bis „R3“ dazu dienten, Beiträge auszuschliessen und „R4“ die letzte Diskussion in der Redaktionssitzung darstellte. Bevor wir euch also in unsere Marathon-Sitzung mitnehmen, möchten wir die vorangegangenen Revisionen durchgehen – euch interessiert bestimmt, wie unsere gefürchteten Ausschlusskriterien aussahen.

R0: Nicht akzeptiert / abgelehnt

Als „Revision“ kann die erste Ausschlussrunde kaum betitelt werden. Alle Beiträge, die unseren formalen Vorgaben so überhaupt nicht entsprachen, wurden direkt bei der Einsendung abgelehnt und dementsprechend nicht in unsere Datenbank aufgenommen. Selbstverständlich wurden die Teilnehmer darüber informiert, damit sie, wenn sie wollten, einen zweiten Anlauf starten konnten. Die Gründe für eine solche Ablehnung waren:

  • Kein Autorenbogen eingereicht
  • Falsche Dateiformate, z.B. PDF, TXT, Scan oder Story direkt in E-Mail
  • Falscher Adressat (uns haben in der Tat Texte für andere Schreibwettbewerbe erreicht)

R1: Vorgaben nicht eingehalten (Grobe Formverstösse)

Nun, da das grösste Chaos beseitigt war und die Dateien und Autorenbogen in unserer Clue Cloud einsortiert waren, mussten wir noch einen Schritt vornehmen, ehe die lesebegierige Jury sich an die Arbeit machen konnte – intern nannten wir diesen Arbeitschritt „Kurz und Schmerzlos putzen“. Alle Texte wurden zum ersten Mal geöffnet und auf einige Grobkriterien geprüft. Dasselbe wurde später mit den Autorenbogen gemacht, damit diese den Texten nicht zugeordnet werden konnten.
Hier sind 19 Beiträge vor dem eigentlichen Lesen aussortiert worden, weil sie einem oder mehreren der bindenden Vorgabenkriterien nicht entsprachen. Da wir einige der Autoren bereits kennen und aus persönlicher Erfahrung wissen, wie gut sie schreiben, fanden wir den Ausschluss wegen Formfehlern natürlich sehr schade. Schlussendlich mag es zwar wehtun, dermassen hart ans Werk zu gehen, gleichzeitig wollten wir fair bleiben und allen dieselben Chancen geben. Die gängigsten Fehler waren:

  • Text signifikant zu kurz oder zu lang (Beiträge von ein paar hundert Zeichen bis hin zu halben Romanen)
  • Kein vollständiger Autorenbogen (z.B. fehlender Name)
  • Fehlender Untertitel
  • Text ist offensichtlich Lyrik, nicht Prosa

R2: Vorgaben nicht eingehalten, Qualität und Vetos

Danach ging es endlich ans Lesen und jeder der weit über 250 Texte, die es in unsere Jury geschafft haben, wurde eingehend studiert und mindestens von einer Redakteurin durchgelesen. Jeder Beitrag, der die „R2“ überlebte, wurde von uns beiden gelesen.
Im zweiten Aussortierungs-Durchlauf sind insgesamt 130 Beiträge ausgeschieden, diesmal jedoch aus verschiedenen Gründen. Unter anderem ging es den Texten an den Kragen, die in der Länge mehr als ein paar hundert Zeichen über oder unter den Vorgaben lagen, sofern wir rechnerisch verifizieren konnten, dass dieses Manko zum Ausschluss führen musste. Zudem haben wir hier weitere Vorgaben aus unserer Ausschreibung rigide umgesetzt. Bislang war alles ganz simpel, schwarz-weiss, nun wurde es aber deutlich komplizierter.
All jene Beiträge, die nach der Bewertung durch zwei Jurymitglieder weniger als 10 Punkte auf unserem Bewertungsbogen sammeln konnten, wurden disqualifiziert. Genauso erging es den Texten, gegen die ein klares Veto ausgesprochen wurde. Diese Vetos wurden ausschliesslich dann umgesetzt, wenn sie von einer/der anderen Redakteurin geprüft wurden und sich auf eines unserer in den Zusatzinformationen aufgelisteten No-Gos bezogen. So konnten wir sicherstellen, dass keine leichtfertigen Entscheidungen getroffen wurden und wir möchten erwähnen, wie wenige Vetos überhaupt notwendig waren. Ausgeschlossen wurden in dem zweiten Durchgang Beiträge, die …

  • … nicht den Vorgaben entsprachen.
  • … die Titelvorgabe „schmerzlos“ kaum oder gar nicht umsetzten.
  • … (stark unreflektiert) radikal-politisches, radikal-religiöses sowie sexistisches Gedankengut enthielten, respektive dieses propagierten. Selbstverständlich betraf dies nicht Beiträge, in denen Charaktere eine Meinung oder Position zu etwas innehatten, solange diese klar als solche erkennbar blieben.
  • … die weniger als zehn Punkte erhielten (mehr zu unseren Bewertungsbogen findet sich unten)

R3: Mehr Qualität und Vetos

Wer des Rechnens mächtig ist und sich die Zahlen gemerkt hat, der weiss, wie weit entfernt wir von einer Anthologie mit 45 Beiträgen waren – vielmehr hatten wir ein ganzes Kompendium, oder, wie wir es nennen, ein Cluependium voller Kurzgeschichten. Clueless sind wir allerdings nicht, also schritten wir direkt zur dritten Revision, welche am Vorabend der grossen Redaktionssitzung stattfand.
Zuerst schlossen wir Beiträge aus, deren Bewertungen unter dem Gesamtdurchschnitt lagen, zumal diese in der finalen Revision ohnehin chancenlos waren. Sehr zu unserer Erleichterung stellten wir fest, dass damit das Problem mit den wenigen offenen Vetos geklärt wurde.
Die Hauptgründe für niedrige Bewertungen, die zum Ausschluss von diesen 65 Beiträgen (sowie den vorangehenden) geführt haben, waren mehrheitlich in unseren „Tipps & Tricks“ im Autorenpaket  vermerkt. Grundsätzlich haben wir die Punkte, die wir im Vorfeld erwähnt haben, härter bewertet als andere Dinge und sind der Ansicht, dass man seine Gewinnchancen mit unserem Autorenpaket aktiv hat/hätte beeinflussen können. Qualitative Gründe, die gegen eine Aufnahme sprachen, waren …

  • Rechtschreib-, Grammatik- und/oder Interpunktionsfehler, die einen hohen Korrektorats-Aufwand erforderten
  • Stilistische Probleme wie beispielsweise sehr viele Wortwiederholungen (insbesondere von unserer Liste), die nicht der Stilistik oder dem Charakter-Design entsprechend gewählt wurden oder monotoner Satzbau
  • Inhaltliche Schwierigkeiten wie Ungereimtheiten oder ein wackeliger Spannungsbogen
  • Unpassendes oder flaches Charakter-Design

 

Der mysteriöse Bewertungsbogen und ein Grundkurs in Clue-Mathematik

Das sind sie also, die vielgefürchteten und ehrbaren Bewertungsbogen – die Punkteverteilung für einzelne Kategorien lässt sich hier gut herleiten.

Wir haben den Ruf, nicht bloss pingelig, sondern auch übertrieben genau zu sein. Während die meisten Veranstalter hauptsächlich darauf achten, was ihnen persönlich gefällt oder welche Art von Geschichten sie in ihrem Buch lesen möchten und bestenfalls eine Ja/Nein/Vielleicht-Liste zur Verfügung haben, fragten wir uns sofort: Wie kann man die Bewertung von literarischen Texten möglichst optimieren? Wie können wir sicherstellen, alle Details bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen? Wie garantieren wir intern wie extern Transparenz?
Das Resultat dieser Überlegungen ist ein zweiseitiger Bewertungsbogen, der von jedem Jurymitglied für jede Story ausgefüllt werden mussten. Damit man sich das vorstellen kann: Die ausgefüllten Bogen der beiden Redakteurinnen füllen stolze anderthalb Aktenordner.

Als einzige Ergänzung zu „Kurz“ haben wir „Wortwiederholungen“ als Kategorie neu eingeführt, da uns beim letzten Wettbewerb aufgefallen ist, dass diese etwas zu kurz kamen. Ein Problem, das wir schmerzlos lösen wollten. Wie erwähnt, ist unser Bewertungsbogen in mehreren Teilen aufgebaut, wobei wir bei jenen Punkten, die wir euch als Gewinnrezept in den „Tipps & Tricks“ zur Verfügung gestellt haben, ein kleines bisschen strenger waren – jene, die in all diesen gut abgeschnitten haben, verdienen unseren allerhöchsten Respekt fürs minutiöse Arbeiten, insbesondere eine gute Stilistik und eleganter Umgang mit Wortwiederholungen erfordert einiges an Disziplin! Dafür wollen wir euch freudig zuwinken!

Unser Vorgehen mag einige Literaturwettbewerbsteilnehmer zwar ein wenig verunsichern, die Belohnungen dafür sind allerdings nennenswert. So können wir ein überdurchschnittliches Produkt, eine „mehr als nur okay“-Anthologie produzieren, grandiotastische Rezensionen wie jene von „Kurz“ in den Feuilletönen (danke dafür, by the way!) und Lorbeeren wie Platz zwei für das Buch des Jahres, einheimsen.

R4: Die Redaktionssitzung

Im Anschluss standen wir vor der Aufgabe, weitere 34 Beiträge aussortieren und die verbleibenden in die drei Kategorien „Top 5“, „Top 20“ und „Top 45“ einsortieren zu müssen. Letzteres war einfach, denn wir konnten uns auf die legendäre Clue-Mathematik verlassen – aufgenommen wurde, wer rein rechnerisch unter den ersten 45 war.
Die Entscheidung, wer es in E-Book oder Print, vielleicht gar in die Hörgeschichtenfassung schafft, war weit schwieriger, da eine Menge der verbleibenden Beiträge nahezu identische Bewertungen erhalten hatten. Also haben wir Kaffee aufgesetzt, um unlimitierte Gesundheitspunkte im grössten Real-Life-Action-Game zur Verfügung zu haben, das wir je gemeistert haben. Unsere legendär-sture Fairness weiter durchzusetzen, wurde bedeutend komplizierter, schliesslich ging es nicht länger um Punktzahlen, sondern andere Aspekte der Qualität eines Textes, die wir gegeneinander abwägen mussten. So diskutierten wir stundenlang hin und her, bis wir zu einem Ergebnis kamen, das uns angemessen und gerecht erschien. Und ja, wir waren froh, uns endlich entschieden zu haben, obschon wir wahrscheinlich noch weitere Nächte hätten durchdebattieren können.

Nun denn, damit war das Buch komplett – bis auf das Lektorat, den Buchsatz, die Covererstellung, Administration … doch mehr dazu im dritten und letzten Blick hinter die Kulissen am 14. April.

Ein paar Worte zu Feedback und warum wir es nicht individuell geben (können).

Wir verstehen, viele von euch, insbesondere Jungautoren, würden sich besonders über Feedback und einen Blick auf unsere Bewertungen freuen. Daher war es uns auch ein besonderes Anliegen, in diesem Mittelteil die gängigsten Fehler und Ausschlusskriterien hervorzuheben, um euch zumindest in dieser kollektiven Form Rückmeldung zu euren mit Herzblut erstellten Texten zukommen zu lassen.
Selbstverständlich wäre persönliches Feedback noch hilfreicher, bloss müssen wir abermals auf die liebe Mathematik verweisen. Wir von Clue Writing arbeiten zu zweit, derzeit ausschliesslich in unserer spärlichen Freizeit neben Vollzeitarbeit und Studium. Unsere Literaturwettbewerbe sind ein Nebenprojekt des „eigentlichen“ Clue Writing, das aus unseren wöchentlich erscheinenden Stories und den aufwändig produzierten Clue Cast Episoden besteht. Allein die Auswertung aller Beiträge forderte jeder von uns gut 190-200 Stunden Arbeitszeit ab.
Individuelles Feedback, selbst wenn es nur das Zusammensuchen, Scannen, Zuordnen (die Bewertungen sind anonymisiert) sowie Versenden der Bewertungsbogen ginge, würde pro Autor mindestens zehn Minuten dauern, was dann bei fast dreihundert Autoren … ihr seht das Problem. Dabei sind Hürden wie unser Abkürzungsfimmel und Sarahs Handschrift, die führende Kryptographen in den Wahnsinn getrieben hat, noch gar nicht beachtet. Ganz zu schweigen davon, dass einige Autoren weitere Begründungen für ihre Bewertung erfragen oder diese beanstanden würden.

So lange wir nicht zumindest einen Teil unseres Einkommens durch Clue Writing decken können – wozu wir leider bislang zu wenige Patreon-Fans haben – oder unsere Körper durch eine schlaflose A.I. ersetzen – was hoffentlich bald kommt –, wird es schlichtweg Anliegen geben, die wir nicht beantworten können oder Mehraufwand, den wir uns nicht zumuten wollen. Insbesondere, da wir bereits jetzt mit mit dem grösstmöglichen Effort an Clue Writing arbeiten.
Wir denken und hoffen aber, dass ihr mit den oben gegebenen Informationen sowie unserem Autorenpaket euren Beitrag relativ gut situieren könnt, solltet ihr nun aufgenommen worden sein oder nicht. Und vergesst nicht: Aufgrund der hohen Zahl an Einsendungen haben es viele Beiträge nicht in die Anthologie geschafft, die es aus unserer Sicht ebenso verdient hätten. Ob ihr nun dabei seid oder nicht, wir möchten euch herzlich dafür danken, dass ihr mit Schreibeifer mit von der Partie wart und freuen uns auf ein megalotastisches Buch, über dessen Publikation ihr in unserem Facebook-Event sowie dem Newsletter stets auf dem Laufenden gehalten werdet.

Keep on writing in the free World!
Eure Clue Writer
Rahel und Sarah

3 Gedanken zu „Inside Clue Writing | Die Reise einer Wettbewerbseinsendung | Zweiter Teil

  1. Pingback: „Aus Eiseskälte aufgewacht“ und durch ein heißes Feuer gegangen | Mein Traum vom eigenen Buch

  2. Hi,

    ich hätte tatsächlich gern gewusst, warum meine Geschichte es nicht geschafft hat. Blauäugig und rosa bebrillt könnte ich mir einreden, dass es die schiere Anzahl der Einsendungen war, die daran Schuld war. Es könnte aber auch etwas ganz Anderes gewesen sein. So gesehen beginne ich bei einer weiteren Teilnahme an einem Schreibwettbewerb wieder bei Null.

    Ich sehe jedoch den riesigen Aufwand und die Begeisterung, mit der ihr hier dran seid. Hut ab, ihr habt meine volle Hochachtung! Auf das Buch freue ich mich dennoch. Und macht weiter so!

    Herzliche Grüße,
    Veronika

  3. Ich bin jedes Mal aufs Neue überwältigt von eurer Professionalität, eurem Herzblut, der Sturheit zum Detail, der Leidenschaft, eurer Vielseitigkeit und wünsche euch einen Sponsor oder viele Unterstützer auf Patreon, oder oder oder …

Deinen Senf dazu abgeben!