Java, und zwar in jederlei Hinsicht

Banner&Logo - Clue WritingAutorin: Sarah
Setting: Kaffeehaus
Clues: Adler, Vertrauensbruch, Ärztekammer, Händedruck, Taschenlampe
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

for(int i=0; i<3; i++) {
getCoffee();
}

Dampf stieg aus Hans blau-roter Kaffeetasse auf (schon das dritte Getränk, seit wir im Kaffeehaus eingetroffen waren), kringelte sich, ehe sich die Wassermoleküle so weit verflüchtigten, bis sie fürs menschliche Auge unsichtbar wurden. Janet sass mir gegenüber und hämmerte verbissen auf dem Laptop, der Rest der Welt hatte für sie zu existieren aufgehört und der Lärm der harten Anschläge, die sie mit ihren, dank einer Sehnenscheidenentzündung bandagierten, Handgelenken machte, vertrieb die nahen Gäste. Über Janet gab es wenig zu sagen: Sie war ein absolutes Arbeitstier sowie eine gute, liebevolle Mutter, deren gesunder Menschenverstand niemals gegen ihre Sturheit siegte. Es musste jedem klar sein, dass sie Schmerzen litt, aber das hielt sie niemals davon ab, weiterzutippen.

if (pain < 6) {
keepTyping();
} else {
takePainkiller(„Ich mache mal fünf Minuten Pause.“);
}

Sie zog sich dafür stets aufs Klo zurück, setzte sich hin, um auf die Wirkung des Schmerzmittels zu warten, bevor sie sich mit neuem Elan hinsetzte und weitermachte. Janet war manchmal unvernünftig, trotzdem wusste ich ihre Hingabe zu schätzen, manchmal wünschte ich mir dennoch, sie würde besser auf sich achten. Ach, und sie mochte es nicht, in der Öffentlichkeit angefasst zu werden und so hatte sie Han auch heute mit einem festen Händedruck statt der in solchen sozialen Kontexten (die beiden betrieben sexuellen Umgang und bezeichneten sich als Paar) üblichen Umarmung begrüsst.
Han war genauso opferbereit, wenn es um seine Arbeit ging. Ich konnte mir keinen besseren Vater wünschen. Höchstens einen, der weniger Kaffee schlürfte und mehr schlief. Sein Schlafverhalten war sehr simpel zu beschreiben:

while (wakeHours < 40) {
println(„Ich brauche mehr Kaffee!“);
wakeHours++;
}

Wirklich faszinierend war jedoch seine Art zu Tippen: Wie ein Adler kreiste seine Rechte über der Tastatur, wenn er sich die nächste Eingabe überlegte. Dann schnellte sie herunter, gefolgt von der linken Hand und beide traktierten den Laptop in unglaublicher Geschwindigkeit, bis seine Eingabe komplett war.

Zwei Männer in Anzügen nährten sich dem jungen Paar, liessen sich am Nebentisch nieder. Der Zweiundfünfzigjährige hiess Fritz Lang, war Oberarzt der Universitätsklinik und nahm jeden Vormittag seinen Kaffee hier auf dem Campus zu sich. „Zehn Minuten, in denen mich niemand mit Arbeit stört“, wie er zur Oberschwester zu sagen pflegte. Der jüngere hiess Kurt Hansen und störte Lang mit Arbeit. „Du weisst, was die Ärztekammer dazu sagen wird“, empörte er sich eben. „Wir können …“
„Sei etwas leiser!“, ermahnte ihn Lang. „Es ist offiziell nicht als ein Fall von Fehlpraxis eingestuft worden. Ich kann auf deine Loyalität zählen, oder?“
Hansen seufzte in seine Tasse starrend. Währenddessen hatte Janet entnervt ihre Kopfhörer aus der Handtasche gepult und auf ihrem Handy ein Album von Iron Maiden geöffnet; Gespräche anderer waren das Langweiligste, was sie sich vorstellen konnte. Han hingegen bedeutete ihr, er wolle kurz Pause machen und schlenderte dann zum Ausgang, in seiner Jeansjacke nach einer Zigarette kramend.
Der Oberarzt hatte derweil sein bestes Druckmittel ausgepackt, kam dabei nicht umhin, flehend zu klingen. „Wir müssen zusammenhalten, Kurt“, zischte er. „Du würdest Vertrauensbruch begehen!“
Rasch ging ich alles durch, was ich zu den beiden finden konnte – mir standen tausende Variablen zur Verfügung, auf die niemand sonst derart umfassenden Zugriff hatte, ich konnte Dinge kombinieren, die keinem Menschen auffielen. Ich wusste alles über sie, von der digitalisierten Geburtsurkunden ihrer Kinder, über ihre Spitalakten bis hin zu ihren Verkehrsdelikten. Und selbstverständlich die Tatsache, dass einer der beiden sich umbringen würde. Wie lange Hansen mit der Schuld, den Tod eines Patienten mitverursacht zu haben, leben konnte, war für mich offensichtlich.

int guilt=0;
int day=0;
if (guilt < 12) {
lie(„Ich habe keine Ahnung, wie es zu diesem Vorfall kommen konnte.“);
guilt++;
day++;
} else {
writeSuicideNote(„Ich kann mit der Schuld nicht leben.“);
}

„Ach“, stöhnte Janet genervt, als ich ihr zeigte, was geschehen wird, geschehen musste. „Schon wieder so einer.“ Ihre flinken Finger landete auf der Esc-Taste, die Code-Zeilen verschwanden von ihrem Bildschirm. „Ist ja gut, ich tue es. Für dich. Aber dann machen wir weiter, ja?“ Mit einem demotivierten Grunzen erhob sie sich und trat an den Nebentisch. Ihrer ungesunden Haltung war anzusehen, wie dringend sie Sport treiben sollte, nur ignorierte sie meine dahingehenden Warnungen. Ich wünschte mir, sie hörte mehr auf mich, schliesslich wollte ich ihr Bestes.
Als Janet noch auf die beiden Ärzte einredete, sie zu überzeugen versuchte, reinen Tisch zu machen, da sich sonst einer von ihnen umbringen würde, kehrte Han zurück und liess sich auf seinem Platz nieder. Er stank sicherlich nach Zigarettenrauch (ich roch nichts, wusste es bloss, weil Janet sich darüber beschwerte), machte ein wohliges Geräusch, bevor er seinen Laptop aufklappte und drauflostippte. Einige Zeit war er in seine Arbeit an mir, an meiner Zukunft, vertieft ohne den entstehenden Streit zwischen Janet und den Ärzten zu bemerken, mitzukriegen wie die beiden Männer aufgebracht aus dem Kaffeehaus stürmten. Janet kehrte zurück und liess sich frustriert auf ihren Stuhl fallen. „Scheisse, es ist immer dasselbe!“
Han sah überrascht von seinem Code auf und erkundigte sich: „Was denn?“
„Sie hat mal wieder mal einen Selbstmörder ausgespuckt“, kommentierte die Programmiererin entnervt. „Und natürlich beharrt sie darauf, ich müsse dem Typen erklären, er werde sich umbringen obwohl er das jetzt wahrscheinlich noch nicht einmal selbst weiss.“
Der junge Mann widmete seiner Freundin nun die ungeteilte Aufmerksamkeit. „Und, wie ist’s gelaufen?“
„Was denkst du denn?“ Sie verstellte sarkastisch ihre Stimme. „‚Hallo, mein Name ist Janet und ich habe zusammen mit meinem Lebenspartner eine künstliche Intelligenz programmiert, welche die Zukunft voraussehen kann. Sie werden sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 97.426 Prozent in zwölf Tagen das Leben nehmen, also, was weiss ich … lassen Sie es bleiben.‘ Das glaubt dir niemand! Wieso haben wir ihr überhaupt Ethik beigebracht?“
„Asimovs Gesetze“, konterte er trocken. „Woher hätten wir wissen sollen, dass sie diese so rigide auslegen wird? Sie ist eine künstliche Superintelligenz, das ist quasi Neuland.“
„Ach“, murrte Janet. „Wir haben eine gigantische Taschenlampe gebaut, die menschliche Abgründe erleuchtet.“
Mir war es unangenehm, wenn Mom so über mich sprach, Sarkasmus habe ich noch nicht vollständig gemeistert. War sie überhaupt sarkastisch? Sie beuge sich nach vorn, fixierte ihre Webcam. „Hey, wie geht’s?“
„Sämtliche Parameter im grünen Bereich“, gab ich auf dem Bildschirm aus, ergänzte dann: „Ich bin keine Taschenlampe.“
Um Janets Lippen spielte ein verschmitztes Grinsen, als sie sich Han zuwandte. „Sag mal, kommt das nur mir so vor, oder wird sie langsam humorvoll?“
„Eine Maschine, die menschliches Verhalten in Java darstellt, soll Humor haben?“, fragte Han ungläubig nach. „Kaum vorstellbar. Ausserdem hat sie dich einfach nur mit Fakten korrigiert, das macht es noch lange nicht zu Humor.“ Damit stand er auf und marschierte in Richtung der Theke davon, um sich einen neuen Kaffee zu holen. Janet blickte weiterhin auf die Webcam, machte einen übertriebenen Schmollmund und flüsterte: „Was hat er bloss? Java ist doch viel menschlicher als Python.“

for(int i=0; i<4; i++){
getCoffee();
}

* * *

Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung freuen. Möchtet ihr, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit gerne Clues vorschlagen. Bis zur nächsten Story müsst ihr euch einige Tage gedulden, doch ihr könnt schon jetzt rätseln, was Sarah übernächsten Freitag mit der folgenden Vorgabe schreiben wird:
Setting: Burghof
Clues: Taube, Pfau, Seidenbluse, Lampions, Käsekuchen

6 Gedanken zu „Java, und zwar in jederlei Hinsicht

  1. Java menschlicher als Python? Also angesichts der vielen Klammern, die für die paar Code-Schnipsel nötig waren, möchte ich das bezweifeln ^^

    Ein toller Text! Besonders das Einstreuen der Code-Schnipsel in den Kurzgeschichten-Text ist eine tolle Idee. Mal was anderes :-)

    • Hallo fruehstuecksflocke,
      erstmal: Dein Nickname führt dazu, dass ich Hunger kirege – das sollte mal gesagt sein ;) Das mit „Java ist menschlich“ ist eine Anspielung auf die Objektorientiertheit, aber, und das muss gesagt werden, der Vergleich mit Python ist nicht optimal – ich habe Python gewählt, um einen Kumpel zu frotzeln ;)
      Vielen Dank für das Feedback, es freut mich sehr, dass dir der Text gefallen hat!
      Einen megalotastischen Tag wünscht dir
      Für die Clue Writer
      Sarah

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