Oster-Special: Zombies in der Kirche – Teil 2

Ostern 2016 resizedAutorinnen: Rahel und Sarah

Dies ist der 2. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Zombies in der Kirche“. Den Anfang findet ihr hier.

Angespannt sah Maria zu, wie der Messdiener einen der schweren Türflügel öffnete. Ein Teil von ihr wollte „Nein!“ rufen, aber sie zwang sich zum Schweigen, da ihr diese irrationale Angst peinlich war. Was sollte schon da draussen sein, ausser jemandem, dem es schlecht ging, zum Beispiel ein Drogensüchtiger auf einem Horror-Trip? Nichtsdestotrotz verharrte sie in ihrer halb sitzenden, halb stehenden Position, die Finger der rechten Hand in das im Laufe der Jahrzehnte glatt-getastete Holz der Kirchenbank gekrallt. Sie wunderte sich, weshalb die Leute aus den hinteren Reihen zum Eingang drängten. Würde Erste Hilfe benötigt, stünden sie so lediglich im Weg herum. Zudem, für den unwahrscheinlichen Fall, dass da draussen eine Bedrohung … Weiter kam sie mit ihren Überlegungen nicht. Bestürzt musste Maria mitansehen, wie eine kleine Gruppe Menschen in die Kirche stürmte und sich auf die Messebesucher beim Eingang stürzte. Nein, sie bissen, machten sich regelrecht über die sonntagsfeine Gesellschaft her!
„Schei…“, rollte ein erstickter Fluch über ihre Lippen, als sie aufsprang. Panik brach aus, wer konnte, wich so weit wie es ging zurück, um durch den Mittelgang zum Alter zu entkommen. Marias Gedanken rasten, suchten verzweifelt nach einem Ausweg, ganz egal wie, bloss weg von diesen wütenden Irren, deren Züge kaum noch menschlich wirkten und heraus aus der Meute, der vermaledeiten Kirche! Manche kletterten in ihren Sonntagskleidern über die Bankreihen, stolperten, stürzten, rappelten sich auf. In dem Gewirr war es ihr unmöglich, zum Gang zu gelangen. Maria griff die Lehne vor sich, zog sich hoch und verfluchte ihren knöchellangen Rock – sie trug das Ding sonst nie, weil es unpraktisch war. Nachdem sie über einige Sitzplätze gerutscht war und sich dabei das Schienbein an einer Kante aufgeschlagen hatte, erspähte sie den frechen Bengel von vorhin. Er drängte sich zusammen mit einigen anderen zur Aussenmauer vor, wo tatsächlich weniger Tumult herrschte. Instinktiv wollte sie ihnen folgen, jedoch wurde der einzige Durchgang von einer fülligen, hysterisch kreischenden Frau versperrt, welche in die Gegenrichtung vorpreschen wollte. Ehe Maria ausweichen konnte, tauchte neben der fetten Dame einer der Irren auf. Aus der Nähe betrachtet wirkte der Angreifer noch wilder – seine Augen waren glasig, aus dem Mund trieften Speichel, Blut und Gewebefetzen. Maria wich ungelenk aus, als das Monster seine Zähne in den dicken Hals grub. Einen Herzschlag lang fixierte sie die brutale Szene, dann nutzte sie die Gelegenheit, zwischen der Todgeweihten und der Bank hindurchzuschlüpfen.

Erstarrt hatte Jo zu begreifen versucht, was vor sich ging – es bot sich ihm ein Schauspiel des Chaos, des Schreckens. Mechanisch hatte er seine Handheld-Spielekonsole ausgeschaltet und sie achtlos beiseitegelegt, dann hatte ihn Oma Barbara aus seinem Schockzustand geschüttelt. „Junge!“, hatte sie über den Lärm gerufen. Er war herumgefahren, von ihr am Handgelenk gepackt und weggezogen worden, dicht gefolgt von Opa David. Sie hatte ihn schwer atmend zur linken Aussenwand geführt, von wo aus sie das Durcheinander überblicken konnten, ohne mittendrin zu sein.
„Was zum Teufel ist hier los?!“, keuchte Jo. Einen Amoklauf stellte er sich anders vor, ohne Beissen und Herausreissen von Fleischbrocken … „Das muss ein böser Traum sein“, stellte Jo abwesend fest, als er den Messdiener Jakob, welcher das Tor geöffnet und die Bedrohung hereingelassen hatte, entdeckte. Dessen Leiche lag auf den abgetretenen, steinernen Fliesen in einer Blutlache, Teile seines Gesichts waren zerfleischt, ein Auge fehlte gänzlich. Jo wollte sich angewidert wegdrehen, da begann die Hand des Messdieners zu krampfen. „Was …?!“, stiess Jo ungläubig aus. „Wie hat er das überlebt?“ Jakob stand auf, taumelte, torkelte steif vorwärts – er sah aus wie einer von denen! Sofort blitzten Bilder aus Horror-Filmen durch Jos Geist. „Nein, das ist nicht real, es kann nicht sein!“, wollte er sich versichern, allerdings entmutigten ihn Jakobs nächste Handlungen. Dieser schlurfte langsam, stetig durch die Massen, direkt auf einen verängstigt fuchtelnden Herrn um die Fünfzig zu und schlug seine gebleckten Zähne in dessen Arm.
Vollkommen perplex zupfte Jo an der Bluse seiner Grossmutter und brüllte: „Oma, es sind Zombies!“ Die Angesprochene schien ihn nicht zu hören, also wiederholte er: „Untote!“
Im Mittelgang hatte die Horde ihre Höhe erreicht, hinter sich eine Schneise aus blutverschmierten Bänken und zuckenden Körpern zurücklassend. Dennoch blieb der Haupteingang blockiert und wenn Jos Befürchtung sich als richtig erwies, gäbe es bald bedeutend mehr von diesen Biestern, die zwischen ihnen und dem Tor stünden. Er musste einen anderen Ausweg finden!
Jo fiel es zunehmend schwerer, nicht zu hyperventilieren, die Hoffnung auf Rettung nicht einfach aufzugeben, dann erspähte er links neben der Kanzel eine kleine Tür. Bevor er seinen Grosseltern davon erzählen konnte, erklang wenige Meter hinter ihnen der Schrei einer jungen Frau. Eines der Monster hatte sich in die Haut eines Mannes verbissen und ihn zu Boden gerissen. Die Frau, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen seine Gefährtin, stand über dem Gemetzel und schlug mit einer Bibel auf den Zombie ein, dieser liess sich davon leider nicht von seinem Festmahl abhalten. Durch den Lärm wurden nun auch die anderen Untoten auf sie aufmerksam. Jo vermied es ihn ihre Fratzen zu schauen, war sich aber sicher: Sie kommen! Hektisch gestikulierend deutete Jo auf die Kanzel. „Da! Dahin, schnell!“

Mit dem Rücken an die Wand gelehnt atmete Maria tief durch. Der Heuschnupfen und die Anstrengung verschlimmerten ihre Asthmasymptome. Keine unmittelbare Gefahr erkennend, verschwamm ihre Wahrnehmung. Was hier geschah, erinnerte sie an ihre heftigsten Alpträume, übertraf sie womöglich gar – Katastrophen, Tod, kein Entkommen. Scheinbar konnte sie nur wie im Traum das Unvermeidliche abwarten – ohne die Option, aufzuwachen. Vorhin hatte sie das Wort „Zombies“ vernommen. „Zombies“, wisperte sie, „Es sind tatsächlich Zombies.“ Der Anblick dieser Kreaturen, ihre ausdruckslosen, fressgierigen Minen liessen Maria ihre Zweifel vergessen.
Als Maria zu sich kam, konnte sie panisches Weinen hören. In ihrer unmittelbaren Nähe drosch eine Frau auf eines der Biester ein, welches unbeeindruckt Fleischbrocken aus einem Kadaver zerrte. „Oh mein Gott“, schluchzte Maria, dann verstand sie, dass das Weinen der Frau nicht bloss ihre Aufmerksamkeit auf sie zog. „Scheisse, scheisse. Scheisse, verdammt nochmal!“, keifte sie den Untoten entgegen, die sich wie eine geschlossene Front auf sie zubewegten.
Der Junge fiel ihr ein, weshalb wusste sie nicht, sie sah sich nach ihm um und erspähte ihn sowie seine Grosseltern vor dem Geländer, welches Altar und Kanzel von den Bankreihen trennte. Hinter ihr rannten vier weitere Überlebende der Wand entlang, sie hörte ihre verstörten Rufe im Nacken. Wie in Trance setzte sie einen Fuss vor den anderen, hielt dabei den Riemen ihrer Handtasche umklammert, als wäre sie eine Waffe. Bei der vordersten Bankreihe angekommen, riskierte es Maria, sich für einen Moment umzudrehen. Die hübsch gekleideten Bestien holten rasch auf, bekamen einen der Nachzügler zu fassen. Ehe sie Zeugin des Angriffs wurde, sah sie weg – Das Verderben eines anderen wurde zu ihrem Glück, denn sie blieb unentdeckt. Jeder Atemzug brannte in ihrem Hals, der Puls pochte in den Schläfen und Maria empfand kaum Scham dafür, dass sie froh um ihren Vorsprung war.
Sie liess sich gegen das Geländer prallen, nutze den Schwung ihres Spurts dazu, sich hochzuziehen. Einer der drei Übriggebliebenen half ihr sogar. Eilig überwand sie die kurze Distanz zur hölzernen Tür und rüttelte am Knauf, vergeblich. Sie hatte grosse Mühe, die anschwellende Panik zu unterdrücken, aber irgendwie gelang es ihr. „Es ist abgeschlossen, wir kommen hier nicht raus!“, schrie sie über den tosenden Lärm des Massakers hinweg. „Der Priester! Der Priester hat vielleicht einen Schlüssel.“ Der Junge stand neben ihr, dahinter seine Grosseltern – sie alle schauten hin und her, den Priester suchend.
„Da!“ Die alte Dame zeigte zum Altar, wo eine Glatze hervorlugte – der Hirte war wohl dahinter in Deckung gegangen, während seine Schäfchen sich gegenseitig auffrassen. „Pass auf Jo auf!“, sagte die Alte, nicht ohne Maria dabei fest in die Augen zu sehen, dann schubste sie den Jungen in ihre Arme und hechtete mit ihrem Mann im Schlepptau los.

Oma Barbara und Opa David rannten zum Altar, Jo wollte ihnen folgen, doch die Frau, deren ungehaltener Ausdruck ihm vorhin schon aufgefallen war, hinderte ihn daran. „Lass mich los, du gottverdammte Zicke, das ist meine Familie!“, fluchte er um sich tretend und fügte einige Worte hinzu, die sich in einer Kirche nicht ziemten – nun gut, angesichts der kannibalistischen Feier war darüber hinwegzusehen. Die Fremde blieb standhaft und machte deutlich: „Ich habe es deiner Grossmutter versprochen.“ Nachdem er sich zu winden aufgehört hatte, lockerte sie ihren Griff und fragte: „Du heisst Jo?“
Entgeistert sah er sie an und bejahte, ehe er sich sogleich wieder auf seine Grosseltern konzentrierte, die aufgeregt auf den Priester einredeten. Einige verschrammte, teils zerfleischte Messdiener hatten die beiden erspäht. Röchelnd, scheinbar gemächlich wankten die Zombies auf Barbara und David zu.
„Ich bin Maria.“ Jetzt lag nur noch eine ihrer Hände auf seiner Schulter, er würde entkommen können, blieb stattdessen stehen. Wie kam diese Wahnsinnige auf die Idee, man müsse sich in einer solchen Lage vorstellen? Natürlich, fiel es Jo ein, Leute verhielten sich in aussergewöhnlichen Situationen oft seltsam gewöhnlich, wahrscheinlich beruhigte sie das – das hatte er aus unzähligen Filmen gelernt.
Maria ignorierend beobachtete Jo, wie der Priester heftig widersprach und schliesslich die Faust hob, um Opa David eine reinzuhauen. Bevor das geschehen konnte, rangelte der alte Haudegen den Gottesmann nieder. Jo verkniff sich ein erschrockenes Quietschen, beinahe hätte er damit die Gruppe Messdiener angelockt, die seelenruhig den Leichnam eines Kirchgängers schändeten. Bald darauf hielt Opa David den Schlüssel hoch, bedeutete Jo, ihn aufzufangen und warf ihn ihnen über die Köpfe der Bestien hinweg zu. Diese kamen immer näher, einige hatten sich bereits zwischen Jo und seine Grosseltern gestellt, sodass der Fünfzehnjährige fürchtete, sie wären in wenigen Augenblicken komplett umzingelt – zu Recht, wie sich herausstellen sollte.
„Verschwindet von hier“, rief Oma Barbara ihm zu, er schüttelte sofort vehement den Kopf. „Wir kommen gleich nach. Versprochen!“
Ehe er sich versah, schnappte sich Maria den Schlüsselbund, schloss die Tür auf und hängte ihn dann am Metallschlüsselring an den Türknauf. „So können sie uns folgen“, erklärte sie knapp, zerrte Jo zum Durchgang und liess danach die Tür ins Schloss fallen, ohne dem Jungen Gelegenheit zum Protestieren zu geben.
Jos Augen benötigten eine Weile, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Sie waren in einem kurzen, engen Gang von dem aus eine schmale Treppe nach oben führte. Die Atmosphäre war staubig, gruselig, so als lauerte hinter jeder Ecke eine Bedrohung – kein abwegiger Gedanke, angesichts der aktuellen Lage. Durch die Tür waren die Schreie des Blutbads weiterhin zu vernehmen, gedämpft, trotzdem genauso angsteinflössend, insbesondere deshalb, weil Jo klar war, dass die Schreie von seinen Grosseltern stammen könnten.
„Wir müssen umkehren!“, sagte Jo so beherrscht er konnte. Unter keinen Umständen war er bereit, seine Familie im Stich zu lassen, ganz egal, ob Maria das passte oder nicht. Unerwartet bot sie ihm kein Paroli, sondern liess ihn unbehelligt zur Tür marschieren. „Du bist weder Jungfrau noch die Mutter Gottes, sondern ein Feigling“, schimpfte Jo den Türgriff erfassend aus. Es gab keinen Grund, Maria so anzukeifen, bloss, so war es eben: Menschen verhielten sich selten rational in aussergewöhnlichen Situationen. „Scheisse!“ Die Tür ging nicht auf, wie sollte sie auch? „Du verdammte Hure hast uns ausgesperrt!“
„Schon okay“, flüsterte Maria, machte einen Schritt auf ihn zu und zerrte ihn anschliessend über die Treppe nach oben.

Maria sass auf dem Rist des Kirchenschiff-Dachs und starrte auf Jo, der schweigsam neben ihr kauerte. Hinter ihnen thronte der Glockenturm mit der massiven, vergoldeten Uhr – ihre Zeiger wirkten wie Mahnmale. Nahezu eine halbe Stunde war vergangen und die Zeit tickte erbarmungslos weiter. Sie hatten hören können, wie hinter ihnen einige Zombies die Seitentür zur Sakristei, zum Turm niederdrückten, was ihnen keine andere Wahl liess, als durch ein Fenster aufs Dach zu flüchten. Wenigstens waren die Regenwolken gnädig und machten der Sonne Platz, deren Wärme die rutschigen Schindeln trocknete. Mehrmals hatten sie versucht, den Notruf zu erreichen – die Leitung war besetzt geblieben, bis bald darauf das Signal gänzlich abbrach. Selbst Maria kannte genug apokalyptische Zombiegeschichten, um sich alle erdenklichen Szenarien auszumalen, wieso der Sendeturm ausgefallen war – Jo ergänzte ihre Schreckensfantasien leider trotzdem. Irgendwann verstummte er allerdings und hatte seit nunmehr zehn Minuten kein Wort von sich gegeben. Zum Glück schien er nun einzusehen, wie töricht es wäre, sich in ein von Zombies überranntes Treppenhaus zu stürzen, um nach seinen Grosseltern zu suchen – nicht bloss töricht, sondern reiner Selbstmord! Insgeheim wünschte sich Maria, die beiden rüstigen Leute würden es schaffen, durchzuhalten, denn sie hatte keinen blassen Schimmer, was sie alleine mit Jo anstellen sollte. Echte Hoffnung keimte in ihr keine auf, dazu waren die Schmerzensschreie zu real. Unwillkürlich fiel ihr das Chaos, nein, das Schlachten in der Kirche unter ihnen ein und ihr wurde bewusst, wie gering ihre eigenen Überlebenschancen waren. Sie mussten wohl oder übel auf Rettung warten – was sollten sie denn sonst tun? Sanft vor- und zurückschaukelnd bekräftigte sich Maria im Glauben, dass die Welt kaum an einem Tag untergehen konnte, das war schlichtweg absurd.
„Jo?“ Vorsichtig wollte sie ihn in ein Gespräch verwickeln, ihn von der misslichen Lage ablenken – er war noch ein Kind, um Himmelswillen, ein Kind! Der Angesprochene schnitt eine widerwillige Grimasse. „Was?“
Unschlüssig darüber, wie sie mit dem Jungen umgehen wollte, fuhr sie sich durch die Haare – sie hätte das Ganze besser planen sollen, nun blieb ihr nichts anderes übrig, als Small Talk zu führen. „Ich gehe normalerweise gar nie zur Kirche, ausser an Feiertagen. Und du?“
Stille. Gerade als Maria dazu ansetzte, etwas hinzuzufügen, fuhr er sie an: „Wir haben jetzt keine Zeit für solche Nebensächlichkeiten!“ Beherzt erhob er sich, tigerte aufgebracht auf über den Rist, was Maria dazu veranlasste, ebenfalls aufzustehen, ihm besorgt nachzusehen. „Es muss einen Weg runter geben, wir können nicht ewig hierbleiben!“, fuhr Jo fort. „Oma und Opa sind bestimmt noch am Leben. Sie sind stark … und stur!“
„Vergiss es!“, konterte Maria laut. „Hast du gesehen, wie viele dieser …“, sie unterbrach sich, schlucke. Es kostete sie viel Überwindung, aber es gelang ihr, ihren Satz zu beenden: „… Zombies es da drinnen hat?“
„Oma Barbara hat gemeint, ich solle die PS wegstecken“, nuschelte Jo. Es dauerte kurz, bis die Mittvierzigerin begriff, dass er mit sich selbst sprach. „Hätte ich auf sie gehört, vielleicht hätte ich die Gefahr früher bemerkt – nein, unnütz!“ Er kam ins Stocken, machte auf dem Absatz kehrt, tigerte, einen unbestimmten Punkt fixierend, weiter. „Wir müssen umkehren!“ Erneut wollte Maria reagieren, widersprechen. Zu spät, Jo führte sein Selbstgespräch fort: „Ich frage mich, ob diese Zombies eher wie in ‚Dead Rising‘ oder wie in ‚The Last of Us‘ sind und wie wir sie töten können. Wir müssen ja etwas tun. Niemand kommt.“
„Ich denke …“, setzte Maria der Verzweiflung nahe an.
„Ich muss zu Maggy, hoffentlich ist sie okay!“
Entschlossen trat Maria zu ihm, packte ihn an den Armen und hielt ihn fest. „Verdammt, wir müssen jetzt vor allem anderen einen kühlen Kopf bewahren! Kapiert?“

Jo hatte sich etwas beruhigt, stillsitzen fiel ihm dennoch schwer. Stattdessen wollte er etwas Produktives tun und hielt nun Ausschau nach einer Möglichkeit, vom Dach herunterzukommen. Maria hatte sich erst geweigert, ihm zu helfen. Sie vertrat die Überzeugung, herumzusitzen und wie eine Prinzessin auf holde Retter zu warten, wäre die richtige Entscheidung. Schlussendlich hatte er sie mit dem Argument, die Zombies würden sich früher oder später um die Kirche versammeln und sie einkesseln dazu bewegen können, ihm zu helfen. Er tastete sich zum Rand des Dachs vor und schaute hinunter – bislang herrschte Ruhe auf der Strasse. Offenbar waren die Biester vom Glockenläuten sowie der tragenden Stimme des Pfarrers ins Innere der Kirche gelockt worden. Woher sie kamen, blieb ein Mysterium. Das Wehklagen versiegte allmählich, wurde abgelöst von Wimmern, meist von gurgelnden, röchelnden Lauten.
„Rauchwolken“, stiess Maria in die Ferne deutend aus. Über den Dächern des Dorfes stieg von mehreren Orten Rauch auf – das Sirenengeheul blieb aus.
„Scheisse, wo bleibt die Feuerwehr?“
„Wir sind auf dem Land“, erwiderte Maria schulterzuckend. „Da dauert es länger. Eventuell sind die Feuerwehrleute auch … Suchen wir lieber weiter.“
Jo ignorierte das, was sie angesprochen hatte, er wollte sich seiner Aufgabe widmen, in ihr aufgehen – nur nicht an Maggy oder seine Grosseltern denken, das konnte er sich nicht leisten. „Hey, Maria. Hier ist eine Dachrinne, wir können hinunterrutschen.“ Behände schritt Jo auf dem schrägen Untergrund zu der angegebenen Stelle. Sein Magen verkrampfte sich, als er begriff, was ihnen bevorstand. „Der Kirchenausgang ist etwas nahe“, gab er zu bedenken. „Diese Scheissviecher könnten uns mit offenen Armen in Empfang nehmen.“
„Sie sind noch drin, oder?“, erkundigte sie sich leise. Zuversichtlich war er zwar kaum, doch er nickte. Die Rauchwolken waren gewachsen und bisher war niemand aufgetaucht. Für Jo war klar: Sie mussten sich selber helfen. „Siehst du den Lieferwagen dort?“ Auf den weissen, neben der Sakristei geparkten Van zeigend, erläuterte er sein Vorhaben: „Wir springen auf sein Dach, rennen los und verstecken uns dann in dem Tante-Emma-Laden auf der anderen Strassenseite. Meinst du, dort gibt es eines dieser alten Schnurtelefone?“
„Kann sein. Gute Idee“, sagte Maria erfreulicherweise. „Sicherheitshalber sollten wir zuerst das Haus ein Weilchen beobachten. Es könnte eine böse Überraschung auf uns warten.“
Jo willigte ein, setze sich nahe der Dachrinne hin und behielt das alte Holzhaus gegenüber im Blickfeld. Er war fest entschlossen, lebend aus diesem vermaledeiten Zombiedorf zu entkommen, koste es, was es wolle – für Maggy!
„Und wenn wir noch ein bisschen länger warten? Bestimmt kommt bald jemand.“
Jo hätte sie am liebsten angeschrien, selbst wenn es diese Biester anlockte, Maria war einfach anschreiungswürdig. Wie konnte sie bloss in ihrem bescheuerten Sonntagsrock dasitzen und ernsthaft vorschlagen, gemütlich Däumchen zu drehen, während seine Grosseltern … „Es kommt niemand“, gab er kalt zurück. „Die ganze scheiss Welt geht unter, siehst du das denn nicht?! Entweder wir helfen uns selbst, oder wir verrecken auf dem Dach dieser gottverfluchtbeschissenen Kirche!“

„Moment“, meinte Maria und kramte ihr Smartphone, das neueste Modell, aus ihrer Handtasche. „Mist, immer noch nichts.“ Ihre Enttäuschung war deutlich hörbar.
„Was wird denn das jetzt?“, empörte sich Jo, als sie zu tippen begann.
„Ich schreibe eine SMS an meine Mutter, wenn’s recht ist.“ Ein letzter Schimmer Hoffnung blieb ihr. „Vielleicht wird sie später übertragen.“ Jo blickte sie erst erschüttert, dann verständnisvoll an, ehe er sie kleinlaut bat, das Gerät benutzen zu dürfen. „Ich möchte mich verabschieden.“ Maria reichte dem Jungen das Telefon und es zerbrach ihr das Herz, wie angestrengt er seine Tränen zurückhielt.
Wenig später kam Jos Energie zurück. „Hörst du das?“ Die Angesprochene horchte angestrengt, schüttelte dann den Kopf – ausser dem brummenden Soundtrack der Apokalypse konnte sie nichts ausmachen. „Genau, es ist leiser geworden.“
Maria wusste nicht so recht, auf was der Junge hinauswollte, also sagte sie: „Das ist gut, oder?“
„Nein, Scheisse, bist du dämlich!“, zeterte der Jüngere augenrollend los. „Bald sind alle tot. Die Zombies können jederzeit herauskommen. Hungrig und bereit für Nachschlag!“
„Oh.“ Maria erhob sich, ging zum Rand des Dachs und linste nach unten. Tatsächlich stolperten zwei Untote die Stufen hinunter auf den Kiesweg, der vor der Kirche lag. Jo nutzte die Gelegenheit, ungesehen zum hinteren Teil des Dachs zu laufen. Sie wollte ihn aufhalten, wirbelte herum, streckte ihren Arm nach ihm aus, doch der Fünfzehnjährige war schneller.
„Du kannst gerne auf Hilfe warten, wenn du das willst, ich muss jetzt los, ich muss zu Maggy!“, rief der Teenager über die Schulter. Ohne die Chance, den wesentlich agileren und für diese Situation passender angezogenen Jo einzuholen, musste sie mitansehen, wie er mit einem Satz auf das Dach des Vans sprang. „Fuck, Junge“, zischte sie und machte Anstalten, ihm zu folgen. Die Grossmutter hatte ihr gesagt, sie solle auf ihn aufpassen und sie versagte kläglich. Dennoch hielt sie inne, während er über die Kühlerhaube des Wagens rutschte, auf den Füssen landete und unverzüglich auf die Strasse rannte. Maria ballte ihre Hände zu Fäusten, betete er möge es schaffen und machte sich gefasst, ihm hinterherzusprinten.
Kurz bevor Jo beim vermeintlich sicheren Laden ankam, entdeckte sie einen Zombie, welcher hinter einem alten Dodge Pickup hervorkroch. Sie zögerte eine Sekunde, dann brüllte sie so laut sie konnte: „Jo, rechts von dir!“ Dieser nahm reflexartig einen Satz zur Seite, ohne sich in seinem Lauf aufhalten zu lassen. Indes kreischte Maria aus vollen Lungen, um das gefrässige Vieh auf sich aufmerksam zu machen, damit es ihren Zufallskameraden in Frieden liess. Leider blieben ihre Bemühungen, das Interesse der Bestie zu wecken, erfolglos.

Jo fühlt erst nach dem Verlust seines Gleichgewichts, wie sich eine klamme Hand um seinen Knöchel schliesst. Das unmenschliche Knurren, welches er vor zwei Stunden zum ersten Mal in seinem Leben gehört hat, lässt keinen Zweifel daran, dass seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Er dreht sich auf den Rücken, starrt in ein entstelltes, zerfleddertes Gesicht, dessen Menschlichkeit nur noch zu erahnen ist. Das Vieh ist voller Schmutz, verkrustetem Blut und einer eitrig-gelben Masse, es glotzt ihn aus milchigen Augen an – dumm, leblos. Wie lange ist der Typ schon tot, fragt er sich, als er registriert, in welch desolatem Zustand der Kiefer seines Angreifers ist. Die untere Zahnreihe wird dürftig von einigen Muskeln am Schädel gehalten, sodass er schlecht zubeissen kann. Ungefährlich ist der Zombie trotzdem nicht. Er hält Jo fest in seinem Klauengriff, kommt auf ihm zu liegen und macht keuchend ins Leere laufende Schnappbewegungen mit seinem fauligen Mund. Seine ganze Kraft mobilisierend versucht er das Biest von sich herunterzutreten – er rangelt, schlägt, faucht. Zum Denken bleibt ihm allerdings keine Zeit, seine Bewegungen werden von blanker Panik kontrolliert. Seine Erleichterung ist gross, als er den Zombie am Schienbein erwischt und sich unter dem wesentlich mächtigeren Typen wegrollen kann.
Hastig springt Jo auf seine Füsse, will losrennen, endlich Unterschlupf im Geschäft suchen, da wird er erneut am Knöchel gepackt. Er landet auf der Strasse, ein scharfer Schmerz durchzuckt seinen Körper. Trotzdem gibt er nicht auf – er will zu Maggy! Verbissen tritt er in schneller Abfolge gegen den Kopf des Untoten, der sich davon kaum beeindrucken lässt und seine Beute lediglich gierig angrunzt. Halb kriechend, halb um sich schlagend vernimmt Jo Marias Stimme, sieht am Rande seines Gesichtsfeldes, wie sie seinen unerbittlichen Verfolger abzulenken versucht. Weitere Untote stürmen aus dem Kirchenportal, angelockt durch Marias Gekreische versammeln sie sich unter dem Dach – er kann nichts für sie tun, hat kaum einen Gedanken für sie übrig. Stets wenn Jo sich aufrappeln und in Sicherheit hechten will, reisst ihn der unerklärlich vermoderte Untote zurück auf den Asphalt. Er kann sich jeweils mit einigen Fusstritten befreien, weit kommt er dabei nie. Ihm fallen seine Grosseltern ein – waren sie tot, schlimmer noch, Zombies? Und Maggy, so weit weg, er wird sie wieder sehen, er muss …
Das Vieh hinter ihm hat nur diesen einen Moment der Unachtsamkeit gebraucht. Als der Zombie die Zähne seines intakten Oberkiefers in Jos Wade schlägt, kann der Junge Maria erkennen, die vom Dach auf den Van, dann zu Boden springt. Die Horde, die sich um sie geschart hat, bewegt sich nun torkelnd und humpelnd auf ihn zu, will dem Festmahl beiwohnen. In Marias Ausdruck ist schierer Terror abzulesen, dennoch eilt sie ihm zu Hilfe – er weiss, es ist zu spät. Jo steckt seine Hand nach Maria aus, will ihr zurufen, sie solle wegbleiben, da wird sie von einem älteren Mann am Arm gefasst und weggezerrt – Opa David! Unfähig etwas zu unternehmen, beobachtet der sterbende Junge, wie sein Opa die sich heftig widersetzende Maria bewusstlos schlägt, sie zu einem Auto trägt und auf den Rücksitz legt. Oma Barbara reicht ihm irgendetwas, sie umarmen sich und fahren sogleich eilig weg. Jo ist glücklich, seine Familie noch einmal gesehen zu haben, genauso ist er froh, dass sich ihre Blicke nicht kreuzten – egal, was sie getan hätten, sie wären sowieso zu spät gewesen.

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Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung freuen. Möchtet ihr, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit gerne Clues vorschlagen. Bis zur nächsten Story müsst ihr euch einige Tage gedulden, am Dienstag geht es ganz normal weiter – bis dahin wünschen wir frohe Ostertage.

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