Warum man nicht auf der Landebahn schlafen sollte

Es gibt viele Gründe, weshalb man nicht auf der Landebahn schlafen sollte. Da ist zum einen der offensichtlichste, die Gefahr, von einem landenden Flugzeug überfahren zu werden. Aber auch weniger eindeutige Risiken sprechen gegen die Wahl einer solchen Übernachtungsgelegenheit. Zum Beispiel die zugegebenermaßen eher unwahrscheinliche Möglichkeit, dass ein illegales Straßenrennen stattfindet und man von einem Polizisten aufgegriffen wird, der gekommen ist, um die Rennfahrer festzunehmen, oder zumindest zurück auf die Straße zu schicken. Es könnte natürlich auch sein, dass man aus dem Schlaf gerissen wird, weil ein flüchtiger Terrorist eine Geisel braucht oder aber man wird von einem Typen aus der Gepäckabfertigung aufgesammelt und in den Bauch eines Jumbo-Jets verfrachtet, weil er denkt, man wäre der Koffer, der vorhin vom Wagen gefallen war. Ganz zu schweigen davon, dass man so alleine auf einer Landebahn ein ideales Ziel für Blitze und Vogelkotattacken bietet.
Ich habe jedoch all diese wunderbar logischen Gründe, weshalb man nicht auf einer Landebahn schlafen sollte, einfach so ignoriert und schlummerte friedlich am hintersten Ende der Bahn C2, etwa dreißig Meter vom Zaun entfernt. Wie immer hatte ich tausendundeine dumme Ausrede parat, um mein unvernünftiges Verhalten zu rechtfertigen. Nicht, dass mir irgendjemand diese Ausflüchte abkaufen würde, aber das war nicht weiter tragisch, da sich ohnehin niemals jemand dafür interessiert hatte, wie ich meine Eskapaden gekonnt schönrede. Ich hingegen war froh darum, einige flüchtige Wortfetzen in meinem Gehirn zu haben, die mein Versagen, ein normales Leben zu führen, als rebellisch und ungestüm verkleideten.

Harte Beläge machen müde und träge
Wer nun im Freien liegt, wenn der Vogel tief fliegt
Wird schnell und hurtig, vollgeschissen, ganz und gar abartig
Später eingesammelt von der Gepäckabfertigung, dann verfrachtet mit Schwung
Das alles sind gute Gründe, weshalb man nicht auf der Landebahn schlafen sollte

Ich gähnte, richtete mich von meinem harten Bett auf und kratze mich erst einmal ausgiebig am Hinterkopf, währendem eine Krähe herumkrähte, so wie Krähen das nun eben tun. Ich wusste nicht mehr so genau, wie ich überhaupt hier gelandet war, aber wenigstens mischte sich in den üblichen Alkoholnebel das vage Verständnis, wo ich mich zurzeit befand. Eine Selbstverständlichkeit war das keineswegs, weswegen ich mir selbst in Gedanken für diese außergewöhnliche Leistung auf die Schultern klopfte. Man musste sich eben auch über Kleinigkeiten freuen können, das hatte ich schon immer gesagt und das war nur eine der vielen Weisheiten, über die ich den ganzen Tag sinnieren konnte.
Ich seufzte und gähnte nochmal, ehe ich einen raschen Blick auf meine schäbige Armbanduhr warf. Der Flughafen würde in knapp dreißig Minuten wieder den Betrieb aufnehmen, das wusste ich, weil ich vor einigen Monaten ab und an im Wartesaal geschlafen hatte. Bis dahin konnte ich mir aber noch ein wenig die Zeit vertreiben und den Sternen dabei zusehen, wie sie sich, getrieben von der kosmischen Ausdehnung, in schwindelerregender Geschwindigkeit von mir wegbewegten, also legte ich mich wieder auf den Rücken.

Der startende Jet macht jeden zu Met
Auch Leute die laut feiern, in Festzelten im Freien
Die trinken und zwar andauernd, sind nicht schlaffördernd
Von der Kälte ganz zu schweigen, die einen zittern lässt bis man ihn tanzt, den Reigen
Das alles sind gute Gründe, weshalb man nicht auf der Landebahn schlafen sollte

In Momenten wie diesen fand ich mich immer etwas zerrissen, ja wirklich. Es hatte seine Vorteile, wenn man einen leistungsstarken, biologischen Rechner besaß, immerhin half das bei der Erfindung von Ausflüchten, die man sich selbst auftischte. Gleichzeitig aber nervte es doch immer ganz gewaltig, wenn der verflixte Verstand einem stets einreden wollte, dass man sein Leben komplett verschwendete. Nun gut, ich will mich nicht darüber beschweren, denn zumindest hatte ich einen guten, hochprozentigen Freund an meiner Seite, der mir dieses Leiden etwas erleichterte.
Teilnahmslos registrierte ich, dass die Krähen davoneilten, wünschte ihnen lediglich stumm einen guten Flug. Sekunden später begriff ich jedoch, dass ihr Flügelschlagen nicht bloß der sportlichen Betätigung diente, sondern einen triftigen Grund hatte. Naja, ich glaubte ich hätte es begriffen, doch was sich mir da in Windeseile näherte, war zu unglaublich, als das ich es hätte einordnen können.

Rennen mit Autos machen traumlos
Und so ganz alleine, zieht das Wohlbefinden Leine
Wenn der Blitz sucht, ist es der höchste Punkt der zetert und flucht
Wer dann auch das Pech noch schneit, kommt fix und flott die Flugsicherheit
Das alles sind gute Gründe, weshalb man nicht auf der Landebahn schlafen sollte

Panisch richtete ich mich auf, ohne auch nur den leisesten Schimmer zu haben, weshalb mein Herz aus meinem Hals springen wollte. Vielleicht wollte es die kühle Luft genießen, der Morgendämmerung zusehen oder halt einfach so auf einen Spaziergang gehen? Von weitem konnte ich einen Mann rufen hören, doch was ich vernahm, waren nicht die altbekannten Flüche, nicht einmal die vorsichtige Aufforderung, meine Hände in die Luft zu heben.
„Charlie! Charlie!“, schrie die Stimme wieder und wieder, aber ich hieß nicht Charlie, ich kannte nicht einmal einen Charlie. Was sollte das also, verlangte mein vernebeltes Bewusstsein zu erfahren, währendem es verzweifelt versuchte, meine Organe am richtigen Platz zu halten. Etwas war nicht in Ordnung, mein Körper wusste das. Doch mein so talentiertes Gehirn, dass sich selbst für sein Versagen am besten zu rechtfertigen wusste, reagierte erst, als Charlie direkt vor mir stand.
„Oh mein Gott, Charlie!“, vernahm ich von etwas weniger weit weg, als die Zähne des Gepards sich in mein Bein gruben.

Das Dümmste dann, kommt irgendwann
Mit dem Kater darauf, der Kopfweh bringt zu Hauf
Denn nur wer wirklich Böses will oder getrunken hat viel zu viel
Wird überrollt vom Gepard, der startet, weil im Cockpit niemand auf Trunkenbolde wartet
Das alles sind gute Gründe, weshalb man nicht auf der Landebahn schlafen sollte

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: Warum man nicht auf der Landebahn schlafen sollte
Wir hoffen, die heutige Geschichte hat euch gefallen. Teilt sie doch mit euren Freunden auf den Social Media und schaut bei der Gelegenheit auf unseren Profilen vorbei, wo wir euch gerne mit mehr literarischer Unterhaltung begrüßen. Eine besondere Freude macht uns eure Unterstützung auf Patreon, die wir euch mit exklusiven Inhalten verdanken. Und wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit Clues vorschlagen.

Ein Gedanke zu „Warum man nicht auf der Landebahn schlafen sollte“

Deinen Senf dazu abgeben!