Niederlage am Marsfeld

Sarah

Autorin: Sarah
Setting: Eiffelturm
Clues: Drosselklappe, Sphinx, Minirock, Blues, Eibe
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

„Hast du gewusst, dass man Nachtbilder von Paris nicht kommerziell nutzen darf, wenn der beleuchtete Eiffelturm drauf ist?“, fragte Amélie und sah von ihrem Fensterplatz auf die nächtliche Stadt hinunter und lauschte der Blues-Musik, die im Restaurant spielte. Einzelne Schneeflocken wehten in die Tiefe, doch es war zu kalt um wirklich zu schneien. Steven sah von seinem Teller auf und erkundigte sich: „Wieso?“ Er hatte sich längst daran gewöhnt, dass Amélie ein unerschöpflicher Brunnen an unnützem Wissen war und hatte seinen Spass daran, hier und da immer wieder zufällige Fakten zu hören zu bekommen.
„Ganz einfach“, erklärte sie und legte die Gabel weg, während sie sprach. „Die Firma, die für die Beleuchtung zuständig ist, hat diese markenrechtlich geschützt.“
Steven musste lachen und meinte dann leiser und etwas peinlich berührt, als sich einige Gäste neugierig nach ihm umgewandt hatten: „Man kann heutzutage wirklich jeden Mist mit einem Copyright- oder Trademark-Zeichen abstempeln.“
Amélie nickte und strich sich abwesend ihren Minirock zurecht, bevor ihr Blick, so als wäre sie in einer anderen Welt, durch das Restaurant wanderte. Steven schwieg und beobachtete sie – eigentlich stammte sie aus Paris, doch es war Jahre her, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Im letzten halben Jahr hatten die beiden Freunde die halbe Welt bereist, hatten die Sphinx gesehen, die griechischen Tempel, Savannen und indische Märkte… Amélie spielte mit ihren kurzen blonden Haaren, vielleicht weil sie sich noch nicht an ihre Frisur gewöhnt hatte, bevor sie wieder nach der Gabel griff und Steven seufzte. So viele Erinnerungen, eine so lange Freundschaft. Sie kannten sich schon seit bald zwei Jahrzehnten und die zierliche Französin, die den Grossteil ihres Lebens in Amerika verbracht hatte, war für ihn wie eine kleine Schwester geworden. Er hätte sich nicht mehr an einem Abend an all ihre Abenteuer, Erlebnisse und Gespräche erinnern können und doch schien es ihm so, als ob er dies heute tun müsste.
„Weisst du noch, als wir im Wald unter einer Eibe gesessen sind und ausgeharrt haben, nur in der Hoffnung, das Gewitter ginge bald vorüber?“, fragte Steven. Amélie nickte und musste lachen, doch es klang nicht wie üblich hell und wurde von einem Hustenanfall überschattet. „Ja, das war ein ziemliches Abenteuer. Wer geht denn auch an einem Tag wandern, an dem die Wetterprognosen so schlecht sind?“
„Damals waren wir noch jung und ruchlos“, meinte Steven grinsend und griff nach der Dessertkarte. „Willst du noch was?“
„Ein Eis wäre gut“, entgegnete sie und schlug ihre eigene Karte auf. „Vielleicht Pistazie. Und ein Espresso.“
„Klingt gut“, entgegnete er, bevor er den Kellner zu sich winkte und für sie beide bestellte. Als er wieder von dannen geschlurft war, meinte Steven: „Na der war mal mürrisch.“
„Nicht so gruselig wie der in dem Landgasthof in England, als wir eine Autopanne hatten“, sinnierte Amélie. Sie klang müde, während sie sprach. „Der hat uns angesehen, als ob er uns gleich ins nächste Irish Stew schnippeln würde.“
„Stimmt“, lachte Steven. „Hatten wir da nicht ein Problem mit der Drosselklappe?“
„War das nicht in Florida? Ich habe gemeint, da ist uns das Benzin ausgegangen, weil wir nicht darauf geachtet haben.“
„Ja, genau, jetzt weiss ich es wieder“, meinte Steven und hätte beinahe wieder zu lachen begonnen, unterbrach sich aber, als der Kellner ihr Eis vor sie hinstellte. Er nickte höflich und wartete darauf, dass der wie ein Grinch dreinblickende Mann wieder von dannen zottelte, dann wandte er sich erneut seiner guten Freundin zu. Sie zupfte wieder etwas an ihrer Frisur, doch wirkte grüblerischer als zuvor, so als würde sie an etwas denken, über das sie nicht sprach.
„Sag mal, Li“, begann er und sie sah erstaunt auf, da sie den Spitznamen schon seit längerem nicht mehr gehört hatte. „Was?“
„Du hast doch jahrelang in dieser Stadt gelebt – wie kommt es, dass du nie auf dem Eiffelturm gewesen bist?“
„Ich habe immer gedacht, dass ich dafür noch Zeit haben würde“, murmelte Amélie müde, lächelte aber wieder. „Und wie du siehst, hatte ich Recht.“
Steven nickte und hatte das Gefühl, als stecke ihm ein Kloss im Hals, während er zusah, wie sie langsam ihr Dessert ass. Das letzte halbe Jahr war das verrückteste gewesen, was er je erlebt hatte. Die Entscheidung, für Amélie alles stehen und liegenzulassen, seine Karriere für einige Zeit auf Eis zu legen und all seine Ersparnisse für eine Weltreise zu verbraten war ihm jedoch leichter gefallen, als er zuvor erwartet hatte. Doch Paris war ihre letzte Station, dies war wahrscheinlich ihr letzter gemeinsamer Abend. Wehmütig beobachtete er, wie seine Kameradin den Löffel weglegte und erinnerte sich an all die guten Zeiten, die sie zusammen verbracht hatten, an alle Erlebnisse, Abenteuer und gemütlichen Abende vor dem Fernseher…
„Es ist so weit“, sagte sie leise und bedeutete dann dem Kellner, dass sie bezahlen wollten.

Als sie auf die Aussichtsplattform heraustraten, konnte Steven die eisige Kälte im Gesicht spüren. Etwas in ihm zog sich zusammen und er verspürte den Drang, dass er um sie kämpfen müsste, doch er stand nur wie erstarrt da. Amélie, die um einiges kleiner war als er, sah zu ihm auf und lehnte sich an ihn, bevor sie mit schwacher Stimme sagte: „Es ist okay, alles wird okay.“
„Bitte…“, begann er, doch er brachte denn Satz nicht zu Ende. Er durfte jetzt nicht schwach sein, nicht nach all den Jahren, das war er ihr schuldig, das hatte er ihr versprochen.
„Nein, ich muss das tun“, flüsterte sie. „Mach dir keine Sorgen, du wirst klarkommen.“
Steven versuchte, die Tränen zu unterdrücken. „Ich weiss es nicht.“
Amélie umarmte ihn und sah dazu auf die nächtliche Stadt hinaus. „Ich habe es schon getan, als du nicht hingesehen hast. Ich habe die Pillen ins Eis gemischt.“
Steven schwieg und hielt sie fester. Er wusste, dass es nur noch Minuten dauern würde…
„Ich habe mich so entscheiden“, sagte sie leise. „Es geht zu Ende und du wusstest, dass es unsere letzte Reise sein würde. Ich will nicht in einem Spitalbett sterben, es ist gut so…“
Steven stand da und umklammerte seine beste Freundin ein letztes Mal. Wahrscheinlich, dachte er, würde er nicht loslassen können, wenn ihr Körper zusammensackte und ihre letzte Reise ein Ende fand.

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