Letzte Tage

SarahAutorin: Sarah
Setting: Mausoleum
Clues: Kandare, Messingtopf, Banane, Nähnadel, Miesmacherei
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Mary rennt und kann fühlen wie der Schweiss auf ihrer Stirn perlt und ihr in die Augen rinnt. Sie weiss nicht, wie lange sie sich hier noch verstecken kann. Es ist dunkel, sehr dunkel und sie findet sich nur deshalb zurecht, weil sie den Ort wie ihre Westentasche kennt. Trotzdem, es gibt nicht so viele Kammern hier und ihr Atem ist laut, ihre Schritte hallen unangenehm wider, es ist bloss eine Frage der Zeit, bis sie gefunden werden wird und sie ist sich sicher, dass dies keine Miesmacherei ist, nein, ihre Lage ist wirklich so übel. „Hier hätte ich doch sicher sein sollen“, dachte sie sich in dem Moment, als sie ein Schemen aus dem Nichts heraus anspringt und sie fühlen kann, wie ihr warmes Blut auf den Boden tropft.

Die alten Mauern mit dem abblätternden, weissgelb gestrichenen Verputz wirkten, als ob sie die Wände des Mausoleums gerade noch so tragen könnten und schon bessere Tage gesehen hätten. Das nächtliche Vogelgezwitscher des Urwaldes draussen liess Mary mittlerweile kalt, vor einer Woche hatte es sie noch in den Wahnsinn getrieben. Im flackernden Schein, der aus einem Messingtopf selbst gebauten Petroleumlampe, neben dem Mond ihre einzige Lichtquelle in der vergessenen Grabstätte, sass sie an die Wand gelehnt da und  starrte durch die Türöffnung in die Nacht hinaus. Gleich hinter der Lichtung verlor sich im Dickicht alles in einer undurchdringbaren, beinahe substantiellen Dunkelheit, die niemand zu durchqueren wagte, der einigermassen bei Verstand war.
Sehnsüchtig blickte Mary auf ihre letzte Banane, die auf dem Boden lag. Sie hatte sich seit Tagen von nichts ausser den Früchten aus dem Dschungel und den Überbleibseln aus dem Essenspaket ernährt, das ihre Gruppe von Archäologen an diesen verlassenen Ort mitgebracht hatte. Mit einem entnervten Seufzer gab sie schliesslich nach und hob die Frucht auf – irgendwann musste sie schliesslich essen, auch wenn es bedeutete, dass sie am nächsten Tag in den Dschungel herausgehen müssen. Genüsslich biss sie in die Banane und kaute so langsam wie sie nur konnte, immerhin hatte sie heute noch nichts gegessen und wollte die lang ersehnte Nahrung in vollen Zügen auskosten. Auch an Wasser zu kommen war sehr schwierig; sie sammelte die in der Gruft von der Decke fallenden Tropfen in einem anderen Messingtopf auf, in dem ursprünglich Grabgaben gelagert worden waren. Auch wenn diese Grabräuberei gegen den Ethos ihres Berufsstandes verstiess, so gab es doch nicht mehr viele Anzeichen, die dafür sprachen, dass nach ihr je ein anderer Mensch dieses Mausoleum betreten und sie dafür verurteilen würde. Eigentlich wusste sie nicht einmal, ob es noch viele Menschen gab, was an und für sich schon Grund genug zum Pessimismus war.

Wann genau es begonnen hatte konnte Mary nicht auswendig sagen, ohne zuvor einen Blick auf den in den Verputz eingeritzten Kalender zu werfen, den sie jeden Tag nachführte. Es war vor siebenundvierzig Tagen gewesen, als sie den letzten Anruf von ihrer Familie auf dem Satellitentelefon gekriegt hatte. Sie erinnerte sich noch gut an die panische Stimme ihres Vaters, der ihr zu erklären versuchte, dass nichts mehr so war, wie sie es gekannt hatten, dass die Welt unterging und Zivilisationen innert Stunden in Trümmern lagen. Noch bevor sie viele Details erfahren hatte, ist die Leitung unterbrochen worden und seitdem ist sie tot geblieben.
Der Virus musste ganze Städte innert Stunden ausgelöscht haben, hatte sich so rasant verbreitet, dass niemand etwas hätte tun können und die Infizierten waren nicht sofort tot, nein, sie wurden zu… Mary hatte sich gesträubt, an das Z-Wort zu denken, welches sie mit Schauergeschichten für Teenager in Verbindung brachte, doch wie wollte man diese Wesen sonst bezeichnen? Sie waren keine Menschen mehr, Punkt. Es hatte nicht lange gedauert, bis sich auch bei einem ihrer Kollegen, Andrej, erste Symptome bemerkbar gemacht hatten und zu Beginn hatte sich niemand viel dabei gedacht, hatten sie doch alle angenommen, dass er sich einen Grippevirus eingefangen hatte. Doch bald schon begann ihnen zu dämmern, was wirklich auf dem Spiel stand, aber da war es schon zu spät gewesen. Einer nach dem anderen aus ihrer Gruppe wurde infiziert, bis auf Myles, den hatten die Kranken aber sehr rasch erledigt, als er sich aus dem Mausoleum herausgewagt hatte. Und dann, irgendwann in diesen Tagen, hatte Mary drei Dinge begriffen. Erstens: Es gab Menschen, die immun waren und sie schien dazuzugehören. Zweitens: Die scheusslichen Dinger – einige Wochen später hatte sie sich an das Z-Wort gewöhnt – kamen aus irgendeinem Grund nicht in das Mausoleum, vielleicht gab es hier drin etwas, das sie fürchteten. Und drittens: Sie musste sich an die Kandare nehmen, wenn sie dieses Desaster überleben wollte.

Nicht annähernd satt, doch mit viel schwächeren Magenschmerzen als zuvor, beschloss Mary, dass sie morgen erneut in dem Dschungel nach Essen würde suchen müssen. Tagsüber waren die Zombies langsamer, wahrscheinlich setzte ihnen die Hitze mehr zu als ihr. Bis auf ihr Taschenmesser und Steine hatte sie nichts dabei, was sie als Waffe benutzen könnte, die Lunchbox und die Nähnadel, mit der sie ihre zerrissenen Kleidungsstücke reparierte, waren kaum zum Kämpfen geeignet. Sie wusste, dass sie nur lange genug würde durchhalten müssen, denn irgendwann starben die Infizierten von selbst (zumindest hatte ihr Vater das am Telefon behauptet) und dafür sprach, dass sie Andrejs Zombieversion schon seit einigen Tagen nicht mehr über die Lichtung hatte schleichen sehen. Alles, was ihr jetzt fehlte, war Nahrung, doch zumindest war sie hier drin sicher. Langsam erhob sie sich, es gab keinen Grund zur Eile, viel konnte sie nicht tun, ausser auszuharren und zu hoffen, dass sie mehr Geduld hatte als ihre ehemaligen Kollegen.
Ein raschelndes Geräusch liess sie aufhorchen, dann konnte sie die ruckartige Bewegung erkennen, als draussen der frühere Edward durch die Büsche brach und direkt auf den Eingang des Mausoleums zu rannte. Für eine Sekunde hatte Mary das Gefühl, als ob sich ihre Kehle zuschnürte und sie verharrte erschrocken und konnte nicht fassen, dass ihr das Gebäude plötzlich keinen Schutz mehr zu bieten schien. Dann setzte ihr Fluchtinstinkt ein und sie rannte panisch die Treppe hinunter, die zu den Gräbern führte. Zwar würde sie da in der Falle sitzen, doch es gab sonst keinen Ausweg und eine Hetzjagd durch den Urwald hätte die unterernährte und geschwächte Mary nicht lange überlebt.

„Hier hätte ich doch sicher sein sollen“, dachte sie sich in dem Moment, als sie ein Schemen aus dem Nichts heraus anspringt und sie fühlen kann, wie ihr warmes Blut auf den Boden tropft. Kein Schmerz begleitet das Gefühl. Wie paralysiert blickt Mary in das Gesicht von Edward, das nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt ist und das sie trotzdem kaum erkennen kann, bevor sie begreift, dass er ihr ein Kampfmesser in die Brust gerammt hatte. Sie kann den metallischen Geschmack von Blut in ihrem Mund spüren und eine kalte, unerbittliche Angst überkommt sie. Mit ihrer letzten Kraft versucht sie zu sprechen und ihn zu fragen „Warum?“, doch sie bringt die Worte nicht mehr hervor, streckt eine Hand nach Halt suchend aus und taumelt, bis sie schliesslich auf dem kalten steinernen Boden zusammenbricht. Wie durch einen Schleier, dumpf und entfernt, hört sie eine Stimme rufen: „Wir haben sie, der letzte Zombie ist erledigt!“, dann verliert sich alles um sie herum in Finsternis.

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