Road Trip

RahelAutorin: Rahel
Setting: Motel
Clues: Pasta, Chat, Ocker, Betonmischer, Vergaser

Es war Samstagabend und eine deprimierende Woche ging langsam zu Ende. Karl war gerade mal acht Jahre alt, dennoch begriff er die Tragweite der jüngsten Geschehnisse, zweifelte jedoch langsam daran, dass sein Vater das ebenfalls tat. Dieser sass nämlich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck auf dem einzigen Holzstuhl vor dem kleinen Beistelltischchen, welches bereits so abgenutzt war, dass sich die oberste Kunstholzschicht in eine klebrige Masse verwandelt hatte, und begutachtete die Reiseprospekte, die er in der schändlich vernachlässigten Lobby des Motels aufgesammelt hatte. Karl wischte einige Male misstrauisch mit seinen Wollhandschuhen über das fleckige Ausziehbett und seufzte leise, bevor er sich darauf ausstreckte und seine Schuhe auf den beinahe haarlosen Teppichboden fallen liess.
Es war alles so plötzlich passiert. Karl war vor seinem neuen Laptop gesessen, welchen er zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, als er die lauten Stimmen aus dem Erdgeschoss vernommen hatte. Verwundert darüber, hatte er sich von seinem Schulkammeraden verabschiedet und das Chat-Fenster geschlossen, bevor er sich leise an die grosse Treppe herantastete, um das Streitgespräch seiner Eltern besser hören zu können. Es hatte beinahe fünfzehn Minuten gedauert, bis ihn seine Mutter auf der obersten Stufe kauernd entdeckt hatte und ihn ins Bett brachte und mit verheulter Stimme versucht hatte, beruhigend auf ihn einzureden. Karl verstand natürlich nicht, weswegen sich seine Eltern gestritten haben, aber es hatte ihm grosse Angst gemacht und er wollte nicht, dass die Polizei kommen musste. So war er die ganze Nacht wach geblieben und hatte sich überlegt, was er denn falsch gemacht hatte; auf eine Lösung war er zwar nicht gekommen, aber bevor er am frühen Morgen doch endlich eingeschlafen war, hatte er sich vorgenommen, sich extra lieb zu benehmen und seinen Eltern am nächsten Abend Pasta zu kochen, so wie er es in der Schule gelernt hatte, vielleicht würde sie das aufheitern. Dazu hatte es aber nicht kommen sollen, denn kaum war Karl eingeschlummert, hatte sein Vater seinen schlafenden Sohn aus den Lacken gehoben, ihn in den alten Van gelegt und war mit ihm weggefahren.
„Du Papa.“ Karl setzte sich auf das muffig riechende Kopfkissen, blickte erwartungsvoll zu dem Angesprochenen und beschloss, dass genau jetzt, währendem die Sonne hinter den rötlichen Felsen verschwand und den dreckigen Raum in ein seltsames Licht aus ockergelben Dunstschwaden tauchte, der richtige Zeitpunkt war, um die Frage zu stellen, die ihm seit Tagen auf der Seele brannte. „Warum darf ich nicht fernsehen?“ Die fröhlichen Gesichtszüge seines Vaters verdunkelten sich für einen kurzen Augenblick, bevor er sich über den Dreitagebart kratzte und sein Kind sanft anlächelte. „Weil jetzt keine gute Zeit zum fernsehen ist. Aber wenn du möchtest, können wir gleich morgen früh einen Nintendo für dich kaufen gehen, würde dir das gefallen?“ Karl sprang begeistert vom Bett, rannte fröhlich quietschend durch den Raum und gab seinem Papa einen flüchtigen Kuss auf die Wange, welcher ihn kurz darauf ins Bad zum Zähneputzen schickte.

Thomas setzte sich auf sein Motelbett und lauschte den Geräuschen, die aus dem Bad und dem Nachbarzimmer zu ihm durchdrangen bevor er sich das Telefonbuch, welches in der Nachtischschublade unter der obligatorischen Bibel lag, griff und es auf seinem Schoss aufschlug. Gleich morgen früh würden sie sich endlich um den verfluchten Wagen kümmern müssen, also suchte er nach einer Werkstatt in der Nähe und hoffte, dass sie durch den kaputten Vergaser nicht allzu lange aufgehalten werden würden. Er notierte sich die Nummer auf seinem Unterarm und war erleichtert, als er das Wasser aus der Dusche plätschern hörte; es war schon etwas länger her, seit er zum letzten Mal einige Minuten für sich, ohne seinen Nachwuchs hatte. Thomas schluchzte leise und presste seine schwieligen Finger in die Augenhöhlen. Er hatte Kopfschmerzen, war übermüdet und brauchte dringend eine erholsame Nacht, denn in der letzten Woche hatte er kaum Schlaf gefunden, war lange wach gelegen, nachdem Karl eingeschlafen war und hatte gegrübelt. Wie konnte er seinem Kind denn erklären, dass er seine Mutter für lange, lange Zeit nicht mehr sehen würde und wie würde Karl wohl darauf reagieren? Karl sprach nie über seine Mutter und er war sich nicht sicher, wie er das deuten sollte. Himmel, er wusste nicht einmal, was er denn tun sollte, wenn sie endlich bei seinen Eltern ankommen, aber wenigstens vorerst würden die beiden dort Unterschlupf finden und das war das Wichtigste. Thomas streckte sich, wie sein Sohn zuvor, auf dem dreckigen Bett aus und atmete bewusst ein und aus um sich zu beruhigen. Die Entscheidung erst einmal wegzufahren, das alles hinter sich zu lassen, war wohl richtig gewesen, zumindest war es die einzige Lösung gewesen, die ihm in dieser einen Nacht vor einer Woche eingefallen war, nachdem der Polizist endlich gegangen war. Damit wäre die Sache natürlich noch nicht beendet, aber wenigstens hatte er seinen Sohn bei sich und um alles andere, um seine Frau, würde er sich später auch noch kümmern können. Als er beinahe eingeschlafen war, wurde er von einem lauten Rumpeln, das klang als hätte jemand Feuerholz in einen Betonmischer gesteckt, aufgeschreckt und gleich darauf kam Karl, pitschnass, voller Schaum und mit einem Handtuch auf dem Kopf, aus dem Bad gerannt. „Papa!“ Thomas musste laut loslachen, als er seinen Sohnemann sah, hob ihn ruhig auf und setzte ihn auf sein Bett. „Oh Mann, diese Motels.“, klagte er resignierend, währendem er zu der defekten Dusche lief.

„Sobald wir bei Oma und Opa sind, haben wir wieder ein richtiges Bad. Freut dich das nicht auch, Karl?“ Der Junge nickte abwesend, ohne zu realisieren, dass man das im Badezimmer nicht hören würde und rubbelte sich lustlos trocken. „Karl, die Dusche geht wieder, willst du nochmal rein?“ Er verneinte, schmunzelte verschmitzt als er das Wasser hörte und spähte durch die Tür um sicherzugehen, dass sein Vater tatsächlich in der Nasszelle verschwunden war. Auf den Zehenspitzen gehend tapste Karl durch das Motelzimmer zu dem antiken Röhrenfernseher und schaltete das Gerät ein. Er zuckte kurz zusammen, schraubte panisch am Lautstärkeregler und blickte zur Badezimmertüre. Sein Vater schien den Lärm zum Glück nicht bemerkt zu haben und Karl konnte erleichtert ausatmen, bevor er den alten Holzstuhl vor den Bildschirm zog und sich hinsetzte. Er mochte es, mit Papa unterwegs zu sein, es war nämlich immer lustig und sogar die langen Autofahrten waren spannend; sie vertrieben die Zeit mit Spielen, sangen mit der immer selben Musikkassette mit oder sein Vater erzählte ihm lange Geschichten in denen es um Helden und hübsche Mädchen ging. Aber so schön dieser Ausflug auch war, Karl vermisste seinen Fernseher und sein Handy und er hätte doch so gerne mit seinen Freunden gesprochen.
Der Achtjährige zappte einige Male durch die spärliche Senderauswahl des Motels und blieb dann auf dem einzigen Kanal hängen, den er verstehen konnte, da alle andere in einer seltsamen Sprache sendeten. „Na toll“, dachte er sich, als er die Nachrichtensprecherin sah, die mit einer viel zu ernsten Mine in die Kamera glotzte. Karl erhob sich und wollte das Gerät wieder auszuschalten – wegen so etwas blöden wie den Nachrichten wollte er keinen Streit riskieren –, als er das Bild einer blonden Frau auf dem Bildschirm erkannte. Erschrocken taumelte er zurück auf den Stuhl, klammerte sich an dessen abgegriffene Sitzfläche und starrte wie paralysiert auf den staubigen Fernseher; hätte er doch nur seinen Plüschhasen mitnehmen können, er hätte ihn jetzt so gerne gehalten.
„…Kindergärtnerin befindet sich zurzeit in Untersuchungshaft und wird verdächtig, ihre Schutzbefohlenen sexuell belästig zu haben. Die Polizei bestätigt, dass der Fall…“ Karl blickte nicht hoch und wischte die Wassertropfen, welche von seinem Vater, der sich über ihn gebeugt hatte um den Fernseher auszuschalten, heruntergefallen waren, nicht ab. „Karl, ich…“ Er empfand Erleichterung und Trost, als Thomas ihn in den Arm nahm und er vergass Hasi, sein Handy und alles andere, dass er hatte zurücklassen müssen. „Karl, möchtest du über Mama reden?“ Er überlegte kurz, schüttelte dann den Kopf; über Mama spricht man nicht.

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