Fan-Bonus | Jennifers Angst vor der Dunkelheit

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Die übergroße Wanduhr, die wie alles andere im Hotel aussah, als wäre sie gerade aus einem frei drehenden Farbenrad gefallen, zeigte kurz vor Mitternacht. Eben hatte sich Kevin verabschiedet und war nach Hause gegangen. Jennifer hatte sich nie an die Nachtschichten im Casinohotel gewöhnt, ihr war unwohl dabei. Vermutlich lag es daran, dass sie ihre Angst [passster password=“rE498-4721dsf“]vor der Dunkelheit bis heute nicht richtig überwinden konnte. Egal wie alt sie wurde, in ihrer Fantasie lauerte hinter jeder Ecke ein Bösewicht, ein Monster, das sie in einem Stück verschlänge, käme sie ihm zu nahe. Eine dumme Vorstellung, besonders weil es in Las Vegas so etwas wie Dunkelheit nicht gab, die ganze Stadt strahlte tagein, tagaus in Neon. Trotzdem stellten sich ihr jedes Mal die Nackenhaare, wenn die Spätschicht durch die Hintertür verschwand und sie am Front Desk bis zum frühen Morgen allein durchhalten musste. Wenigstens stimmte die Bezahlung und auf den Nachtzuschlag zu verzichten, konnte sie sich ohnehin nicht leisten.
Die Drehtür gegenüber ihres Arbeitsplatzes kam in Bewegung, ein älterer Mann in beigen Shorts und einem hellblauen Hemd trat ein, dicht gefolgt von einer ungefähr gleichaltrigen Frau mit rot gefärbten Locken. Beide wirkten übermüdet, waren verschwitzt und zogen ein Gesicht, das auf Pech im Spiel hindeutete.
„Guten Abend“, begrüßte Jennifer die beiden und legte unauffällig ihr Handy unter den Tresen. „Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Abend.“ Die Innenseite ihrer Oberlippe kratzte über die Zahnspange, als sie ihr Lächeln aufsetzte, heute Nachmittag war ein Drähtchen ausgewechselt worden und fühlte sich noch fremd an.
„Jaja“, murrte der Herr offensichtlich genervt, seine Begleiterin klopfte ihm daraufhin gutmütig auf die Schulter und schlenderte zum Empfang.
„Bitte entschuldigen Sie seine Laune, seine Glückssträhne hat ein jähes Ende gefunden.“ Zwinkernd fügte sie hinzu: „Dafür hat er Glück in der Liebe.“ Während Jennifer sich ein Kichern abrang, quittierte der Mann den Kommentar mit einem uneindeutigen Grunzen und kramte in der Gesäßtasche. „Wir sind auf Zimmer …“ Er linste auf die Handvoll Zeugs, das er aus seinen Short befördert hatte, pickte einen Zehn-Dollar-Chip sowie einen zerknüllten Zettel heraus und präsentierte ihr die Schlüsselkarte. „Zimmer vierundachtzig.“
„Sehr wohl. Darf ich Ihnen eine Kleinigkeit aufs Zimmer bestellen? Einen Absacker? Snacks, vielleicht?
„Kekse“, erwiderte er knapp, lehnte ich gegen das Empfangspult und der Blütenstand der Orchidee schaukelte. Jennifer registrierte das Gewächs erst jetzt, die Blumen wurden zweimal die Woche mit frischen ersetzt, weil sich keiner im Hotel darum kümmern wollte. Eine von vielen Entscheidungen, die sie ärgerte, aber von Nachhaltigkeit war in der Stadt der Sünde kaum die Rede. „Kekse und Brandy.“
„Sehr wohl“, wiederholte sie, platzierte ihr Headset im Ohr und legte den Zeigefinger auf die Ruftaste für die Küche, da rumpelte die Drehtür und eine dunkel gekleidete Gestalt hastete in die Lobby.
„Hinsetzten und Fresse halten“, blaffte er und die Rothaarige kreischte sogleich los, als sie die Waffe entdeckte, die zuerst auf ihren Mann, dann sie, zurück auf ihren Gefährten und schließlich auf Jennifer gerichtet wurde. Ihr Verstand hatte noch nicht erfasst, was sich abspielte, also starrte sie mehr neugierig, denn verängstigt auf die Metallröhre und betastete mit der Zunge ihr Zahnspangendrähtchen. „Fresse halten, habe ich gesagt!“ Die Stimme war rauh, bemüht, irgendwie schrill und verstellt. „Hinsetzen!“
„Ja, natürlich“, beschwichtige der Herr im hellblauen Hemd und klang dabei beinahe gelangweilt. Ohne den Eindringling aus dem Blick zu lassen, legte er seinen Arm um sie und schob sie sanft zur Bank neben dem Empfangspult. Teilnahmslos beobachtete Jennifer das Geschehen, beäugte die brüllende Frau und ihre Mundwinkel verzogen sich automatisch zu einem professionellen Schmunzeln. „Komm, Schatz. Wir setzen uns da hin.“ Ihr Kreischen hörte auf, verwandelte sich in ein verkrampftes Weinen, was die bewaffnete Person zufriedenstellte. „Schatz, ist ja gut, wir setzen uns hier hin. Uns wird nichts zustoßen“, beruhigte er weiter, ehe er den Unbekannten anschaute und fragte: „Okay?“
„Rückt weiter vor“, befahl die bizarr heisere Stimme, gestikulierte mit dem Lauf der Pistole auf die Bankecke direkt neben dem Front Desk und ging einige Schritte auf Jennifer zu, die weiterhin dastand, nicht mal auf die Idee kam, nach ihrem Handy zu greifen, die Ruftaste zu betätigen oder sich überhaupt zu regen. Stattdessen wartete sie geduldig ab, ob ihr Leben wie ein Film an ihr vorbeiziehen würde, so, wie sie sich eine Nahtoderfahrung halt ausgemalt hatte. „Da! Da hin, ich will euch sehen.“ Das verhaltene Schluchzen der Frau schwoll vorübergehend zu einem lauten, unkontrollierten Krächzen, ihr Begleiter zerrte sie allerdings gleich an sich, dämpfte das Geschrei mit seiner fleischigen Brust und bugsierte sie in die Ecke.
In Jennifers Kopf klickte es.
Vage erinnerte sich Jennifer an das Einsteigerseminar, das sie und ihre Kollegen als Teil des Einstellungsprozesses hatten über sich ergehen lassen müssen und das ihr eine Heidenangst eingejagt hatte. Für jemanden wie sie war alleine der Gedanke an einen Überfall zu viel, weshalb sie beim Seminar nur halb aufgepasst hatte. „Wie darf ich Ihnen behilflich sein?“, stieß sie auf einmal hervor, ohne ihr Lächeln zu verlieren.
„Was soll die Scheiße?“ Die seltsame Gestalt marschierte näher, bis die Waffe wenige Zentimeter vor Jennifers Stirn war. „Bist du schwer von Begriff, das ist ein Überfall, du dumme Schlampe? Bring mich in den Tresorraum!“
„Sie können alles haben. Kevin hat seine Kaugummis liegenlassen, möchten Sie …“ Ein Kitzeln breitete sich hinter ihrem Halszäpfchen aus, ihre Kehle schloss und öffnete sich und da passierte es. „Ha“, machte sie mit aufgerissenen Augen. „Haha.“
Der Angreifer hielt inne, schielte zu den sichtbar schockierten Gästen und kläffte in deren Richtung: „Was ist mit der Tusse?!“
„Ich … nun, ähm“, stammelte der Mann die Hände seiner Frau umklammernd. „Ich … Ich weiß es nicht.“
„Haha“, sprudelte es aus Jennifer. „Hahahaha!“ Die Panik hatte sie fest im Griff, sie fixierte die Waffe, ihr Sichtfeld verengte sich zunehmend, bis außer dem silbernen Lauf nichts mehr existierte. „Hahahahahahaha“, polterte das Lachen aus ihr heraus, es wollte einfach nicht aufhören. „Hahahahahahahaha!“
„Die spinnt doch“, drang eine plötzlich helle, eindeutig weibliche Stimme zu ihr durch. „So eine verfickte Scheiße! Den Mist gebe ich mir nicht!“
„Hahahahaha!“ Das letzte, das Jennifer vor ihrer Ohnmacht mitbekam, war das Quietschen der Drehtür, die Dunkelheit, die über sie kroch und das vermaledeite Drähtchen, das ihre Schleimhäute reizte. „Haha.“

Autorin: Rahel
Setting: Front Desk
Clues: Nahtoderfahrung, Farbenrad, Neon, Nachhaltigkeit, Blütenstand
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