Der Drogenbaron von Oberhausen

Diese Geschichte ist Teil der lose verbundenen Story-Reihe „Die Profis“.

„Das war eine verdammt miese Idee“, murrte Marcel, als er zwischen den Rosen hindurchschlich. Er versuchte den Dornen möglichst auszuweichen, was in der von einer schmalen Mondsichel erhellten Nacht alles andere als einfach war. Fred folgte ihm mit wenig Abstand, froh darum, ging ihm der Kamerad voraus. Bereits nach einigen Sekunden fragte Marcel: „Kommst du dir auch vor wie in einem dieser billigen Horrorfilme mit grauenhafter Beleuchtung und schlechter Kameraführung?“ „Oh, studierst du jetzt Filmtheorie?“, feixte Fred, sah sich allerdings beunruhigt um. „Wenn ein Monster aus den Büschen springt, is‘ der ganze Plan für nix.“
„Du glaubst nicht an Monster, oder? Vampire, Zombies und so’n Zeug?“
„Nee“, tönte Fred gespielt selbstbewusst und ergänzte kleinlaut: „Werwölfe dagegen …“
„Hä?“ Marcel wich einer Ranke aus, die über den Weg hing und ließ sie los, sodass sie Fred ins Gesicht klatschte. „Au, Mann, voll in die Visage! Pass gefälligst auf!“
„Bei deiner Hackfresse spielt das sowieso keine Rolle.“ Fred erinnerte sich daran, was er ursprünglich hatte wissen wollen. „Also, Werwölfe …?“
„Genau. Vermutlich sind die nicht real, aber wer weiß das schon?“
„Jeder, der eine oder zwei Birnen im Leuchter hat! Höchstens Tante Helgas Hypnose-Therapeut glaubt daran, der steht auch auf Homo…, nein, Homöopathie. Sie labert ständig von dem Typen, dem Manni. Is’ wohl verknallt. Hm, womöglich heiraten die zwei. Reich muss er sein, wenn er Leute hypnotisieren kann. Gönnen würd’ ich es ihr ja.“
„Moment, deine Tante is’ in ’nen Typen verknallt, der an Werwölfe glaubt?“
„Nein, du Vollpfosten, das war ein Beispiel! Der glaubt an Astralebenen und so’n Scheiß. Kein Plan.“ Marcel unterbrach sich, als eine Fledermaus über ihm ziepte und ihn zusammenfahren ließ, was Fred ein halbherziges Glucksen entlockte. Mit einem erleichterten Seufzer erkundigte sich Marcel: „Apropos Plan: Bist du sicher, deiner ist diesmal gut? Ich glaube immer noch, dass bei uns letzthin zu viel schieflief.“
„Natürlich“, meinte Fred überzeugt. „Wir steigen ein, schnappen uns das Zeug und hauen ab. Tante Helgas Lieferwagen steht neben dem Feld. Ist nicht weit.“
„Hauptsache, dein Tipp stimmt und der Kerl baut wirklich Gras an, sonst haben wir ein ernstes Problem an der Backe! Wir schulden Tante Helga noch achttausend Euro für ihren alten Pick-Up, den wir beim letzten Coup geschrottet haben.“
„Und wieso will sie dafür Gras? Wäre Geld nicht besser, so viel kann die niemals kiffen.“
„Nee, du Vollpfosten, wir verkaufen das Gras und bekommen dafür Geld. Mit dem Geld zahlen wir Tante Helga und mit dem Rest gönnen wir uns was nettes.“
„Ah, das ergibt Sinn.“ Fred gab ein Grunzen von sich, als er beinahe über eine Wurzel gestolpert wäre. „Kacke!“
„Heute auch keine Hirnmasse unter der Zottel, was?“, stichelte Marcel, dem es wie üblich schwerfiel, sein Amüsement zu verbergen.
„Hey, du hast dich vorher ab einem Mäuschen erschrocken, hab dich nicht so.“
„Fledermaus“, korrigierte ihn Marcel, was Fred mit einem abschätzigen Geräusch quittierte. „Mäuschen ist Mäuschen, frisst Speck.“
„Insekten, Alter, Fledermäuse fressen Insekten. Kein Käse, kein Speck, das weiß doch jeder.“
„„Ich bin nicht jeder, ich bin Einbrecher, Mann! Und als Profieinbrecher muss ich mich mit Nagetieren nicht auskennen. Im Gegensatz zu dir weiß ich, wo die Hanfplantage ist, die wir ausrauben. Das nenn ich mal echtes Fachwissen, Fledermäuse können mich kreuzweise.“
„Nun denn, echter Profi, wir sind da.“ Marcel deutete triumphierend auf das wenige Schritte entfernte Gewächshaus, aus dem Licht durch die Rosenbüsche drang. „Und jetzt? Wo kommen wir rein?“
„Woher soll ich das wissen?“, erwiderte der Profi mit einem fachgerechten Schulterzucken. „Mein Kontakt beteuerte, dass es hier Hanfstauden geben soll, einen Bauplan hatte er aber keinen mit dabei. Ist ein Kiffer, der von dem Typen kauft.“
Marcel stöhnte. „Na toll. Gib mir das Werkzeug, damit wir einbrechen können.“
„Solltest nicht du das …? Oh. Das Werkzeug ist in Tante Helgas Van.“
„Himmelarschundzwirn, wieso verlasse ich mich auf dich alten Messi?“, klönte Marcel, legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. „Also gut, schauen wir eben, ob irgendwo ein Fenster angestellt ist und steigen da ein.“
„Zwirn im Arsch“, kicherte Fred, ehe er ernst wurde. „Ich find’s schon schlimm genug, müssen wir nachher durch die Rosen zurücklatschen. Ich wär’ ja lieber mit dem Lieferwagen direkt durchs Rosen-Feld und vors Glashaus gefahren.“
„Und hättest das Chassis zerkratzt?“, zischte Marcel genervt. „Nie im Leben! Tante Helga wär’ stinksauer und ich würde es sogar verstehen.“
Schweigend schlich das Duo die letzten Meter zum Glashaus, da kniff Fred Marcel in die Schulter und gestikulierte auf die Hanfstauden im Inneren: „Siehste, was hab’ ich gesagt? Bestes Gras, also rein, Stauden klauen und wieder raus. Bald sind wir steinreich.“
„Sei leise, verdammt! Da brennt Licht, könnte noch einer drin sein.“
„Dem hauen wir einfach ein Stemmeisen über ’n Kopf, passt schon.“
„Du meinst das Stemmeisen, das wir im Wagen liegengelassen haben?“ Bevor Fred etwas entgegnen konnte, packte ihn Marcel und bugsierte ihn unsanft zurück zwischen die Rosenstauden. „Da ist in der Tat einer.“
Fasziniert linste Fred durch die schmutzige Fensterwand ins Innere, wo ein älterer Herr in Pantoffeln und Bademantel durch das Glashaus schlenderte und mit einem Joint in der einen sowie einem Feuchtigkeitsmesser in der anderen Hand die Hanfstauden prüfte.
„Och du heiliger Dünnpfiff“, stieß Marcel hervor, was Fred mit einem gleichgültigen Brummen quittierte.
„Na und, warten wir halt, bis er einpennt, ist ja nicht so, dass der ewig wach ist.“
„Nein, Mann – das ist Tante Helgas Angebeteter! Shit, was geht da ab?“
„Ich dachte, der sei Hypnotherapeut, nicht Drogenbauer?“
„Denk doch mal nach, der kann ja schlecht Helgas ganzer Familie sagen, ‚Hey, ich bin der Manni, der Drogenbaron von Oberhausen‘, was für ein Schwachsinn.“
„Na ja, egal. Wenn er einpennt, klauen wir die Stauden und verkaufen die auf dem Schwarzmarkt?“, wiederholte Fred optimistisch den Plan. „Wird schon schiefgehen.“
„Vor allem, wenn der Typ den Schwarzmarkt kontrolliert und davon erfährt. Der bringt am Ende noch Tante Helga um oder kidnappt die als Druckmittel. Da brächte ihr das Geld für den Pick-Up auch nix mehr.“
„Ja, ja, diese Hippies sind schlimme Gangster, wenn’s um ihr Gras geht“, murmelte Fred. „Tja, machen wir das beste daraus, klopfen an und rauchen mit ihm einen Joint, dann haben wir wenigstens was von der Expedition.“
Marcel unterdrückte einen verzweifelten Aufschrei und trottete gebrochen seinem Kameraden hinterher auf das Glashaus zwischen den Rosen zu. Ein Joint wäre nach diesem Reinfall das Mindeste, er hoffte bloß, dass dieser Manni sie nicht hypnotisierte. „Halt mal, vielleicht ist das eine schlechte Idee“, setzte er an, aber Fred hatte bereits begonnen, gutgelaunt gegen die Glasscheibe zu hämmern.

Autorin: Sarah
Setting: Zwischen den Rosen
Clues: Feuchtigkeitsmesser, Zottel, Kameraführung, Hypnose, Messi
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