Fan-Bonus | Der rote Ball

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„Weißt du, manchmal wundere ich mich, weshalb er das tut“, murmelt Linda und wirft den Ball. Bertram rennt, begleitet von freudigem Gebell, los, sein Schwanz wippt dabei im Takt zu seinen Sprüngen und kaum hat er das Spielzeug zu fassen bekommen, sprintet er damit zurück zu ihr. [passster password=“rE498-4721dsf“]Beeindruckt beobachte ich, wie weit meine beste Freundin die rote Kugel schleudert, als sie erneut ausholt. Hinter ihrer zierlichen Fassade steckt ein waschechtes menschliches Katapult. Der Ball rollt von der Straße und verschwindet in einem Gebüsch am Rand, Bertram wird eine Weile beschäftigt sein, ihn wieder zu finden, aber wie ich, seit Linda ihn vor einem Jahr adoptiert hat, weiß: Eine waschechte Dogge gibt niemals auf.
„Irgendwie finde ich es komisch, mitten auf der Straße zu stehen, bist du sicher, dass kein Auto kommt?“
Linda lacht, was bei ihr einem eleganten Grunzen gleichkommt. „Ja, absolut. Die Schlammlawine beim letzten Gewitter hat alles verschüttet, sie haben gesagt, bis übermorgen fährt hier hinten im Tal gar nichts mehr.“
„Und was, wenn …“
„Papperlapapp“, unterbricht sie mich, meinen Einwand antizipierend. „Wenn einer der drei Bauern, die da wohnen, angetuckert kommt, sehen wir ihn von weitem, die Straße ist ja gerade. Außerdem haben die kastrierte Autos.“
Ich kann nicht anders, ich breche in Gelächter aus. „Was sind kastrierte Autos? Solche ohne Auspuff oder was?“
„Ne, du weißt schon, diese Pötpöts, die nur Dreißig fahren.“
„Klar“, erwidere ich glucksend. „Du hast mich überzeugt, dank dem Wolkenbruch ist rundherum ohnehin bloß Morast. Und da ich sowieso festsitze, kann ich auch mit dir auf der Fahrspur stehen und Bälle werfen, Madame Hundetrainer.“
„Hm“, macht Linda und starrt mit zusammengekniffenen Augen in Richtung der Böschung. „Wo ist Bertram?“
„Du brauchst halt eine Tastenkombination, um ihn zurückzurufen, das wäre effizienter.“
Meinen Vorschlag ignorierend pfeift sie scharf und sofort taucht ein Doggenkopf im Unterholz auf. Den Ball in der Schnauze tollt Bertram auf uns zu und platziert sein Spielzeug vor Lindas Füssen auf den feucht-warmen Asphalt. „Weißt du“, beginnt sie, als sie den Ball erneut von uns weg schwingt und dem davonspurtenden Bertram hinterhersieht, „es ist ganz gemütlich, statt einem Abend, ein paar Tage mit dir zu verbringen. Ist wie in der guten alten Zeit, als wir noch zur Schule gingen, bevor du im Ausland gearbeitet hast.“
Ich nicke. „Hat was. Und so schlimm ist es auch nicht, wenn ich ein paar Tage auf der Arbeit fehle, ich habe vor einer Woche gekündigt.“
„Du hast was?“ Linda fährt herum und guckt mich perplex an. „Das hast du mir verschwiegen!“
„Sorry“, gebe ich kleinlaut zurück. Ich habe mich etwas vor diesem Gespräch gefürchtet. Einen einträglichen und scheinbar perfekten Job zu künden benötigt eine glaubwürdige Begründung, zumindest wenn man mit Linda spricht, denn sie ist und bleibt eine Pragmatikerin. „Jedenfalls habe ich bald sehr viel mehr Freizeit, um mit dir zu über solche Sachen zu plaudern.“
Sie runzelt die Stirn, versucht die Nachricht zu verarbeiten. „Was willst du denn machen?“
„Ball“, sage ich und deute auf den munter wedelnden Bertram. Mechanisch wirft sie das Spielzeug ihres Gefährten der untergehenden Sonne entgegen, ehe ich ihre Frage beantworte: „Genau habe ich mir das noch nicht überlegt, vielleicht reisen, lesen, fernsehen, lange Spaziergänge machen … Keine Ahnung, was tun faule, reiche Leute so?“
„Moment mal.“ Jetzt hat Linda den armen Bertram mit seinem roten Ball komplett vergessen. „Bist du zu Geld gekommen?“
„Zu verdammt viel sogar“, hüstle ich verlegen. „Ich bin wenig stolz darauf, weil eigentlich ausschließlich dumme Leute Lotto spielen, doch … ich habe in der Lotterie gewonnen.“
„Hey, gratuliere!“ Sie knufft mich in den Arm, bevor sie Bertram endlich eine weitere Runde Apportieren gönnt. „Ich hätte dich nicht für einen gehalten, der sich auf Glücksspiele einlässt. Trotzdem, es freut mich wirklich für dich.“
„Danke“, nuschle ich und schlucke betreten. Die richtige Geschichte könnte ich ihr niemals verraten. Mir ist klar, Linda respektiert mich, allerdings bin ich unsicher, ob sie das angesichts der Wahrheit noch täte, sie hat ein durchaus striktes Weltbild. Dennoch bereitet mir das Lügen einen Kloss im Hals, den ich kaum loswerde, also entscheide ich mich, das Thema zu wechseln. „Wie auch immer, es war purer Zufall. Hörst du noch ‚The Who‘?“
Linda kichert unkontrolliert, ihr altbekanntes Prusten hat die Grazie einer Dampfwalze. „Ach, darum hast du mir nichts davon erzählt, du schämst dich, Lotto zu spielen! Lenk nicht mit Musik-Diskussionen vom Thema ab, komm schon, du hast was gewonnen, genieß es!“
„Das werde ich, danke. Du bist eine tolle Freundin.“

Ich lehne mich auf dem bequemen Business-Class-Sitz zurück, nehme einen Schluck von meinem Martini und denke über all die Jahre nach, in denen ich meine Freunde, ja selbst Linda, der ich sonst jede Kleinigkeit anvertraue, belogen habe. Manche glauben, es werde einfacher, jedoch stimmt das nicht, es nagt weiterhin an mir. Meine Hand wandert in die Jackentasche, umklammert den Schlüsselbund, der letzte Zugang zu meinem ehemaligen Leben, dem Leben, das nun hinter mir liegt. Naja, fast. Noch hängt der alte Wohnungsschlüssel daran, noch sind meine Habseligkeiten da, wo ich sie gelassen habe. Nicht mehr lange, denn mein Geschäft ist abgewickelt, der Rest meiner Existenz dem Müßiggang gewidmet, außer meine Vergangenheit holt mich eines Tages ein.
Oh, Linda … Ich baue auf sie, schätze sie wie meine Schwester. Aber nicht einmal mit ihr kann ich darüber sprechen, wie ich zu meinem Geld gekommen bin, ein Imperium im DarkNet aufgebaut, welche Webseiten ich betrieben habe. Ehrlich zu ihr zu sein sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Nur ist es leider keine Vertrauensfrage, viel mehr die Notwendigkeit, diejenigen, die man liebt, zu schützen, sie nicht als Mitwisser zu belasten. Alles, was ich ihr als Entschuldigung für mein Fortgehen, meine Unehrlichkeit, hinterlassen kann, ist in dem roten Ball eingeschweißt, den ich ihr mitgebracht habe. Bald wird Bertram für die Vernichtung seines neuen Spielzeuges sorgen und sie herausfinden, was sich darin versteckt. Ich hoffe, der Schlüssel zu einem Bankschließfach mit vier Millionen ist genug, meine Schuldgefühle und ihre Enttäuschung vorerst zu besänftigen. Und jetzt, da ich darüber nachdenke, hoffe ich, Bertram schluckt den Schlüssel nicht hinunter.

Autorin: Sarah
Setting: Mitten auf der Straße
Clues: Tastenkombination, Vertrauensfrage, Vernichtung, Hundetrainer, Schlüsselbund
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