Gaststory | Alles wird gut

Warnung: Diese Kurzgeschichte greift ein Thema auf, das für einige Leser schwer zu verkraften sein könnte. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.

Die letzte Meile wurden sie ordentlich durchgeschüttelt. Dave atmete auf, als er den Zündschlüssel drehte und der Motor Ruhe gab. Er lehnte sich zurück und starrte auf den klaren Bergsee vor sich. „Ist doch schön hier“, sagte er und Sally zwang sich zu einem Lächeln. „Ja, schön.“
Dave seufzte. „Ich weiß, wir wollten mit Jerrys Bus verreisen, wenn wir zu dritt sind. Aber ich dachte mir …“
Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Ich weiß. Danke.“
Da waren sie, die roten geschwollenen Augen. Die Fahrt über hatte sie wieder leise geweint. Er wollte ihr so sehr helfen, der Urlaub sollte helfen, doch schon jetzt glaubte er nicht mehr daran.
Er hörte Jerrys Stimme in seinen Gedanken sagen: „Nehmt den Bus, fahrt an den See, der Ort ist magisch, glaub mir.“
Dave öffnete die Fahrertür und setzte einen Fuß schwer auf den Boden. Er ging um das Auto herum und öffnete Sally die Tür. Sally nahm seine ausgestreckte Hand und fiel ihm in die Arme.
Dave drückte sie an sich und sie erwiderte seine Umarmung. „Ich brauche dich“, flüsterte sie.
„Ich bin für dich da.“ Er führte sie zum See. Es waren nur wenige Schritte, doch es fühlte sich an, als würden sie Meilen laufen. Früher hätten Sallys Augen bei dem Anblick gestrahlt, doch jetzt glänzten sie nur, weil die Sonne sich in ihren Tränen spiegelte. Er schaute auf den Boden, er war hart und voller Tannennadeln. „Warte hier, ich hole schnell eine Decke.“
Er öffnete die Seitentür des Busses und sein Blick fiel auf den kleinen Koala auf Sallys Koffer. Das sollte das erste Geschenk werden, ein kleines Plüschtier für ein kleines Baby.
Jetzt spürte auch Dave die Leere. Er hatte sich das Kind nicht minder gewünscht. Er schaute zu Sally herüber, die immer noch apathisch auf das Wasser starrte, stellte sich vor, wie sie das Baby in den Armen hielt.
Er wischte sich eine Träne von der Wange, schluckte so lange, bis der Kloß im Hals verschwand. Er musste stark sein, für sie.
Er wollte ihn eigentlich in den Mülleimer werfen, doch schon spürte er einen Stich in seinem Herzen. Schuld. Er konnte doch das Baby nicht einfach so abtun!
Er nahm den Koala, strich über das weiche Plüschfell und versteckte ihn im Koffer. Dann nahm er die Decke, die zusammengefaltet auf der Matratze lag und ging zurück zu seiner Frau.
Auf dem See befand sich ein einzelnes Boot. Ein großer und ein kleiner Mann warfen gerade ihre Angeln aus. Sally legte die Arme um die Knie und senkte den Kopf.
„Du wirst nie mit unserem Jungen angeln“, sagte sie laut schluchzend.
„Sally“, sagte er und drückte sie an sich. „Du weißt, dass wir es wieder probieren können.“
Sally schüttelte energisch den Kopf. „Ich kann nicht Dave. Niemals wieder! Ich möchte nicht einmal ein Kind in den Armen halten.“ Sie sagte es in so einer Bestimmtheit, dass es Dave das Herz brach.
„Sally, alles wird gut.“
Sie stieß sich von ihm ab und für einen kurzen Augenblick funkelte sie ihn wütend an.
„Nichts wird gut. Dave, hör auf, sowas zu sagen.“
Schuldbewusst schaute er auf den Boden. Ja, er hatte es immer gesagt. Jeden Monat, wenn sie sich nicht sicher war, ob sie schwanger würden. Jedes Mal, wenn es wieder nicht geklappt hatte.
Und es wurde doch gut, es hatte funktioniert, es hatte sich dann nur einfach nicht weiterentwickelt. Pech, das hatte Dr. Hanson gesagt. Früher oder später wird es gut werden, sie durften nur den Mut nicht verlieren.
An das alles hätte er sie gerne erinnert, doch er wusste, er würde sie nicht überzeugen können, sie nur wütender machen. Also fragte er ganz lapidar: „Hast du Hunger?“
Sie nickte. Er stand von der Decke auf, sammelte Holz und entfachte ein Feuer, während sie die Campingstühle und die Kochutensilien aus dem Fahrzeug holte.
Während die Sonne unterging, kochte er ein paar Bohnen, wärmte Toastscheiben über dem Feuer auf und reichte Sally alles in einer Blechschüssel.
„Danke“, sagte sie.
Sie biss in den Toast, schaute in den klaren Sternenhimmel und für einen kurzen Augenblick konnte er ein Lächeln sehen.
„Es ist wunderschön hier, nicht wahr?“, sagte er.
„Ja“, hauchte sie. Sie hatte wieder Tränen in den Augen.
„Ich bin müde. Lass uns schlafen gehen.“
Sie räumten auf, löschten das Feuer und putzten die Zähne, ohne ein Wort zu wechseln. Als er sich neben sie in den VW-Bus legte, schaute sie ihn fragend an. „Wo ist Kurt?“ Er konnte Angst in ihren Augen sehen.
„Keine Sorge, er ist hier.“ Er holte das Plüschtier aus dem Koffer und sie drückte ihn gegen die Brust. Als er lag, kuschelte sie sich an ihn. „Danke, Dave“, sagte sie und legte ihren Kopf auf seine Brust.
„Du bleibst doch bei mir?“, fragte er leise. Es war einfach herausgerutscht, dabei war ihm gar nicht klar gewesen, wie groß seine Angst war, sie zu verlieren.
Sie richtete sich auf. „David Marygold. Es ist gerade nicht leicht für mich und ich weiß, dass ich dir viel abverlange. Doch das hat doch nichts mit meinen Gefühlen zu tun.“ Sie tippte auf seine Brust. „Du bist der spannendste, liebevollste und stärkste Mann, den ich je getroffen habe und ich möchte keine Sekunde mit dir missen.“ Sie verpasste ihm einen Nasenstüber. „Also denk bloß nicht, dass ich dich einfach gehen lasse.“
Er lächelte. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Sie küsste ihn und dann legte sie sich wieder hin und drückte den Koala eng an ihre Brust. „Gute Nacht, mein Schatz.“
„Gute Nacht“, sagte er.

Er träumte, wie sie am Morgen ihre Wanderungen begannen. Sally war ganz die Alte gewesen und hatte ihren Pflanzenführer dabei, um ihren Wissensdurst zu stillen. Sie war voraus gerannt, ihm taten schon die Füße weh, aber es war wunderbar sie so zu sehen. Sie sagte etwas, doch er konnte sie nicht verstehen.
„Was sagst du?“, rief er ihr zu. Doch sie sprach unbeirrt weiter, als redete sie nicht mit ihm.

Er öffnete die Augen und sah den Koala auf Sallys Kopfkissen liegen. Von ihr selbst war nichts zu sehen. Ihre Stimme hörte er immer noch. Undeutlich, wie in seinem Traum.
Er zog sich seinen Pullover über, schälte sich umständlich aus dem Schlafsack und kroch aus dem Bus heraus.
Zuerst bemerkte er, dass sie das Feuer wieder entfacht hatte. Wie lange saß sie hier schon? Dann sah er, wie sie sich Tränen von der Wange wischte. Es war, als wollte sein Gehirn die blau schimmernde Frau, die in seinem Stuhl Sally gegenübersaß, nicht wahrnehmen.
„Sally?“, flüsterte er.
Sie wandte sich ihm zu und lächelte.
„Dave. Du bist wach.“
Er nickte. Vorsichtig setzte er einen Schritt vor den anderen.
Das Lächeln der anderen Frau kam ihm bekannt vor. Er konnte sich nur nicht erinnern woher.
„Ma“, sagte Sally zu der leuchtenden Frau. „Das ist Dave, mein Mann.“
Ma! Sallys Mutter war vor acht Jahren gestorben, lange bevor Dave und Sally zusammengekommen waren. Aber Sally hatte ein Foto von ihr im Wohnzimmer stehen und tatsächlich sah diese leuchtende Frau aus, wie die Frau auf dem Foto.
„Wie …?“, bekam Dave heraus. Er bekam eine Gänsehaut. Wie konnte Sally so ruhig sitzen? Er ging langsam auf sie zu, versuchte, ihre Hand zu greifen, um sie wegzuziehen, doch Sally wollte nicht aufstehen. Im Gegenteil, sie zog ihn zu sich. „Es ist alles gut. Bitte Dave, setz dich zu uns.“
Sie lächelte, wirkte wirklich glücklich. Aber wie war das alles hier nur möglich?
Nun, Wegrennen würde ihm keine Antworten liefern, einen Stuhl gab es auch nicht mehr, also hockte er sich neben Sally und hielt ihre Hand.
Der Geist lächelte erneut. „Ich freu mich so, dass ihr einander gefunden habt.“
„Dave, ich habe Ma von unserem Baby erzählt.“
Natürlich hatte sie das.
„Wie geht es dir?“, fragte der Geist.
Dave zögerte. Er war sich nicht sicher, was er sagen sollte. Ein Teil von ihm wollte einfach die Wahrheit herauslassen, doch das würde Sally doch nur noch mehr bedrücken.
„Dave?“, fragte sie erneut.
Er schüttelte den Kopf. „Mir geht’s gut.“
„Das hatte Ben auch gesagt“, sagte sie traurig.
„Dad?“, fragte Sally. „Wie meinst du das?“
Dave verstand es sofort. „Ihr habt auch ein Kind verloren.“
Der Geist nickte.
„Was? Aber davon habt ihr mir nie erzählt!“
„Das war, bevor wir dich bekommen haben. Ein Jahr vorher, um genau zu sein.“
„Wie seid ihr darüber hinweggekommen?“, fragte Dave und hoffte zu erfahren, wie er Sally helfen konnte.
Der Geist sah Sally an und lächelte. „Wir haben eine wunderbare Tochter bekommen.“
Sally überlegte, während Dave sie hoffnungsvoll ansah.
„Nein!“, rief Sally und schüttelte energisch den Kopf. „Ich kann das nicht.“ Sie ließ seine Hand los und verschränkte die Arme vor die Brust.
„Sally.“ Er griff nach ihrem Arm, doch sie wich ihm aus.
Stattdessen griff der Geist nach seinem. Die Haare stellten sich auf, als wären sie elektrisch aufgeladen.
„Gib ihr Zeit. Ich habe genauso gedacht.“
„Wirklich?“, fragte Dave.
„Natürlich. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Angst ich hatte, als ich mit Sally schwanger war. Doch ich habe es keine Sekunde lang bereut. Im Gegenteil, hätten wir es nicht noch einmal versucht, hätte ich das größte Glück in meinem Leben verpasst.“
Sally schien nicht zuzuhören. Sie schaute einfach durch ihre Mutter hindurch, wortwörtlich, denn der Körper des Geistes wurde transparent.
„Meine Zeit ist gekommen. Ich muss wieder gehen.“
Sally weinte leise. Sie beugte sich nach vorn und umarmte den Geist ihrer Mutter. „Du fehlst mir“, sagte sie leise.
„Alles wird gut, mein Schatz. Glaube mir.“
Da war er wieder, dieser Satz. Hatte ihn Sallys Vater auch immer gesagt?
Sally widersprach nicht, sie nickte nur. Endlich nahm sie Daves Hand und gemeinsam schauten sie zu, wie sich Sallys Mutter auflöste.
Sie starrten noch eine Weile auf den Fleck. Dann endlich sagte Sally. „Lass uns noch etwas schlafen.“
Er nickte, führte sie zurück in den Bus.
„Meinst du, Jerry hatte auch einen Geist gesehen?“, fragte Sally.
„Wer weiß. Du kennst ja seine Geheimniskrämerei.“
Sie legten sich hin, doch er schlief lange nicht ein.
Ob sie geschlafen hatte, wusste er nicht, aber ein paar Stunden später weckte sie ihn. „Vielleicht versuchen wir es doch noch einmal.“
Er lächelte.
„Alles wird gut“, sagte sie noch, bevor sie wieder in seinen Armen einschlief.

Autor: Hannes Niederhausen
Setting: VW-Bus
Clues: Geheimniskrämerei, Nasenstüber, Koala, Wissensdurst, Mülleimer
Mehr über Hannes Niederhausen sowie alle Links zu seinen Seiten findet ihr auf seiner Gastautorenseite. Wir hoffen, die heutige Geschichte hat euch gefallen. Teilt sie doch mit euren Freunden auf den Social Media und schaut bei der Gelegenheit auf unseren Profilen vorbei, wo wir euch gerne mit mehr literarischer Unterhaltung begrüßen. Eine besondere Freude macht uns eure Unterstützung auf Steady oder Patreon, die wir euch mit exklusiven Inhalten verdanken. Und wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit Clues vorschlagen.

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