Düstere Zeiten

Frank war eben durch die Öffnung in achtundachtzig Metern Höhe in die Nabe eingestiegen. Der Aufstieg mit Lift und über die Leiter dauerte jeweils fünfzehn Minuten und es war so eng, dass sie lediglich ein paar kleine Werkzeuge mitnehmen konnten. Der Rest wurde von der Bodenplattform hochgekrant. Unter ihm brauste die See, das Wetter war gerade noch gut genug, gegen Abend solle es stürmischer werden. Er legte seine Arbeitsgeräte auf dem Riffelblech ab und begann damit, den ersten Bolzen zu kontrollieren. Das Prozedere würde er an jeder fünften Mutter wiederholen und wäre eine der Stichproben locker, müsste er jedes Gewinde nachziehen. Da die Windräder jährlich gewartet wurden, war das allerdings selten nötig. Im kleinen Raum zwischen der Propellermitte und der Rotorwelle war es erstaunlich ruhig, abgesehen vom immerwährenden Rauschen des Winds, dem Gluckern des Wassers, das zwischen den Kraftwerken toste. Die Geräusche des Ozeans vermittelten ihm zugleich ein heimeliges sowie erhabenes Gefühl. Es war ihr dritter Einsatz heute und Frank freute sich auf das späte Abendessen auf der Mettle, dem Serviceschiff, auf dem er seit zwölf Tagen unterwegs war.
„Läuft’s?“, wollte Oscar aus dem Maschinenraum wissen. Vermutlich hatte er den Ölfilter inspiziert und seine Probe bereits entnommen, das ging in der Regel fix und die Controlling-Software lief ohne großes Zutun. Viele ihrer Aufgaben waren in der Theorie zwar einfach, die Umsetzung ließ jedoch keine Fehler zu, jede Abweichung konnte zu katastrophalen Ergebnissen führen und über dreihundertvierzigtausend Haushalte säßen im Dunklen.
„Jup. Bin gleich durch“, gab Frank zurück und drehte das Prüfgerät auf einen weiteren Bolzen. „Ist die Ladung da?“
„Ja, das Beischiff hat abgeladen. Omar ist am Dranhängen.“ Nun erschien Oscars Kopf in der Luke, er rieb sich über die Stirn und rückte seine Mütze zurecht, die unter seinem Helm hervorlugte. „Wenn du so weit bist, können wir kranen.“
„Komme ja schon“, murrte Frank, setzte sein Werkzeug an und meinte: „Noch vier Muttern, dann komme ich.“
„Mach hin. Mich zieht es in den Feierabend und ich will endlich mein Fleischwurstbrötchen“, nörgelte Oscar. Der Techniker war ein grimmiger, dennoch grundguter Kerl, solange man es sich nicht mit ihm verscherzte und man ihm seine übertriebene Pingeligkeit und den Wahn zur Pünktlichkeit nachsah.
„Aye, hab’s.“ Frank verstaute seine Gerätschaften, steckte sie sorgfältig in die dafür vorgesehene Mulde im Instrumentenkoffer, schob diesen hoch und wartete, bis Oscar damit in den Maschinenraum verschwand. Ein letzter Blick durch die Nabe stellte ihn zufrieden, er summte vor sich hin und hievte sich durch die Luke. Sein Leben war gespalten in zweiwöchige Abschnitte. Eine Hälfte verbrachte er mit vierunddreißig Kameraden, hauptsächlich Servicetechnikern, Kranführern, einigen Seemännern und dem Kapitän auf der Mettle über dreißig Kilometer vor der Küste im Offshore-Windpark. Sein Job brachte teils harte Entbehrungen mit sich, aber er sicherte nicht bloß seine Existenz, er war ebenso sinnstiftend, erfüllte ihn mit Stolz. Seit der Krise waren sie die einzigen, die den Laden am Laufen hielten, ohne sie wäre die Region mitsamt ihren Krankenhäusern innert einer Woche lahmgelegt. Die andere Hälfte seiner Zeit, diejenige, die ihm wie nichts anderes am Herzen lag, teilte er mit seinen Mädchen und Linda. Frank genoss jeden sorglosen Moment mit seiner Familie. Das gemeinsame Frühstücken, die Ausflüge, die Abende auf der Couch, Grillpartys, sogar der Streit neulich beim Hausaufgaben machen, weil Lena sich mit Multiplikation schwertat – das alles war für ihn nicht selbstverständlich, er hatte es in seiner Kindheit anders kennengelernt.
Als hätte er Franks Gedanken gelesen, fragte Oscar plötzlich: „Hat Linda nicht bald Geburtstag?“ Sie traten an die Brüstung und winkten Omar, der an der Krankonsole stand und eine Kiste hochschickte. Ohne den Schutz der Stahlwände im Maschinenraum mussten sie sich über das Krachen des Meers anbrüllen. „Bekommt sie wieder das übliche Zeitungsabonnement, oder mal was gescheites?“
„Das ist was G’scheites. Im Gegensatz zu dir liest sie gerne“, foppte Frank seinen Kumpel, grinste ihn schief an und fügte an: „Wir wollen in den Tierpark, wäre zu schade, das mit dem Neun-Euro-Ticket nicht zu nutzen, bevor die da oben es wieder abschaffen.“
„Hm“, brummte Oscar zustimmend und ertastete den Griff der herangekranten Kiste, um sie vorsichtig übers Geländer zu manövrieren, da ertönte das Piepsen des Funkgeräts. Frank nickte dem anderen zu, nahm den Empfänger vom Holster und kehrte zurück ins windstille Innere der Windkraftanlage vom Typ Siemens 3.6 Megawatt.
„Frank.“ Er rechnete mit einer Meldung vom nahegelegenen Umspannwerk, einer routinemäßigen Rückfrage zur Anlage b4k9, auf der er sich befand. „Was gibt’s?“
„Frank, ich …“, stotterte eine seltsam dünne Stimme, beinahe hätte er seinen Vorgesetzten nicht erkannt. „Frank, es spricht Kapitän Gootfründ.“
„Aye, Alles in Ordnung.“ Er war verwundert über den Funkruf. Normalerweise nahm der Kapitän während den Wartungsarbeiten nur dann Kontakt auf, wenn sie hohen Wellengang hatten oder ein Sturm anstand. Instinktiv schaute Frank nach draußen, versuchte die Ursache für das ungewöhnliche Verhalten seines alten Freundes zu erspähen. Die Sonne stand mittlerweile tief, einige Wolken brauten sich zusammen, doch alarmierend war die Wetterlage keineswegs. „Hier ist alles ruhig.“
„Frank, ich …“ Erneut stolperte der Mannschaftsführer über seine Worte. Die gemeinsamen Jahre auf Einsatz hatte die Mannschaft zusammengeschweißt, Gootfründ war bei seiner Hochzeit dabei gewesen, hatte bei der Trauung Lenas Hand gehalten, weil sie sonst am geblümten Kleid ihrer Mutter hing. Auf der Mettle kannte man sich, also war Frank sofort klar, dass etwas ganz fürchterlich schiefgelaufen sein musste.
„Günter? Günter, was ist los?“ Ihm wurde mulmig zumute, angespannt ging er in den vorderen Teil des Maschinenraums und begutachtete den Bildschirm, die Controlling-Software spuckte ausschließlich grüne Werte aus.
„Frank, ich weiß echt nicht, wie ich es euch sagen soll.“ Ein tiefes Seufzen schallte über das Funkgerät. „Es tut mir so leid.“
„Was, Günter, was zum Teufel ist los?!“, schrie Frank. Oscar zuckte zusammen, wandte sich um und sah ihn besorgt an. „Günter!“
„Wir haben Meldung vom Militär erhalten. Ihre Aufzeichnungen haben drei …“, er stockte, war merklich dem Weinen nahe, was Frank in Panik versetzte. Der Kapitän räusperte sich und meldete in einem bizarr kalten Tonfall: „In knapp drei Minuten werden zwei ballistische Langstreckenraketen ins Umspannwerk einschlagen. Evakuierung des Personals ist unmöglich. Die Mettle hat die Ampelmannbrücke eingefahren und …“
„Bitte, was?!“, kreischte Frank, Oscar kam herbeigerannt, beäugte ihn und schien den Ernst der Lage zu verstehen. Seine Nüstern blähten sich auf, da hörte auch er den Funkspruch ihres Kapitäns: „Es tut mir so leid, Jungs. Ich kann nichts tun. In weniger als drei Minuten schlagen die Raketen ein. Frank, ruf deine Frau an.“ Die Verbindung riss ab, wahrscheinlich hatte sie Gootfründ beendet, und Oscar sprintete durch den Maschinenraum zur Brüstung und rief Omar etwas zu.
Jeder Muskel in Franks Körper erschlaffte, er sackte zu Boden. Sie hatten keine Chance, rechtzeitig von der Anlage runterzukommen, der Sprung in die Wellen wäre ihr sicherer Tod, das Umspannwerk stand weniger als sechzig Meter weg und die Hülle des Windrads könnte einer Detonation unmöglich standhalten. Düstere Zeiten brachen an, für alle. Gepresst atmete Frank durch, schluckte einige Male, forcierte ein Lächeln und tippte eine letzte Nachricht, in der Hoffnung, sie fände irgendwie ihren Weg zu seiner Frau. Jeder Augenblick in deiner Nähe war ein Geschenk. Unsere Mädchen und du seid das Beste, was mir passieren konnte. Es tut mir so leid, wenn ich nicht mehr bei euch sein kann, bitte halt durch. Ich liebe euch. Immer. Frank.

Autorin: Rahel
Setting: Offshore-Windpark
Clues: Neun-Euro-Ticket, Multiplikation, Zeitungsabonnement, Fleischwurstbrötchen, Pünktlichkeit
Für Setting und Clues zu dieser Story bedanken wir uns bei Monika Fritsch. Wir hoffen, die heutige Geschichte hat euch gefallen. Teilt sie doch mit euren Freunden auf den Social Media und schaut bei der Gelegenheit auf unseren Profilen vorbei, wo wir euch gerne mit mehr literarischer Unterhaltung begrüßen. Eine besondere Freude macht uns eure Unterstützung auf Steady oder Patreon, die wir euch mit exklusiven Inhalten verdanken. Und wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit Clues vorschlagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Clue Writing