Advents-Special | Ein Engel namens Beate

Hugo verweilt neben einem der Pfosten, welche die umzäunenden Lichtergirlanden tragen, und schnauft tief durch. Vor ihm breiteten sich Stände um Stände aus, vollgepackt mit Kinkerlitzchen, Kitsch und klebrig duftenden Süßspeisen, von denen allein der Geruch ausreicht, um Übelkeit auszulösen. „Hugo, nun mach schon“, ruft ihm Beate fröhlich zu und humpelt sogleich davon, verschwindet im Menschengewirr. Wie jedes Jahr sind sie zu ihrem Jahrestag zum Weihnachtsmarkt gefahren, da seine Angetraute darauf besteht, den Tag ihres Kennenlernens nachzuspielen. Hugos Begeisterung für diese Tradition nimmt mit jedem Mal ab und befindet sich heute auf dem absoluten Tiefpunkt. „Ich komm, ich komm“, brummt er zu sich selbst, bevor er erneut seufzt und sich in die Massen aus Lebkuchenvertilgern, Schnickschnackkäufern und Feiertagssehnsüchtlern einreiht. „Bwäh!“

Es hat ganze zwölf Minuten gedauert, bis er es zum Stand mit den Holzdekorationen geschafft hat und Beate entdeckt, die einen geschnitzten Engel in Händen hält. „Hach, hübsch ist er“, säuselt sie zur Verkäuferin. Von jeder Ecke dudeln andere Weihnachtslieder, deren Urheberrecht ebenso ausgelaufen ist, wie der Charme, den sie irgendwann mal gehabt haben mochten. Der Schein der etlichen, wild zusammengewürfelten Lichterketten, die den Stand, überhaupt den gesamten Marktplatz, verschandelten, zeichnet Beates Falten weich. Für einen kurzen Moment versteht Hugo, was seine Frau an ihren alladventlichen Ausflügen findet, wie es ihr gelingt, einen Abend lang die Zweiundzwanzigjährige von damals zu werden. Der Moment verstreicht und Hugo sieht die Furchen deutlicher denn je. Zu Beginn konnte er sich den Gewichtsverlust noch schönreden, immerhin hatte sie ordentlich Reserven gehabt, mittlerweile aber, wirkte sie wie eine zerbrechliche Vase, das Volumen vornehmlich in der unteren Hälfte.
„So hübsch, das Engelchen“, schwärmt sie, den Engel hochhaltend und weil Hugo seinen Einsatz verpasst, sagt sie es gleich nochmal lauter: „So hübsch, das Engelchen!“
„Oh.“ Er räuspert sich, streicht seinen Mantel glatt und zitiert den Hugo von früher, der sich Pomade statt nutzlose Wunderkuren in die Haarpracht geschmiert hatte. „Ähm. Nicht so hübsch wie Sie, gnädiges Fräulein.“ Die Verkäuferin zieht eine Braue hoch, beobachtet ihn, wartet Beates Reaktion ab, ehe sich ein Schmunzeln auf ihrem Gesicht breitmacht.
„Ah-haha, nicht doch, nicht doch“,  schäkert seine Gattin errötend und winkt ab.
„Nicht Sie, der Engel sollte erröten. In so vorzüglich schönen Fingern gehalten zu werden“, holt er gemäß Erinnerung aus, „das muss schon ein besonderes Glück sein.“
„Sie sind mir ja einer.“ Ihr fragiles Kichern wird von einer Mädchengruppe übertönt, die sich am gegenüberliegenden Stand versammelt haben und wiehernd Glühwein hinunterkippen.
„Nicht irgendeiner“, spricht Hugo gegen den Lärm an. „So hoffe ich, mein Fräulein.“
„Sie meinen?“
„Sehen Sie, für irgendeinen wären sie zu schade.“ Die Verkäuferin schiebt etwas Plunder hin und her, offensichtlich ein plumper Vorwand, sich vorbeugen und dem Gespräch lauschen zu können. Er ignoriert sie gekonnt, streckt den Arm aus und fragt: „Darf ich?“
„Dürfen Sie was?“
„Den Engel.“
„Ach.“ Hinter Beates gespielter Enttäuschung blitzt Vorfreude auf. „Machen Sie ihn nicht kaputt, den Hübschen.“
„Bestimmt nicht, ich verspreche es. Ich bin äußerst feinfühlig.“
„Na, wenn ich Ihnen das glauben kann“, lacht Beate und reicht ihm den Holzengel. Alles bleibt beim Alten, überlegt er sich und schaut sich auf dem Weihnachtsmarkt um, bloß kommt ständig Neues hinzu, Gutes sowie Schlechtes.
„Glauben Sie mir nichts, Fräulein, überzeugen Sie sich lieber.“ Eine Weile betrachtet er das scheußlich rote Samttischtuch, auf dem allerlei Plunder ausgelegt ist, dann den Engel. Bei genauerer Analyse stellt er fest, dass der himmlische Bote keineswegs ein Unikat, sondern lediglich ein billig gefrästes Massenprodukt sein muss. Eine der Neuerungen, die Hugo wenig zu schätzen weiß.
„Also, auf den Mund gefallen sind Sie nicht, Herr …? Zum zweiten Mal verpasst er seinen Einsatz. „Herr …?“ In einer Ecke des Marktes singen Kinder, ihre piepsigen Stimmchen schweben über allen anderen Klängen, so wie es Beate bald tun wird. Der Holzengel entgleitet ihm, fällt vor seine Füße und kullert unter den Samt. „Hugo?“ Über viel Neues hat er sich gefreut, ja, den Lauf der Zeit an der Seite seiner Beate willkommen geheißen. Gutes und Schlechtes meistern sie gemeinsam. Dann kam ein Kontrahent daher, ein winziger Fiesling in ihrem Kopf, dem waren sie selbst als Gespann einfach nicht gewachsen. „Hugo?“ Er fühlt ihre Besorgnis, als sie seine Schulter berührt und auch die Verkäuferin beäugt ihn mit gerunzelter Stirn.
„Nennen Sie mich Hugo“, nimmt Hugo seinen Text wieder auf. „Hugo ist mein Name. Darf ich den Ihren erfahren?“
„Hugo“, flüstert sie fürsorglich. „Hugo, alles in Ordnung?“
„Selbstverständlich, Liebes.“
„Sicher?“
„Aber ja, du Dumpfbacke, mach dir keinen Kopf. Ich war nur von den Sternsingern abgelenkt.“ Ihre Züge hellen sich sofort auf, das Funkeln kehrt zurück in ihre Augen.
„Also, auf den Mund gefallen sind Sie nicht, Herr …?“
„Nennen Sie mich Hugo. Hugo ist mein Name.“ Jedes Jahr feiern sie das Alte und Neue mit einem weiteren Engel auf dem Regal. „Darf ich den Ihren erfahren?“
„Beate.“ Fünfundvierzig stehen dort schon.
„Ein Engel namens Beate.“ Und heute werden sie den letzten nach Hause bringen.

Autorin: Rahel
Setting: Weihnachtsmarkt
Clues: Lichterkette, Gewichtsverlust, Analyse, Dumpfbacke, Kontrahent
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